Frau Bick spielt Frau Bick einen Schabernack

Frau Bick lebte schon seit vielen Jahren hier. Sie hatte den Bau des Hauses gemeinsam mit ihrem Mann, einem jungen Lehrer, bereits vor der Eheschließung geplant und bewohnte die beiden Etagen nun alleine, heute zweiundsechzigjährig und Witwe des Gymnasialdirektors, als der ihr Mann vor vier Jahren, wenige Monate nach seiner Pensionierung, gestorben war.

Die Dame im Nachbarhaus, auch sie Anfang sechzig und ebenfalls Witwe, war gerade erst zugezogen und teilte sich das Haus und die Miete mit einem Herrn etwa gleichen Alters. Die Nachbarin bewohnte das Erdgeschoß des Hauses nebenan, der Herr die erste Etage.

Frau Bick, die Witwe des Schulleiters, erfuhr von dem Zufall, dass die Witwe, die nun neben ihr wohnte, ebenfalls eine Frau Bick war, am Tag nach dem Einzug der beiden Fremden, als diese bei ihr klingelten, um sich ihrer neuen Nachbarin vor­zustellen.

Vor beiden Häusern befanden sich hübsche Gärten, die ein brusthoher, mit Kletterpflanzen verwobener Holzzaun voneinander trennte.

Der Mann der neuen Frau Bick war bereits seit zwölf Jahren tot. Er starb bei einem Arbeitsunfall, an den Folgen schwerer Verbrennungen. Er hatte, erfuhr die Witwe des Schuldirektors im Verlauf eines Gespräches, das die beiden Frauen über den Gartenzaun hinweg führten, bei der Feuerwehr gearbeitet. Er wäre im Jahre seines Todes fünfzig geworden und wollte anläßlich dieses besonderen Geburtstages im Gerätehaus und der Parkhalle der Feuerwehr das größte Fest seines Lebens feiern, mit vielen Freunden, allen Kollegen und deren Angehörigen und natürlich mit seiner gesamten Verwandtschaft.

Nachdem Frau Bick dies erzählt hatte, teilte die andere Frau Bick der Namens­vetterin, die so unverhofft Einzug in ihren Lebensbereich gehalten hatte, mit, dass sie alle ihre Verwandten, die auf dieser Welt lebten, kenne. Und keiner davon, versicherte sie und hob dabei die Hand wie zum Schwur, sei bei der Feuerwehr – und auch noch nie sei jemand aus ihrer Verwandtschaft verbrannt.

Noch am selben Tag standen Frau Bick und Frau Bick sich ein zweites mal am Zaun gegenüber, nachdem die Witwe des Schuldirektors eine Weile aus der Mitte ihres Gartens hinüber in den Nachbargarten geschaut hatte. Dort saß die Namensgleiche in einem Gartensessel, der so ausgerichtet war, dass die schräg einfallenden Sonnen­strahlen ihr ins Gesicht und auf die Beine schienen. Sie hatte ihre Beine durch Raffung ihres Kleides bis über die Knie entblößt. Neben ihr, auf einem kleinen runden Tisch, lag ein aufgeschlagenen Buch und standen eine Flasche Rotwein und ein Glas mit einem Rest des Weines.

»Man muß die Sonne genießen, solange sie uns noch scheint!« rief Frau Bick der anderenl zu. »Lange werden wir dazu keine Gelegenheit mehr haben, nicht wahr?«

Frau Bick drehte sich in ihrem Sessel herum. Sie trug eine Sonnenbrille, die sie auszog und auf den Tisch legte, bevor sie antwortete. »Ja, da haben Sie wohl recht!«

Auf der anderen Zaunseite hatte Frau Bick sich in Bewegung gesetzt. Sie lenkte ihre Schritte auf den Zaun zu und erreichte die Stelle, wo sie heute schon einmal gestanden und miteinander gesprochen hatten. Dort verharrte sie und lächelte der Nachbarin zu.

Diese saß noch eine kurze Zeit, dann stützte sie sich auf die Armlehnen ihres Sessels und erhob sich.

Als auch sie wenig später am Zaun stand, lobte die andere noch einmal die Sonne der letzten Sommertage und wollte diesem Thema noch etwas hinzufügen, schwieg dann aber und betrachtete schweigend mit offenkundigem Interesse die Haare der ihr gegenüberstehenden Frau …

Schließlich seufzte sie und meinte mit einem wehmütige Lächeln: »Ja, die Jahre hinterlassen ihre Spuren. Überall.«

Die Frau, die ihr gegenüberstand, schaute zuerst irritiert und erwiderte dann mit einer Kopfbewegung, die weder ein deutliches Nicken noch ein Schütteln war: »Damit muß man sich abfinden. Was soll man sonst tun.«

»Aber vieles ist auch einfach Glücksache. Ich hatte schon mit fünfzig die ersten grauen Strähnen. Aber was kann man machen, gegen sein genetische Erbe ist man machtlos.«

Die andere brauchte noch einen Moment bis sie begriff. »Sie meinen meine Haare?« rief sie lachend und machte eine beschwichtigende Handbewegung. »Da kann ich Sie beruhigen. Meine sind – das heißt – sie wären mindestens so grau wie Ihre.«

»Tatsächlich?«

»Aber ja. Natürlich.«

»Nein … « Die Grauhaarige schüttelte den Kopf. »Das hätte ich nicht gedacht.«

»Aber doch«, entgegnete die Dunkelhaarige. »Das merkt man doch.«

»Aber nur, wenn man ganz genau hinschaut. Natürlich … bei genauem Hinsehen merkt man, dass Sie ein bißchen schummeln.«

»Ich finde, Ihre natürliche Farbe steht Ihnen ganz gut.«

»Meine natürliche Farbe? Aber das ist doch gar nicht meine natürliche Farbe! Meine natürliche Farbe ist goldblond.«

»Goldblond …« wiederholte die mit den dunklen Haaren.

»Ich meine selbstverständlich, dass sie das einmal waren. Jetzt ist meine natürliche Farbe die, die Sie sehen. Die natürliche Farbe meines Alters. Ich finde, man sollte den Mut besitzen, sich zu seinem Alter zu bekennen. Finden Sie das nicht?«

»Doch«, entgegnete die andere. »Da bin ich ganz Ihrer Meinung.«

»Wirklich?«

»Ja. Ich finde, es hat nichts mit der Verleugnung seines Alters zu tun, wenn man seine Haare färbt.«

»Und warum tun manche Leute es dann?«

»Ich tue es, weil es mir gefällt.«

»Wenn ich in den Spiegel schaue«, sagte die grauhaarige Frau Bick, »weiß ich, dass ich es bin, die mich aus dem Spiegel anschaut.«

»Das weiß ich auch«, erwiderte die Frau mit den gefärbten Haaren.

»Nun ja», meinte die andere und neigte lächelnd den Kopf, »wenn Sie sich einmal vorstellen, es würde Sie aus dem Spiegel eine Frau anschauen, die grauhaarig ist …«

»Das kann ich gar nicht. Ich war früher dunkelhaarig und bin es immer noch. Als ich die ersten grauen Strähnen entdeckte, habe ich sie sofort übertönt. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie ich grauhaarig aussehen würde.«

»Hm …« Frau Bick musterte ihr Gegenüber nachdenklich und sagte schließlich: »Aber sterben müssen wir alle. Da können wir mit unseren Haaren machen was wir wollen.«

Dann wechselte sie das Thema. Sie erkundigte sich, wie es ihnen beiden, Frau Bick und Herrn Petri, denn gehe, wie es ihnen in ihrem neuen Heim gefalle, ob sie sich schon eingelebt hätten.

Und nachdem Frau Bick sich, jeden Punkt betreffend, für zufrieden erklärt hatte, fragte Frau Bick: »Wieviel Miete zahlen Sie denn eigentlich, Sie und Ihr … Ihr Lebensgefährte? Aber verzeihen Sie, das geht mich doch gar nichts an.«

»Mein Lebensgefährte?« entgegnete Frau Bick verwundert.

»Ich meine, die Miete.«

»Herr Petri ist nicht meine Lebensgefährte.«

»Das Haus hat früher unseren Nachbarn gehört.«

»Wir haben uns durch eine Anzeige kennengelernt.«

»Herr und Frau Warnscheid haben das Haus verkauft an …« Frau Bick hob den Blick. »Na, wer war das denn nochmal?« Sie schaute über die Nachbarin hinweg und legte nachdenklich ihre Stirn in Falten. Schließlich schüttelte sie den Kopf und zuckte mit den Schultern. »Wahrscheinlich fällt mir der Name Ihres Hausherrn gerade dann wieder ein, wenn es mich gar nicht mehr interessiert.«

»Herr Petri ist auch Witwer. Seine Frau ist vor einem halben Jahr gestorben. Wir haben uns den Entschluß, diese Art des Zusammenlebens zu wagen, nicht leicht gemacht.«

»Herr Warnscheid leitete die Kreditabteilung der hiesigen Stadtsparkasse. Er war ein sehr … Wie soll ich sagen … ?« Frau Bick deutete ein Nicken ihres Kopfes an und umfasste mit Daumen und Zeigefinger ihr Kinn. »Überhaupt …« fuhr sie nach einer kurzen Pause fort, »… auch Frau Warnscheid, sie waren beide sehr sehr … Ich muß oft an sie denken. Meine Nachbarn leben jetzt in einer Seniorenpension in einer wunderschöne ländlichen Umgebung.«

»Es gab da schon gewisse Bedenken. Wir haben uns mehrfach getroffen und alle Fragen, die eventuell von Bedeutung sein könnten, eingehend besprochen. Aber trotzdem, ein gewisses – in Anführungszeichen – Risiko ist sicherlich immer mit einer solchen Entscheidung verbunden, denn natürlich ist nicht alles vorhersehbar. Doch das, was uns vielleicht ein wenig zweifeln ließ sprach …«

»Der Service dort ist ausgezeichnet. Es ist für jeden nur erdenklichen Notfall Vorsorge getroffen. Die nächste Klinik ist zum Beispiel nur einen Katzensprung entfernt.«

»…was dagegen sprach war… ja, war eher geringfügig, verglichen mit dem, was letztlich dafür sprach. Und so haben wir uns schließlich entschlossen, den Versuch zu wagen. Das war vor etwa zwei Monaten.«

»Dadurch ist die ärztliche Bereitschaft in minutenschnelle und rund um die Uhr gewährleistet.«

Oft bekamen Frau Bick und Frau Bick einander für mehrere Tage nicht zu Gesicht. An manchen Tagen wiederum hielten beide sich zur selben Zeit im Garten auf. Dabei kam es vor, dass jede ihrem eigenen Tun nachging und dabei vor sich hinschaute oder dem anderen Garten den Rücken zuwandte und die eine die andere nicht zu bemerken schien. Wenn sie einander begrüßten und sich manchmal dabei zuwinkten, blieb es bisweilen dabei, dass keine von ihnen Anstalten machte, den zwischen ihnen liegenden Abstand zu verkürzen. Doch bisweilen ergab es sich auch, dass sie sich aufeinander zu bewegten und sich dann gegenüberstanden, immer an der selben Stelle, so als besäße der Zaun dort eine geheimnisvolle Anziehungskraft, die sie zusammenführte und ein Gespräch von Nachbarin zu Nachbarin unvermeidlich machte.

»Was macht denn eigentlich«, wollte Frau Bick eines Tages wissen, »Ihr Herr Petri. So von morgens bis abends. Man sieht und hört ihn nie. Wissen Sie, was ich manchmal für ein Gefühl habe? So ein Gefühl, als gäbe es ihn gar nicht. Ich überlege dann allen ernstes, ob es Herrn Petri überhaupt gibt. Dabei weiß ich natürlich, dass es ihn gibt. Merkwürdig, nicht wahr?« Frau Bick schüttelte den Kopf und lachte.

»Ja, merkwürdig«, antwortete Frau Bick. »denn sie haben doch neulich selbst mit ihm gesprochen. Genau hier, hier an dieser Stelle. Und er hat sich doch auch bei Ihnen vorgestellt. Zusammen mit mir. Gleich nachdem wir hier …«

»Jaja!« rief Frau Bick und winkte ab. »Das weiß ich doch alles. Was denken Sie denn von mir!« Sie faßte sich an den Kopf und lachte. »Glauben Sie vielleicht, ich leide an Gedächtnisschwund. Ich wollte damit doch nur sagen, dass er für mich – nur für mich, ja? – auf eine ganz besondere Art und Weise – wie soll ich es sagen? – ungegenwärtig ist. So ähnlich wie zum Beispiel …« Frau Bick hielt inne und schaute die Frau, die ihr gegenüber stand, an, so als erwarte sie, von ihr zum Weitersprechen aufgefordert zu werden. Schließlich fuhr sie fort: »Wissen Sie … Manchmal passiert es …« Wieder hielt sie inne und schaute nachdenklich vor sich hin.

»Was?«

»Manchmal passiert es, dass ich Ihren Namen vergesse. Mir fällt dann plötzlich nicht mehr ein, wie Sie heißen. Das ist doch ganz seltsam, finden Sie nicht? Passiert Ihnen das manchmal auch, dass Sie das Gefühl haben, sich einen Namen – wie soll ich sagen? – gar nicht einprägen zu können?«

An einem Tag, an dem Frau Bick vom Einkaufen nachhause kam, lag die Nachbarin am Fenster und rief, als die andere etwa die Hälfte des Weges bis zur Haustür zurückgelegt hatte: »Frau Bick! Haben Sie mal einen Augenblick Zeit?« Dann schloß Sie das Fenster.

Frau Bick blieb stehn und stellte ihre Einkaufstasche nieder.

Eine Minute später öffnete sich die Haustür und Frau Bick kam herausgeeilt und hielt ein Foto in der Hand, mit dem sie winkte, während sie zum Zaun lief.

Frau Bick ließ ihre Tasche stehn und näherte sich ebenfalls dem Zaun.

Frau Bick hielt ihrer Nachbarin das Foto vor die Augen. »Das ist er«, sagte sie.

Frau Bick betrachtete sich das Foto mehrere Sekunden und nickte.

»Mein Mann. Erkennen Sie ihn?«

»Ja«, sagte Frau Bick, nachdem sie sich das Foto noch ein paar weitere Sekunden betrachtet hatte. »Hier. Das ist er.«

»Ja!« rief Frau Bick erfreut. »Woran haben Sie ihn denn erkannt.«

»Diese Männer sind Lehrer«, antwortete Frau Bick. »Das sieht man irgendwie.«

»Ja, das stimmt«, sagte Frau Bick, »aber woran haben Sie ihn, meinen Mann, erkannt?«

Frau Bick überlegte und sagte dann: »Er steht in der Mitte und die andern stehen so da, dass man … Ja, man sieht einfach, dass er der Vorgesetzte ist.«

»Sie haben eine gute Beobachtungsgabe«, lobte Frau Bick ihre Nachbarin.

Auf dem Gesicht der Nachbarin zeigte sich plötzlich ein Ausdruck jäh erwachter Lebendigkeit. »Warten Sie einen Augenblick«, sagte sie und lief ins Haus, ohne ihre Einkaufstasche mitzunehmen.

Frau Bick steckte das Foto in die Tasche ihrer Schürze.

Bald darauf kehrte Frau Bick mit einem Foto in der Hand in den Garten zurück.

Frau Bick hatte den Ort, an dem sie sich eben noch unterhalten hatten, verlassen. Sie stand jetzt vor einem Beet Hyazinthen jenseits des Zugangsweges, der durch den Garten zum Haus führte. Sie hatte sich schnuppernd vornübergebeugt. Es schien, als rede sie mit den Blumen.

»Frau Bick!« rief Frau Bick ihrer Nachbarin zu.

Es verging eine Weile, bis diese sich aufrichtete. Sie blickte sich, wie aus tiefer Nachdenklichkeit gerissen, um und schaute in die Runde, als müsse sie sich zunächst orientieren. Dann entdeckte sie Frau Bick.

Diese stand am selben Ort wie vor zwei Minuten, ein Foto in der erhobenen Hand. »Das hier«, rief sie, »ist ein Bild von meinem Mann!«

Frau Bick ließ ihren Blick noch einmal über das Hyazinthenbeet gleiten, um sich dann hinüber zum Zaun zu begeben. Sie nahm das Foto, das Frau Bick ihr entgegen­streckte, in Empfang, ließ, während ihr Blick über den Garten jenseits des Zaunes glitt, die Hand sinken und sagte: »Seit Herr und Frau Warnscheid weg sind, ist dieser Garten …« Sie unterbrach den Satz und machte eine abwinkende Bewegung mit der Hand, in der sie das Foto hielt. »Aber Sie und Ihr … Ihr Herr … Sie hatten ja noch nicht besonders viel Zeit, sich darum zu kümmern.«

Frau Bick schaute hinunter auf die Stelle des Zaunes, wo sich das durch das Klettergestrüpp verdeckte Foto befand, das sie zum Zeigen mitgebracht hatte. »Das ist mein Mann im Kreis seiner Kollegen«, erklärte sie.

»Sind die Männer von der Berufsfeuerwehr eigentlich anders ausgebildet als die von der freiwilligen Feuerwehr?« erkundigte sich die andere Witwe und fügte noch hinzu: »Würde eine freiwillige Feuerwehr eigentlich nicht ausreichen, um die wenigen Brände, die es hier bei uns gibt, zu löschen? Das käme den Steuerzahler doch viel billiger.«

»Aber nein«, antwortete Frau Bick, »die Berufsfeuerwehr ist jederzeit bereit, um bei einem Brand schnellstens zur Stelle zu sein.«

»Immerhin haben die Herren ein ruhiges Leben«, erklärte Frau Bick, »das ist ja schließlich auch etwas wert. Sie können sich die Zeit vertreiben, wie es ihnen Spaß macht, bis es endlich einmal brennt. Und das dauert vermutlich manchmal Monate oder vielleicht sogar noch länger.«

»Aber die Berufsfeuerwehr hat auch noch andere Aufgaben«, antwortete Frau Bick, »im Rettungswesen zum Beispiel.«

»Ich erinnere mich«, lachte Frau Bick, »wie ich mir als Kind einmal einen Faschingsumzug angeschaut habe. Daran hat auch die Feuerwehr teilgenommen. Die Kerle hatten wunderschöne lustige Uniformen an. Und sie haben gesungen und getrunken und Bonbons unter die Leute geworfen. Das hat uns Kindern natürlich viel Freude gemacht.«

»Mein Mann hat nie an einem Faschingsumzug teilgenommen«, entgegnete Frau Bick mit leiser Stimme.

»Es gibt bei der Feuerwehr doch sicherlich auch unterschiedliche Dienstgrade?« sagte Frau Bick. »So wie bei Beamten oder beim Militär oder … Huch!« machte sie plötzlich und klappte die Hand mit dem Foto des verstorbenen Ehemannes ihrer Nachbarin vor den Mund. »Da spitzt doch gerade Ihr Herr Petri hinterm Vorhang hervor!«

Frau Bick drehte den Oberkörper und schaute über die Schulter hoch zu den Fenstern von Herrn Petris Wohnung. Sie schaute eine Weile, drehte sich dann zurück und meinte: »Ich kann niemanden sehen.«

»Es war auch nur ganz kurz«, meinte Frau Bick und ließ die Hand mit dem Foto wieder sinken. Ein spitzbübisches Lächeln umspielte ihre Lippen. »Uns Frauen sagt man oft nach, wir wären neugierig. Aber so manche Herren …« Sie seufzte, hob langsam die Schultern und ließ sie wieder sinken. »Anders geht es ja auch gar nicht, stelle ich mir vor«, fuhr sie fort.

»Wie bitte?« Frau Bick blickte irritiert.

»Sonst könnte ja jeder meinen, er kann die andern rumkommandieren.«

Frau Bick blickte immer noch irritiert.

»Ich meine ohne Dienstgrade.«

»Dienstgrade…? Ja…« murmelte Frau Bick.

»Und was für einen hatte er, Ihr Feuerwehrmann?» Sie führte, nachdem sie das gesagt hatte, die Hand wieder zum Mund und bedeckte mit dem Foto ihre Lippen. Dann meinte sie, Hand und Foto wieder hinter das Zaungrün sinken lassend und beschämt lächelnd: »Ach, entschuldigen Sie bitte diesen komischen Versprecher. Ich persönlich halte von Titeln und diesem Zeug gar nicht so besonders viel. Als mein Mann noch ein unbedeutender Refrendar war, waren meine Eltern überhaupt nicht begeistert von meiner Wahl. Ich habe ihnen gesagt: vielleicht geht er ja eines Tages in die Politik und erwirbt ein hohes Staatsamt, das kann man doch noch gar nicht wissen. Aber mein Mann war nie so ehrgeizig, wie er das hätte sein können. Er war ja in späteren Jahren auch gar kein richtiger Lehrer mehr, sondern vom Unterrichten fast gänzlich entbunden, weil die übergeordneten Aufgaben ihn so in Anspruch nahmen, dass ihm für die Beschäftigung mit den Schülern kaum noch Zeit blieb. Er selbst bedauerte das manchmal ein wenig. Wissen Sie übrigens, dass es in manchen Ländern an den Schulen richtige Uniformen gibt. Natürlich nur für die Schüler, nicht für den Lehrkörper.« Sie stieß ein Lachen aus, in das sie sich hineinsteigerte, bis sie einen Hustenanfall bekam. Wieder zu Atem gekommen, sagte sie: »Wissen Sie, was ich mir gerade vorgestellt habe?«

Frau Bick nahm das Foto entgegen, dass die andere ihr jetzt über den Zaun zurückgab.

»Meinen Mann in Generalsuniform!« Sie prustete. »Ich finde Uniformen geradezu lächerlich.«

An einem Tag, an dem es heftig regnete, klingelte bei Frau Bick das Telefon. Als sie den Hörer abhob, meldete sich Frau Bick: »Als ich eben aus dem Fenster sah«, sagte sie, »dachte ich, dass ich mich freuen würde, wenn Sie einmal auf einen Sprung zu mir herüber kämen. Wir könnten ein Tässchen Kaffee zusammen trinken und ein bisschen plaudern. Was halten Sie davon?«

»Das ist ja wie Gedankenlesen«, antwortete Frau Bick, »denselben Gedanken hatte ich gerade auch.«

»Dann wissen wir ja, was wir in Zukunft tun werden, wenn es wieder einmal regnet«, sagte Frau Bick.

Am nächsten Tag und den Tagen darauf schien wieder die Sonne. Dann, im Spätsommer und frühen Herbst, trübten sich die Tage. Es gab mehr Regen als Sonne. An den wenigen heiteren Tagen begegneten die beiden Frauen sich noch gelegentlich am Zaun. Aber schließlich wurde der Aufenthalt draußen zu ungemütlich. Die Nachbarinnen hörten lange Zeit nichts voneinander.

Es vergingen Wochen, bis sich ihre Wege in einem Einkaufszentrum wieder kreuzten.

Beide Frauen schoben ihre Einkaufswagen vor sich her. Frau Bick sah Frau Bick und stoppte sofort ihre Schritte und ihren Wagen. Frau Bick schob ihren Wagen weiter, sie hatte Frau Bick nicht bemerkt.

Frau Bick machte zwei Rückwärtsschritte und zog ihren Wagen mit in den Gang zwischen den beiden Regalen, aus dem sie gerade hervorgekommen war. Dann beugte sie sich vor und spähte um die Ecke und beobachtete Frau Bick, die an einer Reihe von Tiefkühltruhen halt gemacht hatte. Frau Bick fuhr ihren Wagen entlang der Truhenreihe, um dann an einer der Truhen erneut halt zu machen. Sie beugte den Kopf und schaute in die Truhe hinein.

Frau Bick beobachtete, wie Frau Bick dann in die Truhe griff und eine Packung Tiefkühlkost entnahm, die sie in ihren Einkaufswagen legte. Sie entnahm noch eine zweite Packung, legte auch diese in den Einkaufswagen und setzte ihren Weg dann fort.

Frau Bick folgte ihr, langsam, vorsichtig, Regale und Türme gestapelter Waren als Deckung benutzend.

Frau Bick schob ihren Wagen auf die Fleisch- und Wursttheke zu und suchte sich eine Lücke zwischen den Menschen, die dort anstanden. Der Andrang war groß. Frau Bick würde eine Weile warten müssen.

Diese Weile nutze Frau Bick, um sich zu besorgen, was sie für den frechen Streich benötigte, der ihr soeben in den Sinn gekommen war.

Als sie wieder zurück war, stand Frau Bick immer noch an der Wurst- und Fleischtheke.

Frau Bick schob ihren Wagen langsam vor. Sie schob sich heran, ohne dass Frau Bick sie bemerkte. Ihre Wagen befanden sich nun nebeneinander und Frau Bick stand neben Frau Bick. Frau Bick bemerkte Frau Bick erst, als diese sich sanft zur Seite neigte und ihre Körper sich berührten und Frau Bick, als Frau Bick ihre Gesicht zur Seite wandte, freundlich grüßte.

»Guten Tag Frau Bick, na das ist aber ein Zufall.«

»Ach!« rief Frau Bick, als sie sah, wer neben ihr stand. »Guten Tag Frau Bick.«

Frau Bick schüttelte den Kopf, während sie mit tadelnder Stimme sprach, gleichzeitig lächelte und ihre Hand in die Manteltasche von Frau Bick schob. »Sie haben sich ja eine Ewigkeit nicht mehr sehen lassen. Und meine Einladung zum Kaffee, die haben Sie wohl völlig vergessen«, sagte sie in vorwurfsvollem Ton. Dann verabschiedete sie sich mit den Worten: »Aber was nicht war, kann ja noch werden. Leider muß ich jetzt gehen, ich habe noch …«

Den Schluß des Satzes verstand Frau Bick nicht mehr, weil Frau Bick ihren Wagen schon in die andere Richtung gedreht hatte.

Frau Bick fuhr im Eiltempo durch die Gänge, machte Slalomschlenker, wo Kunden mit ihren Wagen im Weg standen, bog vor den Kassen, wo die Leute Schlangen bildeten, links ab und steuerte auf den Büroteil des Einkaufszentrum zu, auf die Tür des Büros des Geschäftsleiters. Sie ließ ihren Wagen stehn und klopfte dort an.

Frau Bick hatte ihre Einkäufe erledigt. Sie stand in einer Schlange und bewegte sich, von Wartepausen unterbrochen, auf die Kasse zu.

Auf der Gegenseite schritt der Geschäftsleiter die Kassenreihe ab. An der Kasse, der Frau Bick sich näherte, machte er Halt, beugte sich nieder zu der Kassiererin und flüsterte dieser etwas ins Ohr. Danach richtete er sich auf, verschränkte die Hände hinter dem Rücken, legte den Kopf in den Nacken und schaute mit unbeweglicher Miene hinauf zur Decke des Einkaufszentrums.

Frau Bick befand sich bereits jenseits der Kassenreihe in der Vorhalle des Zentrums und beobachtete, hinter dem Prospektständer eines Reisebüros hervor­spähend, Frau Bick, die mit ihrem Wagen in der Schlange der Kunden vor der Kasse stand.

Frau Bick hielt ihren Geldbeutel bereits in der Hand. Die Kundin vor ihr hatte gezahlt und verließ den Gang zwischen den Kassen. Der Geschäftsführer ließ die Frau vorbei und schritt dann um die Ecke in die schmale Passage, wo er, den Blick streng auf Frau Bick gerichtet, vor dieser Stellung bezog.

»Mein Name ist Vogel«, stellte der Geschäftsführer sich vor. »Ich bin der Manager dieses Einkaufszentrums. Dürfte ich Sie bitten, die linke Tasche Ihres Mantels zu leeren?«

Frau Bick schaute den Manager an, als hätte er sie in einer ihr unbekannten Sprache angesprochen.

Der Manager wiederholte seine Aufforderung, jetzt mit einer Schärfe, die keinen Widerspruch duldete.

Ausgehend von ihren Augen, verbreitete sich auf Frau Bicks Gesicht ein Ausdruck der Angst vor einer drohenden Gefahr, deren Grund sie nicht kannte. Ihre Lippen zitterten und ihre Stimme klang belegt, als sie sagte: »Aber … die Taschen sind leer.«

»Gestatten Sie, dass ich mich davon überzeuge?« bat der Manager.

Frau Bick zögerte. Dann nickt sie mit dem Kopf. Sie hob den Arm, um den Zugriff des Managers zu erleichtern. Als ihre Hand dabei gegen den Rand der Kasseumran­dung stieß, legte sie ihren Geldbeutel auf das Laufband zu den Waren, die sie dort hingelegt hatte.

Der Manager schob seine Hand in die linke Tasche des Mantels von Frau Bick und hielt, als er sie herauszog, ein Schächtelchen zwischen den Fingern.

»Leer?« sagte er. Er hob die Brauen und machte große Augen, um zu zeigen, wie verwundert er war.

Frau Bick starrte auf das Schächtelchen und schaute dann in das Gesicht des Managers. »Nein … das da … das gehört nicht mir …«

Der Manager lächelte und nickte. »Natürlich, da haben Sie recht. Natürlich gehört das nicht Ihnen.«

Frau Bicks Gesicht wurde blaß. Sie fing eine Taumelbewegung ihres Körpers ab, indem sie sich mit den Händen links und rechts auf den Kassenumrandungen ab­stützte. »Sie glauben doch nicht …?« brachte sie mit fast unhörbarer Stimme hervor.

Der Manager wollte sie ausreden lassen, aber Frau Bick sprach den Satz nicht zu Ende. Schließlich erklärte er: »Ich glaube das, was ich sehe.« Dabei hielt er ihr das Schächtelchen vor die Augen.

Frau Bick stützte sich fester auf. Die Fingerknöchel traten unter ihrer Haut hervor, weiß wie ihr Gesicht.

Unter den Menschen, die hinter ihr eine Warteschlange bildeten und bis jetzt gespannt geschwiegen hatten, wurde Gemurmel laut, das auf die benachbarten Kassen übergriff.

Der Manager machte zwei Rückwärtsschritte. »Darf ich Sie bitten, mir zu folgen?« forderte er sie höflich auf.

Frau Bick löste die Hände, die ihr Halt verliehen, um der Aufforderung des Managers folge zu leisten.

Der Manager trat noch einen weiteren Schritt zurück.

Frau Bick setzte wankend einen Fuß vor den andern. Dann fiel sie.

Die Manager fing ihren Körper reflexartig auf. Er schob seine Hände unter ihre Arme, so dass er sie jetzt sicher im Griff hatte. Ihre Beine befanden sich noch zwischen den Kassen. Der Manager zog sie, sich rückwärts bewegend, ein Stück weiter, drehte sie auf den Rücken und legte sie in der Vorhalle des Einkaufszentrum nieder.

Eine Menschenansammlung bildete sich. Frau Bick bewegte den Mund und sagte unverständliche Worte.

Jetzt war auch der Manager blass. Aber es gehörte zu seinen Aufgaben, sich in Situationen dieser Art folgerichtig zu verhalten. Er zog seine Jacke aus und faltete sie zu einem Polster, das er Frau Bick unter den Nacken schob.

Frau Bick hatte ihren Beobachtungsort hinter dem Reisebüroständer verlassen. Zögernd bahnte sie sich einen Weg durch die Menschen, die die am Boden liegende Frau umringten.

Jetzt, gerade als der Manager sich erhob, um in sein Büro zu eilen und den medizinischen Notdienst zu verständigen, begegneten sich die Blicke der beiden Frauen.

Das erstarrte Gesicht der Frau auf dem Boden lockerte sich für einen Augenblick. Ihr Mund deutete ein Lächeln an.

»Frau Bick …«, hauchte sie. Sie hob ihren rechten Arm und streckte die Hand in Richtung ihrer Nachbarin.

Frau Bick rührte sich nicht von der Stelle. Dann bemerkte sie, dass alle Blicke rundum auf sie gerichtet waren. Sie schaute den Manager an, als erwarte sie einen Rat von ihm.

Der Manager wandte sich ab und eilte in sein Büro.

Frau Bick machte einen kleinen Schritt nach vorne.

Die liegende Frau Bick hatte ihren Arm noch ein Stück gehoben. Ihre Finger waren weit gespreizt. »Sie wissen, dass ich keine Dieben bin«, sagte sie mit einer Stimme, die ihre letzte Kraft zu verbrauchen schien. »Sagen Sie das dem Geschäftsführer und diesen Leuten … bitte!«

Der Manager hatte das Schächtelchen, als er Frau Bick aufgefangen hatte, fallen lassen. Es lag jetzt neben ihr.

Die Blicke der Zuschauer zwangen Frau Bick in die Knie. Sie ließ sich nieder. Sie sah Frau Bick an, schaute auf zu den Leuten rundum, dann ruhte ihr Blick wieder auf Frau Bick.

»Eine Diebin?« sagte sie und wölbte die Augenbrauen. »Ich glaube, wenn dieser Petri ein Aftershave bräuchte, dann könnte er sich das ganz sicher selbst kaufen.«

Während sie das sagte, öffnete sie die Finger ihrer Hand, die sie zur Faust geballt hatte. Sie schloss die Augen. Ihre Hand näherte sich der angebotenen Hand, deren Finger sich noch weiter spreizten. Auch Frau Bicks Finger spreizten sich.

Die Hände der beiden Frauen vereinigten sich.

Jetzt war der Manager wieder da. Er schob sich durch die Menge und sagte mit lauter Stimme: »Der Rettungsdienst wird gleich hier sein.«

Er kniete sich der knieenden Frau Bick gegenüber und schaute nieder auf das Gesicht der Patientin, deren Augen geschlossen waren.

Von draußen hörte man ein Martinshorn mit zunehmender Lautstärke. Wenig später waren der Notarzt und ein Sanitäter zur Stelle.

Als sie Frau Bick auf die mitgebracht Trage legen wollten, forderte der Arzt Frau Bick auf, die Hand der toten Frau loszulassen.

»Tot!? Frau Bick ist tot!?« schrie Frau Bick und versuchte ihre Hand zu befreien.

Der Arzt bestätigte, dass diese Frau tot sei und man leider nichts mehr für sie tun könne, und er forderte Frau Bick noch einmal auf, die Hand der Toten loszulassen, damit man sie auf die Bahre legen könne.

Frau Bick versuchte erneut freizukommen. Sie drehte ihre Hand und versuchte sich loszureißen, aber die Finger der beiden Hände umspannten einander mit einer Macht, die dem Arzt ein verwunderte Kopfschütteln abnötigte. »Sie waren wohl sehr miteinander befreundet?« fragte er Frau Bick.

»Nein!» schrie Frau Bick und schüttelte wild den Kopf. Sie ließ sich nach hinten fallen, womit sie riskierte, auf dem harten Boden aufzuschlagen, aber die Hand, die sie hielt, verhinderte, dass dies geschah.

Der Arzt runzelte die Stirn, spitzte die Lippen und verengte die Augenlider zu schmalen Schlitzen, so dass seine Miene einen Ausdruck höchsten ärztlichen Erstau­nens verkörperte. Er beugte sich nieder und untersuchte die Hand der Toten, um danach kopfschüttelnd festzustellen: »Eine Leichenstarre so kurz nach Eintritt des Todes …« Er setzte sein Kopfschütteln, das er für einen kurzen Augenblick unter­brochen hatte, fort. »Nein, vollkommen unmöglich.« Er richtete sich auf.

»Sie soll mich loslassen!« schrie Frau Bick.

»Das wird sie«, sprach der Arzt besänftigend auf sie ein. »Bitte, haben Sie noch ein wenig Geduld.«

Frau Bick verfiel in einen Anfall panischer körperlicher Aktivität. Sie zerrte und rüttelte, bis ihr Arm ermüdet erschlaffte. Schließlich sank ihr Kinn auf die Brust und ihr Oberkörper krümmt sich nach vorne. Dann, nach einer Weile des Verharren in dieser starren Haltung, begannen ihr Nacken und ihr Rücken sich in kurz aufeinand­erfolgenden Abständen ruckartig zu recken, wobei ihrer Kehle bei jedem Aufbäumen ein heiseres Schluchzen entfuhr. Danach sank sie erneut in sich zusammen.

Während der Arzt und der Sanitäter die Leiche auf die Bahre hoben, erklärte der Arzt der Knieenden: »Zwischen Ihnen und dieser Frau muß eine sehr starke Beziehung bestanden haben … ich meine, noch immer bestehen. Und sie beide verfügen über einen außerordentlich starken Willen. Das Problem ist …, aber damit müssen wir uns in der Klinik beschäftigen. Kommen Sie.« Er griff Frau Bick unter die Achseln und stellte sie auf die Beine.

Im Rettungswagen mußte Frau Bick auf dem Rand der Bahre platznehmen. Sie hatte die Augen geschlossen und die Lippen fest aufeinandergepreßt. Durch ver­zweifelte Handverrenkungen versuchte sie immer wieder sich zu befreien.

In der Notaufnahmestation der Klinik wurde die Tote auf eine Bahre gelegt und die Frau, die ihre Hand hielt, an ihre Seite auf einen Hocker gesetzt.

»So«, sprach der Arzt vor sich hin, »dann wollen wir mal.«

Er nahm vor der liegenden und der sitzenden Frau Bick Aufstellung, hob seine Hände in Augenhöhe und nickte ihnen zu wie ein Sporttrainer seinen Schützlingen, bevor er diese in den Wettkampf entließ. Danach unterzog er seine Hände noch einer vorbereitenden Gymnastik. Er rieb sie ausgiebig gegeneinander, klatschte ihre Innenflächen zusammen, ballte sie zu Fäusten, die er mehrmals hintereinander öffnete und schloß, verschränkte die Finger und bog sie nach außen, indem er die Arme von sich streckte, dass die Knöchel knackten. Schließlich beendete er seine Übungen mit einem kräftigen Armeschütteln.

Danach massierte er mit seinen nunmehr gut durchbluteten heißen Fingern die ineinander verkrallten Hände der beiden Frauen.

Frau Bick hatte das Gesicht abgewandt. Tränen liefen ihr über die Wangen. Ihre Brust hob und senkte sich in rasendem Wechsel.

Verfolgt von den Blicken des Sanitäters, versuchte der Arzt, die Hände der beiden Frauen zu trennen, was ihm, auch als er es mit Hilfe verschiedener medizinischer Werkzeuge versuchte, nicht gelang.

»Frau Bick«, sagte er schließlich, »ich glaube, Sie wollen die Hand Ihrer Schwester gar nicht loslassen.«

Frau Bick protestierte lautstark und hysterisch, die tote Frau sei nicht ihre Schwester. Auch fände sie es unerhört, dass diese Person ihr den Namen streitig mache.

Der Arzt machte sich erneut an die Arbeit. Er benutzte jetzt einen stählernen Stab, der ihm als Brecheisen diente. Als er ihn zwischen die verknäulten Finger schob und sein Glück mit einer Hebelbewegung versuchte, verriet ein gedämpftes Knackgeräusch, dass er der toten Frau Bick einen Knöchel gebrochen hatte.

Frau Bick stieß einen langen schrillen Ton aus, bis sich ihre Lunge geleert hatte.

»Es war doch nur ein toter Finger«, redete der Arzt ihr mit sanfter Stimme zu.

Der Sanitäter trat jetzt nach vorne und begab sich an die Seite des Arztes. Er war ein Mann in fortgeschrittenen Alter. »Was machen Sie denn da?!« herrschte er seinen Vorgesetzten an.

Der Arzt zuckte zusammen und unterbrach seine Tätigkeit. Er sah den alten Sanitäter unsicher an und antwortete mit dennoch forscher Stimme: »Ich tue mein Bestes! Nicht weniger als mein Bestes!«

»Viele Leute tun ihr Bestes«, bemerkte der alte Sanitäter, »und sie verbessern es noch und tun es immer besser und besser und tun es trotzdem immer schlechter und schlechter.«

»Was reden Sie denn für ein blödes Zeug!« herrschte der Arzt den Sanitäter an. »Ich tue mein Bestes und nur mein Bestes und habe nie etwas anderes getan!«

Der Alte sah den Jungen milde lächelnd an und sagte: »Das wird dir nichts nützen.«

Der Arzt kniff kurz die Augenlidern zusammen und öffnete sie wieder.

Der Sanitäter stand noch da wie zuvor, trotzdem wirkte die Haltung, die er nun einnahm, verändert. »Das wird dir nichts nützen«, wiederholte er das zuvor Gesagte, »gar nichts … mein Junge.«

Der Arzt zuckte zusammen, und sein Blick ruhte jetzt auf dem alten Mann. »Aber was soll ich denn tun? Was soll ich denn nur tun?« Seine Stimme hatte ihre ärztliche Macht verloren. Sie hatte jetzt etwas Piepsiges, so als versuche er, die Stimme eines Kindes nachzuahmen.

»Ich habe schon einige solcher Fälle erlebt«, antwortete der Alte. »Eine gewaltsame Trennung hatte immer verheerende Folgen. Ich will gar nicht mehr daran denken.« Aber offenbar dachte er doch daran, denn er verzog sein Gesicht, als riefe die Erinnerung an das Erlebte die schrecklichsten Bilder in ihm wach.

»Aber was soll ich denn tun?« fragte der Arzt noch einmal.

»Nichts«, antwortete der Alte. »Das ist von allen Möglichkeiten die klügste.«

Der Hand des Arztes entglitt das Brecheisen, das klirrend auf dem Boden landete und unter die Bahre rollte. Als er niederkniete und den Rücken krümmte, um es aufzuheben, machte der Alte eine herrische Handbewegung und schüttelte den Kopf. Der Arzt richtete seinen Oberkörper auf. Er wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn, wo sich Schweißperlen gebildet hatten.

»Warten …« raunte der Alte ihm zu. »Einfach nur warten …«

Der Arzt wollte etwas erwidern, aber sein Mund brachte nur einen kleinen Ton hervor und blieb danach halboffen.

Der Alte hatte sich Frau Bick zugewandt, deren Augen sich weiteten und nun wie große Glasmurmeln aus den Höhlen quollen. Eine ganze Weile stand er Frau Bick gegenüber, den Blick auf deren Augen gerichtet. Er atmete tiefer und tiefer, während seine Schultern sich im Takt seines Atems hoben und senkten. Er bewegte seine Lippen, begann zu flüstern und dann immer deutlicher zu sprechen und skandierte schließlich mit raumfüllender Stimme: »Warten … Einfach nur warten … Warten … Einfach nur warten … Warten … Einfach nur warten …«

Der Arzt sah und hörte, und er bewegte, dem Rhythmus der fremden Stimme folgend, seinen Oberkörper, wankte seitlich hin und her, den Winkel des Pendelaus­schlages immer weiter öffnend, bis er umzukippen drohte.

Um zu verhindern, dass dies geschah, versetzte der Alte ihm mit dem Ellbogen einen unsanften Knuff, worauf der Arzt in aufrechter Haltung kurz verharrte, dann die Richtung seines Wankens änderte und nun, beginnend mit einem sich verstärken­den Kopfnicken, vor und zurück schaukelte, so als nicke er schließlich mit dem ganzen Oberkörper.

Erneut versetzte der Alte dem Arzt einen Ellbogenknuff, was diesem zunächst einen dumpfen Laut entlockte, der sich dann wiederholte und dem Klang des Alten klar beimischte, so dass bald ein doppelstimmiger Singsang laut wurde, der die Luft vibrieren ließ: »Warten … Einfach nur warten … Warten … Einfach nur warten … Warten … … …«