Lockruf der Krähe

An den ersten Morgen, an dem ich durch dieses heisere Stöhnen aus dem Dämmerschlaf geweckt  wurde, kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich erinnere mich nur an ein widerliches Röcheln, dem in kurzen Abständen das gleiche Geräusch folgte, minutenlang … immer wieder und wieder. Ich konnte die Richtung, aus dem die Foltertöne meine Ohren quälten, noch nicht orten. Schließlich beschwerte ich mich bei einem der diensthabenden Ärzte, der sich als für mein Problem nicht zuständig erklärte. Und danach beschwerte ich mich bei den Leuten von der Morgenvisite, dem Chefarzt und seinem Team, auch das ohne Erfolg. Dann beschloss ich, dem Verursacher meiner Qual selbst auf die Spur zu kommen. Das Geräusch kam von draußen, das hatte ich inzwischen erkannt. Und heute früh, als ich es erneut vernahm, stand ich aus dem Bett auf und schaute aus dem Fenster. Das Übel war ein Vogel, eine Krähe. Sie saß auf der anderen Seite, am Dachrand des gegenüberliegenden Klinikgebäudes, wo sie in bester Laune den Tag begrüßte. Ich stand am Fenster und beobachtete sie durch die Scheibe. Sie schaute zu mir herüber … und ich könnte schwören, dass sie mich erkannte und mich, nur mich berühren wollte mit ihrem Singen. Es war ein Blickduell, das nun zwischen uns stattfand. Dabei sang sie fröhlich und voller Lust weiter – und ich hasste sie tief und innig. Und ich wusste sofort, dass ich solche Begegnungen nicht weiter dulden könnte. Das würde in meinem Gemüt Spuren hinterlassen. Deshalb beschloss ich, meine Notlage durch eine Hinrichtung zu beenden. Noch am selben Tag suchte ich im Internet nach einer Flinte, die ich bald fand, inklusive Munition und Gebrauchsanweisung. Die Bestellung wurde prompt erledigt, schon tags darauf kam die Ware. Die Krankenschwester, die mir das Päckchen überreichte, guckte dabei so neugierig und fragend, dass ich sie nicht weiter im Ungewissen lassen wollte. Da sei eine tödliche Waffe drin, verriet ich ihr. Worauf sie einen Augenblick nachdenklich vor meinem Bett stand und dann belustigt kicherte. Wunderbar – durch meine Ehrlichkeit hatte ich diese Schwester aufgemuntert und vielleicht momentan eine Verbesserung ihrer Stimmung herbeigeführt.  Und nun begann das lange Warten. In der Nacht vor der Vollstreckung meines Urteils litt ich unter unangenehmen Krankheitsschüben. Ich zitterte und schwitzte, mein Herz raste und die Atemluft wurde mir knapp … Und ich zweifelte an meinem Verstand. Bald hielt ich es im Liegen nicht mehr aus. Ich stand auf und holte die Flinte unter dem Bett hervor. Ich hatte sie am vergangenen Abend zusammengesetzt. Sie war bereit! Und ich auch, trotz des quälenden Lampenfiebers, das mir seelisch und körperlich zu schaffen machte. Ich stellte mich vors Fenster. Ich hatte das Gefühl, einer großen, einer erlösenden Rache nahe zu sein. Ich schaute ungeduldig zu, wie es draußen heller wurde. Ich hatte die Flinte mit dem Knauf gegen den Boden gestemmt. Meine Hand umklammerte ihren Lauf. Ich fixierte das andere Gebäude, den Rand des Daches. Schließlich öffnete ich das Fenster, ich konnte nicht anders. Ich atmete die kühle Luft, ich atmete tief ein und aus. Bald … bald musste sie kommen, die Krähe, die sich in den Abgrund meiner Seele gesungen hatte. Sie durfte mich doch heute nicht im Stich lassen, ausgerechnet heute … Die Sekunden vergingen, jede davon eine Ewigkeit … Und dann – ja! – jetzt endlich war es soweit. Ich hatte gewusst, dass ich mich auf sie verlassen konnte. Sie kam pünktlich, mein Herz schlug vor Freude. Sie setzte sich am Rand des Daches nieder, sie, die Diva, saß dort und ließ nun hören, was sie konnte. Und ich ließ mir noch ein wenig Zeit. Ich wollte mir – vom Vorglück euphorisiert – noch ein paar Töne ihres Liedes zu Ohren kommen lassen. Sie krächzte voller Hingabe, so böse, so hässlich, als spüre sie meine gierige Erwartung. Ja, nur zu  …! Ich hob die Flinte und beugte mich über die Fensterbank … und ich legte an … Nun war die Flinte in Schussposition – so wie auch ich. Die Sekunde der Rache war da! Noch warten … genießen … gleich …! Die Krähe krächzte aus voller Brust. Und ich … ich zielte … Ich war jetzt nur noch ICH. Ich hatte das Tier dicht vor meinem Lauf … und z…i…e…l…t…e … Bis plötzlich die Tür des Zimmers von draußen geöffnet wurde und eine Stimme mich aufschreckte: Nein! Ich erkannte die Stimme, sie gehörte dem Klinikgeistlichen, den ich schon anlässlich meiner Einweisung bei seinem Ersuchen nach gemeinsamen frommen Gesprächen hatte abblitzen lassen. Und hinter ihm stand die Krankenschwester. Dieser einfältige Mensch hatte meinen Bluff mit der tödlichen Waffe nicht begriffen,  sie hatte mich ernst genommen. Und SIE war es, die mir diesen Heiligen geschickt hatte. Und der stand nun da und bekreuzigte sich: Nein! rief er noch einmal und kam dann auf mich zu. Vor mir blieb er stehn und bekreuzigte auch MICH: Er tippte mir gegen die Stirn, den Bauch und die linke und rechte Brustseite. Ich ließ die Flinte auf der Fensterbank los und ergriff seine Hand. Ich wollte ihm die Finger brechen. Aber der Pastor war kein geduldiger Heiliger. Er packte mich am Hals, schüttelte mich und schrie: Duuuu …! Ich sah seine Augen und spürte, dass er mich umbringen wollte.  Jetzt rammte er mir seine Stirn ins Gesicht, so dass ich nach hinten taumelte. Und dann hob er mich, mit einer vielleicht von seinem Gott verliehenen Kraft, an und stieß mich noch ein Stück weiter. Ich landete auf der Fensterbank, drohte zu kippen und hakte mich mit angewinkeltem Fuß zwischen seinen Schenkeln fest. Ich ruderte mit den Armen und wollte etwas rufen, ihn um die Hilfe seines Gottes bitten. Aber er lachte nur, war jetzt vom Teufel besessen. Er sprang zurück, so dass mein Fuß den Halt verlor. Ich zappelte und traf die Flinte neben mir, die sich überschlug und in die Tiefe fiel. Dann fiel ich selber.

Und es blitzte der Gedanke durch meinen Kopf, mir stünde nun eine Art des Fallens bevor, die ich aus meiner bisherigen Zeit in ähnlicher Weise schon kannte. Denn ich war eine von vielen Ängsten gepeinigte Person und schloss nicht aus, dass mein Leben noch böse, unvorhersehbare Überraschungen für mich bereithalten könnte. Und ich hatte geübt, solchen Misslebigkeiten durch einen klugen Suizid zuvorzukommen. Ich hatte mir ein Programm ausgedacht, in dem mentale Fallübungen dazu dienten, schneller zu sein als das Schlimmste – dem Bösen sozusagen ein Schnippchen zu schlagen, die Zeit zu überlisten. Nun aber fiel ich in eine Zeit, die aufhörte, Zeit zu sein. Weil sie nicht existierte. Das verstand ich nicht. Nur so kann ich es sagen. Ich fiel in ein Erleben ohne Zeit und ohne den Raum, den ich kannte. Ich stürzte ab in einen Raum, der unter mir aufhörte und auch über mir nicht mehr vorhanden war. Ich spreche von einer physikalischen Singularität, einem Punkt, einem nulldimensionalen Phänomen, dem mit allen Möglichkeiten räumlicher Weite ausgestatteten Nichts. Dort, in diesem paradoxen Vorkommnis, raste ich jetzt hinab. Und ich war frei von allen Gefühlen, die mir unangenehm sein könnten. Das hatte ich so nicht erwartet. Ich war jetzt auf meinem richtigen Weg. Das Gebäude, aus dem ich fiel, ragte bis in den ewigen Kosmos. Aber das Ende des Unendlichen kam schnell näher. Bis nach Dort war es nicht mehr weit. Die Zeit, der dumme Irrtum, hatte aufgehört zu narren. Es gab kein Warten. Ich war schon in Berührung. Ich war da. NULL!

Und die Krähe saß immer noch oben, dort, wo mein Projektil sie hätte treffen und töten sollen. Sie hatte ihren Gesang eingestellt, machte jetzt mehrere Flügelschläge und stieg dann auf, hoch in den Raum zwischen den beiden Gebäuden. Hier oben hielt sie die Flügel nun ruhig und schwebte im Bogen abwärts. Sie überkreiste meinen Körper und bedeckte diesen mit einem schwarzen Schatten. Sie schwebte weiter, den Radius ihrer Runden verkürzend, tief in Bodennähe und setzte jetzt zur Landung an. Dicht neben dem zerstörten Leib des Jägers endete ihr Flug. Sie war gelandet. Sie schüttelte ihr Gefieder und kam zur Ruhe. Sie verweilte eine kurze Zeit an diesem Ort und begab sich dann zu meinem Kopf. Der Mensch, der hier lag, war ihre Beute – ja, wie könnte es anders sein? Sie neigte sich zur Seite und schob ihren Schnabel zwischen dem Boden und meinem Kopf zu meinen Augen hin, die am Boden klebten. Dann untersuchte sie den dortigen Zwischenraum. Sie wollte sich vergewissern, dass alles seine Richtigkeit hatte. Sie tastete alle Stellen ab, an die sie zwischen meinem Kopf und dem Boden herankam. Ja, stellte sie bald fest, alles hatte seine Richtigkeit. Alles war gut. Alles entsprach ihren Vorstellungen. Nachdem sie zu diesem Befund gekommen war, zog sie Kopf und Schnabel zurück und richtete sich auf, nahm ihre vorherige Haltung wieder ein. So, nun konnte das Weitere geschehen. Sie war guter Dinge. Sie trat mehrmals auf der Stelle, machte ihre Krallen geschmeidig und verfiel nun in ein rhythmisches Tänzeln. Dann setzte sie sich in Bewegung. Vergnügt umtänzelte sie mehrmals meinen Körper und hüpfte dann auf meinen Rücken. Dort machte sie weiter. Sie tanzte lange Zeit auf mir herum und stoppte später vor meinem Nacken. Dann machte sie einen Schritt nach vorne, setzte sich nieder und verharrte in nachdenklicher Pose. Worüber dachte sie denn gerade nach? Sie schien mir antworten zu wollen auf diese Frage, indem sie mir Morsezeichen zwischen die Haare pickte. Danach sprang sie zurück auf den Boden, wo sie eine Weile neben meinem Kopf stand. Zuerst stand sie still, dann vollzog sie eine Drehung und schaute hinüber zu der Flinte, die weitab von mir auf dem Boden lag. Dann rannte sie mit kleinen schnellen Schritten los, hob ab, ergriff im Tiefflug die Waffe und trug sie nach oben. Und in der Höhe über mir bot sie nun eine Schau, von der niemals Jemand glauben würde, dass sie sich so ereignet haben könnte. Es war eine Tanznummer, die jetzt dort stattfand. Sie, die Kreatur und die Flinte, verschmolzen zu einer verschworenen Einheit, einem Paar, das keine andere Idee hatte, als meinen Körper zu verspotten. Sie drehten sich, machten Überschläge, flogen Figuren in allen Variationen und strebten mehr und mehr aufwärts und im Bogen hinüber zu dem anderen Gebäude. Sie drehten sich nun vor dem Rand des Gebäudes, wo die Kreatur noch eben gesessen und mit ihrer Stimme geprahlt hatte. Jetzt tanzten sie propellerschnell auf der Stelle, dort, vor der Dachkante, um dann plötzlich zu bremsen und zu stoppen. Zum Abschluss folgte eine Wurmspirale – und dann setzte die Kreatur sich nieder auf die Dachkante und platzierte die Flinte an ihrer Seite. Danach schaute sie zu dem Körper hin, der vor dem anderen Gebäude lag. Sie lotete die Entfernung aus und den Winkel zwischen ihrem eigenen Platz und des Körpers dort unten. Sie korrigierte die Lage der Flinte mehrmals bis diese richtig lag, bis sich zwischen Lauf und Ziel eine gerade Linie erstreckte. Nun setzte sie sich zurück neben die Flinte. Sie saß jetzt dort oben auf der Dachkante und schaute hinunter auf die Leiche, die sie im Visier hatte … Und anschließend wölbte sie ihre Brust und fing wieder an zu singen.