Als ich sie erblickte, raste eine Hitzewelle durch meinen Körper. Narrte mich ein Tagtraum, eine Sinnestäuschung? War sie das – SIE? War das wirklich SIE? Ich zweifelte zunächst. Natürlich tat ich das, denn seit vielen Jahren schon hatte ich SIE gesucht und nicht gefunden. Und schließlich, schon lange, hatte ich die Hoffnung aufgegeben, SIE jemals zu finden. Ich hatte ich beschlossen, ihre Existenz zu leugnen. Das, so meinte ich, könnte meine Not lindern, mich mit meinem geizigen Schicksal versöhnen. Es gab SIE nicht, hatte ich entschieden, basta, zumindest nicht auf diesem Planeten. Vielleicht sonst irgendwo, weit weg von hier, Lichtjahre entfernt, in einer anderen Galaxis. Und jetzt – jetzt plötzlich war SIE da – SIE! Nicht Lichtjahre trennten uns, sondern nur wenige Meter, zwanzig ungefähr. Ja, das war SIE … und SIE wandelte hier auf dieser Erde, auf diesem Bürgersteig. SIE bewegte sich inmitten einer Masse von Fußgängern, die ich mit meinem Blick sofort zur Seite schob, einfach wegwischte. Und jetzt, ja, jetzt gab es nur noch SIE. Ich sah nur ihre abgewandte Seite und sah dennoch ihre Augen, ihre Nase, ihren Mund, ich sah ihr Kinn und ihren Hals und weiter noch – weiter weiter … ich sah ALLES. Ich erspürte ihr ICH – ihr WESEN! Ich beschleunigte meine Schritte, halbierte die Distanz. Ich sah, wie ihre Haare, zu einem Pferdeschwanz gebunden, ihre Schultern streicheln würden, wenn SIE sie offen trüge. Ich halbierte erneut die Distanz, als SIE sich plötzlich umdrehte, innehielt und mich ansah. Ich machte noch wenige Schritte und stand jetzt vor ihr. Sie lächelte mich an und sagte dann: Ich habe ihren Blick gespürt. Ich erschrak, spürte wieder eine Hitze in mir. Aber es war eine andere als eben, als ich SIE von hinten erblickt, ihre Rückseite wahrgenommen und ein Glücksschock mich erschüttert hatte. Wer war diese Frau? Sie war hübsch … ehrlich … zugegeben. Alles war so wie es sich für ein ansehnliches weibliches Wesen gehörte. Die pferdeschwänzig am Hinterkopf gebundenen Haare, sehr mädchenhaft, wunderbar, ok, ja, ok! Und die Augen, die Nase, der Mund, das Kinn, der Hals, ja ja ja und so weiter und so weiter – alles sympathisch und eventuell sogar hübsch. Aber wo war denn – ja wo war denn das, was ich zuvor erahnt hatte, wo war denn dieses … dieses GEWISSE? Sie lächelte immer noch. Wirklich sympathisch und hübsch, nichts auszusetzen. Obwohl ich keinen Grund hatte, ihr irgendetwas zu erklären, erklärte ich ihr: Tut mir leid, aber … ich habe Sie mit jemandem verwechselt, entschuldigen Sie bitte. Verwechselt, wirklich? sagte sie, lächelte noch sympathischer und fuhr fort, dann haben wir etwas gemeinsam, denn ich verwechsele Sie auch mit jemandem, mit einem Menschen, den es gar nicht gibt. Ach ja? sagte ich. Es gibt so einen Traum …, fuhr sie fort. Ach ja? sagte ich erneut. Es ist, fuhr sie fort, immer der gleiche, ein immer sich wiederholender Traum. Ja? sagte ich. Mit immer denselben Menschen, fuhr sie fort. Ich sah sie an und bedauerte, dass ich SIE so knapp verfehlt hatte. Und einer dieser Menschen, sprach sie weiter, sind Sie. Ich? sprach ich verwundert. Ja, antwortete sie, wie aus dem Gesicht geschnitten sind Sie ihm, wie … wie sein Zwillingsbruder, sein eineiiger Zwillingsbruder. Ich wusste nicht, was ich dazu noch sagen sollte. Sie sagte zunächst auch nichts, aber dann, nach kurzem Schweigen, sagte sie: Ich weiß, dass ist unüblich, ich mache das zum ersten Mal, darf ich Sie, als Frau, den Mann, einladen … zu … zu einer Tasse Kaffee vielleicht? Es gelang mir nicht, ihr die Bitte abzuschlagen. In dem Café, in das wir uns begaben, duzten wir uns schon bald. Sie war doch so hübsch. Es war nett mit ihr. Sie erzählte mir wieder von ihrem sich immer wiederholenden Traum und anderen Dingen aus ihrem Leben. Ich hörte ihr zu, nickte, stimmte ihr zu. Ich machte ihr Komplimente, lobte ihre Haare, den Pferdeschwanz, der so gut zu ihr passe und dies und das. Sie wollte wissen, ob ich Kinder möge. Natürlich, behauptete ich und nickte und nickte wieder. Aber ein einziges Kind genüge ihr nicht, erklärte sie, es sollten mindesten zwei sein, wegen der sozialen … der sozialen …? Sie machte eine Geste, die das Wort, das sie suchte, ersetzen sollte. Ich stimmte ihr zu und meinte, dass die Eheleute sich die Elternaufgaben unbedingt teilen sollten. Ja, stimmte sie mir ihrerseits zu. Und zwar, ergänzte ich, nicht nur was den zeitlichen Aufwand betreffe, sondern auch hinsichtlich der erzieherischen Maßnahmen, die stets in beiderseitigem Einvernehmen zu treffen seien. Aber selbstverständlich, bekräftigte sie meine Ansicht und verdrehte genervt ihre schönen Augen, darüber brauchen wir doch gar nicht erst zu diskutieren! Natürlich nicht, stimmte ich ihr zu. Und sie nickte. Und dann schob SIE langsam ihre Hand vor und ich schob ihr meine Hand langsam entgegen … und dann berührten sich unsere Fingerspitzen …