Die Polonaise
Ich bewegte mich zwischen den Häusern auf der Straße, bewegte mich voran wie viele Andere, die ihre Zeit sonst im Innern dieser Häuser verbrachten. Und viele Andere zogen es auch heute vor, in Ihren Wohnungen zu bleiben und das Leben, das sich draußen auf der Straße regte, durch die Fenster der Häuser zu betrachten. Ich bewegte meinen Blick im Wechsel von dem Weg, der sich vor meinen Füßen erstreckte, hin zu den Menschen, die mich und die Andern aus ihren Fenstern heraus beobachteten. Dann plötzlich, nachdem dies eine Weile so geschehen war, spürte ich zwei Hände auf meinen Schultern. Du bist du, hörte ich eine Stimme hinter mir sagen, und ich bin ich! Die Hände wurden schwerer, formten sich um meine Schultern zu einem festen Griff, schoben mich nach hier und nach da und lenkten meine Schritte dann auf einen anderen Menschen zu, so als sollte ich diesen schubsen oder rammen. Um dies zu verhindern, hob ich rasch beide Hände und fasste die Schultern des Menschen vor mir und sagte ihm, um die Belästigung zu entschuldigen: Du bist Du und ich bin ich! Aber wer, so fragte ich mich danach, bestimmt denn nun den weiteren Weg? Der Mensch hinter mir, der meine Schultern bewegte und so für meine Schrittfolgen die Richtung erzwang? Oder ich, der ich die Schultern des Menschen vor mir bewegte und so für dessen Schrittfolgen die Richtung erzwang? Jedoch – bei der Zahl der Menschen, die wir jetzt noch waren, blieb es nicht lange. Der Mensch, der sich an vorderer Stelle bewegte, packte einen neuen Menschen und verlängerte so unsere Gemeinschaft, während an hinterer Stelle neue Menschen mit ihren Händen, die sie auf freie Schultern legten, unsere Gemeinschaft in gleichem Maße verlängerten. Du bist du und ich bin ich!! So hallte es, lauter und lauter werdend, zwischen den Häusern. Eine tobende Lebendigkeit breitete sich aus, durch das sich bei vielen Menschen in den Fenstern ein Unbehagen einstellte, das sie nicht ertrugen. Ihr seid ihr und wir sind wir! So riefen bald einige Stimmen nach draußen, so dass sich die Stimmen der Menschen von draußen und die der Menschen von drinnen mischten: Du bist du und ich bin ich, ihr seid ihr und wir sind wir! Bald strömten die Menschen aus den Häusern, gesellten sich der Schlangengemeinschaft hinzu, machten sie länger und länger und aus dem Wirrwarr der vereinigten Kehlen formte sich das dröhnende Stimmengemisch: Ich bin wir und wir sind du! Die Polonaise bewegte sich stampfend auf die Halle zu, die zwischen den Häusern der Menschen ihren Platz einnahm. Zur Feier des Tages! So lautete die Inschrift über ihrem Hallenportal, das sich nun öffnete.
Perpetuum mobile
ZUR FEIER DES TAGES! So lautete die Inschrift über dem Portal der Halle. Die Polonaise, im Gleichschritt angekommen, trat jetzt auf der Stelle … Sie stampfte auf der Stelle vor dem Portal, das sich aufgetan hatte und den Weg ins Innere freigab. Dann setzte sie ihren Weg fort, marschierte im Gleichschritt um den beinahe raumfüllenden, mit Stühlen gesäumten Tisch herum, bis jeder den ihm zur Verfügung stehenden Platz eingenommen hatte. Ich glaubte zu hören, dass die Stille, die sich ausgebreitet hatte, sich zu regen begann, dass ein Klang die Stille übertönte und dieser Klang mehr wurde, lauter und immer lauter und dass sie die Kraft einer Melodie annahm, von der die Menschen sich packen ließen. Schließlich verfiel die Tischrunde in ein kleines, dem Rhythmus der Musik folgendes Hin und Her, Hin und Her …, das sich zunächst so klein anfühlte, dass ich es kaum wahrnahm … das nun aber, immer größer werdend, zu einem deutlichen Wanken und noch weiter sich steigernd zu einem Schunkeln anwuchs, das meinen Körper schwungvoll von einer Seite auf die andere warf. Zugleich setzte ein Brummen und dann ein Raunen ein, das bald zu einem Gemurmel anwuchs, das den Mündern der Versammelten entströmte, hervorgepresst durch deren Lippen, die, wie von ihren Atemströmen bewegt, bebten, dann vibrierten und dann zittern und leise einen Sprechgesang erzeugten: Wir wollen was wir wollen und tun es und tun was wir tun und wollen es! Zuerst durch die Bewegung meiner Lippen und danach meiner gesamten Mimik begann ich auf stumme Weise mein Einverständnis mit dem Tun der Versammlung zu bekunden. Dann spürte ich, wie mein Nachbar zur Rechten mich mit seinem linken und mein Nachbar zur Linken mit seinem rechten Arm unterhakte. Und danach ging es weiter und weiter hin und her, links und rechts – bis der Nachbar zu meiner Rechten, als ich die ihm zugeneigte Schrägstellung meines Körpers bis beinahe zur Kipplage innehatte, seinen Kopf drehte und mir unfreundlich ins Ohr raunte: Du schunkelst gar nicht, du lässt dich schunkeln! Und als er mich dann meinem linken Nachbarn zuschunkelte, ermahnte dieser mich in gleicher Weise: Du schunkelst gar nicht, du lässt dich schunkeln! Ich zuckte nervös zusammen, als ich die Vorwürfe vernahm und schämte mich sowohl nach der einen als auch der anderen Seite hin. Doch kaum geschehen, erkannte ich schon die Möglichkeit, meine Kritiker das Wundern zu lehren. Ich will was ich will und tue es! ließ ich meine Stimme vernehmen, so dass sie nach allen Seiten deutlich zu hören war. Dann schunkelte ich zuerst kraftvoll nach rechts und dann ebenso nach links. Ich hatte mit dem Erfolg, der sich fast augenblicklich einstellte, nicht gerechnet. Die Wucht meines gegen meinen rechten Nachbarn gerichteten Schunkelimpulses pflanzte sich von Person zu Person ruckartig und zugleich fließend um die Tischrunde fort, so dass ich die von mir selbst erzeugte Kraft, die Schunkelenergie schon im nächsten Augenblick von meinem linken Nachbarn zu spüren bekam und dessen Schub, verstärkt durch meinen eignen, wiederum an meinen rechten Nachbarn weitergeben konnte. Und ebenso verhielt es sich mit der Wucht, die ich nach links schickte. Ich tue was ich tue und will es! tat ich kund und machte weiter, rechts, links, rechts, links … und verausgabte mich von mal zu mal, so als hätte ich Reserven für eine Ewigkeit. Ich will was ich will und tue es und tue was ich tue und will es! feuerte ich die Andern lautstark und immer mächtiger an, bis ich einen Zustand erreichte, der mir verriet, dass wir das Ziel jetzt vielleicht erreicht hatten. Unser Schunkeln hielt unsere Stimmen und unsere Stimmen unser Schunkeln im Gleichgewicht. Und ich selbst hatte meinen beiden Nachbarn und diese ihrerseits den ihren soviel gegeben, dass keiner mehr auf fremden Schub angewiesen war. Ich ließ mich jetzt tatsächlich schunkeln … schunkeln und schunkeln – ganz so, wie sie es mir zu Beginn der Feier vorgeworfen hatten. Ich bewegte weiterhin meine Lippen, so dass sie glaubten, dass ich noch frohen Mutes beteiligt sei. Und ich hörte meine innere Stimme, die mir bestätigte, dass der Platz, den ich innehatte, der meine war: Ich schunkle weil ich schunkle und tue es und will was ich tue und schunkle! Ich will schunkeln, natürlich will ich schunkeln! Ich will geschunkelt werden, natürlich will ich geschunkelt werden! Ich schunkele weil ich schunkeln will und will geschunkelt werden, schunkle weil ich schunkle und will geschunkelt werden … Ich werde geschunkelt von links und schunkle zurück nach rechts und werde geschunkelt von rechts und schunkle zurück nach links und werde geschunkelt von links und schunkle zurück nach rechts und ich schunkle hin und schunkle her und hin und her und weiter und weiter und immer und immer weiter und immer noch …