Die Ermordung des Hein O.  

(Story aus den 70er Jahren)

Als ich am Montagmorgen die Zeitung las, stieß ich auf eine Nachricht, die mir Kopfzerbrechen bereitete. Sie betraf den mysteriösen Unfall, dem der Sänger O. am vergangenen Samstag zum Opfer gefallen war. Das Fernsehen hatte noch am selben Abend eine kurze Meldung gebracht, die ich, da der Tod des Sängers mich nicht berührte, aber nur zur Kenntnis nahm, weil die groteske Art des Unfalles mich belustigte. Ich wusste, dass mein Freund Frömmel Zeuge des Geschehens gewesen sein musste, machte mir darüber jedoch keine weiteren Gedanken.

Erst der Zeitungsbericht, der den Hergang des Ereignisses ausführlicher schilderte, gab mir ernsthaft zu denken.

Mir fiel jene Bemerkung ein, die Frömmel kürzlich gemacht hatte, als er sich wieder einmal über seine Lieblinge der deutschen Musikszene, die Schlagersänger, ereiferte. Eines Tages würde er einen dieser kulturellen Umweltverschmutzer um die Ecke bringen, hatte er geprahlt. Ich hatte gelacht. Ähnliche Sprüche hatte er schon öfter von sich gegeben, und ich nahm ihn nicht ernst, wenn er so redete. Ich konnte seine Abneigung gegen diese Spezies von „Künstlern“ bis zu einem gewissen Punkt nachvollziehen, fand jedoch, dass sein Hass schon ans Krankhafte grenzte.

Vielleicht hielt Frömmels Aversion damit zusammen, dass er öfter bei Konzertveranstaltungen jobbte und die Leute aus dem Showgeschäft aus nächster Nähe kannte.

Ich fragte mich, ob es ein Zufall war, dass der Sänger ausgerechnet während eines Konzertes starb, bei dm Frömmel für die Saalbeschallung verantwortlich war.

Noch während ich mich mit dem Bericht beschäftigte, klingelte es an der Haustür. Ich drückte auf den Öffner, machte die Wohnungstür einen Spalt auf und lauschte auf den Flur hinaus. Freunde und Bekannte erkenne ich meistens schon an ihren Schritten auf der Treppe.

Er war es – Frömmel.

Als er um die Ecke des Treppenaufganges bog und mich in der Tür stehen sah, hob er den rechten Arm und winkte mir lässig zu. In der linken Hand hielt er eine zusammengerollte Zeitung.

„Morgen, Alter!“ rief er. „Na, ausgeschlafen?“

Ich sah ihm entgegen, ohne seinen Gruß zu erwidern.

Er strahlte wie ein glückliches Kind. „Mach den Mund wieder zu, Du erkältest Dir die Mandeln!“ Er gab mir mit der Zeitung einen Klaps auf den Kopf und schob sich an mir vorbei in die Wohnung.

Ich schloss langsam die Tür und folgte ihm ins Wohnzimmer, wo er, die Arme ausgebreitet, sich rückwärts fallen lassend, auf dem Sofa Platz nahm.

Ich setzte mich in den Sessel und starrte ihn an. Ich wollte es immer noch nicht glauben – aber nun wusste ich es.

Ob ich ihm einen Kaffee machen könne, fragte er.

„Später,“ sagte ich. „Bitte erzähl doch erst mal.“

Er ignorierte die Aufforderung. Stattdessen warf er, scheinbar gelassen, einen Blick auf meine Zeitung, die aufgeschlagen auf dem Tisch lag. Dann zog er eine für ihn typische Nummer ab. „Na, mein lieber, was gibt’s Neues auf dem Globus? Irgendwelche besonderen Vorkommnisse im Sandkasten Gottes?“ Sein Blick fiel wie zufällig auf die Schlagzeile, die die Welt ihm, Frömmel, zu verdanken hatte.

LETZTE TAKTE EINES SÄNGERHERZENS

„Mann, das ist ja ein Ding!“ Er beugte sich wie ein Halbblinder über den Artikel, hob dann den Kopf und fragte mich: „Schon gelesen?“

Ich erhob mich wortlos und ging in die Küche, bis das Wasser kochte.

„Eine schlimme Sache, gell?“ hörte ich ihn rufen. „Da könnte einem die Schadenfreude im Hals stecken bleiben!“ Dann fing er an, ein Lied vor sich hin zu pfeifen – den letzten Hit seines Opfers.

Als ich mit dem Kaffee aus der Küche kam, saß er fröhlich pfeifend über die Zeitung gebeugt. Wahrscheinlich hatte er den Artikel schon hundertmal gelesen und kannte ihn auswendig.

Auch ich hatte ihn einige Male gelesen. Ich hatte versucht dahinter zu kommen, was am Samstagabend geschehen war. Es ist mir nicht gelungen. In der Schilderung des Vorfalles deutete nichts auf etwas anderes als ein tragisches Unfallgeschehen hin. Auch die Tatsache, dass es sich um ein in seiner Art einmaliges Ereignis handelte, erregte keinerlei Verdacht. Wieso auch? Schließlich gab es, wie bei allen schicksalhaften Todesfällen, ein ersts Mal – ein Pilotopfer sozusagen. Es hatte irgendwann den ersten Toten beim Drachenfliegen gegeben, den ersten beim Autofahren, den ersten beim Sporttauchen … Der Sänger O. war ganz einfach derjenige, der eine neue Art von Unfällen im Showgeschäft kreiert hatte. Warum hätte man sich dabei etwas Böses denken sollen – warum?

Frömmel besaß eine abgeschlossene Ausbildung als Lehrer mit Hauptfach Musik. Er verdiente seinen Lebensunterhalt mit Gelegenheitsjobs und Klavierunterricht. Von Zeit zu Zeit heuerte er bei einem Konzertveranstalter an, den er noch aus den Tagen kannte, als er noch als Bandmusiker aktiv gewesen war.

Seine Kenntnisse auf dem Gebiet der Saalakustik waren beträchtlich. Er hatte mir einmal erklärt, was es da zu beachten gab. So war es zum Beispiel ein bedeutender Unterschied, ob der Saal bis auf den letzten Platz vollgestopft war, oder ob in den Sitzreihen Lücken klafften. Auch war es nicht gleichgültig, ob die Leute still und andächtig auf ihren Plätzen saßen, oder ob sie sich im Rhythmus der Musik bewegten oder gar in ekstatische Zuckungen verfielen. Laut Frömmel reflektierten Frauen den Schall anders als Männer, Jugendliche anders als Erwachsene. Und im Zusammenhang mit der bevorstehenden Konzerttournee von O. hatte er behauptet, dass die Hohlköpfe des Publikums Resonanzprobleme ganz besonderer Art ins Spiel brächten.

Frömmel genoss es sichtlich meine Neugier und Spannung zu strapazieren. Er ließ sich seinen Kaffee schmecken, den er langsam und bedächtig schlürfte, während er mich ausführlich mit Gequassel über dies und jenes nervte. Er tat, als hätte er vergessen, worauf ich wartete. Es drängte ihn, endlich einen Ohrenzeugen zu finden für seine Schreckenstat, das konnte er nicht verbergen, aber er ließ sich Zeit. Schließlich, nach fast einer halben Stunde, hatte er die Situation zu seiner Zufriedenheit ausgekostet. Er trank den letzten Schluck aus seiner Tasse, schickte mich in die Küche Nachschub besorgen und fing dann an zu berichten.

Das Konzert, bei dem der Sänger starb, war das dritte einer geplanten Tournee, die flächendeckend durch das ganze Land hätte führen sollen. Die ersten beiden Veranstaltungen hatte Frömmel tatenlos über die Bühne gehen lassen, um sich mit O.s Repertoire vertraut zu machen, sich die Reihenfolge einzuprägen, in der dieser seine Darbietungen zum besten gab. Denn sein Vorhaben konnte nur dann gelingen, wenn er an einer ganz bestimmten Stelle eines ganz bestimmten Liedes gezielt in Aktion trat.

Am Vorabend des entscheidenden Auftrittes löste Frömmel das Mikrofon vom

Kabel und nahm es mit nach Hause, um in der Nacht die nötigen Vorbereitungen zu treffen. Es war eine mühselige Arbeit, die sich über Stunden erstreckte und ein Äußerstes an handwerklicher Präzision erforderte. Als er sein Werk gegen Morgen vollendet hatte, konnte er mit dem Ergebnis zufrieden sein. Die feinen Kerben, die er unter der Lupe in das Mikrofon gefehlt hatte, waren mit bloßem Auge kaum zu erkennen.

Nachdem er das Mikro am frühen Samstagabend, zwei Stunden vor Konzertbeginn, wieder ordnungsgemäß am Kabel befestigt hatte, widmete er sich routinemäßig den Aufgaben seines eigentlichen Jobs. Er checkte systematisch die Anlage und stimmte sie auf die akustischen Gegebenheiten der allmählich sich füllenden Halle ein.

Dann harrte er – nicht ohne Lampenfieber, wie er zugab – der Dinge, die da kommen sollten.

Die Halle war bis auf den letzten Platz ausverkauft. Das Publikum setzte sich aus Angehörigen aller Generationen zusammen und verkörperte in gewisser Weise einen Querschnitt der intellektuellen Unterschicht der Bevölkerung. Viele Fans trugen T-shirts mit dem Konterfei ihres Idols. Hier und da sah man blasse Typen mit dunklen Brillen und der charakteristischen strohgelben Haartracht.

Es war jetzt zwanzig Uhr. Auf der Bühne erschien die Begleitband von O. und servierte die musikalische Vorspeise, um das Publikum einzustimmen. Aber bald kam im Saal eine erwartungsvolle Unruhe auf, die von Minute zu Minute wuchs und sich zu einem Sprechchor steigerte:

„Hein …!!! Hein …!!! Hein …!!! O ….!!! O …!!! O …!!! …“

Nachdem auf der Bühne endlich das Licht erloschen und der Sänger, geleitet von einem Scheinwerferpegel, vor seine Gemeinde trat, schwappte die Begeisterung über, um sich in einem wirren Durcheinander von Geschrei von Händeklatschen zu entladen.

Dann herrschte im Saal absolute Stille. O. hatte seine Stimme erhoben. Die Menschen lauschten.

Für das Publikum unsichtbar, saß Frömmel im Seitentrakt der Bühne vor seinen Armaturen. Da der Hit mit jener bestimmten, für sein Vorhaben entscheidenden Stelle den krönenden Abschluss des Konzertes bildete, war er gezwungen das von ihm als Ohrenfolter empfundene Programm in voller Länge über sich ergehen zu lassen, und das bereits zu dritten, diesmal allerdings letzten Mal.

Als es endlich soweit war, erhob Frömmel sich von seinem Platz, spuckte symbolisch in die Hände und ergriff das Kabel, das hinaus auf die Bühne führte. Dort stand in einem Lichtklecks der Künstler, dem plötzlich während des Gesanges das Mikrofon vom Mund weggezogen wurde, so dass seine Stimme auf einmal schwächer aus den Lautsprechern klang. Sein Blick zuckte zur Seite, aber was der Verursacher des gemeinen Streiches im Schatten der Bühnenecke trieb, konnte er durch die dunklen Brillengläser nicht erkennen. Er war jedoch entschlossen, sich nicht aus dem Konzept bringen zu lassen, wandte seinen Blick zurück zum Publikum und brachte das Mikrofon durch einen energischen Gegenzug wieder in die erforderliche Mundnähe. Das Lied klang nun in der ursprünglichen Lautstärke fort.

Danach vollzog das Mikrofon jedoch erneut eine Fluchtbewegung, auf die der Sänger seinerseits mit einem Gegenzug reagierte. Zwischen Frömmel und O. entwickelte sich eine Art Tauziehen, in dessen weiterem Verlauf der Star eine Drehung vollzog. Er zeigte sich dem Publikum nun im Profil, was zwar unüblich war, ihm jedoch den Vorteil verschaffte, die Attacken seines im Dunkel der Bühnenseite agierenden Gegners auf geradem Weg und damit effektiver parieren zu können.

Dann kam der Moment, auf den Frömmel gewartet hatte. Es war eine Stelle des Liedes, an der O., den Ton sekundenlang haltend, den Mund weit geöffnet hatte, so dass dieser ein großes rundes O bildete ….

Frömmel zog so heftig an dem Kabel, dass der Sänger vornüber zu kippen drohte, und der Sänger zog, um dies zu verhindern, mit aller Kraft in die entgegen gesetzte Richtung. Und jetzt, jäh und für Hein O. völlig unterwartet, ließ Frömmel das Kabel los. Für den Bruchteil einer Sekunde schwoll O.s Gesang zu ohrenbetäubender Lautstärke an, weil seine Hand raketenartig auf seinen geöffneten Mund zu raste. Dann erstickte das Brüllen in einem grausigen Gurgeln. In diesem Augenblick begann Frömmel das Kabel in rascher Folge zu drehen und das mit Gewindekerben vorbereitete Mikrofon, das der Hand des überrumpelten Sängers entglitten war, Stück für Stück in dessen Rachen zu schrauben. Aus den Lautsprechern drang jetzt ein dumpfes anschwellendes Pochen: O.s Herztöne … Seine Stimme war verstummt, und sein Herz schlug mit jeder weiteren Kabeldrehung, durch die das Mikrofon tiefer in die Brust des Sängers drang, lauter. Und immer schneller wurden die Herzschläge, krachten jetzt durch die Halle wie Donnerschläge, die sich zu einem rasenden Trommelwirbel verdichteten. Hein O. wankte, stürzte zu Boden …

Und Frömmel drehte weiter und weiter, schraubte das Mikro so tief in den zappelnden und zuckenden Künstler hinein, dass bei der späteren Untersuchung keine andere Erklärung möglich schien als die, dass es sich um einen einmaligen Unglücksfall handelte – dass O. sich das Mikrofon im Eifer seines Gesanges eigenhändig einverleibt habe und daran erstickt sei.

In der Schlussphase des spektakulären Todeskampfes sprangen die Leute im Saal vor Begeisterung auf die Stühle. Man hielt das Ganze für eine geplante, zur Show gehörende Einlage und begleitete die Herzschläge des sterbenden Sängers mit rhythmischem Händeklatschen. Als die Töne aus den Lautsprechern verstummten, schwoll der Beifall zu einem regelrechten Orkan an, der die ganze Halle erzittern ließ.