Junge Liebe

Jetzt sah ich ihn, oh ja … ich sah einen Krüppel, der mir auf dem Weg zwischen den Parkanlagen entgegen kam … hinkend und grimassierend … so angestrengt, so qualvoll, so erbärmlich … Er umklammerte, sich mühsam auf den Beinen haltend, den Griff seines Stockes, mit dessen Hilfe er sich fortbewegte. Ach du Stolperbein, du Jammergestalt! vernahm ich eine tonlose Stimme, die meine eigene war. Ich presste die Lippen aufeinander und schaute dem armen Kerl entgegen. Der ist doch kaum älter als ich, dachte ich mir. Oder vielleicht sogar jünger. Oder? Oder was? Und ich spürte dabei so eine winzige Art von Stolz und auch eine kleine Art von Mitleid … eine Freude, ja, die mich fast beschämte. Und ich fühlte mich auf einmal so gegenwärtig, so … einverstanden …! Ich verspürte ein Prickeln,  eine Übereinstimmung – war so prall erfüllt von Lebenslust! Und dann … dann plötzlich … oh …! Plötzlich sah ich … diese … Beiden! Diese beiden Wesen … wie gezaubert, wie aus einer Märchengeschichte, zwei junge, ganz junge Menschen … zwei Kinder, die dort drüben, am Rand des Weges, auf einer Bank saßen … und auf die jetzt auch die Kreatur mit dem Stock aufmerksam wurde. Die Beiden – ein Junge, ein Mädchen – sie bemerkten weder mich noch den Andern, denn sie waren voller Eifer mit liebevollem Küssen beschäftigt. Aber ja! rief meine innere Stimme ihnen zu. Lasst euch nur nicht stören! Ihr habt doch Besseres zu tun als so einem Hinkewesen oder auch mir nur einen Blick zu gönnen, eine Spur von Aufmerksamkeit, von Beachtung – oh nein, nein, küsst euch nur, küsst euch weiter, immer weiter, denn das Leben ist kürzer als ihr denkt! Und als ob sie meine Worte vernommen hätten und sich angespornt fühlten, machten sie genau das, sie machten weiter, gaben sie sich unermüdlich ihre kleinen unschuldigen Küsse und wollten sonst gar nichts mehr in ihrem noch so frühen Leben … und sie wurden bald immer frecher miteinander und immer mutiger in ihrer kindlichen Begehrlichkeit … und sie küssten und küssten sich immer wieder, immer wieder und wieder … und sie suchten mit ihren Händen und Fingern nach den geheimnisvollsten verstecktesten Stellen an ihren unvollendeten Kinderleibern … hier und da und überall und taten alles was ihnen einfiel und was ihnen gerade möglich war und Lust machte. Und die Sonne beschien den Park und das Knirschen des Weges und begleitete rhythmisch mein übermütiges Vorwärtskommen. Dies, so dachte ich mir, ist unsere Zukunft – Liebe und Glück! Ja, das gefiel mir! So sehr und sehr und mehr und mehr. So dass ich jetzt versuchte, mich an meine eigenen Kinderjahre zu erinnern. Und ich fühlte mich auf einmal so gänzlich verwandelt – so richtig neugeboren. Ja ja ja!  Aber … ach …! Das Alles gefiel gar nicht dem Hinkemann, diesem Krückstockwesen, das sich aus der anderen Richtung diesem Ort des Glückes näherte! Denn plötzlich, nachdem dieses Wesen zuvor ruckartig seine Schritte gestoppt hatte, zeigte es, dass noch Reserven in seinen Beinen steckten. Es startete durch, humpelte auf die Kinder zu und hielt vor der Bank inne, um dann schimpfend Stimme und Stock zu erheben: Was macht ihr denn da?! Wisst ihr denn gar nicht, was sich gehört?! Seid ihr vielleicht nicht ganz richtig im Kopf?! Seid ihr vielleicht verdorbene Affen?! Und so weiter und so weiter. Ich näherte mich langsam, stand jetzt neben dem Unhold, sah und hörte mir das Geschrei noch eine Weile an und schritt schließlich ruhig und mit glasklaren Worten ein: Was wollen Sie denn von diesen Kindern? Ja, was denn?! Was wollen Sie denn von ihnen?! Sind Sie eventuell neidisch? Sind Sie ganz einfach nur neidisch nur neidisch neidisch neidisch!? Das könnte doch sein, dass Sie nichts anderes sind als neidisch, ja, stimmt doch, oder? Wann haben SIE denn zum letzten Mal geküsst? Und überhaupt, was erlauben Sie sich hier? Warum stören Sie zwei junge Menschen, die sich lieb haben? Haben SIE schon mal jemanden lieb gehabt? Und hat SIE schon mal jemand lieb gehabt? Ist es vielleicht DAS – dass sie gar nicht wissen, was das ist: lieb zu haben und lieb gehabt zu werden!? Ich fuhr fort mit meiner Zurechtweisung, bis der Alte erschlaffte und seinen zum Zepter erhobenen Stock senkte. Mitleidig den Kopf schüttelnd, betrachtete ich ihn noch eine Weile, dann wandte ich mich ab und warf den Kindern ein freundliches Lächeln zu, das von diesen ebenso freundlich erwidert wurde. Und so sahen die beiden Kinder mich eine ganze Weile an. Und dann fragte das Mädchen mich auf einmal: Bist du vielleicht auch neidisch? Und der Junge lächelte weiter und sah mich dabei fragend an. Und ich stand benommen da und wusste gar nicht, was ich sagen sollte. Zuerst, eine ganze Weile, wusste  ich nicht, was ich sagen könnte. Und dann schließlich fuhr es aus mir heraus: Neidisch …?! Wer, ich …?! schrie ich die Beiden an. Und ich ging einen Schritt auf die Rotznasen zu und schrie noch einmal: Und überhaupt, wer hat euch denn erlaubt, mich zu duzen?! Darauf sagte der Junge: Ich habe dich doch gar nicht geduzt. Und danach hörte ich, wie der Krüppel hinter mir prustete und dann in ein meckerndes Lachen verfiel.