Sie verließ das Haus, in dem sie gerade die bedrückende Wahrheit erfahren hatte. Die Tür schloss sich klackend hinter ihrem Rücken. Sie ging einen kurzen Schritt, dann hielt sie inne. Sie hatte die Augen weit geöffnet. Sie stand auf der Stelle und wollte nicht weiter. Sie wartete … Sie stand … Sie atmete kaum. Sie wartete auf Etwas, aber nichts geschah. Sie war taub, blicklos, leer … Sie senkte den Kopf und schniefte und versuchte zu weinen, aber es gelang ihr nicht. Sie war entrückt, sie hatte sich in einen Raum begeben, den es nicht gab. Sie wusste kaum, wo sie war. Die Befürchtung habe sich nun eindeutig bestätigt – das hatte man ihr mitgeteilt. Bedauernd. Aber sachlich. Einfach so. Sie hob jetzt ihren Blick, schaute sich um. Wo … wo war etwas, das sie suchte? Ihr Auto …? Wo hatte sie es geparkt. Sie suchte mit Sorge nach ihren Kindern. Und wo war das Auto? Es waren zwei, ein Junge, ein Mädchen. Sie war verzweifelt. Die Parkreihe war lang und zwischen den Autos gab es keine Lücken. Und dann … dort, ja, dort drüben stand ihr Auto. Ihre Kleinen machten sich manchmal einen Spaß daraus, sich zu verstecken, wenn sie sie suchte. Aber so waren sie nun mal, ihre Lieblinge. Lebendig. Verspielt. Und immer zu Streichen bereit, vor allem, wenn es ihnen damit gelang, der Mutter Kummer zu bereiten. Aber jetzt war es endlich genug. Sie hatten ihren Spaß gehabt und sollten sich nun wieder fügen. Sie fing an, nach ihnen zu rufen. Und sie wurde allmählich ungeduldig und auch ein bisschen wütend. Wahrscheinlich spielten sie Nachlaufen und geisterten zwischen den Autos herum und hatten die ganze Welt und sogar ihre Mutter vergessen. Die Frau musste mehrfach rufen und immer lauter, bis die Beiden sich endlich einfanden. Sie gab ihnen jetzt die notwendigen Anweisungen für die bevorstehende Nachhausefahrt und deshalb sei jetzt sofort Schluss mit diesem Herumtoben. Sie sprach freundlich und klar, wobei sie ihre Worte ganz deutlich machte, indem sie diese Laut für Laut buchstabierte und aus ihrer Kehle presste. Ihre Kinder machten jetzt Anstalten zu tanzen, aber sie herrschte sie an aufzuhören. Jetzt standen die Kinder vor ihrer Mutter und starrten diese an. Der Blick der Frau huschte zwischen den Kindern hin und her, während sie die Hände hob, so als habe sie vor, die Beiden zu segnen oder die Handflächen zu einem Gebet zusammen zu führen. Nein, stopp! ertönte in diesem Moment eine Stimme, die aus allen Richtungen zu kommen schien, sie dürfen ihren Kindern doch nicht die Köpfe zusammenschlagen! Die Mutter erstarrte, so dass ihre Hände auf halber Höhe zum Stillstand kamen. Sie sah sich suchend um nach der Quelle dessen, was sie gehört hatte, dann vernahm sie die Stimme noch einmal. Das sei doch wirklich nicht nötig, hallte es in ihren Ohren, es gäbe ja vielleicht noch andere Möglichkeiten! Sie stieß einen Ton zornigen Unmutes aus, danach schnappte sie ihre Kinder, schüttelte sie, stopfte sie in den Kofferraum ihres Autos und knallte diesen zu. Später, zuhause angekommen, empfing ihr Mann sie mit einer innigen Umarmung und zärtlichem Kuss, bis er sich schließlich erkundigte, ob das, was sie heute erfahren hatte, ihnen noch Hoffnung übrig ließe? Wie der Befund gelautet hätte? Nichts, antwortete die Frau mit heiserer Stimme, nichts nichts nichts! Der Mann sah seine Frau sorgenvoll an und strich ihr sanft übers Haar. Wir dürfen unseren Glauben und unsere Anstrengungen trotzdem nicht aufgeben, versuchte er sie zu trösten. Ich weiß nicht, seufzte die Frau und schüttelte bekümmert den Kopf, manchmal denke ich, vielleicht ist es so eine Art höherer Wille, dass wir es nicht schaffen. Dann setzte sie sich auf den Kofferraum. Ihr Mann berührte ihre Schulter und sagte leise: Komm jetzt, wir gehen rein. Nein, antwortete sie, ich bleibe hier sitzen – hier! Aber jetzt komm doch, erwiderte er geduldig, wir können doch später nochmal darüber reden. Sie schüttelte den Kopf und stieß trotzig hervor: Sollen sie doch ersticken da drin! Wo … wer …? murmelte er verwirrt. Sie wischte seine Hand von ihrer Schulter und antwortete: Ich wäre ihnen ja sowieso keine gute Mutter.