»Guten Tag.«
»Guten Tag.«
» …? «
» …! «
»Wie gehts?«
»Es geht.«
»Es geht? Was heißt es geht?«
»Es geht. Es geht heißt es geht.«
»Ich meine – wie? Wie geht es?«
»Ich verstehe nicht, was Sie wollen! Was wollen Sie denn wissen?«
»Wie es eben geht. Mehr so? Oder mehr so?«
»So? Oder so?«
»Ja. Nämlich wie. Nur ein bißchen genauer vielleicht.«
»Es geht. Genauer gehts nicht. Das bedeutet – weder noch.«
»Weder noch?«
»Ja. So ungefähr in der Mitte, verstehen Sie? Weder. Noch.«
»Das finde ich aber, wenn ich ehrlich sein soll – na ja.«
»Das müssen Sie nicht. Sie müssen nicht ehrlich sein. Keiner verlangt das von Ihnen.«
»Aber irgendwie – irgendwie finde ich das traurig.«
»Traurig? Wieso? Was ist daran traurig?«
»Wenn es einem Menschen weder so geht noch so, dann finde ich das so – so traurig, ja.«
»Ich halte es für weitaus angenehmer, auf die Frage, wie es geht, antworten zu können, es geht weder so noch so, als antworten zu müssen, es geht schlecht.«
»Wenn man weder einen Grund hat, traurig zu sein, noch einen Grund – wie soll ich sagen? – sagen wir einen Grund zu jubeln, dann ist, wenn man gefragt wird, wie es geht, die Antwort, es geht, doch weiter nichts als eine – eine Verlegenheitslösung, eine reine Ausrede.«
»Aber einem Menschen, der auf die Frage, wie es geht, antworten kann, es geht, dem geht es, verglichen mit einem Menschen, der auf diese Frage antworten müßte, es geht schlecht, doch eher gut, oder nicht?«
»Ich weiß nicht wieso, aber nein, diese Ansicht kann ich nicht teilen. Weder einen Grund zu haben, traurig zu sein, noch einen Grund, zu jubeln, dieser Gedanke macht mich traurig. Es geht! Mein Gott, was für eine Antwort auf die Frage, wie es gehe.«
»Ja, es geht. Ich bleibe dabei, dass es geht. Und wie steht es diesbezüglich bei Ihnen? Wie geht es Ihnen? Wissen Sie, was ich für einen Eindruck habe? Einen Grund zu jubeln haben auch Sie nicht, oder doch?«
»Nein.«
»Oho. Und dann werfen Sie, ausgerechnet Sie, jemandem, der keinen Grund hat zu jubeln, vor, dass er auf die Frage, wie es gehe, antwortet, es gehe.«
»Mit dem Unterschied, dass ich mir die Freiheit nehme, dennoch zu jubeln. Ich jubele trotzdem, wie auch immer es geht.«
»Wie bitte? Sie jubeln – trotzdem? Ganz gleich, wie es geht, ob es so geht oder so? Sie jubeln ganz einfach?«
»Ja. Genau.«
»Verrückt. Entschuldigen Sie bitte, aber ich finde das wirklich – total verrückt.«
»Wieso? Was ist daran verrückt? Wie kommen Sie dazu, dass ich jubele, für verrückt zu halten?«
»Weil es verrückt ist – zu jubeln, ohne einen Grund dazu zu haben. Das ist einfach verrückt. Vielleicht sollten Sie mal einen Fachmann dazu hören, einen Psychiater oder sowas Ähnliches.«
»Was reden Sie für einen Unsinn? Soll ich, bevor ich jubele, einen Psychiater um Erlaubnis bitten? Wenn mir danach ist, zu jubeln, dann jubele ich. Dann frage ich weder einen Psychiater noch sonst jemanden.«
»Und ich sage noch einmal, es ist verrückt.«
»Und ich sage, dass es das Recht eines Menschen, ja dass es eine Selbstverständlichkeit für ihn ist, selbst zu entscheiden, ob er jubelt oder ob er es nicht tut.«
»Und ich bleibe dabei, es ist verrückt. Einfach verrückt. Nein, sogar zweifach. Denn wenn Sie sagen, dass es Sie traurig macht, dass ich weder einen Grund habe, traurig zu sein, noch zu jubeln, sondern dass ich auf Ihre Frage, wie es gehe, lediglich geantwortet habe, es gehe, dann sind Sie auch noch insofern verrückt, als Sie völlig grundlos traurig sind.«
»Ich habe den Eindruck, Sie verkomplizieren die Angelegenheit ein wenig.«
»Keineswegs. Und ich muß sagen, dass sich mein Eindruck, dass Sie verrückt, ja verrückt im doppelten Sinne, ja dass Sie eventuell sogar eine Spur wahnsinnig sind, in zunehmendem Maße verstärkt.«
»In diesem Falle, so meine Meinung, neigen Sie dazu, sich Ihre Meinung sehr leicht zu machen – indem Sie einfache Dinge zusätzlich vereinfachen.«
»Ich bleibe dabei und sage Ihnen noch einmal, Sie sind verrückt – plus verrückt. Oder, um Ihren Zustand mit einem anderen, ich muß zugeben harten Wort zu benennen – wahnsinnig.«
»Sie besitzen die seltene Gabe, Dinge zu verkomplizieren und Sie im selben Atemzug zu vereinfachen.«
»Sie können sagen, was Sie wollen, ich halte das von mir Gesagte, nämlich dass Sie im doppelten Sinne verrückt, sprich wahnsinnig sind, für – ja, für erwiesen. Einerseits sind Sie grundlos traurig, andererseits jubeln Sie grundlos, was für mich – ich sage für mich – der Beweis für die Richtigkeit meiner Feststellung ist. Daüber sollten insbesondere Sie als Betroffener, fast wollte ich sagen Beschuldigter, sich einmal dringend Gedanken machen.«
»Wozu aber nicht der geringste Anlaß besteht, da beides, Jubel und Traurigkeit, stets den gegebenen Umständen entsprechend geschieht. Momentan beispielsweise jubele ich nicht, sondern ich bin lediglich traurig darüber, dass Sie weder einen Grund haben zu jubeln, noch einen Grund, traurig zu sein.«
»Wissen Sie, was ich Ihnen raten würde, gesetzt den Fall, es stünde mir zu, oder ich fühlte mich dazu berufen. Ich würde Ihnen raten – aber nein, wozu denn? Oder doch? Denn was ich ihnen dringend empfehlen würde, das wäre ein längerer Aufenthalt in einer – wie soll ich sagen? – in einer für Ihre Problematik gerüsteten Fachklinik, vorzugsweise mit dem Privileg einer Einzelzimmerunterbringung.«
»Was nicht weit führen würde, keinen Zentimeter weit, keinen Millimeter weit – zu gar nichts würde es führen, denn ob drinnen, ob draußen, das ist nicht das Problem. Das wäre ganz sicher keine Lösung.«
»Und warum, glauben Sie, wäre das keine Lösung?«
»Ich juble nie im Freien.«
»Sie jubeln nie – wo?«
»Und nie in für meine Zwecke ungeeigneten Räumen.«
»Entschuldigen Sie bitte, dass ich den Kopf schüttele.«
»Ich juble wo ich will und selbstverständlich auch wann und wie.«
»Aha. Sehr schön. Bitte sprechen Sie weiter. Ich bin ganz Ohr.«
»Ich jubele insbesondere nie, wenn sich irgendjemand, wer immer es auch sein mag, in Hörweite befindet.«
»Das heißt, Sie jubeln nur, wenn Sie alleine sind?«
»So ist es.«
»Wenn Sie einsam sind?«
»Wenn ich und nur ich anwesend bin in den von mir bevorzugten Räumlichkeiten.«
»Sie und nur Sie, ja, Sie ganz alleine und einsam. – Einsamkeit! Das schrecklichste Los, das das Universum einem Menschen aufbürden kann.«
»Das kann niemand wissen. Das Universum ist sehr groß, sehr vielfältig.«
»Sie jubeln, wenn ich Sie nun endlich richtig verstanden haben sollte, unabhängig von Ihrer Befindlichkeit, ganz gleich, ob diese so ist oder so, sind also jubelnd und traurig zugleich. Dazu kann ich nur sagen und mein bereits ausgesprochenes Urteil wiederholen – Wahnsinn. Wahnsinn und Einsamkeit, eine doppelte Last.«
»Wer sagt denn, dass das, was Sie Wahnsinn, und dass das, was Sie Einsamkeit nennen, für mich Lasten verkörpern?«
»Und wenn eine Person anwesend ist, eine oder mehrere? Wenn Ihr Jubel Gehör fände – was dann?«
»Ich sagte bereits, dass mein Jubel und menschliche Nähe einander ausschließen.«
»Und wenn Sie nicht jubeln? Sind Sie glücklich, wenn Sie nicht jubeln, dafür aber menschliche Nähe verspüren?«
»Glücklich?«
»Ja, glücklich. Was tun Sie, wenn Sie glücklich sind? Statt zu jubeln – weinen?«
»Vor Glück weinen? Das käme mir nie in den Sinn.«
»Wieso denn nicht? Da Sie jubeln, wenn Sie traurig sind, wäre es doch durchaus logisch, dass Sie weinen, wenn Sie glücklich sind?«
»Logisch? Finden Sie? Darüber habe ich mir noch nie Gedanken gemacht. Und ich hoffe, das wird auch mein Leben lang so bleiben. Denn was hat Logik mit Jubel zu tun, mit Traurigkeit, mit Glück, mit Tränen?«
»Sie behaupten, ausschließlich in Ihren, wie auch immer gearteten Räumlichkeiten, und nur in Abwesenheit von Menschen zu jubeln. Ist, was menschliche Nähe betrifft, dies auch für Ihr Glücklichsein der Fall? Oder sind Sie in der Lage, im Freien sowohl glücklich zu sein als auch Zeugen Ihres Glückes in Ihrer Nähe zu dulden?«
»Allmählich gewinne ich den Eindruck, dass alle diese Fragen letztlich dazu dienen, Ihre eigene Misere, nämlich die, dass Sie weder traurig sind noch einen Grund haben zu jubeln, zu bagatellisieren.«
»Keineswegs. Ich habe Ihnen auf Ihre Frage, wie es mir gehe, geantwortet, es gehe. Diese Antwort hat Sie traurig gestimmt. Gleichzeitig haben Sie mir einzureden versucht, dass Sie in der Lage seien, innerhalb ihrer bevorzugten vier Wände und in Abwesenheit von Zeugen grundlos zu jubeln, was bei mir den Eindruck erweckte, dass Sie verrückt oder – treffender gesagt – wahnsinnig seien und dass als die für Sie am besten geeignete Räumlichkeit eigentlich nur die geschlossene Abteilung einer psychiatrischen Anstalt in Frage käme. Allerdings könnte ich mir auch denken, dass all das von Ihnen Gesagte nichts anderes ist als Wichtigtuerei – als pure Lüge.«
»Was Sie persönlich mit dem von mir Gesagten anfangen, steht Ihnen ganz und gar frei. Es ist mir, um ehrlich zu sein, vollkommen gleichgültig.«
»Wie kann ich, der ich die Fähigkeit, grundlos, ja sogar aus Traurigkeitsgründen zu jubeln, nicht besitze, mir vorstellen, dass Sie, falls Sie weder lügen noch geisteskrank sind, diese Kunst beherrschen – könnten Sie mir dazu vielleicht einen kleinen, einen winzigen aber hilfreichen Tipp geben? Ist es einfach so, dass Sie sich zwischen Ihren Wänden befinden und alleine sind und sich einsam und und vielleicht zusätzlich traurig fühlen – dass Sie dann ganz plötzlich, so mir nichts dir nichts, anfangen zu jubeln?«
»Tut mir leid. Ich kann Ihnen nicht weiterhelfen. Mein eigenes Leben zu meistern, genügt mir vollkommen.«
»Ich bekomme allmählich den Verdacht, dass Sie noch viel ärmer dran sind als ich.«
»Ich denke, bei Ihnen gehts?«
»Ja, richtig, bei mir gehts. Wenn von mir ein Mitmensch wissen will, wie es mir geht, kann ich getrost sagen, es gehe. Das entspricht der Wahrheit. Das kann jeder nachvollziehen. Außer Ihnen. So wie allerdings ich, was Sie betrifft, nicht nachvollziehen kann, wie es sich anhört, wenn Sie vor einer Ihnen sympatischen Wand sitzen und in trauriger Einsamkeit vor sich hin jubeln. Sagen Sie mir doch mal – wie hört sich das an?«
»Haben Sie noch nie in Ihrem Leben gejubelt?«
»Also, das ist wirklich das Allerletzte, was ich mir vorstellen kann – dass die Art und Weise, wie Sie jubeln, und die Art und Weise, wie ich jubele, eine auch nur entfernte Ähnlichkeit besitzen könnten. Ihr Jubel ist vermutlich nur Ihrer Interpretation nach ein Jubel und hört sich für normale Menschen sehr traurig an.«
»Da ich, wie Sie bereits wissen, keinen Menschen in meiner Nähe dulde, wenn ich jubele, sehe ich mich leider außerstande, mir auch nur annähernd ein Bild davon zu machen, wie mein Jubel sich für fremde Ohren anhört.«
»Ich stelle mir vor, dass Sie das tun, was Sie jubeln zu nennen pflegen, auf eine Ihrer –… HA! – heiterkeitsgemäße Art vorbereiten, dass Sie selbstverständlich die Tür fest hinter sich schließen, durch Rolläden und Vorhänge dem Tageslicht den Einlass verwehren und dann schließlich … letztendlich … mit der Nasenspitze zur Wand leise eine traurige Melodie vor sich hin brummen.«
»Auf bestimmte Lichtverhältnisse und die von Ihnen sonst noch vermuteten Gegebenheit lege ich bei meinem Jubel keinerlei Wert. Sie allerdings können, auch was diese Dinge betrifft, Ihrer Fantasie alle Freiheiten gewähren – ob hell, ob dunkel, ob Dämmerlicht, bittesehr, bittebittebitte, ganz wie Sie wünschen. MEIN Jubel ist von diesen oder von Ihnen auch sonst noch ausgetüftelten Variablen gänzlich unberührt.«
»Aber mit der Vermutung, dass es sich bei Ihrem Jubel um etwas handelt, das man als melodiös bezeichnen könnte, liege ich richtig, nicht wahr – oder nicht?«
»Wie Sie sicher wissen, hört der Mensch seine eigene Stimme von innen, sofern er sie nicht von einem Tonträger aufzeichnen läßt, was ich mit meinem Jubel weder je getan habe noch je zu tun gedenke. Darüber, wie sich mein Jubel für Außenstehende anhören würde, kann ich also keine Auskunft geben – vielleicht melodiös, vielleicht auch nicht.«
»Und von innen, wie hört er sich von innen an – melodiös?«
»In gewisser Weise schon.«
»Und wie ist sie – die Melodie?«
»Wie sie ist? Wie sollte sie wohl sein?«
»Ist sie hübsch?«
» …? «
»Ist sie hübsch, Ihre Melodie?«
»Es geht.«