Romanze

Das Gedränge, in dem ich steckte, geriet in Bewegung als der Bus sich näherte. Danach ereignete sich, wie an jedem Schultag, das Gleiche. Alle hatten ungeduldig gewartet und wollten ihre Chance, einen vorteilhaften Einstieg zu schaffen, noch in letzter Sekunde verbessern. So wechselten sie jetzt um einen Millimeter den Standort. Und so kam die ganze Masse ins Taumeln, vor und zurück, ohne sich von der Stelle zu bewegen. Der Bus fuhr vor und hielt. Die vielen Körper beugten sich dem Bus entgegen und gelangten um ein unsichtbares Stück in Schräglage. Die Wartenden in der ersten Reihe hoben schon ihre Arme an, obwohl die Tür noch nicht geöffnet war. Einige davon taten dies zu hastig. Sie befürchteten zu fallen und stützten sich vorsorglich an der Buswand ab. Als die Tür sich schließlich auftat, kippten die dort Wartenden ein wenig nach vorne. Sie hoben ihre Füße auf die Eingangsstufe und waren gleich darauf im Innern. Die seitlich Stehenden drückten und schoben, damit sie denen, die als Erste hinein gelangt waren, aufs Engste folgen konnten. Danach kam es zu Geschubse und Gerangel um die gerechte Reihenfolge, bis das Fordern und Streben sich langsam beruhigte. Die Unruhe legte sich gänzlich, als alle Erstanwärter eingestiegen waren und nur noch ein paar Nachkömmlinge zustiegen.

An der Mitteltür des Busses durften ausschließlich Personen einsteigen, die Mehrfahrkarten besaßen. So wie ich. So schaffte ich es fast immer, einen Stehplatz ungefähr eine Armlänge nahe der Stange in der Mitte der Plattform zu bekommen. Das war günstig. Denn so kam ich schnell nach Drinnen und nach zirka fünfzehn Fahrminuten auch schnell wieder ins Freie. Der Bus war Körper an Körper voll. Die Sitzplätze waren älteren Erwachsenen vorbehalten, was einige Schulkinder jedoch nicht kümmerte. Die meisten der jungen Leute aber drängten sich mit Anderen auf dem Gang und der Plattform.

Mich so eingepfercht zu fühlen, war mir unangenehm, auch wenn es nur für eine kurze Zeit war. Ich bewegte planlos meinen Kopf, mal in diese, mal in jene Richtung, es gab genug Richtungen und ich probierte alle aus. Ich dachte über nichts nach. Aber nein, das stimmt nicht, weil das nicht möglich ist. Also dachte ich doch über irgendetwas nach. Nur – die Dinge, die mich beschäftigten, interessierten mich nicht. Eher ärgerten sie mich, weil ich nicht wusste, wo sie her kamen und weil ich sie nicht los wurde. Und dann auf einmal dachte ich – keine Ahnung wieso – dass ich doch gar keinen Grund hatte, mich so hängen zu lassen, weil ich immerhin eine gute, für mein Wohlergehen sorgende Familie hatte, was nicht allen Kindern auf dieser Welt vergönnt war. Deshalb hatte ich sozusagen die Pflicht, mein Dasein zu lieben. Ich sollte zufrieden, ja wenn nicht sogar glücklich sein – doch undankbarer Weise war das nicht so, ich wusste die Vorteile, die mein Leben mir bot, nicht zu schätzen …

Wenn der Bus anfuhr, gab es einen Ruck, der die Körper ins Wanken brachte. Und hin und wieder kamen ältere Personen aus dem Gleichgewicht. Führte dies zu einem Unglück, verschaffte die Komik der Situation manchen Kindern ein unerwartetes Vergnügen. Aber von denen, die sich in Griffweite befanden, sorgten Einige auch zupackend oder stützend für Hilfe.

Aber heute war offenbar ein besonderer Tag. Ja, so war es. Dieser Tag gehört zu den Tagen, an die ich mich für den Rest meines Lebens erinnern sollte. Nicht, weil ich erkannt hatte, dass ich eine Familie besaß – sondern weil ich mich gleich darauf verlieben würde. Das war noch nie zuvor geschehen und lies mich vergessen, dass ich zu einer Familie gehörte. Ich wurde verzaubert von der ersten, ja vielleicht größten Liebe meines Lebens.

Es begann an meiner rechten Hand, mit der ich die Stange umfasste. Dort gab es noch eine andere Hand, die ich jetzt erst bemerkte. Wem diese Hand gehörte, sah ich nicht. Aber sie gehörte einem Mädchen, das fühlte ich. Und ich fühlte, dass auch sie es fühlte und dass dieses Fühlen nur uns beiden zugedacht war. Nur uns, ihr und mir. Für die Welt, die uns umgab, war es unirdisch – lag in seiner kribbelnden elektrisierenden Intensität außerhalb des Vorstellbaren. Einzig wir waren auserwählt, alleine wir erlebten diese Gnade des Schicksals.

Ich beugte mich langsam ein Stück nach vorne und hatte nun ein anderes Kind vor dem Gesicht, das ein Stück größer war als ich und eine Mütze trug. Es stand zwischen mir und dem Mädchenwesen, das ich zwei Armlängen weit weg hinter der Haltestange geortet hatte aber nicht sehen konnte. Ich schob meine Füße ein Stück über den Boden, vorbei an dem Kind, das mir die Sicht versperrte. Ich beugte meinen Körper weiter – und jetzt! – ja, jetzt sah ich sie. Sie stand, wie ich, eingeklemmt inmitten der Herde. Sie schaute irgendwo hin. Wo hin …? Sie hielt ihren Kopf so, dass mir der Anblick ihres Gesichtes verwehrt blieb. Daher konnte ich durch den Schleier ihrer Haare nur sehen, was zu sehen meine Fantasie mir erlaubte. Und so … so sah ich durch ihren Kopf hindurch bald auch ihr Gesicht. Ja … So … So sah es aus, das war ihr Gesicht! Und ich erkannte, dass ihre Haare und ihr Gesicht zueinander gehörten, dass diese Teile ihrer Person füreinander geschaffen waren. Ja … So … Genau so sahen ihre Haare aus und so … ja … so ihre Haare und ihr Gesicht gemeinsam. Und ich spürte mehr und mehr wie die Berührungsflächen unserer Hände und alles, was dazu gehörte – zu ihr und zu mir – noch inniger verschmolzen … zu einem WirBeide, das unseren Platz hier in dieser schäbigen Transportmaschine zu einem auserwählten magischen Ort machte.

Doch dann, nach Sekunden oder Tagen oder einer Ewigkeit des Verweilens in dieser Haltung, fand ich mich plötzlich in der Gegenwart wieder. Denn nachdem ich mich so unbestimmbar lange weggeträumt hatte in ein Paradies der Liebe, geschah etwas, das mich traf wie ein Blitzschlag und in eine Starre des Schreckens versetzte. Sie bewegte ihren Kopf. Sie drehte ihn. Es schien, als wolle sie zur Seite schauen. Aber nein, sie drehte ihn noch darüber hinaus – so dass ich befürchten musste, jetzt gleich mehr von ihr zu sehen, ihre Nasenspitze, ihre Nase und dann mehr noch und dann noch mehr … Und dagegen sträubte sich in mir alles, was sich in mir zu sträuben vermochte. Ich schloss zunächst meine Augen und begann nun meinerseits den Kopf zu drehen, abzuwenden von dem, was zu schauen ich so sehr hoffte, mich aber noch nicht wagte, es zu schauen oder gar zu begehren. Nein, nicht jetzt, später ja – aber noch nicht jetzt! Ich drehte meinen Kopf bis zum Anschlag des obersten Wirbels, verharrte dann in dieser Haltung eine längere Zeit, um danach schließlich meine Augen einen winzigen Schlitz weit zu öffnen – und dann noch einen Millimeter mehr und auf diese Weise nach und nach zu ihrer vollen Größe. Meine Augen blickten jetzt in die Gegenrichtung. Und so blieb es für eine Zeit. Mein Nacken schmerzte, während ich überlegte. Was war geschehen – was ereignete sich jetzt? Wo war ich? Hier natürlich. Wo sonst? Ich war hier in diesem vollgestopften Bus? Und ich spürte …! Ja …! Ich spürte nicht nur meinen Schmerz im Nacken – sondern vielmehr ihren Blick. Ich spürte ihn so, wie sie meinen Blick vielleicht gespürt hatte, als dieser noch auf ihr Hinterhaupt gerichtet war.

Ich sah wie sie mich anschaute und ich spürte wie die kleinen Flächen unserer Hände wie von der Gewalt magnetischer Kraft erzwungen einander berührten und ich spürte den prickelnden elektrisierenden Strom der uns vereinte.

Und ich sah ihr Gesicht, obwohl mein Blick abgewandt war. Ihr Gesicht sah aus – wie …? Ich konnte mir das Gesicht dieses Mädchens nur vorstellen, wenn ich alle Mädchengesichter vergaß, die ich je zuvor gesehen hatte. Ja, so! Es gelang mir, sie zu sehen, so sah sie aus – genau so! Jetzt durfte ich nicht mehr warten, aber gerade jetzt musste ich es tun … warten! Nur nicht voreilig sein! Aber auch nicht zu lange warten. ICH musste die Zeitspanne des Wartens bestimmen. Exakt und richtig, zeitrichtig – ohne Ungeduld, aber auch ohne falsche Geduld. Ich wartete noch und setzte meinen Kopf nun langsam drehend in Bewegung. Das war ein gutes, logisch richtiges Vorgehen. Denn solange ihre Hand sich dort befand, wo sie jetzt war, an der Stange und dort an der richtigen Stelle, wo die Flächen der Berührung meine Zuversicht bestätigten – was sollte geschehen? Was mir? Was ihr? Was UNS? Ich drehte meinen Kopf weiter und drehte ihn weiter und weiter in die gleiche Position, die er zuvor innehatte … Aber wie zuvor hatte auch des Mädchens Kopf wieder die vorherige Position eingenommen. Ich sah ihre Haare und hinter diesen verborgen ihre geheimnisvoll schönen Gesichtszüge, während unsere Hände einander berührten, als seien sie zu nichts anderem geschaffen als zu dieser Art noch unerklärter Liebe.

Aber wie zuvor setzte ihr Kopf sich jetzt wieder in Bewegung, begann sich langsam zu drehen und versetzte mich in Alarm. Ich tat, was ich vor Sekunden schon getan hatte, wandte mich ab bis ich den Schmerz spürte. Und wo ich den Schmerz spürte, spürte ich jetzt auch ihren Blick. Ich spürte, wie dieser sich senkte, meinen obersten Nackenwirbel berührte. Und ich spürte, wie er sich dann hob. Er traf mich jetzt oberhalb des Nackens, durchquerte meinen Kopf und erreichte mein Gesicht, das sich erwärmte und nun glühte und dann rötete. Ich atmete tief ein und aus. Und ich wartete, bis ich zu spüren glaubte, dass sich meine gewohnte Gesichtsfarbe wieder eingestellt hatte … Dann drehte ich meinen Kopf, um ihren Blick zu erwidern. Aber sie hatte ihr Gesicht erneut abgewandt. Ich sah nur das, was ich schon gesehen hatte, den Haarvorhang – die Verhüllung. Und bald danach erkannte ich wieder den zeitlupenhaften Beginn einer Drehung ihres Kopfes und versuchte stillzuhalten, zu warten, hielt es aber auch diesmal nicht aus. Ich machte eine Kopfdrehung, schaute weg, spürte gleich darauf schon die Erwärmung und die Errötung, die ich nun aber schneller überwand. Doch statt mir ihre Augen und ihr Gesicht zu zeigen, zeigte sie mir auch dieses Mal nur ihr Haar. Und wieder drehte ich mich weg, spürte bald schon ihren Blick, der mich durchstrahlte und erhitzte. Und als ich mich umdrehte, diesmal schneller, sah ich wieder nur ihr Haar und ahnte ihre Gesichtszüge. Wovor fürchtet sie sich denn? dachte ich. Und weiter ging es … wieder und wieder … nochmal nochmal … und schneller und schneller …

Bis es plötzlich ruckte, weil der Bus stoppte.

Wir standen an der Haltestelle, an der ich an Normaltagen ausstieg. Der Ruck hatte meinen Körper geschüttelt und mich zu einer ungewollten Bewegung gezwungen. Dabei verschob sich um wenige Millimeter die Hand, die mich mit meinem Mädchen vereinte. Der Kontakt war verloren. Und als ich, suchend und vor Aufregung zitternd, die Stange nach oben und unten abtastete, war die Stelle unserer Verbindung leer. Und auch ihren Kopf fand ich nicht mehr in dem Geschiebe, das gerade begonnen hatte. Ich bekam Angst und fing an zu schwitzen. Ich überlegte, ob ich jetzt, statt wie sonst hier auszusteigen, im Bus bleiben sollte? Dann schaffte ich mich, bevor die Tür schloss, wie ein Kraulschwimmer durch die verbliebene Masse und anschließend nach draußen. Dort verharrte ich lange auf der Stelle … Ich sah mir Alle an, die ebenfalls ausgestiegen waren. Sicherheitshalber sogar die Buben und die Alten. Denn ich hatte die dumpfe Furcht, einen wie auch immer gearteten Fehler zu machen. Ich wartete, bis keiner von den Menschen mehr da war. Ich blieb danach noch weiter stehn und dachte nach, grübelte vor mich hin. Schließlich machte ich mich auf den Heimweg. Immer noch tief in Gedanken versunken. Ich war so traurig. Ein Unheil war geschehen. Ich war dem Mädchen begegnet, das ich eines Tages zur Frau nehmen wollte. Aber wie sollte das gelingen? Wie sollte ich sie finden? Ich wusste ja gar nicht, wie sie aussah.