»Tolle Hütte, die Sie sich da geleistet haben!«
Die beiden Männer, die das sagten, lachten einander zu. Sie hatten ihr Lob fast einstimmig und wortgleich so gesprochen.
Ihre Häuser – lückenlos Seite an Seite stehend und gerade schlüsselfertig an die Bauherren übergeben – könnten ähnlicher nicht sein und unterschieden sich nur durch die Nummernschilder zur Straßenseite hin. Und die Grundstücke dahinter lagen noch ohne Grenzmarkierung wie eine gemeinsame Wiese nebeneinander.
Dort, auf der noch nicht markierten Grenze, standen die Beiden nun und führten ihr Gespräch, das dem Kennenlernen dienen sollte.
Dass der eine von ihnen Junggeselle und der andere verwitwet war, hatte sich rundum schon lange herumgesprochen, so dass dieser Teil des näheren Kennenlernens ohne ihr Zutun bereits erledigt war.
Und so beschlossen sie, ihre Bekanntschaft zu vertiefen und zu einem Umtrunk auf dem Grünbereich hinter ihren Häusern zusammenzufinden. Sie nahmen Platz an einem Tisch, den sie auseinander klappten und so stellten, dass dessen Fläche sich je zur Hälfte über den Grund des einen und den des andern erstreckte.
Sie prosteten einander zu, tranken und tranken, beschwipsten und duzten sich und beschlossen, auf einen Zaun, der die künftigen Gärten voneinander getrennt hätte, zu verzichten.
Als sie sich Tage später dann erneut begegneten, siezten sie sich wieder.
Sie redeten über Gartengestaltung.
Nach einer Weile unterbrach der Junggeselle das Gespräch, machte stirnrunzelnd eine kurze Pause und sagte dann: »Waren wir eigentlich nicht schon beim Du?«
Der Witwer überlegte und antwortete lächelnd: »Ach? Ich hatte am Morgen darauf einen ganz schönen Brummschädel.«
Der Junggeselle lächelte ebenfalls, nickte und wackelte mit dem Zeigefinger vor dem Gesicht des Witwers: »Ich denke, Sie waren etwas zu spendabel beim Nachschenken.«
»Na ja«, antwortete der Witwer und zuckte mit den Schultern, »dann bin ich wohl in die eigene Falle getappt.«
Beide lachten und setzten ihr Gärtnereigespräch fort …
Danach ging jeder lange Zeit seines Weges, ohne dass sie einander begegneten.
Bis sie sich eines Tages wiedertrafen und der Witwer seinem Nachbarn mitteilte, er habe beschlossen, sich eine Katze anzuschaffen, denn wer einmal eine Frau hatte …
Der Junggeselle unterbrach ihn mit einem freundlichen Lachen und verkündete: »Natürlich, ein Tier! Aber ja! Das stand für mich schon lange fest.« Dann rümpfte er die Nase und fuhr fort: »Aber doch bitte keine Katze, sondern, wenn schon, dann einen Hund. Eine Katze …?« Er schüttelte dabei den Kopf, senkte seinen Blick und schaute dem Witwer milde lächelnd auf die Füße.
Auch der Witwer lächelte und sagte: »Oh, da habe ich mit meiner Wette doch tatsächlich richtig gelegen.«
»Mit Ihrer Wette?« erkundigte sich der Junggeselle. »Sie haben gewettet? Mit wem denn?«
»Doch nicht richtig gewettet«, erwiderte der Witwer, »sondern eine Art innere Einschätzung vorgenommen, sozusagen mit mir selbst gewettet.«
»Aha, mit sich selbst gewettet …?« rätselte der Junggeselle, nickte mit dem Kopf und bewegte, sein Nicken verstärkend, den Oberkörper mehrmals vor und zurück, »nun ja, dann können Sie sich ja wirklich freuen, denn Sie haben Ihre Wette gewonnen – ich gratuliere! Eine Katze also, na ja …«
»Danke,« entgegnete der Witwer, »ich freue mich schon sehr, das können sie mir glauben.« Er deutete zur hausfernen Begrenzung des Grundstücks hin, wo er einen Zaunpfosten mit einem Fähnchen aufgestellt hatte. »Damit unsere vierbeinigen Freunde sich hoffentlich vom Leib bleiben«, erklärte er, »in Eintracht verbunden, so wie wir – wir beiden Hübschen.«
»Es soll Familien geben«, meinte der Junggeselle und blickte nachdenklich am Kopf des Witwers vorbei, »wo Hund und Katzen in wahrer Freundschaft zusammen leben. So jedenfalls hat man es mir erzählt, aber wer weiß …«
»Klar, nichts ist unmöglich«, antwortete der Witwer, »aber zur Sicherheit will ich von dort …« Er deutete auf den Pfahl mit dem Fähnchen. » … bis zu den Häusern einen Zaun aufstellen.«
»Na, gut, warum nicht!« sagte der Nachbar.
Der Andere nickte ihm aufmunternd zu. Er verließ den Garten und ging in seine Wohnung.
Tags darauf war er wieder zu Stelle. Er trug Arbeitskleidung, holte Werkzeug und Baumaterial herbei und fing an, von der rückwärtigen Hausfront aus einen Zaun zu bauen.
Der Junggeselle baute schon. Er war früher aufgestanden, schneller gewesen …
»Ich hoffe«, erklärte der Witwer ihm eines Tages, als die beiden Zaunhälften in der Grenzmitte zusammengeführt waren, »dass Sie meinen Teil des gemeinsamen Werkes zufriedenstellend finden, Herr … Herr …? Wie war doch noch Ihr …« Er presste die Lippen aufeinander und legte die Stirn in Falten. Er dachte nach, hob schließlich die Schultern und ließ sie dann wieder sinken.
»Auf jeden Fall sollten wir«, schlug der Eine dem Andern beim nächsten Zusammentreffen vor, »unseren Vierbeinern keinen vermeidbaren Stress zumuten.«
Und um einen Anfang zu machen, hob er am Tag darauf auf seiner Seite des Zaunes eine Vertiefung aus, streute Samenkörner hinein und füllte die Vertiefung mit der zuvor ausgehobenen Erde wieder auf.
Im Spätherbst, versprach er, werde das aus der Saat entsprießende Efeugeflecht die Zaunfläche blickundurchlässig verdecken und zumindest dem visuellen Anteil der naturgegebenen Feindschaft der beiden Tierarten entgegenwirken.
»Bis dahin«, widersprach der so Belehrte, »wird Ihre durchaus bedenkenswerte Maßnahme aber sicherlich ihren Zweck verfehlen, denn wenn meine Katze Ihren Hund erst einmal wahrgenommen und als Grund ihrer genetisch bedingten Verachtung und Angriffslust verinnerlicht hat, können Sie sich doch wohl vorstellen …« Dann winkte er ab, wandte sich um, verließ nachdenklich gesenkten Hauptes den Ort des Gespräches und fuhr wenig später mit seinem Wagen in einen nahegelegenen Bau- und Gartenmarkt. Und spät am Abend machte er sich ans Werk.
Am folgenden Morgen wurde er geweckt durch einen Schrei aus der Kehle des Junggesellen. Er eilte hinaus, bezog auf seiner Seite des Zaunes ungefähr dort Position, wo auf den Gegenseite der Andere in Stellung gegangen war, denn sehen konnten sie einander nicht.
Was denn dieser Unsinn solle!? schrie der Witwer. »Wie können Sie es wagen, diesen Zaun bei Nacht und Nebel mit Kletterpflanzen zu versehen und dann noch mit einer Sorte wie diesen, die an Geschmacklosigkeit doch wohl kaum zu überbieten sind.«
Aber diese künstlichen Gewächse, antwortete der Hundefreund, hätten doch den unbestreitbaren Vorteil, ihren Zweck als Sichtblenden ab sofort zu erfüllen – und zwar pflegeleicht bis zum Tod der Katze.
Die in Worten geführte Rauferei dauerte lange. Und dem folgte ein mehrtägiges Schweigen.
Diese Stille wurde von dem Katzenliebhaber gebrochen, indem er, das Bellen eines Hundes parodierend, durch seinen Garten stolzierte, gekontert von dem Mann auf der anderen Seite, der den Terror mit quietschenden Miautönen erwiderte.
Als diese Art der Kampfführung ausgereizt war, setzten sie die Angriffe fort durch Kampftöne ihrer eigenen Lieblinge – der Junggeselle furchteinflößend knurrend, der Witwer gefährlich fauchend.
Jedoch wurden diese Versuche von den gegnerischen Territorien her mit Gelächter und Spottrufen beantwortet.
Dann ging der Herbst seinem Ende zu, lange Zeit hatte Ruhe geherrscht, die den Mitbürgern der Straße schon Hoffnung auf eine Dauerhaftigkeit dieses Zustandes gab.
Aber eines Tages stand der Junggeselle wie ein Seiltanzakrobat auf dem hohen Rand des Zaunes.
»Komm doch!« schrie er. »Ich bin bereit!«
Und bald war auch der Witwer oben. Jedoch, noch vor dem Beginn eines Schlagabtausches, verloren beide die Balance, wonach der Witwer auf dem Grundstück des Junggesellen landete und der Junggeselle auf dem des Witwers.
Dann, benommen und panisch auf Händen und Füßen flüchtend, krabbelte jeder der Beiden in die nächstgelegene Tür, der Junggeselle in die Wohnung des Witwers und der Witwer in die Wohnung des Junggesellen.
Danach herrschte in beiden Häusern Geräuschlosigkeit. Es folgte eine Zeit, in der die Männer öffentlich nicht in Erscheinung traten.
So kam nach Ablauf der gesetzlichen Frist eine Sondergruppe der Polizei zum Einsatz. Die Polizisten stellten die Nichtanwesenheit der gesuchten Personen fest. Und nach neuerlichen Überprüfungen übertrug, wie in solchen Fällen üblich, das zuständige Polizeiressort die Angelegenheit an die Vermisstenbehörde, die später das weitere Vorgehen in die Wege leitete …