Betteln und Hausieren verboten! Ein Schild mit dieser Aufschrift ist in Augenhöhe an der Tür meines Hauses angebracht. Und ein Duplikat davon trage ich sozusagen in meinem Herzen. Ich verachte Menschen, die aus dem Mitleid und der Güte anderer Kapital schlagen. Im Grunde genommen könnten sie mir gleichgültig sein – das sind sie jedoch beileibe nicht. In meiner Heimatstadt gibt es etwa ebensoviele Bettler, die auf die edlen Gefühle der Passanten spekulieren, wie Tauben, die von alten Damen mit Brotkrumen gefüttert werden. Man stolpert förmlich über sie. Sie sitzen auf dem Bürgersteig, benutzen die Geschäftsfassaden als Rückenlehne und machen mit beschrifteten Pappschildern auf ihr unvergleichliches Elend aufmerksam. ‚Haftentlassener bittet um eine kleine Starthilfe‘, oder ‚Bin ohne Arbeit und Obdach‘, oder ‚Ich habe Hunger, danke‘. Wenn einem da nicht die Tränen kommen! Witziges und Originelles sieht man selten, zum Beispiel Formeln wie ‚Benötige dringend Geld, um mir einen Strick zu kaufen‘, oder ‚Bin wegen unerlaubter Bettelei vorbestraft und bitte um eine milde Gabe‘. Derartiges, finde ich, rechtfertigt einen Kreativitätsbonus. Da greife ich schon mal tiefer in die Tasche und lasse drei oder vier Münzen in den Bettelhut fallen. Der Standardschmarotzer ist mir gerade mal einen Cent wert. Jedem das ihm Gebürende, lautet meine Devise. Ich trage ständig eine handvoll Centstücke in meiner Hosentasche, eigens zur Beglückung unseres Bettelvolkes. Leider gibt es in unserer Währung keine kleinere Geldeinheit. Viele Menschen gehen achtlos mit starr geradeaus gerichtetem Blick und schlechten Gewissens an unseren Bettlern vorbei – ich nicht! Bin ich nicht großzügig? Und die gute Tat, muß ich sagen, trägt ihren Lohn in sich, denn mir ist es immer wieder eine Freude, diese Art von Wegzoll zu entrichten. So zeige ich den geringsten meiner Mitmenschen, dass sie mir nicht gleichgültig sind, ja dass sie mir sogar etwas wert sind – und insbesondere was sie mir wert sind. Ich frage mich, was in den Köpfen der Beschenkten dabei vorgehen mag. Was bleibt übrig von dem falls überhaupt vorhandenen Selbstwertgefühl einer solchen Kreatur, wenn sie erwartungsvoll meine geschlossene, den Spendenbetrag noch verbergende Hand belauert, und wenn dann, nach zwei, drei, vier Sekunden der Spannung meine Faust sich öffnet und dieses Münzlein freigibt? Für mich stellt diese Art der Beschenkung eine Befreiung dar. Ich fühle mich, wenn ich meinen Weg danach fortsetze, leichter – nicht um das Gewicht einer winzigen Münze, sondern um einen Klumpen drückender Verachtung, der mir im Magen lag. Danach ist spüre ich eine wohltuende Wärme im Herzen, und ich kann es mir nicht verkneifen, still in mich hineinzukichern. Wenn jeder so großzügig wäre wie ich, dann wären alle Bettler reiche Leute, hihihi…! Weniger angenehm ist mir der Umgang mit Bettlern, die, statt passiv dazusitzen und ein stummes Stück Pappe zu benutzen, ihre Tätigkeit mittels ihrer Beine und ihrer Sprache verrichten – ‚fliegende‘ Bettler, wie ich sie nenne. Sie marschieren auf die Zielperson zu, rücken ihr hautnah auf den Leib, nennen forsch den zu entrichtenden Betrag oder stimmen irgendein rührseliges, ihr grausames Schicksal beklagendes Lied des Jammers an. Aber auch diese Sorte ist bei mir an der falschen Adresse, oder, je nach Sichtweise, an der richtigen. Keine drei Worte kommen ihnen über die Lippen, dann sind sie schon bedient. ‚Nein!‘ sage ich – und falls erforderlich in unmißverständlich scharfem Ton noch einmal: ‚Nein!!. So funktioniert das. So ist das Leben. So wäre gut und schön, was ich erzähle – wenn dies der Schlußsatz wäre. Doch das ist nur der eine Teil der Geschichte. Den anderen zu erzählen, ist mir peinlich. Ich könnte auch sagen: sie ist mir unheimlich. Denn außer der großen Schar von Mittellosen, Schnorrern und Unnützen, die mein Leben bereichern, gibt es noch einen, der nicht dazugehört – und dennoch dazugehört, mehr als der übrige bedeutungslose Rest. Bei dieser Gestalt versagen die geschilderten Techniken, bin ich stets von neuem hilflos, ja ohnmächtig. Ich bringe meine Lippen nicht zum Grinsen. Ich begreife meine Gefühle nicht, die mich sonst befähigen, mit Leichtigkeit zu verachten. Mir scheint, als sei ich blind für eine Gestalt, die mir zum Anfassen nahe ist. Sie ist mir ein Geheimnis, das ich nicht zu enträtseln vermag. Ich weiß nicht, wie lange unsere erste Begegnung zurückliegt. Ich erinnere mich daran wie an ein Ereignis, das aus meinem Gedächtnis gelöscht ist, oder das ich mir, obwohl es nie stattgefunden hat, zwanghaft ohne zeitliche Zuordnung einbilde. Eines Tages war er da, dieser Mann, er tauchte auf, stand plötzlich vor mir. Das war der Beginn des – Spieles? Des Spieles gegen wen? Wer ist dieser Mensch? Was könnte ich über ihn sagen? Über sein Alter, seine Kleidung, seine Statur und so weiter …? Vor allem aber über die Art, wie wir uns begegnen – den Hauptgrund für mein Besorgnis. Es gelingt ihm nach Belieben, meiner habhaft zu werden, mich zu finden, zu stellen, wann immer er will und wo immer er will. Mag das Gedränge, durch das ich mich bewege, noch so erdrückend sein, mag ich auch noch so sehr auf der Hut sein – es gibt kein Entkommen! Und es gibt keine Möglichkeit, die Zeiten der Begegnung vorherzusehen oder auch nur zu ahnen. Was geschieht, kann sich noch heute ereignen, vielleicht aber erst morgen, vielleicht übermorgen, oder an irgendeinem Tag der nächsten Woche, des nächsten Monats oder Jahres. Vielleicht habe ich einige Jahre Ruhe, weiß aber nicht wieviele – das macht die Ruhe trügerisch und zermürbend. Und während ich warte, stelle ich mir die unbeantwortete Frage – was überhaupt ist es, das ihn als Bettler ausweist? Wodurch gibt er sich als Bettler zu erkennen? Er spricht nicht, und er streckt seine Hand nicht aus. Unsere Wege kreuzen sich, als sei ein nur von ihm erkennbarer Zufall im Spiel. Was würde er wohl antworten, wenn ich ihn fragen würde, was er von mir will? ‚Dein Geld‘? Oder: ‚Dich einkreisen, Dich umzingeln!‘ Ja, es ist nicht übertrieben, wenn ich sage, dass dieser Mann es schafft, mir das Gefühl zu vermitteln, von ihm umzingelt zu sein. Ich sehe ihn auftauchen, ändere jäh meinen Weg, fliehe irgendwo hin, in öffentliche Gebäude, Kaufhäuser, Ladenpassagen – wo er sich schon bereithält, mich erwartet. Vergebens frage ich mich, wieso ich mich auf die Jagd, die er mir aufzwingt, einlasse. Was hindert mich daran, ihn zu ignorieren, so wie die anderen Passanten es tun? Warum zumindest greife ich nicht in die Hosentasche und beschenke ihn mit einer der Münzen, die ich für solche Zwecke mit mir führe, sondern zücke großzügig meine Brieftasche? Irgendetwas hält mich davon ab, mich zu verschließen, seine unausgesprochene Forderung nicht zur Kenntnis zu nehmen, obwohl ich mir das oft vorgenommen habe und immer wieder vornehme. Auch hält mich eine in meinem Kopf verankerte Weisung davon ab, ihn, wenn auch nicht mit einer Centmünze, so doch mit einer nur bescheidenen Summe abzufinden, sondern mit einem Betrag, den ich mir gar nicht leisten kann. Dabei ist er kein Mensch, der einen ärmlichen, einen gaunerhaften oder im kriminellen Sinne bedrohlichen Eindruck auf mich macht. Trotzdem habe ich schon überlegt, ob ich mich nicht durch eine strenge Vorgehensweise gegen ihn wehren sollte – ob nicht polizeilicherseits etwas gegen ihn unternommen werden könnte. Aber was? Denn was tut er mir? Genaugenommen bin ich derjenige, der ihm etwas tut. Ich dränge ihm Geld auf, von dem ich nicht weiß, ob er es will. Ich biete es ihm an, indem ich meine Hand ausstrecke, um es dann, noch während ich kehrt mache, loszulassen und davonzueilen, fluchtartig – so als hätte ich ihn bestohlen.