Mord spielt keine Rolle

Sie stand bereit. Der Koffer stand neben ihr, neben ihrem Bein. Sie spürte ihn, er berührte sie an ihrem Knie. Sie war sehr nervös und sehr ungeduldig. Und sie glaubte zu spüren, dass auch der Koffer, ganz so wie sie selber, sehr nervös und ungeduldig darauf wartete, hier wegzukommen. Sie starrte abwartend die Haustür an, horchte nach draußen … Und dann, bald darauf … endlich …! Ja, jetzt endlich war es soweit. Sie hörte, wie draußen das Taxi vorfuhr … wie das Taxi nun anhielt … und wie gleich darauf die Tür des Taxis geöffnet wurde. Sie hörte Gemurmel. Die Stimme des Taxifahrers und die Stimme ihres Mannes. Sie hörte beide Stimmen gedämpft durch die Haustür. Sie hörte wie ihr Mann sich von dem Taxifahrer verabschiedete und hörte dann bald, wie er näher kam. Leise Schritte, fast schleichend. Und wie er nun innehielt. Wie er zögerte, ja, das spürte sie. Und wie ihm nun flau war im Magen, oh ja, das konnte sie nachempfinden. Und wie er immer noch zögerte. Wie er abwartete. Und jetzt … jetzt den Schlüssel einschob und ihn drehte und noch eine Sekunde wartete … und dann die Tür öffnete.

         Und jetzt stand er vor ihr!

         Er blickte sie aus schmalen Augenschlitzen an, seine Lippen waren zusammengekniffen.

         Dann verwandelte ein Lächeln seine Miene. Und er begrüßte sie wohlgelaunt: »Hallo, meine Liebe!«

         »Guten Tag,« grüßte sie ihn leise zurück.

         Er senkte den Kopf, sah nach unten, dann schaute er ihr wieder ins Gesicht …

         Ihre Blicke trafen sich. Sie schwiegen eine Weile.

         »Nanu,« sprach er schließlich, »was willst Du denn mit dem Koffer?« Er stellte den Koffer, den er selber trug, auf dem Boden ab.

         »Einmal darfst Du raten.«

         »Du … willst verreisen?«

         »So ungefähr. Ja.«

         »So ungefähr?! Was soll dieser Unsinn? Wo willst Du hin?«

         »Fort. Ich will weg.«

         Er straffte seinen Körper, atmete tief ein und aus. »Willst Du mich auf den Arm nehmen?« Seine Stimme klang heiser.

         »Auf den Arm?« Sie schüttelte den Kopf. »Nein … Nein, das will ich nicht.«

         Er atmete erneut tief ein und aus. »Kannst Du mir das bitte etwas näher erklären? Ich komme nachhause und Du …«

         »Ich gehe. Das ist ganz einfach.«

         »Das ist es nicht!« rief er. »Das ist es gar nicht!«

         »Du siehst gut aus,« meinte sie und lächelte kühl. »War die Messe ein Erfolg?«

         »Ich finde, wir sollten jetzt nicht das Thema wechseln!« fuhr er sie an.

         »Oh doch,« widersprach sie, »wir könnten zum Beispiel übers Wetter reden.«

         »Übers Wetter?!« Er klatschte sich mit der Hand gegen die Stirn. »Sag mal, spinnst Du?!«

         »Hier war es grau und trist, während Du weg warst,« fuhr sie unbeirrt fort. »Geregnet hat es. Kein Sonnenstrahl hat den Weg zur Erde gefunden. In ganz Mitteleuropa nicht.«

         »Weißt Du, allmählich wird es mir zu dumm!« beschwerte er sich mit bitterer Stimme.

         »Alle hier klagen über das schlechte Wetter,« hielt sie ihm vor.

         »Ja ja ja …« seufzte er.

         »Und Du? Du verschwindest und kommst zurück mit einer hübschen Urlaubsbräune.«

         »Ich habe eine Sonnenbank überfallen,« versuchte er zu scherzen.

         »Witzig, sehr witzig,« entgegnete sie.

         »Okay okay okay,« fuhr er in einem anderen, einem nun schroffen Ton fort, »jetzt reicht es mir aber! Ich habe keine Lust, mich weiter einem derart lächerlichen Verhör zu unterziehen!«

         »Das ist kein Verhör!« fuhr sie ihn an. »Ein Verhör ist nötig, um einen Lügner zu entlarven – und die Wahrheit herauszufinden! Und die Wahrheit kenne ich schon eine ganze Weile!«

         »Die Wahrheit? Ach, Du kennst die Wahrheit?« sprach er, bemüht um eine ahnungslose Stimme. »Und was IST Deine Wahrheit?«

         Sie gab einen heftigen Schnaubton von sich und ihre Faust schnellte nach oben …

         Er zuckte erschrocken zusammen und hielt schützend den Unterarm vor sein Gesicht.

         Sie verharrte eine Sekunde in ihrer bedrohlichen Pose, dann öffnete sie ihre Hand, hielt ihm den Mittelfinger vor die Nase und zischte ihn wütend an: »Du bist ja ein so armseliger Pisser!«

»Jetzt spielst Du Dein Spiel aber ganz schön unterhalb der Gürtellinie, meine Liebste!« klagte er vorsichtig.

         »Und wo hast DU Dein wunderschönes Spiel während der vergangenen Wochen gespielt, mein Liebster?«

         »Ich … ich …« machte er und schloss für einen Moment die Augen, so als müsse er nachdenken.

          »Die Kurzformel für die Wahrheit, die Du von mir hören willst, lautet: Linda!« sagte sie mit nunmehr ruhiger Stimme. Sie schob das Kinn ein Stück vor und lächelte ihn frostig an.

         Er schnappte nach Luft. Dann rief er empört: »Das … das ist ungeheuerlich!«

         »Was ist ungeheuerlich?« fragte sie und lächelte nun beinahe freundlich.

         »Du hast mir nachgeschnüffelt!«

         »Nachgeschnüffelt? Nein, das brauchte ich nicht,« erwiderte sie kopfschüttelnd. »Es wussten doch schon fast Alle bescheid. Ich war ja eine der Letzten, die es erfuhr.«

         Er machte eine fahrige Bewegung. Er wollte etwas sagen. Aber er sagte es nichts.

         Eine Weile standen sie einander schweigend gegenüber.

         Und dann redete seine Frau weiter. »Dass sich der Urlaub Deiner Kollegin mit Deiner Dienstreise deckte, war nicht schwer herauszufinden. Ich brauchte nur in der Firma anzurufen, um …«

         »Was?!« schrie er. »Du hast in der Firma angerufen?!«

         »Keine Angst,« beruhigte sie ihn. »Ich habe Deinen Namen nicht benutzt. Ich habe mich als eine Freundin von Linda ausgegeben. Es bleibt also unter uns, dass auch ich inzwischen zum Kreis der Wissenden gehöre.«

          Er suchte nach Worten. »Ich … ich finde …  ich denke trotzdem, ja … trotz Allem …« meinte er irritiert, drehte den Kopf und blickte nach der Seite.

         »Was? Was findest Du und denkst Du trotz Allem?« fragte sie ihn.

         Er schaute sie wieder an. »Dass Du nicht richtig gehandelt hast.«

         »So? Und wie hätte ich Deiner Meinung nach handeln sollen? RICHTIG handeln natürlich?«

         »Mit MIR reden, ja! Du hättest beispielsweise mit MIR reden können. Als Dir das Gerücht zugetragen wurde, wäre es naheliegend gewesen, MICH darauf anzusprechen.«

         Sie hob die Augenbrauen und sagte spöttisch: »Eine interessante Formulierung, die Du da gebrauchst. Das Wort ‚Gerücht’, meine ich. Frage: Wie verwandele ich die Wahrheit in ein Gerücht? Antwort: Indem ich sie tuschelnd hinter vorgehaltener Hand verbreite. – Wunderbar!«

         Er gestikulierte unbeholfen und flehte sie theatralisch an: »Ich bitte Dich, erspare mir Deine Wortglaubereien! Es geht hier doch um unsere Ehe!«

         »Ach so!« antwortete sie sarkastisch. »Entschuldige, dass ich den Ernst der Lage nicht erkannt habe!«

         »Linda und Du …« erklärte er mühsam, »… ihr seid doch … ihr seid ganz verschiedene Menschen.«

         Sie lachte auf. »Deine Logik ist beeindruckend!«

         »Das zwischen Linda und mir, das ist eine ganz andere Sache als die Beziehung zwischen uns beiden.«

         »Logischer gehts nun wirklich nicht mehr. Du steigerst Dich.«

         »All die Jahre, unsere gemeinsamen Jahre, das ist doch mehr, mehr als … als nur ..«

         »Als nur so ein kurzer Flitterwochenurlaub! Logisch hoch zwei. Ich bin ehrlich beeindruckt.«

         »Ich könnte mir ein Leben ohne Dich nicht vorstellen, das ist wahr. – Wirklich.«

          »Ich hoffe, Du hast unter unserer Trennung nicht allzu sehr gelitten.«

         »Du wirst es mir nicht glauben, aber es gab Momente, da hast Du mir gefehlt.«

         Wieder lachte sie laut. »Wenn Du jetzt noch sagst, Du hättest vor Sehnsucht nachts in Dein Kissen geheult, kommen auch mir die
Tränen.«

         »Ich finde, Du nutzt unsere momentane Situation schamlos aus,« meinte er vorwurfsvoll.

         Sie stutzte. »Wie bitte?!«

         »Moralisch, das ist unbestritten, befindest Du Dich selbstverständlich in  der  stärkeren Position. Und daraus leitest Du das Recht ab, mich unfair und demütigend …« Plötzlich stockte seine Stimme und er schaute mit großen Augen und hastigen Kopfbewegungen in alle Richtungen. »Was ist denn hier los?« raunte er vor sich hin. Dann sah er seine Frau an und wiederholte seine Frage jetzt laut und deutlich. »Was ist denn hier los?!«

         »Nichts mehr,« antwortete sie.

         »Die Bilder! Der Teppichläufer?« fragte er. »Überhaupt alles. Wo ist das alles hin?«

         »Weg, alles ist weg,« erklärte sie ihm. »Nichts ist mehr da. Nicht hier, wie Du siehst. Und auch nirgendwo sonst. Im ganzen Haus nicht.«

         »Das kann nicht sein!« meinte er bestürzt. »Was soll das? Soll das wieder so eine komische Überraschung sein? Ich finde das gar nicht komisch!«

         »Nein,« setzte sie ihre Erklärung fort. Das IST auch nicht komisch. Ich habe alles verkauft. Alles.«

         »Du hast – was?!«

         »Ich habe alles verkauft.«

         »Das ist nicht möglich! Das kann nicht sein«

         »Doch,« antwortete sie, »es WAR möglich. Du hast mich ja, könnte man sagen, dabei unterstützt. Du hast mir für alles, was zu tun war, die nötige Zeit gelassen.«

         »Das ist … ungeheuerlich! Du hast alles … wirklich alles …«

         »Ja. Alles. Das ganze Inventar … Alles, was beweglich war. Beweglich und natürlich verkäuflich.«

         »Ich kann es nicht glauben!«

         »Glaub mir. In diesem Haus gibt es nichts mehr, was von Wert und … und von Nutzen sein könnte. Alles ist weg, alles alles.«

         »Du … du musst wahnsinnig sein!«

         »Ich habe mich noch nie so gesund gefühlt … psychisch und auch so …« Sie hob die Arme und winkelte sie an, so als ließe sie ihre Muskeln spielen. »Ja, auch so …« Sie ließ ihre Arme sinken und lächelte zufrieden.

         »Die Einrichtung hat ein Vermögen gekostet,« sagte er leise und erschöpft.

         Sie nickte zustimmend. »Ich weiß. Sonst könnte ich mir meine Reise doch gar nicht leisten.

         »Und der Schmuck!?« erkundigte er sich in bangem Ton. »Was ist damit?«

         »Für meinen Schmuck habe ich am schnellsten Käufer gefunden.«

         »Für DEINEN Schmuck?! Es war nicht DEIN Schmuck! Du durftest ihn tragen, ja, natürlich – wer sollte ihn sonst …?« Er verdrehte die Augen und machte eine vage Geste. »Zeigen, jaja, klar, aber für mich … war er eine Kapitalanlage.«

         »Ja, das war er,« stimmte sie ihm versöhnlich zu, »eine Kapitalanlage! Und eine sehr gute. Da sind wir vollkommen einer Meinung.«

         Durch seinen Körper ging jetzt ein Ruck. Dann deutete er auf ihren Koffer und sagte mit drohender Stimme: »Wenn Du glaubst, dass ich Dich damit aus dem Haus lasse …!«

         Sie atmete genervt ein und aus und verzog dabei abschätzig ihren Mund. Dann erklärte sie: »Der Inhalt dieses Koffers dürfte Dich kaum interessieren. Der Erlös aus meinen Verkäufern befindet sich längst auf dem Flughafen. In einem Schließfach.«

         Sein Körper entspannte sich, erschlaffte … Er schwieg, bewegte den Kopf unruhig hin und her, suchte nach Worten … Schließlich beugte er sich vor, starrte ihr in die Augen und fing an zu reden: »Und Du stellst Dir das so einfach vor, ja …? Du glaubst, Du kannst Dich seelenruhig zum Flugplatz begeben und kannst dort das Geld aus dem Schließfach nehmen und kannst Dich dann in den Flieger setzen und auf nimmerwiedersehn verschwinden?« Er schwieg kurz, um seinen Worten mit bohrendem Blick Nachdruck zu verleihen, dann sprach er weiter: »Du glaubst, ich lasse das einfach so geschehen? Du glaubst das im ernst? Sag mal, BIST Du eigentlich so naiv, oder was …?«

         »Ich bin weder naiv,« antwortete sie, »noch sonst was. Das wirst Du sehen.«

         »Wir leben in Gütertrennung,« sprach er bedeutungsvoll, »hast Du das eigentlich vergessen? Wenn ja, dann möchte ich Dich hiermit ausdrücklich daran erinnern. Und da Du VOR unserer Ehe nichts besessen hast, besitzt Du im Fall einer dauerhaften und juristisch reglementierten Trennung ebenso wenig, nämlich: NICHTS!«

         »Ach ja, das hatte ich wirklich vergessen,« meinte sie ironisch, »Du hast mich aus der Gosse aufgelesen und dorthin müsste ich jetzt eigentlich wieder zurück.«

         »Was Du gerade vorhast,« belehrte er sie, »ist nichts anderes als Diebstahl. Ja, Diebstahl – jawohl!« Er wartete, um zu erkennen, ob seine Worte eine Wirkung bei ihr erzielen würden, dann fuhr er fort: »Wenn Du jetzt tatsächlich gehst, bist Du eine Diebin, eine ganz erbärmliche, eine ganz gewöhnliche Diebin.«

         »Das spielt in dem Land, in das ich reisen werde, keine Rolle,« erklärte sie ihm und lächelte dabei. »Zwischen meiner alten und meiner neuen Heimat gibt es kein Auslieferungsabkommen.«

         »Du, hör mich doch bitte mal an,« bat er eindringlich, »Ich will Dir noch eine reelle Chance geben.«

         »Eine Chance?« fragte sie ungläubig. »DU …? MIR …«

         »Ich mache Dir einen Vorschlag, ein ernsthaftes Angebot.«

         »Ich bin in Eile. Das Flugzeug wartet nicht.«

         »Du MUSST mich anhören, ich bitte Dich!«

         »Schön, aber fass Dich kurz.«

         »Wir vergessen das Ganze, okay?«

         »Vergessen? Wie stellst Du Dir das vor?«

         »Wie ich es sage: vergessen! Ich bin dazu bereit, Ehrenwort.«

         »DU vielleicht. Aber ICH nicht.«

         »Wir werden mit dem Geld aus dem Schließfach alles zurückkaufen und …«

         »Zurückkaufen?!« Sie unterdrückte ein Lachen. »Nein, nein! Aber selbst wenn ich das wollte, das wäre doch irgendwie … albern, ja.  Es wäre ein Verlustgeschäft. Man bekommt dabei doch nie den früheren Wert.«

         »Ich pfeife auf den früheren Wert, verdammt nochmal!!! Ich will, dass Du hier bleibst! Hier …! Bei mir …!«

         »War das alles, was Du mir noch sagen wolltest?«

         »Bitte! Du bist meine Frau! Lass uns dieses unschöne Kapitel aus unserem Leben streichen und versuchen, wieder …«

         »In meinem Leben hat das nächste Kapitel schon längst begonnen.«

         »Ich sagte Dir bereits, auch wenn es Dir angesichts der Dinge, die geschehen sind, unglaubwürdig erscheinen mag: Ich kann ohne Dich nicht leben!«

         Sie griff in die Tasche ihres Mantels und zog eine Pistole heraus. »Das musst Du auch nicht.« Sie hob die Waffe und drückte ab.

         Er riss die Arme hoch, sah seine Frau, die Augen weit geöffnet, an und stammelte dann: »Was … was hast Du getan?«

         »Ich habe Dich erschossen,« antwortete sie, »DU stellst vielleicht dämliche Fragen.«

         Er taumelte jetzt und rief ihr dann mit gurgelnder Stimme etwas Unverständliches zu. Dann gestikulierte er heftig, so als ob er in der Leere zwischen sich und ihr nach einem Halt suchen würde. Dann fiel er zu Boden und zappelte und röchelte.

         Seine Bewegungen wurden langsamer. Und jetzt lag er still und hörte auf zu atmen … Ganz kurz noch zuckte sein Mund und er stieß mit gepresster Stimme hervor: »Du … Du Mörderin …!«

         Sie hob langsam ihre Schultern und ließ sie langsam wieder sinken. »Auch das spielt in meinem künftigen Heimatland keine Rolle,« erklärte sie, »Adieu!«

         Dann nahm sie ihren Koffer und verließ das Haus.