Zähne

Knäblein wurde ungeduldig. Sein Magen knurrte so laut, daß er befürchtete, die übrigen Gäste auf sich aufmerksam zu machen. Er hatte der Bedienung schon zweimal gewunken. Sein Adrenalinspiegel stieg.

Hatte dieses Frauenzimmer denn Tomaten auf den Augen! War er vielleicht aus dem Knast geflohen, um hier draußen zu verhungern!

Er registrierte mit Besorgnis, wie sich jenes Gefühl in ihm hochschaukelte, das ihn schon so oft in verhängnisvoller Weise zu unkontrollierten Handlungen verleitet hatte. Viele Personen, die ihm unter solchen Umständen begegnet waren, könnten ein Lied davon singen. Da käme ein ganzer Chor zusammen. Aber zum Glück für die Lebenden: tote Chöre singen nicht.

Endlich schien die Bedienung das lautlose Knistern, das seit Knäbleins Anwesenheit den Raum erfüllte, vernommen zu haben. Ihre Augen suchten die Gaststube ab, orteten die Quelle der atmosphärischen Störung, und binnen Sekunden war sie zur Stelle.

Was darf ich Ihnen bringen?“ „Eng fuahr Hürchen fid Rhaucrh ung Wfücrhee,“ bestellte Knäblein. „Wie bitte?“ Die Bedienung neigte sich etwas nach vorne. „Ich habe Sie … ähh… nicht richtig verstanden.“

Knäbleins Augenlider flatterten nervös, als er der Bedienung ins Gesicht schaute und seine Bestellung wiederholte: „Eing Bhaar Vüsrhen midh Kchrauch ung Bürree.“

Ein Paar Würstchen mit Kraut und Pürree?“ rätselte die Bedienung höflich.

Knäblein nickte.

Die Bedienung presste, ein Grinsen unterdrückend, die Lippen zusammen und wandte sich rasch zum Gehen.

Knäblein trommelte mit den Fingern auf den Tisch, lautlos, aber mit einer Intensität, die den Aschenbecher vibrieren ließ. Er lauschte der Musik aus dem Radio und schaute auf die Uhr, die hinter der Theke über den Flaschenregalen hing.

Noch zwei Minuten bis zu den Nachrichten!

Sein Blick streifte die Kerle, die an der Theke standen, sich mit Bier abfüllten und ein Gequassel veranstalteten, dessen Dummheit nur durch die Lautstärke, mit der sie ihre Geistesblähungen von sich gaben, übertroffen wurde. Er fixierte den Wirt, der ununterbrochen Biergläser füllte.

Könnte der Herr Gastronom der Zapfsäule eventuell für eine winzige Sekunde den Rücken kehren und das Radio ein bißchen lauter stellen!

Knäblein registrierte das Brodeln, das in ihm rumorte, mit Besorgnis. Er wußte, daß er sich beherrschen mußte, weil er kein Aufsehen erregen durfte. Er wußte aber auch, daß seiner Beherrschungsfahigkeit gewisse Grenzen gesetzt waren. Dieses Phänomen war schon dem Kinderpsychiater, den seine Eltern anläßlich seiner ersten kleineren Untaten konsultiert hatten, ein Rätsel gewesen. Der gute Mann hatte versucht, der kindlichen Psyche auf medikamentösem Wege Ketten anzulegen, aber der bemerkenswerte Junge hatte sich diesbezüglich als Entfesselungskünstler entpuppt.

Wieso plärrte denn immer noch Musik aus dem Kasten! Nach der Uhr dort drüben müßten jetzt die Nachrichten anfangen!

Wieder fixierte Knäblein den Wirt.

Der Kerl war offenbar zu bescheuert, um eine Uhr richtig zu stellen!

Knäblein würde ihm am liebsten … aber… Er besann sich.

Er atmete tief ein… und langsam aus … und ganz tief ein … und ganz langsam aus …, locker und entspannt, so wie er es im Yogakurs bei diesem Psychofritzen im Knast geübt hatte. Er konzentrierte seine meditative Aufmerksamkeit auf die wechselnde Richtung des Kneipendunstes, der ihn beim Atmen durchströmte… beim Ein … beim Aus … beim Ein … beim Aus …

Normalerweise schließt man dabei die Augen und richtet den Blick nach innen, aber auf diesen Teil der Übung verzichtete er ausnahmsweise. Stattdessen ruhte sein Augenmerk auf einem Gesicht, das ihn von der Spiegelwand hinter dem Flaschenregal anstarrte. Fast wäre ihm dabei ein Lachen entfahren. Was da zwischen den Flaschen hervorlugte, glich eher einem überdimensionalen Ei, dem ein spleeniger Künstler einen Anflug menschlicher Züge verliehen hatte. Sein ehemals fülliger Haarschopf war diesem lächerlichen Stoppelhaarschnitt gewichen; und unter der Nase fehlte das einstige Wahrzeichen seines Gesichtes, der imposante Schnauzer, hinter dem sich seine Lippen verborgen hatten. Er hatte sich an den Anblick seines nackten Mundes noch nicht gewöhnt, und nun, zusätzlich entstellt durch diese Zähne, kam er ihm in grotesker Weise fremd vor. Aber das war ja wiederum gut so. Denn wenn man sich selbst kaum erkannte, war das Risiko, von anderen erkannt zu werden, umso geringer.

Die Musik im Radio verstummte. Die Nachrichtensendung begann. Knäblein lauschte. Er war empört.

Was redete dieser Idiot von Nachrichtensprecher denn für ein Zeug daher! Das sollten die wichtigsten aktuellen Ereignisse sein? I Knäblein verstand die Welt nicht mehr. Wer verdammt nochmal interessierte sich denn für diesen Mischmasch aus Politikgefasel, Wirtschaftschinesisch und KatastrophengejammerI Wen kümmerte schon der Hunger in der Dritten Welt! Sollten die Pharmakonzerne den Kanaken doch ein paar Säcke Appetitzügler spendieren! Bei diesem Tagfür Tag sich wiederholenden Nachrichtenbrei stellten neunundneunzig Prozent der Hörer ihre Ohren doch automatisch aufDurchzug!

Die Bedienung brachte das Essen.

War auch höchste Zeit, Madame!

Einmal Würstchen mit Kraut und Püree, bitte!“ Die Bedienung setzte den Teller ab, so als befürchtete sie, der könnte beim Hinstellen zerbrechen.

Nun troll Dich schon, Du stehst nämlich genau zwischen meinen Ohren und dem beschissenen Radio!

Die Bedienung trollte sich, schaffte sich schnell weg, denn der Aschenbecher und die Luft rundum vibrierten offenbar auch ohne daß Knäblein auf den Tisch trommelte .

…in die Affäre, so der Nachrichtensprecher, sei nach neuesten Erkenntnissen auch der Vorsitzende des parlamentarischen Untersuchungsausschusses verwickelt, so daß die Untersuchung nun …

Knäblein hörte nicht hin. Der Fraß, der vor ihm stand, hätte vom bloßen Anblick her jedem Appetitzügler Ehre gemacht. Ein saft-und kraftloses Zeug, das gleich von selbst auseinanderzufallen drohte und im Altersheim mit dem Strohhalm genuckelt werden könnte. Im Knast hätte eine solche Zumu-tung eine Revolte hervorgerufen. Aber zugegeben, in anbetracht seiner momentanen Gebißverhältnisse war eine solche Speise nicht unbedingt fehl am Platz.

Diese positive Betrachtungsweise war jedoch nur von kurzer Dauer. Denn als jetzt endlich die Nachricht kam, der er entgegenfieberte, bekam sein Adrenalinspiegel einen neuerlichen Schub.

Knapp zwanzig Sekunden Sendezeit hatte man ihm gewidmet! Eine Unverschämtheit, die zum Himmel stank! Litten die Herrschaften von den Massenmedien denn an Gedächtnisverlust, oder was sollte dieser Mist! In seinen Glanzzeiten war ein Robert Knäblein, wann immer er von sich reden machte, für ein Feuerwerk von Schlagzeilen und Kommentaren gut gewesen. Als man sein fünfZigstes Opfer beklagte, hatte es ein regelrechtes Jubiläum des Grauens gegeben. ‚Bobby, der Stichsägenkarajan ‚, so hatten sie ihn -fast liebevoll -genannt. Und nun?! Kein Wort über seine Einzigartigkeit als Mensch und Persönlichkeit, kein Hinweis aufseine Sonderposition in der Kriminalgeschichte, keine statistischen Daten aus der Ä·ra seines Wirkens, keine biographischen Angaben, nichts!

Bobby brauchte eine Weile, bis er sich von dem Schock soweit erholt hatte, daß er seinem Magen den ersten Bissen zumuten konnte, ohne befürchten zu müssen, daß die Ladung postwendend ans Tageslicht zurückkehrte.

Das Zeug schmeckte wie es aussah; eine nasse Zeitung besaß wahrscheinlich mehr Aroma. Aber er aß. Er mußte essen. Seit er in Freiheit war, hatte er nichts zu sich genommen, und wenn er in Freiheit bleiben wollte, durfte er nicht vor Schwäche zusammenklappen. Das einzige Plus, das er diesem Mahl zugestand, zierte den Tellerrand: ein Klecks Senf. Der kitzelte wenigstens ein bißchen die Geschmacksnerven. Doch die armselige Menge reichte nicht einmal ftir ein ganzes Würstchen.

Bobby wartete, bis die Bedienung an seinem Tisch vorbeikam und rief ihr zu: „Nogh eghuarch Scrchengww, bigge!“

Noch etwas Senf?“ übersetzte die Bedienung.

Bobby nickte.

Die Bedienung setzte sich wieder in Trab.

Bobby fuhr mit seiner Mahlzeit fort, und obwohl er praktisch aß ohne zu kauen, machten ihm die Zähne bei jeder Mundbewegung zu schaffen. Seine Wut richtete sichjetzt gegenjenen Mann, dem er dieses Kauvergnügen indirekt zu verdanken hatte. Aber der Gedanke, daß dieser -gewissermaßen präventiv -seine Strafe bereits erhalten hatte, milderte seinen Unmut.

Knäblein war dem Pechvogel an einer Tankstelle begegnet und hatte ihn gebeten, ihn ein Stück mitzunehmen. Der hilfsbereite Fahrer hegte keinerlei Argwohn und ließ den Tramper auf dem Beifahrersitz Platz nehmen.

Zuerst sah es noch nicht so aus, als würde dem andern aus seinem Entgegenkommen ein Schaden erwachsen. Doch schon nach kurzer Fahrt erwachte in dem Mann das Bedürfnis, mit dem Fremdling an seiner Seite zu kommunizieren. Er quatschte auf Knäblein ein, breitete seine halbe Lebensgeschichte vor ihm aus und ließ keinen Zweifel darüber aufkommen, daß er eine entsprechende Gegenleistung verlangte. Und bei diesem Gespräch stellte sich heraus, daß sie beide, Bobby und sein Chauffeur, Zahnprothesenträger waren.

Damit nahm das Verhängnis seinen Lauf.

Der Fahrer glaubte zunächst an einen Scherz, als Bobby ihn aufforderte, seine Zähne auszuziehen. Er entblöste sein makelloses Kauwerkzeug lediglich, um dem Reisegefährten lächelnd zu bekunden, daß er dessen Sinn für ausgefallene Scherze zu schätzen wußte.

Daraufhin steichelte Bobby dem Mann sanft über den Schädel, liebkoste ihn vom Haaransatz bis zum Hinterkopf, wo er die Bewegung stoppte und die Finger weit spreizte. Er fixierte die Kopfrundung mit den Fingerkuppen wie einen Handball und bewegte seinen Arm, einem Siebenmeterwerfer ähnlich, der den Tormann zu irritieren trachtet, spielerisch hin und her, um dann blitzschnell zu einem knallharten und scheinbar unhaltbaren Wurf anzusetzen, wobei er das Geschoß jedoch nicht aus der Hand ließ.

Ihre Zähne bitte,“ sagte Bobby und richtete den Mann, dessen Stirn durch den Aufprall auf dem Lenkrad eine Platzwunde davongetragen hatte, wieder auf.

Dieser hatte nun begriffen, daß zu Heiterkeit kein Anlaß bestand. „Hören Sie, ich … !“ stöhnte er und wischte sich mit dem Handrücken das Blut von der Stirn.

Bobby, der den Kopf des Mannes noch immer zwischen den Fingern hielt, begann den imaginären Tormann wieder mit leicht spielerischen Hin-und Herbewegungen zu irritieren …

Der menschenfreundliche Autofahrer war, abgesehen von der roten klaffenden Markierung über seiner Nasenwurzel, kreidebleich geworden. Er fuhr sich mit Daumen und Zeigefinger in den Mund, förderte seine dritten Zähne zutage und überreichte sie Bobby.

Bobby tat es ihm nach. „Hier, probieren Sie diese mal an.“ Er hielt dem Nebenmann sein Gebiß hin.

Doch der drehte angeekelt den Kopf zur Seite.

Aber eine Streicheleinheit der großen kräftigen Hand Bobbys über den Schädel seines Sportkameraden ließ die beiden schnell handelseinig werden.

Als der Tauschpartner, nachdem ihm das schlüpfrige Ding durch würgende Abwehrreflexe mehrmals in die Hand zurückgeglitten war, die fremde Prothese eingeschoben hatte, testete Bobby seinerseits das neuerworbene Zahnwerk Dabei drehte sich auch ihm fast der Magen um; doch das war das kleinere Übel. Mehr Kummer bereitete ihm die Form des Gebisses. Er hatte nicht gewußt, daß die individuellen Unterschiede zwischen menschlichen Oberkiefern so gravierend sein konnten. Die Prothese war vorne zu breit, dehnte seinen Mund, spannte seine Lippen und irritierte seine Zungenspitze, während sie im hinteren Gaumenbereich viel zu viel Spielraum besaß, lose in seinem Rachen hing und beim Sprechen aufund ab wippte.

Cheische!“ sagte er, nahm sie aus dem Mund und steckte sie in die Hosentasche. Eine Dauerlösung war dieses Gebiß also sicher nicht. Aber da es seine untere Gesichtshälfte in einer Weise veränderte, die ansonsten nur durch eine plastische Operation zu bewirken gewesen wäre, konnte es ihm fürs erste auch von Nutzen sein.

Sie besitzen sicher auch eine Brieftasche“ erkundigte sich Bobby.

Der andere besaß eine und händigte sie ihm aus.

Der Fahrer hatte mit Bobbys Zähnen ebenfalls Sprachprobleme. „Vahung uachen Thie gath?“ Er wiederholte seine Frage drei mal, bis Bobby ihn zu verstehen glaubte. „Warum ich das mache?“ Der Blick des Fahrers löste sich von der Fahrbahn und wandte sich ängstlich dem unheimlichen Gast zu.

Ich furchte,“ meinte Bobby, „die Antwort auf diese Frage würde Sie nur beunruhigen. Sie sollten jedoch lieber Ruhe bewahren und sich aufs Fahren konzentrieren.“

Der Fahrer schaute wieder geradeaus. „Irch ghlaughe, Thie thingk uahngthingnhig.“ „Sie glauben, ich bin wahnsinnig? Schön, von mir aus tun Sie das. Sie dürfen glauben, was Sie wollen.“ „Voh volleng Thie geng hing?“ „Wo ich hin will, werden Sie rechtzeitig erfahren, das verspreche ich Ihnen.“ Nach ungefähr zwanzig Minuten Fahrt löste Bobby sein Versprechen ein. „Fahren Sie bitte dort drüben rechts ran,“ befahl er, „und halten Sie direkt am Hang.“

Als das Auto stand, setzte Bobby wieder seinen Griff an und brach dem Mann auf dem Fahrersitz das Genick. Anschließend stieg er aus und schob den Wagen über den Rand des Hanges. Der Wagen fuhr den ersten Teil der Strecke rasant bergab, überschlug sich dann mehrmals und kam am Ende der Böschung, auf dem Dach liegend, zum Stillstand. Bobby stieg hinunter. Er entblöste, nachdem er einen Blick ins Innere des Wracks geworfen hatte, zufrieden grinsend sein Zahnfleisch und setzte das Auto in Brand.

Die Bedienung brachte ihm den Senf genau in dem Augenblick, als die Radiomusik plötzlich unterbrochen und eine Durchsage der Kriminalpolizei angekündigt wurde.

Der Sprecher erklärte, der aus dem Gefängnis entflohene Häftling Robert Knäblein, alias ‚Bobby, der Stichsägenkarajan‘, sei nicht, wie zuvor in den Nachrichten gemeldet, bei einem Unfall mit einem gestohlenen Wagen ums Leben gekommen; dies habe ein zweiter Abdruck des Gebisses der verbrannten Leiche zweifelsfrei bewiesen. Die voreilige und falsche Identifizierung sei anhand der Identifizierung der Oberkieferprothese zustandegekommen; ein Abdruck der unteren Gebißhälfte habe den Irrtumjetzt aufgeklärt. Als äußere Kennzeichen des noch immer Flüchtigen wurden angeführt, er besäße eine Glatze beziehungsweise einen auffälligen, weil selbstangefertigten Kurzhaarschnitt; die Kopf-sowie die ebenfalls entfernten Schnurrbarthaare habe man im Abfluß der Gefängnistoilette gefunden. Ein weiteres Merkmal sei sein Oberkiefer, der entweder völlig zahnlos oder mit einer fremden, unpassenden Prothese ausgestattet sei; sollte letzteres der Fall sein, müßte sich dies durch eine deutliche Behinderung beim Sprechen bemerkbar machen.

Als die Durchsage beendet war, gab es einen Knall. Das Senfglas war der Hand der Bedienung entglitten und am Boden zerborsten. Danach herrschte in dem Lokal Todesstille.