Schmalzbier

Ich war jetzt drei. Drei Jahre auf der Welt. Eins, zwei, drei. Ich konnte schon zählen. Schon weiter als bis drei. Aber das wussten sie nicht. Drei reichte. Wenn sie mich fragten, wie alt ich bin, hob ich meine Hand und zeigte ihnen drei Finger. Den Daumen, den Zeigefinger, den Mittelfinger. Ich hatte fünf Finger an meiner Hand und wusste auch, wie sie hießen. Vier war der Ringfinger und fünf der Kleine. Der Kleine, so wie sie sagten, wenn sie mich damit meinten, so als ob ich keinen Namen hätte.

Ich soll doch mal sagen, richtig sagen, wie alt ich bin, ihnen nicht nur immer die Finger zeigen. So klein, sagten sie, bin ich doch nicht mehr, dass ich nicht sagen kann: Drei. Oder: Ich bin drei. Oder sogar: Ich bin drei Jahre alt.

Einmal habe ich gehört, wie sie gesagt haben, dass sie nicht wissen, ob ich nur zurückgeblieben bin oder stur. Ich weiß nicht, warum ich ihnen immer nur die Finger zeigte statt es ihnen richtig zu sagen. Ich weiß auch nicht, wohin sie guckten, wenn sie etwas zu mir sagten. Ob sie immer an mir vorbei guckten, oder so irgendwo hin. Sie guckten mich nicht an sondern an mir vorbei oder irgendwo hin, so dass ich meinte, ich bin nicht dort, wo ich sein soll. So dass ich einmal dachte, es kommt von meinen Augen. So wie bei den Leuten, die schielen, die vielleicht deshalb nicht merkten, wo die andern hinguckten. Aber meine Augen sind gerade. Ich schiele nicht. Ich habe mich vor den Spiegel gestellt und mich angeguckt. Meine Augen waren gerade. Ich kann gar nicht schielen. Ich habe es ausprobiert. Ich wollte meine Augen verdrehen, schielen, aber es hat nicht geklappt.

Als sie mich in den Kindergarten schaffen wollten, habe ich einen Aufstand gemacht. Ich soll doch keinen Aufstand machen, haben sie gesagt, sondern mir den Kindergarten erst mal angucken. Denn im Kindergarten wird nur gespielt, erst wenn ich in die Schule komme, kommt der Ernst des Lebens.

Ich habe gelacht, denn Ernst – so heißt der Mann von meiner Tante Dorle.

Aber das Lachen wird mir noch vergehen, sagten sie, auch im Kindergarten, wo schon andere Sitten herrschen als daheim. Zuerst habe ich mich gewehrt, aber es hat nichts genutzt. Ich musste hin, ob ich wollte oder nicht. Meine Oma soll mich hin bringen, hat meine Mutter sich gewünscht. Aber die hat es nicht gemacht. Wozu sei sie denn sonst Mutter, hat meine Oma zu ihr gesagt. Meiner Mutter ist nichts anderes übrig geblieben, als es selbst zu machen.

Als wir hinkamen, wurde ich von zwei Frauen begrüßt. Der Chefin und einer Jüngeren. Sie sagten, dass sie sich über mich freuen würden. Meine Mutter könnte noch ein bisschen bleiben und dann gehen. Ich würde ich mit andern bestimmt gut vertragen. Die würden sich alle schon darauf freuen, mit mir zu spielen. Spielsachen waren genug da. Sie lagen auf dem Boden herum oder in den Regalen, oder die Kindergartenkinder spielten damit. Ich nahm meine Mutter an der Hand und wollte gehen. Die zwei Frauen lächelten. Das wäre normal, sagten sie, die meisten Kinder wollten nicht gleich bleiben und müssten sich erst eingewöhnen. Bei manchen müssten die Mütter länger dabeibleiben, aber bei anderen wäre es gar nicht erst nötig, die könnten ihre Kinder einfach dalassen und brauchten sie später nur wieder abzuholen. Aber sie schafften es nicht, mich zu überreden. Alle drei redeten sie und erklärten mir, dass es mir im Kindergarten gut gefällt, jeden Tag ein bisschen besser. Aber dann schüttelte die Kindergartenchefin den Kopf und stöhnte. Sie sagte, dass sie so etwas noch nicht erlebt hatte. Und dann versuchten sie es noch einmal, bis sie keine Lust mehr hatten, weil ich zu weinen anfing und nicht mehr damit aufhörte. Ich grabschte mich am Kleid meiner Mutter fest, die den Frauen sagte, dass es ihr Leid tut. Und zu mir sagte sie, dass sie sich für mich schämte. So viel Tränen könnte es doch gar nicht geben, sagte die junge Kindergärtnerin. Die Chefin sagte nichts mehr. Sie konnte nur noch wütend den Kopf schütteln. Und dann gaben sie mich meiner Mutter wieder mit nachhause.

Die Tage danach überlegten meine Oma und meine Mutter dann weiter, was sie mit mir machen sollten. Sie beratschlagten von morgens bis abends, was das beste für mich wäre, aber es fiel ihnen nichts ein. Bis meine Oma die Nase voll hatte und sagte, das alles keinen Zweck hat, es würde ihnen nichts anderes übrig bleiben, als mich zum Doktor zu bringen. Meine Mutter gab zu, dass ihr auch nichts anderes einfiel und sagte, sie würde mich morgen hinbringen.

Ich kannte den Doktor. Ich war schon einmal bei ihm gewesen. Es war kein richtiger Doktor, sondern ein Kinderarzt. Er hatte es nur mit kranken Kindern zu tun. Ich konnte ihn nicht leiden und dachte, er mich auch nicht.

Meine Mutter erzählte ihm, was im Kindergarten passiert war. Der Doktor hörte ihr zu und nickte dabei ständig mit dem Kopf. Als meine Mutter fertig war, stützte er die Ellbogen auf die Armlehnen seines Sessels und legte die Hände vor der Brust übereinander. Er guckte vor sich hin und überlegte lange. Meine Mutter und ich schauten ihm dabei zu, bis er fertig war. Danach stand er auf und kam hinter seinem Schreibtisch hervor. Er stellte sich vor mich, guckte mich an und lachte. Ich bekam es mit der Angst zu tun, weil er lachte, ohne dass man hörte, dass er lachte. So als ob er mir nur zeigen wollte, dass er mit seinem Mund machen konnte, was er wollte. Nämlich nur mit den Ecken seines Mundes zu lachen und dazwischen nicht. Zwischen den Ecken war sein Mund nur ein Strich. Und weiter oben bewegte sein Gesicht sich gar nicht. Er guckte mich nur an. Und seine Augen bekamen etwas Gruseliges, so als ob sie Löcher in mich bohren wollten. Ich bekam noch mehr Angst, weil es beinah aussah, als ob er vor hätte, mich zu ermorden, wenn er dürfte. Aber dann bewegte er sich auf einmal wie ein nasser Hund. So als wollte er etwas von sich runter schütteln, was ihn störte. Und hinterher war er auf einmal ganz nett und sagte meiner Mutter lauter schöne Sachen über mich. Aber ich war trotzdem froh, dass wir dann bald draußen waren. Und meine Mutter auch, das merkte ich. Weil sie nicht glaubte, was der Doktor ihr zum Schluss erzählt hatte.

Hinterher überlegten meine Oma und meine Mutter noch einmal, was sie mit mir machen sollten. Und dann fiel ihnen etwas ein. Sie sagten mir, dass sie mich einem Doktor an der Uni vorstellen würden. Es dauerte lange, bis es soweit war. Aber eines Tages fuhren wir dann hin.

Ich merkte schnell, dass wir hier richtig waren. Der Doktor von der Uni war anders als der andere. Zutraulicher. So freundlich, dass ich merkte, dass er sich nicht verstellte. Er konnte mich gut leiden. Und ich ihn auch. Ich machte alles, was er mir sagte, obwohl ich nicht wusste, warum ich das alles machen sollte. Der Doktor wusste es, das traute ich ihm zu. Am Ende tröstete er meine Mutter.

»Einstein hat auch erst mit vier geredet«, sagte er zu ihr.

»Na, dann hat er ja noch ein Jahr Zeit« antwortete meine Mutter und versuchte zu lachen.

»Vielleicht«, sagte der Doktor dann, »ist es doch besser, wenn er noch eine Weile im Schoß der Familie bleibt.«

Ich ließ ein Freudengeheul los und streckte die Arme hoch wie ein Boxer, der einen andern zusammengeschlagen hat.

»Laut sind seine Töne ja schon«, sagte der Doktor. Dann gab er uns die Hand und wir gingen.

Wenn schönes Wetter war, machten wir uns einen schönen Tag. So wie heute. Es war warm. Das nutzten wir aus. Wir fuhren ein Stück mit dem Bus und wanderten noch ein Stück bis hierher zur Gartenwirtschaft. Wir setzten uns auf zwei lange Bänke an einen der langen Tische. Meine Mutter, meine Oma, mein Opa und die andern.

Manchmal sagten sie, wenn er doch auch dabei wäre. Mein Vater, meinten sie. Mein Vater war weg, schon eine Ewigkeit, sagten sie, schon lange bevor ich lebte. Was anders wäre, wenn er auch dabei wäre, fiel mir nicht ein. Ich merkte nicht, dass er fehlte.

Ich hatte Durst. Bei dem langen Weg zu Fuß hatte ich viel geschwitzt. Wir mussten warten, weil noch viele andere Leute an den Tischen saßen.

Immer wieder streckte Frau Spät von unserem Tisch den Zeigefinger hoch und rief: »Herr Ober!«

Aber wir waren noch nicht an der Reihe. Der Mann mit der weißen Jacke und der schwarzen Hose hatte auch an den anderen Tischen zu tun. Er lief immer wieder rein in die Wirtschaft und kam wieder raus und brachte die Getränke an die Tische.

Bei uns gab es Ärger. So lange, maulte Frau Puhl, hätten wir noch nie warten müssen.

Das war gelogen. Einmal hatten wir so lange warten müssen, dass wir schon wieder gehen wollten.

Aber jetzt kam der Herr Ober. Er fragte, was wir trinken wollten. Wir bestellten. Bier und Wein. Für mich bestellte meine Mutter ein Limo. Und auch noch eine Kleinigkeit zu essen bestellten sie. Der Herr Ober schrieb sich alles auf. Dann lief er davon. Sie fingen an zu reden. Meine Mutter sagte, dass ich gleich mein Limo kriege.

Sie redeten über Krankheiten. So wie meistens. Krebs. Sie redeten über Frau Leinebach, im letzten Jahr hätte sie noch unter uns gesessen. Ich konnte mich nicht an sie erinnern. Jetzt war sie tot. Sie hat lange gelitten.

Dann kamen die Getränke. Ich soll doch nicht so hastig trinken, sagte meine Mutter. Sie hatte ein kleines Glas Wein bekommen und zeigte mir, wie man langsam trinkt. Sie spitzte die Lippen und trank. Danach war das Glas noch genau so voll wie vorher.

Der Mann von Frau Hirsch lag im Krankenhaus, erzählte seine Frau. Er hatte einen Schlaganfall. Aber es geht ihm den Umständen entsprechend schon wieder gut.

Mein Opa sagte nichts. Er war immer dabei und hielt seinen Mund, so als ob er es so machen wollte wie ich. Aber er konnte sprechen, er hatte nur keine Lust und machte immer ein Gesicht, als ob die Welt ihm nicht schön genug wäre. Einmal war mein Opa lange weg, in einer Anstalt, wo sie ihn wieder richtig hinkriegen wollten. Aber als er zurückkam, war es noch genau so wie vorher. Von da an schlief er nicht mehr bei meiner Oma sondern auf dem Sofa im Wohnzimmer. Einmal habe ich gesehen, wie er dort gelegen und geweint hat. Ich habe ihn gefragt, was los ist, warum er denn weint. Da hat er mich angeguckt und gelacht und gesagt, er weint doch gar nicht, aber dabei sind die Tränen an seinem Gesicht herunter gelaufen. Als ich das meiner Mutter erzählt habe, hat sie gesagt: »Er ist eben nicht ganz richtig.« Und dann hat sie mich in die Wange gekniffen und ihre Hand hin und her geschüttelt und gesagt: »Aber das verstehst du noch nicht.«

Ich verstand es auch nicht. Auch nicht, über was sie immer streiten mussten. Ich hörte ihnen zu, aber ich bekam es nicht heraus. Sie redeten nur dann miteinander, wenn sie Streit hatten. Dann schrieen sie herum. Meine Oma und meine Mutter gegen meinen Opa. Mein Opa hatte die lauteste Stimme, aber meine Oma und meine Mutter waren zwei. Manchmal unterbrach meine Mutter ihr Geschrei und sagte leise zu meiner Oma: »Doch nicht wenn der Kleine dabei ist.« Und meine Oma antwortete ihr: »Der kriegt das doch noch gar nicht richtig mit.« Ich mischte mich nicht ein. Aber ich blieb immer dabei und hörte ihnen zu und hatte Angst, dass sie eine Schlägerei anfangen könnten.

Dann kam der Herr Ober und brachte ein paar Kleinigkeiten zum Essen und fragte, ob jemand noch was trinken will. »Du?« sagte er zu mir und lachte freundlich und fragte: »Noch ein Limo?«

Ich schüttelte zuerst den Kopf, obwohl ich noch eins wollte. Dann nickte ich.

Und meine Mutter sagte: »Willst du noch eins oder hast du keinen Durst mehr?«

Ich machte mit dem Kopf hin und her, so dass keiner wusste, ob ich ihn schüttelte oder damit nickte.

»Jetzt mach ja kein Schippchen«, sagte meine Mutter zu mir und dann zum Herr Ober. »Dann bitte noch ein Limo.«

Aber der Herr Ober sagte: »Vielleicht will er ja mal was anderes, der junge Mann. Vielleicht ein Malzbier?«

Meine Mutter überlegte und wollte gerade sagen, was sie beschlossen hatte, da kam es aus meinem Mund heraus: »Schmalzbier!«

Der Herr Ober lachte. »Aber ja!« rief er.

Aber die andern lachten nicht. Obwohl sie es alle gehört hatten. Sie wollten nicht glauben, was passiert war. Ich konnte reden. Sie guckten mich an, als ob ich gerade Krebs bekommen hätte. Alle guckten sie mich an. Sie guckten alle zu mir her. Alle zu mir. So als ob ich wirklich hier wäre. Ich. Und ich war doch hier. Ja, ich merkte es jetzt auch. Ich war hier. Ich saß in der Gartenwirtschaft. Auf der Sitzbank. Am Tisch. So wie die andern. Und alle sahen mich. Nur weil ich »Schmalzbier« gesagt hatte. Deshalb sagte ich es noch einmal. Ich guckte den Herr Ober an und sagte: »Schmalzbier!!«

»Selbstverständlich«, sagte der Herr Ober und lachte noch einmal. »Ein Schmalzbier für den jungen Herrn.« Dann lief er fort.

Die andern waren mucksmäuschenstill. Sie guckten immer noch her. Wo ich saß. Die Blicke aus ihren Augen waren alle hier und machten die Stelle, wo ich saß, ganz warm. Ich dachte, dass sich so das Jesuskind gefühlt hat, als es im Heu lag und seine Eltern und die Könige und Hirten und sogar die Tiere freundlich nach ihm guckten, weil ihnen nichts besser gefiel als das Jesuskind in seinem Heubett.

Ich glaube, ich habe auf einmal die Augen zu gehabt, denn ich sah nichts und hörte nur eine Stimme, die sagte: »Schmalzbier hat er gesagt«.

»Gesprochen hat er!« hörte ich die Stimme von Onkel Ernst. »Er hat endlich mal was gesagt, Himmel nochmal! Es war aber auch endlich Zeit.«

Danach waren sie alle still.

Ich hatte die Augen jetzt wieder auf.

Sie guckten mich alle an, als ob sie auf etwas warten würden. Und auch ich guckte sie alle an, hintereinander, jeden für sich. Weil ich sie nicht alle gleichzeitig angucken konnten. So wie sie das jetzt vielleicht gerne hätten. Sie redeten nicht mehr so viel miteinander wie vorher. Ich hatte sie durcheinander gebracht. Sie warteten jetzt auf mein Schmalzbier. Sie wollten sehen, wie ich Schmalzbier trinke.

Und dann kam es. Der Herr Ober stellte mir ein Glas hin und schenkte mir mit der Flasche ein. »Bitteschön, der Herr, ihr Schmalzbier«, sagte er, als mein Glas voll war. Dann war er wieder weg.

Und die andern guckten und warteten.

Ich streckte ganz langsam die Hand aus nach meinem Glas, fasste es an, hob es hoch und brachte es zu meinem Mund und trank einen Schluck. Und dann noch einen. Dann stellte ich das Glas wieder hin.

Und schon ging es los. Alle wollten wissen, wie es mir jetzt ging.

»Und wie schmeckt es dir, dein Schmalzbier?«

»Schmeckt es fein?«

»Oder schmeckt es doch nicht so gut wie Limo?«

»Aber man sieht doch, dass es ihm schmeckt, das Schmalzbier!«

»Nicht wahr, Kleiner, es schmeckt dir?«

»Davon wird man groß und stark.«

»Und das willst du doch werden, ganz groß und ganz stark?«

»Aber natürlich will er das. Das ist er doch heute schon ein bisschen. Das sieht man doch schon.«

Ich nickte immer wieder mit dem Kopf und trank dann noch einmal an meinem Glas, bis es leer war. Ich machte es wieder voll, so dass jetzt auch die Flasche leer war. Dann zeigte ich ihnen, was ich konnte. Ich trank das zweite Glas in einem einzigen Rutsch leer. Dann stellte ich das Glas auf den Tisch, dass es knallte. Und danach gaben sie mir alle klatschenden Beifall.

Als sie sich beruhigt hatten und später wieder weitermachten und von Krankheiten erzählten, winkte ich dem Herr Ober, der sofort zu mir kam und wissen wollte, was ich mir wünschte.

»Schmalzbier«, sagte ich.

Er lachte, lief weg und brachte mir ein neues.

Jetzt kann er es sogar schon allein, sagte Frau Puhl und schubste ihren Mann mit dem Ellbogen an.

Als Tante Louise an ihrem Glas trank, war Rotwein drin, das wusste ich, aber ich sagte trotzdem das Lieblingswort: »Schmalzbier.«

Und die Tante lachte und streckte ihr Glas zu mir rüber, damit ich mein Glas dagegen stoßen konnte. »Prost!« sagte sie zu mir.

»Schmalzbier«, sagte ich zu ihr.

Und dann tranken wir, und alle lachten und stießen auch ihre Gläser gegen meins und sagten »Prost!«, so dass ich kaum so schnell nachkam mit meiner Antwort.

Auf einmal passierte etwas.

Mein Opa hatte bis jetzt noch nichts gesagt. Er trank immer nur an seinem Bier und guckte vor sich hin. Aber jetzt guckte er mich an und zeigte mit dem Finger auf mich. Dann guckte er nacheinander all die andern an, so als ob seine Augen ein Karussell beobachten würden. Dann guckte er wieder her zu mir. Und dann fing er an zu reden. »Jetzt hat er es endlich geschafft. Er ist der Mittelpunkt der Welt. Denn die Welt ist rund, ist eine Kugel. Und auf einer Kugel hat jeder noch so kleine Punkt so viel Platz um sich herum wie jeder andere noch so kleine Punkt auch. Mit dem selben Recht wie ein fetter ekliger Fleck es hat. Und alle Menschen, ob groß, ob klein, ob schön, ob eklig, sind ihr eigener Mittelpunkt. Und wer das nicht bemerkt, der rutscht auf die Seite. Und die andern schauen zu. Sie schauen gnadenlos an ihm vorbei. Und auf einmal ist er nicht mehr da. Er ist weg. Einfach weg. Einfach nicht mehr da. Aber er, ja, der Kleine, der hat es jetzt endlich geschafft. Auch der Kleine ist jetzt ein Mittelpunkt der Welt.« Dann guckte mein Opa sich noch einmal um und bekam plötzlich einen weichen, wackligen Hals, so dass er seinen Kopf nicht mehr grade halten konnte und der jetzt nach vorne sank und die Augen meines Opas wieder traurig vor sich hin guckten, dorthin, wo sein Bier stand.

Alle, die am Tisch saßen, guckten ihm noch ein bisschen zu, bis es ihnen langweilig wurde und sie wieder dorthin guckten, wo jetzt die Mitte unserer Welt war, wo nämlich ich saß, mitten auf der Mitte unserer Weltkugel, weil ich Schmalzbier gesagt hatte.

Sie redeten jetzt nicht nur noch über Krankheiten. Weil jetzt ich da war. Ich dachte, dass ich jetzt sogar wichtiger war als Krebse und Gehirnschläge. Ich merkte, dass ich jetzt langsam genug getrunken habe. Mein Bauch drückte. Ich war bei meiner dritten Flasche. Aber sie redeten auf mich ein, als ob sie wollten, dass ich platze.

»Und? Schmeckt es dir noch, dein Schmalzbier?« fragten sie mich jedes Mal, wenn ich mein Glas holte und daran trank.

Ich nickte eifrig.

»Und was ist das, was dir schmeckt?« fragten sie dann.

»Schmalzbier«, sagte ich und trank dann gleich noch einmal und dachte, dass ich sie jedes Mal belog, wenn ich Schmalzbier sagte, weil ich schon längst wusste, dass das nicht Schmalzbier hieß, was ich trank, sondern Malzbier.

»Prost«, sagten sie und hielten mir ihr Glas hin.

Ich stieß mit meinem Glas dagegen und trank, obwohl ich jetzt lieber gebrochen hätte als noch mehr unterzuschlucken. Aber ich dachte, wenn ich damit aufhöre, ist danach wieder alles so wie früher. Sie würden dann wieder nichts anderes über mich sagen, als dass sie sich wunderten, dass ich noch nicht rede. Es war mir lieber, wenn ich hörte, wie sie andere Sachen über mich sagten.

Wie Frau Oster, die Freundin meiner Oma, die zu meiner Oma sagte, dass ich ein süßer Wonnebrocken bin.

Die andern sagten, dass ich noch mehr bin oder sogar noch viel mehr werden kann.

»Eines Tages wird er gar nicht mehr aufhören zu reden und ein großer Redner werden.«

»Oder Professor oder vielleicht Politiker.«

»Oder ein reicher Brauereibesitzer, der alle Kinder auf der Welt mit Schmalzbier versorgt«.

Darüber mussten sie alle lachen.

Nur mein Opa sagte nichts mehr. Er trank sein Bier und guckte auch nicht zu mir her, wenn ich Schmalzbier sagte. Er versuchte aber, ein zufriedenes Gesicht zu machen, auch wenn er dort drüben mit einem so hängendem Kopf saß und nur auf die selbe Stelle guckte.

Ich wusste, dass ich nicht immer noch mehr und mehr Malzbier trinken konnte. Deshalb überlegte ich mir einen Trick, den ich ausprobierte. Ich zeigte der Reihe nach auf die Kleinigkeiten zum Essen, Gurken, Wurststückchen, Tomaten, zu denen ich jedes Mal, wenn ich drauf zeigte, Schmalzbier sagte.

Auch darüber freuten sie sich und lachten wieder und sagten, dass ich meinen Mund aufmachen soll, damit sie mir eine Kleinigkeit Schmalzbier hineinstecken konnten.

Frau Puhl, die vorher so viel geredet hatte, sagte jetzt nichts mehr. Sie saß auf der anderen Seite, direkt gegenüber von mir. Sie guckte mir zu und hielt den Kopf schief und lächelte.

Ich überlegte, warum sie ihren Kopf dabei schief hält. Vielleicht, oh je, dachte ich mir und merkte, dass dabei mein Herz zu klopfen anfing. Vielleicht hatte sie uns heimlich beobachtet, Norbert und mich, durch die Vorhänge hinter ihrem Fenster, wie wir unsere Mutprobe gemacht haben. Norbert musste beweisen, dass er mutig war, weil er sich schämte, dass er stotterte. Manchmal lachten sie ihn aus. Dann freute ich mich, weil ich dachte, dass es besser ist, nicht zu reden statt zu stottern. Und deshalb hat Norbert an Frau Puhls Haus gespuckt und gesagt, ich soll es auch machen. Ich wollte zuerst nicht, bis Norbert gesagt hat, dass ich ein Angsthase bin. Dann habe ich auch an Frau Puhls Haus gespuckt. Und Norbert noch mal. Und ich auch wieder. Wir haben so lange an Frau Puhls Haus gespuckt, bis ein großer nasser Fleck dran war.

Aber Frau Puhl saß jetzt nur auf der anderen Seite vom Tisch und guckte schief und lächelte. Ich hatte jetzt keine Angst mehr, dass sie sich vielleicht rächen wollte.

Als es später Zeit war und alle bezahlt hatten und wir auseinander gingen, zog Tante Dorle mich an sich heran und fragte mich, ob ich das Wort noch einmal sagen wollte, nur für sie ganz allein, aber Onkel Ernst grabschte sie am Arm und zog sie mit einem Ruck von mir weg und neben sich her. Aber ich tat ihr den Gefallen doch noch und hielt die Hände neben meinen Mund und rief hinter ihr her: »Schmalzbier!!«

Meine Mutter und meine Oma waren jetzt froher mit mir als früher, als ich noch nicht redete. Jetzt redete ich endlich. Nur ein Wort, aber immerhin. Sie waren froh, dass ich endlich angefangen habe. Aber ich merkte, dass es ihnen noch nicht wirklich reichte. Sie wollten, dass ich noch viel mehr redete. Am besten alles. Aber sie wussten, dass das nicht so schnell ging. Sie hatten Geduld mit mir. Auch wenn sie manchmal das Gesicht verzogen, wenn ich zu allem, was ich sah, Schmalzbier sagte.

Wenn ich den Wasserhahn aufdrehte und Schmalzbier sagte, merkte ich, dass sie sich jedes Mal ein bisschen weniger darüber freuten, dass ich reden konnte. Ich dachte, dass sie sich manchmal vielleicht überhaupt nicht mehr freuten und nur noch so taten, weil sie Angst hatten, ich würde dann wieder ganz aufhören mit dem reden.

»Wenn alles Schmalzbier ist,« sagte meine Mutter eines Tages, »dann bin auch ich Schmalzbier. Und? Bin ich das? Sag mal Kleiner! Bin ich Schmalzbier?« Sie machte eine Pause, guckte mich an und gab mir dann die Antwort: »Nein, ganz bestimmt nicht! Ganz bestimmt bin ich kein Schmalzbier!«

Ich guckte sie an und wollte Schmalzbier sagen, aber ich war lieber still.

Dann wollte sie wissen: »Und was bin ich? Na? Na! Deine Mutter bin ich! Und wer ist der da oben?» Sie streckte die Hand und den Zeigefinger hoch, guckte mich unfreundlich an und wartete.

Ich guckte nach oben.

»Ist der da oben auch Schmalzbier? Nein, das ist der liebe Gott. Wenn der liebe Gott Schmalzbier wäre, dann hätte er nicht die ganze Welt und dich und mich und die Oma geschaffen. Oder doch?« Sie guckte mich an, als ob sie nicht wüsste, dass ich das mit drei noch nicht wissen kann.

Ich guckte nach oben und guckte dann meine Mutter wieder an.

Sie nahm ihre Hand runter und hörte auf, auf den lieben Gott zu zeigen. Sie schlug mit ihrer Hand durch die Luft, als ob sie nach einer Mücke hauen würde.

Meine Mutter nahm mich oft mit zum Einkaufen. Manchmal lagen dann die Klumpen aus Hundedreck im Weg herum, denen wir ausweichen mussten. Meine Mutter sagte immer, ich soll aufpassen, dass ich da nicht hinein trete. Ich hörte auch immer auf sie, ging den Klumpen aus dem Weg und war froh, wenn ich daran vorbei war.

Heute sah ich einen davon schon von weitem. Ich zeigte mit dem Finger darauf und sagte, um meine Mutter davor zu warnen: »Schmalzbier«.

»Nein!« rief meine Mutter. So dass ich an ihrer Stimme hörte und an ihrem Gesicht sah, dass sie sich sehr ärgerte. »Das ist doch kein Schmalzbier, das ist Bäh!«

Ich erschrak, weil sie so böse auf mich war. Aber ich wusste, das sie jetzt, wo ich reden konnte, nicht mehr so oft mit mir schimpfen durfte, nur weil sie meine Mutter war und ich der Kleine.

»Schmalzbier!« sagte ich und blieb vor dem Hundedreck stehn.

Sie hatte mich an der Hand und wollte mich weiter ziehen. Aber ich blieb stehn und trampelte mit den Füssen und schrie: »Schmalzbierschmalzbierschmalzbier!!«

Meine Mutter stöhnte, verzog das Gesicht noch mehr und sagte dann: »Na schön, dann ist es eben kein Hundedreck und kein Bäh, dann ist es eben Schmalzbier. Ganz wie du willst!«

Ich riss meine Hand von ihr los und ging neben ihr weiter.

Mit meiner Oma vertrug ich mich meistens besser, weil meine Mutter oft nicht zuhause war. Aber wenn wir zusammen waren, vertrug ich mich mit meiner Oma und meiner Mutter fast gleich gut. Denn sie konnten mich jetzt alle beide besser leiden. Weil ich reden konnte, ein kleines bisschen. Immerhin. Und das machte schon etwas aus. Weil die Leute aus der Nachbarschaft jetzt nicht mehr dachten, dass ich hoffnungslos bin. Weil ich es ihnen allen gezeigt hatte. Weil ich jetzt endlich damit angefangen hatte und sie nicht wussten, wie weit ich es noch bringen konnte.

Aber trotzdem ging es zuhause jetzt immer strenger zu. Sie stichelten immer öfter herum. Und wenn sie wollten, dass ich zu dem Kochtopf oder dem Bügeleisen nicht Schmalzbier sondern Kochtopf oder Bügeleisen sagte, dann wurden sie manchmal so wütend, das ich Angst bekam vor ihnen.

Aber wenn sie das merkten, streichelten sie mir sofort über den Kopf.

Auch Tante Dorle wollte mein Wort schon gleich wieder hören, als meine Mutter und meine Oma sie besuchte.

Ich sagte es ihr.

»Ja, Schmalzbier!« rief sie und klatschte die Hände zusammen und fragte meine Oma, ob mein Opa schon wieder keine Lust hätte, mit hierher zu kommen, obwohl sie wusste, dass mein Opa dazu noch nie Lust gehabt hatte.

Es ist schade, sagte sie, dass mein Opa nicht mitgekommen war, Onkel Ernst hätte sich bestimmt darüber gefreut. Onkel Ernst wäre unten, sagte sie, als meine Oma nach ihm fragte, im Garten, er hätte dort immer irgendwas zu arbeiten. Und dann beugte sie den Kopf zu mir herunter, guckte mir in die Augen und sagte, dass sie eine Überraschung für mich hätte. Ich musste raten, was es ist, obwohl sie ganz bestimmte wusste, dass ich es sofort raten würde.

»Schmalzbier,» habe ich geraten.

Sie klatschte wieder die Hände zusammen und lief in die Küche. Ich hörte, dass sie den Kühlschrank aufmachte und dass es klirrte, als sie die Flasche mit dem Malzbier herausnahm.

Aber bevor sie wieder zurück war, war ich schon weg. Ich ging hinunter in den Garten, wo Onkel Ernst am arbeiten war. Er guckte mich an, brummte »’tag« und machte dann weiter, bis ich auf seinen Spaten zeigte und Schmalzbier sagte.

Da hörte er auf mit seiner Arbeit und reckte sich vor mir hoch und sah mich lange an, bis ich merkte, dass mein Kopf heiß wurde. Dann fragte er mich, was ich denn einmal werden will, später, wenn ich erwachsen bin. Und dann dachte er selber nach und fragte, ob ich vielleicht … Er dachte weiter nach, so als ob er nicht genau wüsste, was richtig für mich ist … ob ich vielleicht … ob ich vielleicht … Taxifahrer werden wollte, oder was?

Ich nickte eifrig, ja, Taxifahrer wollte ich werden, das wusste ich auf einmal ganz genau, weil Taxifahrer, wenn man ihnen sagte, wo man hin will, immer sofort den Weg wissen, weil sie die ganze Welt in ihrem Kopf haben, jede Straße, jedes Haus.

»Tja«, sagte Onkel Ernst, nachdem er mich von meinem Kopf bis zu meinen Füßen und dann wieder zurück nach oben betrachtet hatte und mich dann anschaute, als ob ich ihn belogen hätte. »Taxifahrer? So, so, so?« murmelte er dann und runzelte die Stirn, so dass ich sah, dass er wieder angestrengt nachdachte. »Das wird nicht so einfach sein«, sagte er dann weiter, »so einen schweren Beruf zu lernen. Erst die Schule. Dann das Abitur. Dann die Universität.« Er machte eine wichtige Pause und zeigte dann mit dem Finger auf meinen Kopf. »Dafür muss man ganz schön was da oben drin haben.« Er hielt mir den Spaten vor die Nase und fragte mich: »Was hast du eben gesagt, was das da ist?«

Ich gab ihm keine Antwort.

Und auch als er mich noch einmal fragte, gab ich ihm keine Antwort.

»Wer zu einen Spaten Schmalzbier sagt«, erklärte er mir, der kann sich die Uni von aussen angucken. »Taxifahrer! Ha!« Er lachte und schüttelte den Kopf. »Wer zu einem Spaten Schmalzbier sagt, der schafft es noch nicht mal in die Schule. In die richtige Schule meine ich. Der schafft vielleicht gerade mal die Dummenschule, das Brettergymnasium, wie die schlauen Kinder die Dummenschule nennen.«

Onkel Ernst warf den Spaten vor meine Füße. »Was ist das?!« rief er, dass seine Stimme so laut war wie ein Donnern. »Schmalzbier?! Schmalzbier ist das?! Da lach ich mich ja kaputt!!« Aber er lachte nicht sondern schlang seine Arme übereinander und guckte mich an, als ob er mit seinen Augen Löcher durch mich bohren wollte. Dann nahm er seine Arme auseinander, zeigte auf den Spaten und fragte ganz gefährlich und leise, dass ich seine Stimme kaum hören konnte: »Ist das Schmalzbier?«

Ich schüttelte den Kopf.

»Und warum redest du dann so einen Quatsch daher?« fragte er.

Ich schüttelte wieder den Kopf.

»Weißt du was ich mache«, fragte er weiter, »wenn du noch einmal Schmalzbier zu dem Ding da sagst?«

Ich schüttelte noch einmal den Kopf.

»Dann«, sagte er, »nehme ich diesen Schmalzbier, grabe damit ein Loch in den Boden, schmeiße dich rein und schaufle das Loch zu.«

Ich wollte weg, wieder nach oben zu meiner Mutter und meiner Oma und Tante Dorle. Aber er hatte seine Augen so fest auf mich gerichtet, dass ich mich nicht bewegen konnte. Ich konnte nicht fort. Nur eins konnte ich, zwei Schritte machen, wo der Spaten lag. Ich bückte mich und hob ihn auf und hielt ihn Onkel Ernst hin.

Er sah mich erstaunt an und ließ mich lange stehn und warten, dann machte er seine Augen groß und fragte mich: »Was hast du denn da? Was ist denn das?«

»Dein Spaten«, sagte ich und wartete, bis er ihn genommen hatte.

Dann drehte ich mich schnell um und ging hoch zu den andern, die mich froh begrüßten und sagten, dass ich Onkel Ernst ganz bestimmt bei der Arbeit geholfen hätte.

Ich nickte und sagte: »Ja, der Spaten.«

Sie guckten mich an, als ob sie alle zusammen etwas sagen wollten, was ihnen aber allen zusamen im Hals stecken blieb.

»Der Spaten ist ihm hingefallen«, sagte ich.

Sie guckten sich gegenseitig an, dann wieder mich, dann wieder sich gegenseitig.

»Ich habe ihm den Spaten aufgehoben.«

Jetzt kam das Wort, das ihnen im Hals gesteckt hat, aus ihnen heraus: »Was?«

»Den Spaten,« sagte ich.

Meine Oma, meine Mutter und Tante Dorle wurden ganz steif, so wie die Puppen in den Schaufenstern. Dann drehten sich um und gingen langsam zum Fenster. Von dort aus guckten sie in den Garten hinunter.

Ich wusste nicht, was sie dort unten sehen wollten, außer vielleicht, ob Onkel Ernst noch im Garten war und mit seinem Spaten arbeitet.

Meine Oma, meine Mutter und Tante Dorle standen am Fenster und guckten hinunter in den Garten.

Und auf einmal wusste ich es. Auf einmal wusste ich, dass ich es schaffe. Später, wenn ich einmal alt bin, Taxifahrer werden.