‚Leuchtender Tag, wärmende Sonne, doch stumpf und betäubt meine Sinne, in Kälte erstarrt die Seele.‘
War er das endlich – der Spruch dieses Tages? Meine Hand glitt über die Tischkante hinweg und bewegte sich abwärts zu meiner Gürteltasche mit dem Block und dem Stift. Der Tag war noch nicht zu Ende, aber ich fühlte mich schon unter Druck. Seit ich Sprüche sammelte, hatte es einen Tag ohne Spruch noch nicht gegeben und durfte es auch nicht geben. Das war nicht normal, wusste ich, vielleicht sogar krankhaft. Vielleicht litt ich an einer Zwangsstörung. Vielleicht war ich therapiebedürftig. Vielleicht …
Denn noch konnte ich mich gegen mein sonderbares Hobby nicht wehren. Für den Fall, dass mir einmal kein Tagesspruch einfallen sollte, hatte ich mir eine ultimative Strafe geschworen: alle Alben mit den eingeklebten Sprüchen dem Feuer zu übergeben.
Meine Fingerspitzen berührten den Verschluss der Gürteltasche, wo ich sie, mit einem Gefühl der Unsicherheit, für einen Augenblick beließ. Denn geschworen hatte ich mir auch: Der Spruch musste deckungsgleich sein mit meinem Herzen. Mogeln – das wäre noch schlimmer gewesen als gar keinen Spruch. Die Strafe bei Bruch des Mogelgesetzes – gäbe es eine Steigerung für ultimativ – wäre: ultimativer.
Ich sah vom Griff nach dem Schreibzeug ab und bewegte meine Hand von der Gürteltasche weg zurück auf den Tisch. Nein, der Spruch war nicht deckungsgleich mit meinem Herzen. Denn mein Stimmungspegel war gestiegen. Für die andern nicht wahrnehmbar, aber für mich in einem Maße, von dem ich profitierte. Ein Gefühl geheimen Stolzes hatte mich nämlich beschlichen.
Die andern hatten von ihren Getränken schon geschluckt, waren ohnehin schon vorher in guter Stimmung gewesen und waren es jetzt noch mehr. Ich selbst hatte erst einmal an meiner Cola genippt, hatte jetzt aber das Gefühl, dass es mit meiner Laune aufwärts ging – eine Folge der Genugtuung, die ich verspürte, weil ich gerade kurzfristig den Spitzenplatz in der Hierarchie unserer Gruppe übernommen hatte.
Wir hatten nach dem Kino lebhaft Vorschläge ausgetauscht, wohin wir etwas essen und trinken gehen könnten, waren ziellos herumgelaufen, jeder mit anderen Ideen, wechselnden Ideen – oder, was mich betraf, mit gar keiner Idee.
Dann hatte ich die Nase plötzlich voll und fasste für mich einen Entschluss.
»Hier«, sagte ich. »Ich bleibe hier.«
Das war, als wir zufällig an einem türkischen Restaurant vorbeigingen, wo einige Tische und Stühle auf dem Bürgersteig standen.
Ich hatte für mich entschieden – nur für mich. Ich hatte mein Ziel erreicht. Und dann zeigte sich, dass offenbar auch die andern ihr Ziel erreicht hatten – besser gesagt: mein Ziel.
Ich setzte mich hin. Die andern schoben einen zweiten Tisch an den von mir gewählten heran und setzten sich auch hin.
Nur Cilly war noch unterwegs. Sie hatte vier oder fünf Vorschläge gemacht, was sie gerne vorgehabt hätte, konnte sich aber für keinen ihrer Vorschläge entscheiden. Sie setzte ihren Weg noch immer fort, blieb jetzt aber stehn, uns den Rücken zugewandt, mit gesenktem Kopf, den sie sich immer noch zu zerbrechen schien, um herauszufinden, wohin sie wollte. Dann machte sie kehrt und kam zurück. Auch sie schien jetzt bereit, sich zu uns zu gesellen.
»Warum«, fragte sie Paul, ihren Mann, »hast du mir denn keinen Platz freigehalten?« Sie meinte einen Platz an seiner Seite. Aber die Plätze dort waren besetzt. Rechts von Paul saß ich und links von ihm Meike, die Freundin von Elfi, meiner Tochter.
Paul deutete auf zwei noch unbesetzte Stühle. »Es sind doch noch Plätze frei«, sagte er. »Wenn du dich hierhin setzt …« Er zeigte auf einen dieser Stühle. »… sitzt du mit dem Rücken zur Sonne.«
Cilly nahm platz auf dem anderen Stuhl. Als sie saß, kniff sie die Augen zusammen. »Hier scheint einem die Sonne direkt ins Gesicht«, stellte sie verärgert fest.
Annette, links neben mir sitzend, verdrehte die Augen und stöhnte leise vor sich hin. »Die brauchen aber lange mit dem Essen«, klagte sie, um sich mit einem privaten Kummer von dem ihrer Schwägerin abzulenken.
Gerd, der nicht mit im Kino sondern auf dem Fußballplatz gewesen war, blickte geistesabwesend auf die Stelle des Tisches, auf der bald sein Teller stehen würde. Er war nach der Vorstellung zu uns gestoßen und hatte berichtet, dass der FC wieder einmal als Verlierer vom Platz gegangen war. Die lockeren Sprüche, mit denen er sich in regelmäßigen Abständen Gehör verschaffte, konnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass er, parallel zu seiner guten Laune, litt, wozu er, als Präsident einer FC-Fan-Organisation, moralisch auch verpflichtet war.
Ich empfand das Warten aufs Essen gar nicht so unangenehm, da ich kein echtes Hungergefühl verspürte. Ich war zur Zeit auch von keinem der rundum seitlich und über die Tische stattfindenden Gesprächsansätze betroffen.
Ich hatte begonnen, mich mit mir selbst zu beschäftigen – das auszuloten, was ich das Innerste meines Innern nannte. Auch das war womöglich eine Art Zwang. Mit Freude verbunden war es jedenfalls nicht. Eher eliminierte ich auf diese Weise, aus welchen Gründen auch immer, eine gerade vorhandene Freude. Und obwohl ich momentan nur unter einer reduzierten Melancholie litt, neigte ich auch dann noch dazu, in meinem Sorgenreaktor eine Kettenreaktion aller nur erdenklichen Möglichkeiten und ihrer schlimmsten Varianten in Gang zu bringen, bis ich am Ende umgeben war von einer erdrückenden Masse schwarzer Schatten.
So nutzte ich die augenblickliche Gelegenheit des Schweigens, mich in der Technik zu üben, meinen hypochondrischen Krankheitsvisionen solche Krankheitsmöglichkeiten gegenüberzustellen, die für mich keine Gefahr bedeuteten – Gebärmutterkrebs, Eierstockkrebs und so weiter … Aber, ging es mir auf einmal durch den Sinn, wie stand es denn mit Brustkrebs? Konnte ein Mann sich hundertprozentig sicher sein, niemals an Brustkrebs zu erkranken? Nein, konnte er nicht. Also weg vom Thema Krebs. Ich könnte, fiel mir ein, theoretisch schon heute, oder aber erst morgen, doch noch jederzeit im Lauf dieses Lebens mein Augenlicht verlieren, so wie auch die andern, die hier herumsaßen – aber blind geboren werden, wie so manche bedauernswerte Kreatur auf dem Erdball, das konnte mir nicht mehr passieren. Ich hatte das Licht der Welt viele Jahre lang gesehen. Und das konnte mir keiner mehr nehmen.
Ich spürte auf einmal – wo, vermochte ich nicht zu orten – so ein positives Kribbeln in mir. Woher kam das? Hatte es mit meinen raffinierten Denkstrategien zu tun? Oder immer noch damit, dass ich vorhin, als die andern weder ein noch aus wussten, Führungsstärke bewiesen hatte?
Es fühlte sich an, als gewönne ich dem Leben mit einfachen Mitteln, deren Handhabung ich sonst eher schlichteren Gemütern zugestand, Pluspunkte ab. Gleich würde das Essen vor mir auf dem Tisch stehn. Ein würziger türkischer Geruch eilte ihm schon voraus. Jetzt hatte ich es, das Hungergefühl. Ich freute mich auf den Essgenuss. Oder vielleicht auf den Zustand danach: auf die Abwesenheit des Hungergefühles.
Ich schaute in die Runde. Der Mensch braucht den Menschen, ging es mir durch den Kopf, ohne dass ich dabei auf den Gewinn spekulierte, damit jetzt den noch fälligen Spruch des Tages gefunden zu haben.
Mein Blick verweilte bei Cilly, die sich mit Antoine unterhielt, dem Freund von Evi. Die beiden sprachen französisch miteinander. Cilly und Paul wohnten in Frankreich, ein paar Kilometer hinter der Grenze. Sie fühlten sich sowohl hier als auch dort zuhause. Paul lächelte seiner Frau zu, froh, dass diese jetzt zufrieden schien. Aber die bemerkte nichts von seinem Lächeln – und so drehte er den Kopf in eine andere Richtung, widmete seine Aufmerksamkeit den Leuten, die auf dem Platz hinter der anderen Straßenseite Boule spielten.
»Wir hätten besser Boule gespielt, als bei diesem Wetter ins Kino zu gehen«, meinte er zu mir.
»Ja«, stimmte ich ihm zu.
Jetzt wurde das Essen gebracht. Der Keller benötigte drei Wege ins Lokal und wieder zurück, bis jeder seine Mahlzeit auf dem Tisch hatte.
Auf den Gesichtern breitete sich eine Zufriedenheit aus, die dem, was das Sommerwetter ohnehin schon vollbracht hatte, noch ein Plus verlieh. Nur Gerds Miene ließ erkennen, dass, um diesen Nachmittag vollkommen zu machen, ein gewisses Etwas fehlte.
Paul und ich hatten das Gleiche bestellt. Döner Kebab.
Ich warf zuerst einen Blick auf meinen Teller, dann einen Blick auf seinen. Warf noch einmal einen Blick auf meinen Teller und dann einen auf seinen. Ich warf wieder einen Blick auf meinen Teller, betrachtete das, was vor mir stand, eine gute Weile, um danach das, was vor Paul stand, ebenfalls eine gute Weile zu betrachten.
Paul fiel auf, dass mein Blick hin und her wanderte, von meinem Teller zu seinem Teller und wieder zurück, um immer dort, wo er sich gerade befand, für eine gute Zeit nachdenklich zu verweilen … Er hielt seine Hände, die Enden des Griffes seines Messers und seiner Gabel umfassend, links und rechts neben seinem Teller auf den Tisch gestemmt. Er beobachtete mich.
»Ist irgendwas?« fragte er schließlich.
Ich sah ihn an, nickte und sagte: »Mmh … Ja …«
»Und was?« wollte er wissen.
Ich schwieg zunächst, so als müsse ich mir meine Antwort sehr genau überlegen. Dann sagte ich: »Mein Kebab ist döner als deins.«
Er erwiderte meinen Blick ein paar Sekunden, runzelte grüblerisch die Stirn, schob die Unterlippe vor und schüttelte schließlich energisch den Kopf. »Nein«, erwiderte er, »mein Kebab ist döner.«
Ich verzog verächtlich den Mund und entgegnete in einem Ton, der verriet, dass ich an seinem Verstand zweifelte: »Red doch keinen Blödsinn. Meins ist viel viel döner. Das sieht doch jeder.«
Paul schaute in die Runde, um jemanden auszuspähen, der geeignet sein könnte, ein unparteiisches Urteil abzugeben.
Aber alle waren so hungrig, dass in ihrem Leben momentan keine Möglichkeit gab, Zeit für eine solche Rolle abzuzweigen. Paul versuchte, die Aufmerksamkeit einer potentiellen Jury zu erzwingen, indem er mich mit erhobener Lautstärker und einem Ton der Empörung, anfuhr: »Mein Kebab ist mindestens doppelt so dön wie deins!«
Damit erzielte er einen Teil der erwünschten Wirkung. Einige schauten irritiert in unsere Richtung.
Ich warf den Kopf in den Nacken und stieß einen Lachton aus. »Doppelt so dön?! Ich glaube, du hast deine Kontaktlinsen nicht an. Oder …« fügte ich leise, für die andern aber immer noch laut genaug, hinzu: »… du lügst …«
»Hier lügt nur einer«, protestierte Paul. «rate mal wer!«
»Da brauche ich gar nicht erst zu raten«, sagte ich und formte mit meinen Lippen ein stolzes Lächeln.
Dann schaute ich zu meiner Tochter hin, die unser Gespräch inzwischen verfolgte.
»Evi«, sprach ich. »sei mal ehrlich. Welches Kebab ist döner?« Ich zeigte auf meins. »Das da …? Oder …« Ich zeigte auf Pauls Teller: »… das da?«
Evi dachte nach und sagte dann: »Eins wie das andere.«
»Was du machst«, beschwerte sich Paul, »ist Psychoterror! Zwar weiß sie, dass mein Kebab döner ist als deins. Aber das darf sie nicht zugeben, weil sie nämlich Angst hat, sich deine Vaterliebe zu verscherzen.«
Ich wollte etwas zu meiner Verteidigung entgegen, aber Paul hatte schon eine neue Zeugin eingespannt. Er gab Meike mit dem Ellbogen einen leichten Knuff und fragte, als sie überrascht den Kopf hob, weil sie von der bisherigen Auseinandersetzung noch nichts mitbekommen oder sich nicht dafür interessiert hatte.
Paul deutete zuerst auf seinen Teller und dann auf meinen. »Siehst du diese beiden Kebabs?« fragte er sie beschwörend.
»Ja, natürlich sehe ich die«, antwortete Meike, offenbar ein wenig ungehalten darüber, dass man sie beim Essen störte. «Ich bin doch nicht blind.«
»Welches ist döner? Das da?« Er zog die Mundwinkel herunter und machte eine Daumenbewegung in Richtung meines Tellers. »Oder das da?« Er machte über seinem Teller eine Kreisbewegungen mit beiden Händen, so als präsentiere er ihr eine Kollektion wertvoller Schmuckstücke.
Meike schüttelte angeekelt den Kopf. »Ich finde beide zum Kotzen.«
»Beide?« erkundigte sich Paul verwundert, so als hätte Meike sic negativ über zwei politische Grundthesen geurteilt. «Das da?« wieder deutete er, diesmal ohne großspurige Handbewegungen, auf seinen Teller. »Und das da?« Auch als er auf meinen Teller zeigte, bemühte er sich um Neutralität in Ton, Körpersprache und Mimik.
»Ja!« bestätigte Meike. »Ich finde alles zum Kotzen, was einmal Augen hatte und ermordet wurde, nur damit ihr euch den Bauch voll schlagen könnt.«
Paul war gescheitert. Meike hatte sich abgewandt und widmete sich wieder ihrem Gemüseauflauf.
Ich grinste.
Paul murmelte mürrisch: »Vegetarier können sich natürlich nicht kompetent zur Dönheit von Kebabs äußern.«
»Jedenfalls«, erklärte ich, bevor ich mich anschickte weiter zu essen, »ist mein Kebab das dönste von dem da und dem da …« Mein Blick wanderte mehrmals zwischen unseren Tellern hin und her.
»Zum Glück …«, lenkte Paul ein, bevor auch er wieder anfing zu essen, »… gibt es auch noch anderen döne Sachen auf der Welt.«
»Was denn?« fragte ich mit vollem Mund.
»Das Wetter«, antwortete er, auch mit vollem Mund.
»Stimmt«, gab ich zu, «das Wetter ist heute sehr dön.«
»Und die Frauen«, erklärte er weiter. »Die sind auch dön.«
»Alle?« fragte ich.
Paul zuckte mit den Schultern. Dann sagte er: »Cilly.«
»Klar«, sagte ich und warf einen Blick zu ihr hinüber.
Sie war größtenteils mit Essen beschäftigt, unterhielt sich aber zwischendurch immer wieder mit Antoine, jetzt deutschsprachig.
»Und Annette auch«, sagte ich.
»Natürlich«, erwiderte Paul. »liegt bei uns doch in der Familie.«
»Und auch deine Nebenfrau«, nannte ich noch ein weiteres Beispiel.
»Nebenfrau?« nuschelte Paul und hörte auf zu Kauen.
»Die, die neben dir sitzt«, fügte ich erklärend hinzu. »Die ist doch auch dön, oder nicht? Obwohl sie unser Essen zum Kotzen findet.«
»Absolut!« Paul nickte mit dem Kopf, um, als er den Mund wieder leerer hatte, zu versichern: »Auch die Evi ist dön. Deine Tochter, aber trotzdem dön.«
»Ja«, bestätigte ich. «alle Frauen hier am Tisch sind dön.«
»Genau«, gab Paul mir recht, »eine döner als die andere.« Dann fing er an zu essen. »Ob dön oder nicht«, sagte er, den ersten Bissen schon im Mund, »schmecken muss es.«
»Stimmt«, gab ich zu und fing auch an zu essen.
Später machte Paul eine Pause, tätschelte seinen Bauch und meinte: «Wahre Dönheit kommt von innen.« Er lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und warf einen Blick in Richtung Gerd.
»He, Gerd!« rief er. «Wie hat denn eigentlich der FC gespielt?«
Gerd schaute auf und antwortete ungehalten: »Das weißt du doch!«
Paul zuckte mit den Schultern und sagte mit Unschuldsmiene: »Ich habs vergessen.«
Gerd schüttelte den wieder über den Teller gebeugten Kopf und murmelte grimmig vor sich hin: »Vier null … und das bei einem Heimspiel …«
»Gegen welches Heim haben sie denn gespielt?« rief Paul ihm zu.
Gerd hob langsam den Kopf, sah Paul an und atmete tief durch die Nase ein. Er wollte gerade antworten, als er den Bürgersteig entlang blickte und Linda und Fredi erblickte, die soeben des Wegs kamen.
Fredi blieb stehn, warf einen Blick über die Tischgesellschaft, um zu erkunden, ob die Möglichkeit bestand, bei uns noch platz zu finden.
Auch seine Frau blieb stehn, aber nur für einen Augenblick. Sie hatte Pauls Frage gehört, fixierte ihn mit zusammengekniffenen Augen und zischte: »Es gibt Dinge, über die scherzt man nicht!« Dann wandte sie sich ab und setzte ihren Weg fort.
Fredi stand da, den Blick auf den noch freien Stuhl gerichtet. Dann sah er seiner davonjagenden Frau nach, zögerte einen Moment, nickte uns schließlich zu und eilte ihr hinterher.
Heitere Blicke folgten ihnen, bis sie an der Puffkneipe um die Ecke bogen. Auch Gerd war plötzlich guter Dinge.
Allmählich wurden die Teller leer und weggeräumt. Neue Getränke kamen auf den Tisch. Von Fußball war nun nicht mehr die Rede. Aber von vielen anderen Dingen. Von allem, was die Welt zu bieten hatte.
Plötzlich zuckte Paul zusammen. Er ballte die rechte Hand zur Faust und presste sie gegen seinen Mund, weil ein heftiges unerwartetes Lachen aus ihm herausbrach. Er saß über den Tisch gebeugt, bebte am ganzen Körper und lachte in den Hohlraum zwischen seinen gekrümmten Fingern.
»Was ist?« fragte ich ihn.
Die andern schauten verwundert. Alle Blicke waren jetzt auf Paul gerichtet, der nicht aufhören konnte zu lachen. Dann zwang er sich dazu. Es gelang ihm, sich zu beruhigen. Er spannte alle Muskeln an, die nötig waren, um die Beherrschung nicht zu verlieren. »Kennt ihr den Witz, wo …?« fragte er, kam aber nicht weiter, weil er nicht die Kraft besaß, die erforderlich gewesen wäre, um die Kontrolle des Lachdruckes weiter aufrecht zu erhalten.
Alle sahen ihn voller Erwartung an.
Paul bemühte sich redlich, setzte mehrfach an, schaffte es jedoch nicht. Er lachte, so als sei der Witz ihm selbst erst von einem inneren Souffleur erzählt worden.
»Soll ich ihn …« japste er und rang nach Luft. »… erz …ählen …!?«
Rundum Kopfnicken.
»Ja!«
»Natürlich!«
»Nun erzähl schon!«
»Stell dich doch nicht so an!«
Jetzt musste auch ich lachen …
»Ein Mann …!« gurgelte Paul.
Ich lachte. »Ein Mann …« Mehr wusste ich über den Witz nicht. Trotzdem. Ich lachte. Ich konnte nicht anders, ich musste …
»Ein Mann fährt mit seiner Frau …!« Weiter kam er nicht.
Merkwürdig, ging es mir durch den Kopf. Er kannte seinen Witz doch und hatte ihn vielleicht schon zwanzigmal erzählt. Trotzdem konnte er sich so sehr darüber begeistern, dass es ihm nicht gelang, sich so zu konzentrieren, dass es ihm gelang, ihn auch noch ein einundzwanzigstes Mal zu Ende zu bringen.
Aber was mich selbst betraf, so war die Angelegenheit ja noch weitaus rätselhafter. Ich wusste inzwischen zwar etwas mehr als gerade noch eben – nämlich dass jener Mann, über den ich mich schon köstlich amüsiert hatte, mit seiner Frau fuhr. Womit sie fuhren und wohin, davon hatte ich nicht die geringste Ahnung. Trotzdem gelang es mir nicht, dem Spuk ein Ende zu machen. Ich lachte wie ein Kind, das nicht damit aufhören konnte, weil irgendein sadistischer Erwachsener es gnadenlos kitzelte.
Glücklicherweise war ich nicht der einzige, den es erwischt hatte. Auch bei einigen anderen zeigten sich jetzt die ersten Regungen. Sie schmunzelten, lächelten und gaben auch schon die ersten Töne von sich.
»… nach Paris …!« krächzte Paul.
Das genügte, um nun auch diejenigen, die bis jetzt keine Regung gezeigt hatten, zu stimulieren. Die zuvor schon reagiert hatten, benahmen sich nun, als hätten sie Pauls Witz schon zu ende gehört. Und beim Rest zeigten sich allmählich die ersten Symptome.
»… sie! … sie wollten! … zum! … Eifelturm …!!!«
Ich geriet in eine unangenehme Situation, die ich schon einige Male erlebt und fast als bedrohlich empfunden hatte. Ich musste während des Lachens husten, wollte damit aufhören, konnte es aber nicht. Dabei gelangte ich an einen Punkt, an dem es nicht mehr weiterging. Meine Lunge war leer. Ich befand mich sozusagen am Anschlag und hätte nun einatmen müssen, was eine Rückwärtsbewegung meiner Atemtätigkeit vorausgesetzt hätte – die jedoch mit dem ausatmenden Lachen und Husten unvereinbar war …
»… sie fanden! … ihn aber! … nicht …!!!«
Annette hatte das schon mehrfach miterlebt und gab mir mit der Hand so fest sie konnte einige Schläge auf den Rücken.
»… obwohl er! … ja praktisch vor ihrer! … ihrer Nase …!!!«
Auch bei den andern war es jetzt ähnlich wie bei Paul und bei mir. Nur dass ich der einzige war, der am Lachen beinahe erstickte.
»… in! … den Himmel! … ragte …!!!«
In diesem Augenblick ereignete sich plötzlich noch etwas anderes. Und zwar zwei Dinge zu fast der gleichen Zeit. Von der anderen Seite, dem Bouleplatz …
»… sie versuchten! … sich! … durchzufragen! … puwwee wuuu??? … puwwee wuuu???… puwwee …???!!!«
… vom Bouleplatz kam auf einmal so eine Art Echo zu uns herüber. Auch die Bouleleute lachten. Wahrscheinlich nicht aus dem selben Grund wie wir, sondern weil dort vielleicht irgendjemand irgendwem aus Versehen eine Kugel an den Kopf geworfen hatte – oder so was ähnliches.
Endlich! Annette hatte es wieder einmal geschafft. Ich gelangte in den Rückwärtsgang. Ich atmete mit einem heiseren Sirenenton ein … und wieder aus … ein .. aus … Dann lachte ich – befreit nun von dem kratzigen Juckreiz in meinen Bronchien – weiter.
»… und tatsächlich! … ehrlich! … sie fanden! … ihn! … den! … den! … Eifel …!!!«
Das Gelächter der Leute vom Bouleplatz und unseres mischte sich mit noch einem anderen Gelächter, das auf einmal aus fast allen geöffneten Fenstern der Häuser rund um uns her schallte.
»… und als sie! … oben waren! … hoch über! … Paris! … da! … da bekamen sie ganz! … fürchterlich! … Zoff …!!!«
Das Lachen aus den Fenstern hatte wohl mit irgendeiner humoristischen Fernsehsendung zu tun, so dass jetzt nicht nur hier um uns herum sondern deutschlandweit Millionen Menschen gleichzeitig lachten.
»… da schnappte! … der Typ seine! … seine! … und hielt sie …!!!«
Paul war jetzt kaum noch zu verstehen. Nicht nur, dass sein eigenes Lachen die Deutlichkeit seiner Sprache beeinträchtigte, sondern da gab es ja noch diese drei starken Quellen, die mit dem, was er sagte, akustisch konkurrierten: wir selbst aus nächster Nähe, die Leute drüben auf dem Bouleplatz, sowie die vielen Unsichtbaren vor den Fernsehgeräten.
»… hielt sie! … übers Geländer …!!!«
Dass der Paristourist seine Frau übers Geländer des Eifelturmes hielt, war das letzte, was ich von Pauls Witz mitbekam. Er versuchte noch einmal, mit der Beschreibung der Tragödie, die sich oben auf dem Eifelturm anzubahnen schien, fortzufahren, doch dann winkte er ab. Er selbst wusste ja, was dort noch passierte.
Paul lachte weiter, ich nicht …
Ich saß jetzt still, hörte nur noch das Lachgemisch, das auf mich eindrang, und ein Rauschen, das in meinem Kopf stattfand – vermutlich eine Spätfolge des nachlassenden Druckes, der sich während des Hustenanfalles aufgebaut hatte. Ich hörte nach innen und nach außen zugleich, hörte sogar das kaum Hörbare, das mich aus den Fernsehstuben der Landesteile, die sich weit hinter dem Horizont befanden, erreichte – so dass ich den Eindruck gewann, Dirigent eines Lachbebens zu sein, Ursprung einer Naturgewalt, deren Mitte sich in meinem Kopf befand.
‚Leuchtender Tag, wärmende Sonne, Menschen im Epizentrum des Glücks …‘?
Meine Hand näherte sich wieder der Gürteltasche, kam, noch bevor sie das Ziel erreichte, zum Stillstand und bewegte sich wieder zurück. Ich merkte, dass ich, für mich selbst kaum spürbar, den Kopf schüttelte.
Abwarten. Der Tag war ja immer noch nicht zu Ende …