Dass ich in jener Zeit für die Andern – Buben wie ich selbst – so eine Art Anführer darstellte, hatte ich nie beabsichtigt. Ich war kein Vordrängler, keiner, der bestimmen oder gar herrschen wollte. Das wäre auch lächerlich gewesen. Denn die von uns sogenannte Festung, die wir als Jungen als unser Eigentum betrachteten, war ein verrottetes niedriges Haus, hinter dem sich ein Waldstück erstreckte mit einem von Gestrüpp, Zwergbäumen und Unkraut bewachsenen Gelände davor. Auf dem Gelände sollte vor Jahren etwas hingebaut werden, von dem niemand wusste, was das sein würde. In dem Haus waren über längere Zeit Herren zu beobachten, die dort irgendetwas taten – etwas planten, vorbereiteten …? Und keiner wusste, was. Aber eines Tages hörte das auf. Niemand kam mehr. Es geschah nichts mehr. Keiner kümmerte sich mehr um das Haus. Nur wir Kinder. Wir nahmen es unangefochten in Besitz. Wir nutzten es bei Regen und Kälte als Unterschlupf. Wir veranstalteten dort spannende Spiele, wir erlebten Vieles – Erlaubtes und Verbotenes und Heldenhaftes. Wir waren nur Buben, Mädchen waren nicht erlaubt. Nur hin und wieder – und dann mussten sie gehorsam sein … Es stand uns ein großer Raum zur Verfügung, so etwas Ähnliches wie eine Theaterbühne. Und dann gab es noch einen abgelegenen Raum, dessen Betreten uns verwehrt war. Das Betreten dieses Raumes hatten wir uns selbst verboten. Wir wussten nicht warum, aber es war ein Verbot, an das wir uns streng und respektvoll hielten. Die Tür der Kammer war mit aufeinander geschichteten Steinen verschlossen und ließ uns insgeheim und mit manchmal vorsichtigen Vermutungen rätseln, was sich wohl dahinter befand. Aber wir hatten uns an den nicht zugänglichen Raum gewöhnt, obwohl er etwa ausstrahlte, was uns so etwas wie Angst einflößte. Dieses Gefühl war immer spürbar und sorgte für einen ständigen Nervenkitzel. Aber das hielten wir aus, wir waren tapfer, ja, dafür gab es oft genug Beweise. Wir liebten unser gespenstisches Haus und statteten es aus mit allem, was Ritter, Indianer, Cowboys und Soldaten gebraucht hätten, um sich wohl zu fühlen. Es wurde bei Kriegsspielen von zwischen uns ausgelosten Angreifern attackiert und von ebenfalls ausgelosten Gegnern verteidigt, mal mit Erfolg der einen, mal mit dem der anderen Seite. In den Räumen wurden Kämpfe Mann gegen Mann erprobt, mit und ohne Waffen. Oder es fanden Feste statt, mit und ohne verbotene Genussmitteln. Ich selbst war gut in allem, was wir dort machten, ich sprach zu den Jungs, ich nahm Einfluss, ich verfügte, ich genoss eine Verehrung, die mir das Gefühl gab, besser und größer zu sein als meine Leute. Nur Uhu wollte das nicht mitmachen. Vielleicht weil ich ihn nicht leiden konnte. Oder vielleicht konnte ich ihn deswegen nicht leiden – weil so war, weil er so nicht mitmachen wollte. Aber, denke ich, so ist das nun mal: wo Buben zusammen sind, kann nie jeder jeden leiden. Mich konnten auch nicht alle leiden und vielleicht waren das sogar die Schlausten. Hin und wieder waren von unbekannten Tätern dumme Sprüche oder schlimme Gemeinheiten an die Wände gekritzelt worden, die mich beschimpfen oder beleidigen sollten. Wenn ich Mumm hätte, warfen sie mir immer wieder vor, solle ich doch mal dafür sorgen, dass die Tür aus Steinbrocken beseitigt wurde, damit man endlich wusste, was sich in dem Raum dahinter verbarg. Ich folgte dieser Aufforderung nicht, weil wir ja schließlich alle gleichberechtigt waren und jeder der Anderen das auch hätte machen können. Was sich hinter der Tür verborgen war, blieb ein Geheimnis. Und je länger das Geheimnis geheim blieb, desto mehr wuchs die Neugier, die sich in unseren Köpfen festgesetzt hatte. Es gab viele Vermutungen, eine abenteuerlicher als die andere. Nur Uhu schien sich nichts daraus zu machen. Vielleicht wünschte er sich, dass die Steintür für immer blieb, damit er sich an unseren Befürchtungen ergötzen konnte. Uhu war derjenige von uns, den wir am wenigsten durchschauten. Er war der Jüngste und wurde von allen verhätschelt wie ein kleiner Bruder. Er war anders als die Freunde, auf eine mir fremde und unschöne Art. In meinen Gedanken und manchmal auch, wenn ich etwas zu ihm oder über ihn sqgte, nannte ich ihn Bübchen oder Zwerg. Diesen Spitznamen hatte ich ihm verpasst, weil er so sonderbare Augen besaß. Er konnte anders mit ihnen blicken als wir mit unseren – so stechend und bohrend. Und sie schienen runder zu sein als unsere und auch irgendwie größer. Aber seine Augen, sagte ich mir, waren nicht tatsächlich anders als unsere. Wenn ich üben würde, könnte ich das mit meinen Augen wahrscheinlich auch hinkriegen: sie größer aufmachen und dabei stechend gucken und vielleicht auch so wie ihm das gelang: damit schielen und die Andern damit zum Lachen bringen. Ich hatte es vor dem Spiegel ausprobiert, war mir dabei mit der Zeit aber albern vorgekommen und hatte damit aufgehört. Und wenn er damit angab, dass seine Uhuaugen auch im Dunkeln sehen könnten, glaubte ihm das keiner. Ich verachtete ihn wegen seines kindischen Getues, aber statt ihn das spüren zu lassen, war auch ich immer sehr freundlich zu ihm. Trotzdem benahm er sich manchmal frech. Mach ich doch gerne, Chef, sagte er mit lauter schneidiger Stimme, wenn ich ihm etwas auftrug, dabei schlug er wie ein Soldat die Hacken zusammen und bewegte sich, wenn er hinterher gehorchte, langsam wie in Zeitlupe. Dann, eines Tages, wirkte er sehr merkwürdig verändert. Er benahm sich besonders Wichtigtuerisch. Er stellte sich vor die Tür, hinter der sich der Grund für unsere Neugier und geheime Furcht verbarg und stand dort längere Zeit und sah an der Brockenwand rauf und runter. Er schien nachzudenken und noch nicht zu wissen, was er damit bezwecken wollte. Ich aber ahnte schon, was in ihm vorging und ich hatte Recht. Bald darauf hob er seinen Arm und strich mit der Hand über die zerklüftete Oberfläche der Tür. Dann verschwanden seine Fingerspitzen in einem der Ritzen zwischen den Steinen. Als er seine Hand nun bewegte, bewegte sich auch der Steinbrocken unter dem Ritzen. Und je stärker er dort zog und rüttelte, desto mehr wackelte der Stein und rutschte ein Stück aus der Wand heraus. Er fuhr so lange mit Ziehen und Rütteln fort, bis der Stein so weit draußen war, dass er ihn mit beiden Händen seitlich fassen und noch weiter herausziehen konnte. Er machte das so lange, bis der Stein frei war und er ihn ganz rausziehen und auf den Boden fallen lassen konnte. Die Stille, die vorher schon da war, schien jetzt noch leiser zu werden. Alle starrten auf das Loch in der Tür und sahen, wie Uhu jetzt ein Stück vor trat, seinen Kopf nach vorne schob, bis sein Gesicht in dem Loch drin war, so dass er in den Raum hinter der Tür hinein schauen konnte. Und nachdem er diese angeberische Mutprobe beendet hatte, drehte er den Kopf, schaute uns über die Schulter an und sagte, da sei nichts drin, wir brauchten keine Angst mehr zu haben, es sei dunkel da drin, einfach nur dunkel. Aber was denn noch? fragte ich. Was da sonst noch sei? fragte ich nochmal und schmunzelte – denn wenn er im Dunkeln sehen könne, müsse er doch sehen, was da im Dunkeln versteckt sei? Oder sehe ER, der geniale Uhu, gar nicht wirklich im Dunkeln? Uhu antwortete nicht. Statt zu antworten, griff er in das Loch und spielte nun den starken Mann. Er brach so viele Steine heraus, bis die Öffnung so groß und es drinnen hell genug war. So dass jetzt auch ich und die Kameraden hineinsehen konnten. Nein, es stimmte nicht, was er gesagt hatte. Es war nicht so, dass er behaupten konnte, es sei NICHTS drin. Nur war es nichts Besonderes, was er uns zu sehen gab. Es waren ein paar Sachen, für die sich keiner interessierte – lauter Zeug, das man sah und gleich wieder vergaß. Ich stellte mir die Frage, und meine Freunde taten das wohl auch, warum diese Tür denn so wichtigtuerisch zugemacht worden war. Eine Antwort darauf fiel mir nicht ein. Gut, dachte ich, dann machen wir das Loch eben wieder dicht, richten die Tür wieder so her, wie sie vorher gewesen war, damit es aussah, als hätten wir nie einen Blick dahinter geworfen, sonst verbietet man uns am Ende noch das Betreten unserer Festung oder man reißt sie sogar ab. Da machte Uhu von der Maueröffnung und dem Steinhaufen her einen Rückwärtsschritt und drehte sich um. DU, sagte er und zeigte mit dem Finger auf mich, darfst die Tür jetzt reparieren. Er sah mich dabei an, als wolle er mich hypnotisieren. Aber ich reagierte nicht auf sein Getue und hielt die Augen genau so ähnlich auf ihn gerichtet wie er seine Augen auf mich, bis er sich langweilte und seine Aufmerksamkeit wieder den Andern zuwandte. Es fiel ihm nicht auf, dass ich ihn ausgetrickst, nämlich knapp an seinen Augen vorbei gesehen und meinen Blick auf sein Ohr gerichtet hatte. Bald darauf bewegte er den Kopf zurück und sah mich wieder an wie zuvor. Naa …? sagte er mit gedehnter Stimme. Und …? Er stemmte die Hände in die Seiten, nickte mir aufmuntern zu und zeigte mir wieder dieses unverschämte Grinsen. Du musst nicht, wenn Du nicht willst, fuhr er dann fort, Du MUSST nur, wenn Du freiwillig willst. Und er lächelte wieder, nachdem er das gesagt hatte – und diesmal lächelte er kameradschaftlich und sehr freundlich. Auch die Andern sah ich lächeln. Und auf einmal spürte ich, dass ich aufhörte, mich unwohl und ärgerlich zu fühlen und lächelte jetzt auch. Ich fühlte mich nur von Freunden umgeben. Ich atmete tief ein und beugte mich nach unten und streckte die Hände aus, um den ersten Brocken aufzuheben und anzufangen, das Loch zu schließen …