Der Wachmann, der nachts das Gelände des Gewerbeparkes abschritt, trug vorderseitig in der Mitte seines Gürtels einen Stahlring mit einer Zahl von Schlüsseln, deren Gewicht ihn mit Stolz erfüllte. Ebenso war er bei der Bestreitung seiner Pflichterfüllung ein stolzer Mann, der seinen Gang durch die Hallen stets spontan und frei wählte und seinen Weg auf diese Weise für Eindringlinge unvorhersehbar änderte, so dass die Sicherheit, die er verkörperte, unkontrollierbar und er selbst nahezu allgegenwärtig war. Und wenn er die Türen der seiner Verantwortung obliegenden Gebäude öffnete und dann die Schwellen überschritt, signalisierte ein ihm innewohnendes Gespür, ob das Sicherheitsfluidum in den Hallen von einer auch noch so winzigen Unreinheit befallen war. Aber noch nie war dies der Fall gewesen … Bis auf jenes erste Mal, als das gewohnte Fluidum der Sicherheit ihn gestört anmutete. Er spürte etwas unterhalb der Schwelle seiner Wahrnehmung, etwas Fremdes, nicht lokalisierbares, das ihn zuvor noch nie berührt hatte. Nach einer Zeit der Unsicherheit jedoch nahm das Rätsel Gestalt an. Allerorten und für alle auf dem Gelände und in den Hallen Tätigen wurden Stimmen vernehmlich, deren Verlautbarungen zunächst als Gerüchte abgetan wurden, bald aber immer klarer eine Wut gegen die Vernichtung der hier angesiedelten Gewerbestandorte kundtaten. Die Zahl der Schlüssel, die er an seinem Gürtelring trug, verringerte sich danach in immer kürzer werdenden Abständen. Und nach einer Zeit fand der Wachmann auch das Schlüsselloch des letzten Gebäudes, für dessen Kontrolle er noch zuständig war, mit einem Zettel verklebt, der ihn zur Abgabe des Schlüssels in der Verwaltung aufforderte. Nachdem er diesem Befehl nachgekommen war und er vor der Tür seines Hauses stand, befiel ihn ein lange anhaltender Schwindel. Und dann, als er den ihm noch verbliebenen, den eigenen Haustürschlüssel, von dem Ring abnahm und ihn einschieben wollte, begann seine Hand zu zittern und zitterte so lange, bis eine Wut ihn packte und er mit dem Schlüssel auf die Haustür einstach. Als seine Frau ihm nach einer Zeit von innen öffnete, warf sie einen Blick auf die von ihm verursachten Lackschäden, tat aber, als bemerke sie diese nicht. Am folgenden Tag, als der Mann in gewohnter Weise den Weg zur Arbeit antrat und dort kehrt machte und den Weg zurück ging, hatte die Frau die Tür des Hauses schon geöffnet. Sie stand auf der Schwelle und wartete. Vor seinem Bauch hing immer noch der Haustürschlüssel, dem er sich mit tastender Hand näherte und schließlich von dem Ring entfernte. Dann schaute er auf. Die Frau gewährte ihm mit steinern geduldiger Miene noch die Zeit, die er brauchte, um sie zu bemerken und zu erkennen. Danach griff sie nach dem Schlüssel und nahm ihn nach einer kleinen Rangelei, bei der er nur noch gespielt Gegenwehr leistete, an sich. Damit du diesen, murmelte sie ihm zu, nicht auch noch verlierst.