Unter vier Augen

Mein Blick war gefangen. Er war auf die Bushaltestelle gerichtet und konnte nicht mehr zurück. Es gab kein Hin, kein Her, nicht das kleinste Wackeln. Meine Augen blieben starr, als sei ich hypnotisiert, auf einen Klumpen wartender Menschen gerichtet, die sich an der Haltestelle versammelt hatten.

Denn mitten in diesem Klumpen anonymer Leiber und Gesichter hatte ich sie entdeckt – sie!

Ich erblickte sie zufällig, nachdem der Fahrer des Wagens vor mir, als die Ampel auf gelb schaltete, abrupt bremste, wodurch er mich, der ich einen sportlichen Fahrstil pflege, zu einem unfreiwilligen Stopp zwang.

Ich schüttelte den Kopf und verlieh meiner Wut durch eine Salve von Schimpf­wörtern Ausdruck, die jedoch im Innern meines Wagens ungehört verhallten.

Dann passierte es – das Wunder. Mein Kopfschütteln endete jäh. Mein Kinn stand, als mein Hals erstarrte, in einem spitzen Winkel zur Schulter. Mein Blick fiel durch das Seitenfenster nach draußen. Es dauerte eine kurze Zeit, die ich in einem Zustand der der Betäubung und Verwirrung erlebte, bis ich begriff, was ihn dort festhielt …

Ich glaubte zunächst an eine Halluzination, eine Luftspiegelung, eine überirdische Erscheinung, eine – weiß der Teufel was. Doch dann war mir plötzlich klar: es war nichts von alldem. Was ich sah, war pure Realität. Dieses Wesen dort war so real wie ich selbst es war.

Ja, so war das also – so fühlte sich das an! Soeben wurde mir bewiesen, woran ich nie geglaubt hatte. Es gab sie: die berühmte Liebe auf den ersten Blick.

Und wenn das kein Zeichen war! Wir beide, das Mädchen und ich, befanden uns in Zwangslagen, die uns zu Verwandten in der Not machten. Beide waren wir einge­zwängt, unserer Bewegungsfreiheit beraubt. Das Mädchen steckte in einem auf den Bus wartenden Menschenklumpen und ich in einer auf grünes Ampellicht wartenden Autoschlange.

Ich glaubte zu spüren, wie sich unsere Seelen berührten. Meine Wut war verflogen, meine Finger hörten auf, nervös auf dem Lenkrad herumzutrommeln, sie waren, genau wie ich, erstarrt …, dann fingen sie wieder an sich zu bewegen, zart die flauschige Fellverkleidung des Steuers zu kraulen und sich tastend und streichelnd tiefer hinein­zubohren, bis sie die ledrige Haut unter dem weichen Gewöll berührten.

Ich kraulte erregt, streichelte erregt, bohrte erregt, starrte erregt zur Haltestelle hinüber.

Mein Kopf war in der verdrehten Seitenstellung festgerastet, millimetergenau fixiert. Ich hatte, ohne es zu bemerken, die Herrschaft über meine Mimik verloren. Mein Kiefer folgte dem Einfluß der Schwerkraft und sank zeitlupenartig nach unten. Ich saß mit halboffenem Mund da, als mein Traumgeschöpf plötzlich eine Kopfbewe­gung machte und seinen Blick, der eben noch ein für mich nicht erkennbares Ziel im Visier hatte, in meine Richtung bewegte. Und genau in dem Moment, in dem ihr Blick mich erreichte, wurde mir bewußt, dass ich mit meinem Hängekiefer wohl keinen sehr attraktive Anblick bot. Ich reagierte schnell, schloß meinen Mund mit einem sofortigen Ruck, so dass meine Zahnreihen gegeneinander prallten.

Doch diese Hast wäre gar nicht nötig gewesen. Der Blick des Mädchens war bereits über mich hinweggeglitten. Ich fragte mich nun, ob sie meine außer Kontrolle geratenen Gesichtszüge bemerkt hatte. Ich glaubte eher, dass dies nicht geschehen war, weil sie ihre Kopfbewegung, wenn dies der Fall gewesen wäre, doch sicher verlangsamt oder sogar für einen Moment gestoppt hätte, um sich an der Darbietung eines nicht alltäglichen Gesichtsausdruckes zu ergötzen.

Ich war, was diese Befürchtung betraf, zunächst einmal beruhigt, empfand jedoch zugleich ein Gefühl der Enttäuschung über die Nichtbeachtung, die sie mir hatte zuteil werden lassen. Ihr Blick war über mich hinweggeglitten – einfach über mich hinweg­geglitten! Doch der durch diese Feststellung ausgelösten Traurigkeit folgte nun neue Hoffnung. Denn ihr Blick beschrieb, nachdem er offenbar keinen Ort zum Verweilen gefunden hatte, jetzt eine Umkehrbewegung und begab sich, der vorherigen Spur in umgekehrter Richtung folgend, auf den Rückweg. Diesmal aber war ich auf die Begegnung gefaßt. Ich war entschlossen, den Blick meines Mädchens zu bannen, ihn einzufangen.

Ich lächelte. Ich rang meinen Gesichtszügen die sensibelste Leistung ab, zu der ich imstande war, formte ein Lächeln, das sie weder als aufdringliches Gehabe naserümp­fend übergehen, noch als vorgetäuschte Freundlichkeit in einer für mich kränkenden Weise ignorieren konnte.

Jedoch, stattdessen übersprang sie es.

Sie hob vor dem, wie ich glaubte, unvermeidlichen Rendezvous unserer Augenpaare ihren Blick und ließ ihn, so als taste sie damit die Konturen meines Wagendaches ab, über mich hinweghüpfen. Dann ließ sie ihn, wie zum Hohn, in der von mir prognosti­zierten Bahn weiterwandern.

War das Absicht gewesen? fragte ich mich.

Aber nein, natürlich nicht, antwortete ich mir.

Denn wieso sollte ein Mensch einen anderen Menschen absichtlich übersehen, nachdem er ihn zuvor bereits unabsichtlich übersehen hatte?

Waren diese Überlegungen logisch?

Ich fand, dass sie es waren. Deshalb trösteten sie mich.

Ich lächelte. Genauer gesagt: ich lächelte immer noch. Denn ich hatte meine Gesichtszüge, nachdem der Blick des Mädchens über meinen Kopf hinweggehüpft war, noch gar nicht auf die veränderte Situation eingestellt.

Und das war gut so. Noch war nämlich nichts entschieden. Der Blick des Mädchens hatte sich nach dem unmotivierten Hüpfer zwar weiter von mir entfernt, befand sich jedoch gerade jetzt wieder auf Annäherungskurs. Er bewegte sich diesmal nicht auf einer Bahn, von der ich mir zutraute, ihren Verlauf vorherzusehen, bestrich jedoch die Umgebung meines Wagens in einem nicht allzugroßen Radius, so dass ich es für angebracht hielt, auf der Hut zu bleiben.

Ich lächelte abwartend, während der unruhige Blick des Mädchens mal hierhin und mal dahin huschte, von einer Seite zur andern, mal nach oben und dann wieder nach unten – nervös und hektisch.

Der Blick des Mädchens, so schien es mir, folgte dem Flug eines betrunkenen Schmetterlings, der über den Dächern der Fahrzeuge, die die Straße verstopften, sinn- und ziellos durch die Luft torkelte. Der imaginäre Schmetterling mied offenbar nur eine einzige Flugzone, nämlich den Luftkorridor, der sich zwischen meinen Pupillen und denen des Mädchens erstreckte. Hätte er seinen Flugtanz für nur ein paar Sekunden dort präsentiert, wäre ein Blickkontakt zwischen mir und dem Mädchen unausweichlich gewesen.

Das mühsame Spiel kam mir allmählich dumm vor und ich spürte, wie ein Gefühl des Ärgers von mir Besitz ergriff. Dieser Ärger richtete sich jedoch nicht gegen das Mädchen. Ich spürte, dass etwas anderes die Ursache war, hatte dafür jedoch keine Erklärung.

Doch dann auf einmal hatte ich sie.

Dieser Menschenhaufen! ging es mir durch den Kopf. Die ganze Zeit hatte ich ihn nicht mehr beachtet, weil ich nur Augen für seinen leuchtenden Mittelpunkt hatte. Jetzt dezentralisierte ich meinen Blick und sah, dass alle anonymen Teile dieser Masse zu mir herüberschauten und das Lächeln, das mein Gesicht zierte, in netter und freundlicher Weise erwiderten.

Meine erste Reaktion bestand darin, dass meine Miene sich, unverändert lächelnd, verhärtete, quasi zu Eis gefror. Dann jedoch kam Bewegung in meine Züge. Meine Mundwinkel zuckten verächtlich nach unten, meine Augenbrauen arrogant nach oben. Danach erstarrte mein Gesicht erneut. Aber das Volk dort drüben ließ sich dadurch nicht beeindrucken, es lächelte munter weiter. Ich bemühte mich, dem Druck dieser geballten Freundlichkeit nicht zu erliegen und meine Gesichtsmuskulatur unter Kontrolle zu behalten, da brach plötzlich ein Tumult los, der mich aus der peinlichen Situation rettete.

Ein Dröhnen erfüllte die Luft, ein wildes Konzert von Huptönen. Die Menschen an der Haltestelle passten sich dem Ernst der neuen Situation an, von dessen Grund ich noch nichts wusste, stellten ihr Lächeln ein und widmeten ihre Aufmerksamkeit der Wagenkolonne hinter mir, insbesondere dem Wagen, der sich meiner rückwärtigen Stoßstange am nächsten befand. Ich warf einen Blick in den Spiegel und sah den Fahrer dieses Autos wild gestikulieren, so als hätte ihn ein Schwarm Wespen im Wageninnern heimgesucht. Schließlich riß er die Tür auf, sprang auf die Straße und kam herbeigerannt, so als suche er Zuflucht und Schutz bei mir.

Er gestikulierte weiter vor meinem Seitenfenster, schlug gegen die Scheibe und brüllte: »Grün!!« Er schlug erneut gegen die Scheibe, heftiger gestikulierend und zusätzlich grimassierend und schrie: »Es ist grün, Du Idiot!!«

Ich nahm seinen Auftritt erschrocken und irritiert zur Kenntnis, war in Gedanken immer noch nicht hier, wo ich eigentlich sein sollte, dann schaute ich nach vorne. Grün? Nein, es war schon gelb.

»Gelb!!« schrie der Krachmacher jetzt wütend. »Es ist gelb, Du Rindvieh!!« Ich warf ihm erneut einen Blick zu und schaute dann wieder geradeaus. Gelb? Nein, nicht mehr gelb. Es war rot.

Ich drehte meinen Kopf erneut nach links. Der Mann machte eine letzte wütende Geste mit beiden Fäusten, bevor seine Arme erschlafften und niedersanken und er sich kopfschüttelnd zum Gehen wandte.

Ich warf einen flüchtigen Blick auf die Ampel, die immer noch rot zeigte. Dann schaute ich rasch wieder in Richtung Haltestelle. Dort aber hatte sich die Lage verändert. Der Zauber war vorbei, meine Enttäuschung bitter. Ein Bus fuhr vor, hielt an und versperrte mir die Sicht auf die dort wartenden Menschen – und auf sie.