Die Mausefalle

Max löste die Hände von den Armlehnen des Sessels und hielt sich die Ohren zu. Er schloss die Augen, sein Gesicht verwandelte sich in ein Schmerzgebilde. „Ich halte das nicht mehr aus!“ stöhnte er.

Er ließ den Kopf nach hinten sinken, bis die Kante der Rückenlehne seinen Nacken stützte. Er ruhte eine Weile in dieser Pose, dann sanken seine Hände zurück auf die Armlehnen, sein Kopf richtete sich auf, er schüttelte ihn und sagte: „Ich kann es einfach nicht mehr hören.“

Edith hatte sich von der Couch erhoben, stand, die Hände auf den Tisch gestützt, vornübergebeugt da und giftete ihn aus nächster Nähe an: „Ich soll also meinen Mund halten, ja?! Weil Du nichts mehr hören willst. Ich soll tun, als sei alles in Ordnung! Und meinen Scheißfrust, den schlucke ich runter und werde ihn schon irgendwie verdauen! So stellst Du Dir das vor, ist das richtig?!“

„Ich weiß nur,“ erwiderte Max, noch immer mit dem Gesicht des Gepeinigten, „dass ich diese ewigen Verhöre nicht mehr ertragen kann, das ist alles!“

Edith ließ sich auf die Couch zurückfallen. „Seit wann ist eine Frage ein Verhör?!“ rief sie ihm über den Tisch hinweg zu.

Max atmete zischend durch die Nase aus. „Es kommt darauf an, wie oft man sie stellt,“ erklärte er ihr dann. „Die Penetranz, mit der Du Dich ständig wiederholst, treibt mich langsam aber sicher in den Wahnsinn.“

„Dann stehst Du mit Deinem Wahnsinn nicht alleine da,“ gab Edith zurück. „Weil das Spielchen, das Du treibst, mich allmählich verrückt macht, verstehst Du! Ich will endlich wissen, woran ich bin.“

„Aber Edith,“ beschwor er sie, „das weißt Du doch. Das weißt Du schon lange.“

„Ich weiß es nicht,“ beharrte Edith. „Ich will endlich eine Entscheidung, eine ganz klare Entscheidung!“

„Diese Entscheidung, liebe Edith, ist gefallen,“ redete Max ihr zu. „Es ist aus zwischen Lisa und mir. Aus! Wann willst Du das endlich begreifen?“

„Dann hilf mir, es zu begreifen!“

Max erhob sich. „Möchtest Du auch etwas zu trinken?“

„Bitte bleib sitzen und komm nicht vom Thema ab!“ fuhr Edith ihn an. „Wann warst Du das letzte Mal mit Lisa zusammen?“

Max sank in den Sessel zurück. „Das ist doch ganz und gar unwichtig,“ antwortete er gelangweilt.

„Für mich nicht,“ sagte Edith. „Und für Lisa ganz sicher auch nicht.“

Max ließ den Oberkörper nach vorne sinken, stützte die Ellbogen auf die Knie und fing seinen Kopf mit den Händen auf. Nachdem er eine Zeitlang wortlos so dagesessen hatte, bewegte er den Kopf, getragen von den Händen, verzweifelt hin und her. „Manchmal glaube ich, ich bin ein Papagei,“ murmelte er. „Zum hundertsten Mal, meine liebe Edith … Lisa und ich sind Freunde, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Und das wollen wir auch bleiben … Freunde, Edith, Freunde, ja …! Findest Du das verwerflich?“

„Verwerflich?“ Sie zuckte mit den Schultern. „Ich glaube, das ist das falsche Wort. Ich finde es nur höchst sonderbar, dass Du Deinen bewährten Edith-Lisa-Rhythmus nahezu unverändert beibehalten hast. Findest Du das normal?“

Max hob den Kopf, legte sich wieder im Sessel zurück und sagte: „Ja.“ Er nickte bekräftigend und fragte sie: „Warum sollte ich das nicht normal finden?“ Und als Edith nicht antwortete, fuhr er fort: „Waren wir uns beide nicht einig, was diese Dinge betrifft? Wenn ich mich recht erinnere, waren wir, Du und ich, übereingekommen, unsere Beziehung nicht totzupflegen, oder, wie sagten wir doch so treffend? Unsere Beziehung nicht zu institutionalisieren. So war das doch, oder? Ich stelle fest: Du hast Deine Meinung gründlich geändert.“

„Und ich stelle fest,“ erwiderte Edith, „dass bei Dir keine Veränderung stattgefunden hat. Alles ist unverändert, so wie damals, als Du mit Lisa noch und mit mir schon zusammen warst. Ich zitiere: ‚Ich möchte Lisa, bitte versteh das richtig, Edith, den Schock einer abrupten Trennung ersparen. Was ich brauche, ist ein wenig Zeit, damit Lisa und ich uns weiterhin als Freunde begegnen können.‘ Zitatende. Du hattest Deine Zeit, Du hattest sie reichlich. Du hattest sie von mir. Und Du hattest sie von Lisa. Lisa allerdings glaubte, Du brauchst diese Zeit, um die Liebesbeziehung zu mir zu verfreundschaftlichen…“

Max rieb sich das Kinn und meinte nachdenklich: „Zugegeben, damals wusste ich wirklich noch nicht, was ich eigentlich wollte. Es war alles so … so verwirrend. Ich kam mir vor wie dieser blöde Esel, der zwischen zwei Heuhaufen verhungert.“

Edith lachte bitter. „Wäre der blöde Esel so schlau gewesen wie Du, dann wäre er zwischen beiden Heuhaufen hin und her gependelt und hätte sich mal hier und mal da bedient.“

„Heute ist mir klar, wohin ich gehöre,“ versicherte Max und schaute Edith erwartungsvoll an … „Du brauchst gar nicht so spöttisch zu lächeln. So ist es wirklich. Wenn ich mit Lisa zusammen bin, dann ist das mehr wie … wie…“ Sein Blick wanderte zur Decke und bewegte sich hin und her, als suche er dort nach der Fortsetzung seines Satzes.

Edith hob die Augenbrauen. „Ja? Wie ist das? Erkläre doch mal, wie es ist, wenn Du mit Lisa zusammen bist?“ Sie machte eine Pause und sagte dann: „Dabei würde ich gerne mal Mäuschen spielen.“

„Das könntest Du ruhig!“ erklärte Max im Brustton der Rechtschaffenheit. „Das könntest Du ohne weiteres! Kein Mensch hätte etwas dagegen. Ich nicht. Und Lisa sicher auch nicht. Niemand!“

„Nun,“ sage Edith, „dann wollen wir doch mal zur Sache kommen.“ Sie erhob sich und ging zur Musikanlage. „Einen Augenblick bitte!“

Max beobachtete sie irritiert. „Was … was machst Du da?“ wollte er wissen.

Edith schaltete den Kassettenrekorder ein. „Lisa hat gestern

Abend ein sehr interessantes Gespräch aufgezeichnet.“

„Ich kann es allmählich nicht mehr hören!“ tönte die Stimme von Max aus dem Lautsprecher. „Deine ewigen Verhöre kotzen mich an!“

„Verhöre!“ ereiferte sich Lisa. „Was heißt hier Verhöre?! Ich will wissen, woran ich bin! Ich verlange eine klare Entscheidung, nicht mehr und nicht weniger! Ist das vielleicht zuviel verlangt?!“

Edith hielt das Band an, um dann im Schnelllauf ein Stück zu überspringen.

„Zwischen Edith und mir ist nichts mehr,“ beteuerte Max. „Wie oft soll ich das noch wiederholen! Bin ich vielleicht ein Papagei?!“

„Ein Papagei,“ antwortete Lisa, „der ständig seine Lügen wiederholt.“

„Ich wiederhole zum hundertsten Mal, „beharrte Max gereizt, „dass Edith und ich nach wie vor Freunde sind, nicht mehr aber auch nicht weniger, und dass wir das auch in Zukunft …“

Wieder ließ Edith das Band im Schnellgang ein Stück weiterlaufen.

„… waren wir uns doch beide einig!“ sprach Max zu Lisa. „Bist Du heute anderer Meinung? Willst Du unsere Beziehung in das Korsett einer eheähnlichen Institution zwängen und deren Lebendigkeit auf dem Siechbett alltäglicher …“

Edith schaltete das Gerät aus. „Willst Du noch mehr hören?“ fragte sie.

Max versuchte ihrem Blick standzuhalten, zog dann jedoch den Blick auf die Tischplatte vor. Er saß gebeugt da, den Blick auf den Tisch gerichtet … verharrte in gebeugter Haltung …

Edith setzte sich zurück auf die Couch.

Sie saßen einander gegenüber, bis Max zeitlupenhaft den Kopf hob und Edith anschaute.

Sie lächelte ihm frostig zu …

„Was wird hier gespielt?“ murmelte er mit fast unmerklichen Lippenbewegungen.

„Es war die Rede von ‚Mäuschen spielen‘,“ erklärte Edith. „Und Du hast dem Spiel zugestimmt, Mäuserich.“ Dann rief sie: „Lisa, Du kannst jetzt kommen!“

Max bewegte den Kopf verwirrt hin und her, so als verfolge er Ediths Stimme wie ein zwischen den Wänden hallendes Echo.

Edith beugte sich vor und sagte: „Das Spiel heißt: ‚Die Mauserfalle‘.“

Hinter Max hatte sich die Tür geöffnet. Sein Kopf schnellte herum. Auf der Schwelle stand Lisa.

         „Guten Abend Max,“ grüßte sie liebenswürdig.

„Was…? Was machst Du denn in meinem Schlafzimmer?!“ fuhr er sie an.

„Ich habe doch einen Wohnungsschlüssel,“ antwortete sie.

Sein Kopf drehte sich wieder zu Edith hin. „Was will die denn hier?!“

„Wie Du weißt, gehören zu unserem Spiel drei, lieber Max,“ antwortete Edith.

Lisa trat, die Hände hinter dem Rücken versteckt, einen Schritt näher.

Max drehte sich im Sessel zu ihr um und fuhr sie an: „Soll das ein Witz sein, oder was?!“

Lisa schüttelte den Kopf. „Nein, kein Witz. Ein Spiel, wie Edith gesagt hat.“ Dann machte sie noch einen Schritt auf ihn zu.

Max wandte sich wieder zu Edith hin …

Lisa machte einen kleinen Sprung und stand jetzt dicht hinter seinem Sessel. Sie hielt ein Kabel in den Händen, das vorne eine Schlinge bildete. „Ich will jetzt wissen,“ forderte Max Edith in strengem Ton auf, „was dieser Auftritt soll!“

Lisa legte Max die Schlinge um den Hals, eilte dann um den Tisch herum und nahm neben Edith auf der Couch Platz. In der Hand hielt sie das Kabel mit der Schlinge. Sie zog daran mit einem kräftigen Ruck, so dass die Schlinge sich fest zuzog.

Als Max‘ Hände nach oben schnellten, schafften er es nicht mehr, seine Finger zwischen Schlinge und Hals zu schieben.

Max war gefangen, von zwei Kabelhälften, die um seinen Hals eine Fessel bildeten. Die eine Hälfte hatte Lisa aus dem Schlafzimmer hinter sich hergezogen, die andere Hälfte spannte sich von der Schlinge bis in ihren Schoß, wo sie es mit den Händen festhielt.

„Also wirklich, ihr beiden!“ Max lachte, und sein Lachen wirkte beinahe echt. „Was ihr euch da ausgedacht habt. Ich muss schon sagen …“

„Was musst Du sagen?“ fragte Edith.

„Originell. Ehrlich, ich finde das originell. Die Kassette … Euer gemeinsamer Auftritt… Und dann … das da …“ Er zeigte auf die Schlinge um seinen Hals.

„Du findest die Schlinge um Deinen Hals tatsächlich originell?“ staunte Lisa.

„Okay,“ schlug Max vor, „ich werde an euerer Leine ein paar Runden durch die Stube drehen. Auf allen Vieren und bellend wie ein Hund, versteht sich. Und womit soll ich dabei wedeln?“

„Max,“ erklärte Edith, „wir wollen nicht, dass Du Dich lächerlich machst, das ist nicht unsere Absicht.“

„Also wollt ihr mich erdrosseln: So, nicht wahr…?“ Max streckte die Zunge heraus, verdrehte die Augen und grimassierte, als baumele er am Galgen.

         „Bitte Max, hör auf!“ rief Lisa. „Das ist ja ekelhaft.“

„Das finde ich auch!“ platzte Max jetzt heraus. „Also macht endlich Schluss mit dieser Show! Ihr habt euren Spaß gehabt! Ich glaube, es genügt nun!“

„Wann diese Show zu Ende ist, bestimmt wir,“ antwortete Edith sanft und ernst. „Und wenn Du glaubst, das ist ein Spaß, mein Lieber, dann …“ Sie schüttelte den Kopf. „… dann irrst Du Dich.“

Max schluckte und verzog schmerzhaft das Gesicht, weil das dünne, an der Schlinge von der Isolierschicht befreite Kabel ihm bei der Schluckbewegung in den Hals schnitt.

„Nun hört mal, ihr … Lieben…,“ sagte er mit gepresster Stimme.

„Ja?“

„Aber wir wären Dir dankbar, wenn Du Dich kurz fassen würdest.“

„Ich weiß nicht, wie ich es euch erklären soll.“ Sein Blick huschte zwischen beiden hin und her.

„Dein Pech.“

         „Vielleicht gibt es ja gar nichts zu erklären.“

„Aber ja, natürlich gibt es etwas zu erklären.“ Er ließ die Augenlider sinken. Die Gedanken, die hinter seiner Stirn arbeiteten, ließen seine Wimpern zittern. Plötzlich riss er die Augen auf und rief wütend: „Nein … ! Nichts … ! Es gibt wirklich nichts zu erklären!“

„Gut,“ stellte Edith fest, „dann wollen wir keine Zeit mehr verlieren. Bringen wir es hinter uns.“

„Ja,“ stimmte Lisa zu, „bringen wir es hinter uns.“ Und zu ihm gewandt, sagte sie: „Es ist aus, Max … Es ist aus.“

Max richtete sich im Sessel auf, soweit die Halsfessel das erlaubte. Sein Gesichtsausdruck zeigte eine plötzliche Veränderung seiner inneren Haltung an. Er erklärte mit kühler Gelassenheit: „Nun gut, es ist aus. Es ist aus zwischen Dir, Edith, und mir. Das ist traurig, aber in Anbetracht der Umstände nicht zu ändern. Und es ist aus zwischen Dir, Lisa, und mir. Auch das stimmt mich äußerst traurig. Aus … eine wirklich traurige Sache, die mich tief …“

„Du hast uns missverstanden,“ unterbrach ihn Lisa. „Es ist nicht aus zwischen Dir und uns, es ist aus … mit Dir.“

„Insofern,“ fügte Edith hinzu, „hast Du wirklich allen Grund, traurig zu sein.“

Max verzog das Gesicht in einer Weise, die eine neuerliche Veränderung seiner inneren Haltung anzeigte. Er brüllte: „Nun reicht es mir aber, ihr dummen, dämlichen, blöden …“ Er schnappte nach Luft und versuchte, nach dem Kabel zu greifen, das ihn und Lisa verband.

Im selben Augenblick ging ein Ruck durch seinen Körper. Er wurde, wie von einer unsichtbaren Riesenfaust getroffen, gegen die Rückenlehne des Sessels geworfen. Seine Glieder zitterten, während sein Körper sich aufbäumte und seiner Kehle ein sirenenartiges Wimmern entfuhr …

Die Eruption dauerte vier oder fünf Sekunden, dann erschlaffte Max, verstummte und sank in sich zusammen.

Lisa hob die Hand, die in ihren Schoß gebettet war. Das Ende des mit Max gekoppelten Kabels war mit einem Schaltkästchen versehen.

Max hatte sich soweit aufgerichtet, dass er sehen konnte, was Lisa in der Hand hielt.

Diese erklärte ihm nun die technischen Details: „Was Du eben gespürt hast, war ungefähr ein hundertstel von dem, was Dein zarter Körper im schlimmsten Fall empfangen würde. Die Energie, die ich dazu benötige, kommt aus der Steckdose im Schlafzimmer.“

Sie zeigte auf den Knopf auf dem Gehäuse des Schaltkästchens. „Wenn ich diesen Regler nach vorne schiebe …“

Max riss die Hände hoch. „Nein!“ schrie er. „Bitte nicht!“

Lisa lächelte. „Ich bin vorerst zufrieden. Aber Du, Edith … ?“ Sie hielt ihrer Nachbarin das Kästchen hin. „Vielleicht hast Du das Bedürfnis, ihn auch einmal ein bisschen …“

Max öffnete den Mund. Seine Stimme versagte. Ein Gurgeln ertönte.

Edith nahm das Kästchen und legte den Daumen auf den Regler.

„Edith!“ schrie Max jetzt. „Liebling, ich flehe Dich an!“

Edith legte ihre Hand mit dem Kästchen in den Schoß. Ihr Daumen blieb in Bereitschaft.

Max‘ Erscheinungsbild hatte sich in bizarrer Weise verändert. Sein Körper, schien es, war geschrumpft. Sein Haarscheitel sdtellten sich nach oben. Seine Augen schielten, weil der Blick des einen starr auf das Kästchen gerichtet war, während das andere sich hin und her bewegte, abwechselnd die eine und dann die andere Frau anflimmerte. Er schwitzte und zitterte und war von Kopf bis Fuß von Gänsehaut befallen.

Edith und Lisa saßen auf der Couch und warteten. Bisweilen sahen sie einander an, unschlüssig, ob sie mit dem, was sie zu tun beabsichtigten, fortfahren sollten. Sie bissen die Zähne aufeinander, um den Schmerz aufkommenden Mitleids zu bannen.

Es war Lisa, die die Initiative ergriff. Sie nahm das Schaltkästchen an sich und rief: „Ich befehle Dir, Max, werde wieder Max! Wirst Du es nicht, werde ich Dich unumkehrbar verwandeln in ein Wesen, das nie wieder Max sein kann.“

Max nuschelte mit unverständlicher Stimme etwas vor sich hin. Von dem, was er sagte, war nur zweimal das Wort „Mama“ zu verstehen.

Lisa richtete das Kästchen wie eine Fernbedienung auf Max und legte den Daumen auf den Regler. „Max sei Max!“ befahl sie, dann zählte sie: „Eins … ! Zwei …!“

Und das Wunder geschah. Max wuchs. Er glättete und regenerierte sich augenblicklich. Vor den beiden saß mit einemmal wieder ein hochgewachsener, gutaussehender Mann. Nur seine Augen passten nicht zu dem veränderten Bild. Sie waren geweitet und seine Pupillen so riesig, dass keine Iris mehr vorhanden war.

„Was um alles in der Welt wollt ihr denn von mir?“ fragten seine Stimmbänder.

„Dein Leben,“ antwortete Lisa.

„Beziehungsweise Deinen Tod,“ fugte Edith hinzu.

„Aber aber,“ argumentierte Max, von jeglicher Vernunft im Stich gelassen, „ihr könnt doch nicht beides haben.“

„Dann entscheide Du,“ verfügte Lisa, „was von beidem wir haben können.“

Max drohte wieder in einen Schrumpfungsprozess zu verfallen, aber dem kam Lisa zuvor, indem sie mit dem Kästchen winkte und drohend mit dem Daumen zuckte.

Max rückte sich, wie von einem inneren Mechanismus gesteuert, im Sessel zurecht, nahm gleichsam die militärische Haltung eines strammsitzenden Soldaten an.

Edith sah Lisa fragend an. Diese nickte ihr entschlossen zu und sagte: „Ja.“

Edith nahm daraufhin ihre Handtasche, die neben ihr auf der Couch lag, öffnete sie und förderte einen Schreibblock, einen Kugelschreiber und ein dunkelbraunes Fläschchen zutage. Sie legte Block und Schreiber auf den Tisch und stellte das Fläschchen daneben.

„Wir möchten,“ sagte Lisa zu Max, „dass Du schreibst, was wir Dir diktieren, und dass Du anschließend den Inhalt dieses Fläschchens leerst.“

Max‘ Haltung wurde vorübergehend labil, aber Lisa winkte ihn mit dem Kästchen zur Ordnung.

„Was soll ich denn schreiben?“ fragte er. Seine Stimme klang so fest, als sei sie in ein Korsett eingezwängt. „Und was befindet sich in diesem Fläschchen?“

Lisa beantwortete die erste Frage: „Du sollst einen Abschiedsbrief schreiben.“

Und Edith erklärte ihm das weitere Vorgehen: „Danach wirst Du dieses Fläschchen austrinken. Es enthält einen Kräuterlikör und eine zusätzliche Substanz, die Dein Leben in wenigen Sekunden beenden wird.“

„Du wirst nicht sonderlich leiden,“ tröstete Lisa. „Es handelt sich um ein Mittel, das schnell und zuverlässig zum Erfolg fuhrt.“

Ihre Worte bewirkten, dass Max‘ Körper zu vibrieren begann. Gleich darauf wurde das Vibrieren hörbar, es verwandelte sich in einen aus seiner Tiefe kommenden Brummton, der anschwellend nach oben stieg und als Kampfschrei aus ihm herausbrach. Gleichzeitig schnellte er, wie von einem Katapult befördert, aus dem Sessel in die Höhe, um zu einem Hechtsprung über den Tisch anzusetzen …

Als Lisa, der Attacke zuvorkommend, den Regler betätigte, erlitt Max einen Anfall, der heftiger und eindrucksvoller verlief als derjenige bei der vorangegangenen Lektion. Er ruderte propellerschnell mit den Armen, als wolle sein Körper nach allen Seiten gleichzeitig kippen und er ihn auf diese Weise ausbalancieren. Seine Mimik veränderte sich wild und in Sekundenbruchteilen, wobei seine zuckende Mundöffnung, die den Wunsch sich Gehör zu verschaffen überdeutlich kundtat, stumm blieb. Die Schreie, die nach draußen wollten, zappelten in seinem Kehlkopf und verebbten ungehört. Seine Fußsohlen behämmerten mit hundertfacher Steppfrequenz den Boden und lösten sich vom Teppich, während sein Körper nach hinten kippte und in den Sessel krachte.

Edith war aufgesprungen, um den Tisch herumgerast, fing den kippenden Sessel auf halber Höhe ab und stellte ihn zurück auf die Füße.

Lisa hatte den Regler inzwischen zurückgefahren.

Edith nahm wieder neben ihr Platz.

Sie brauchten nach dieser Prozedur lange, um Max wieder Haltung beizubringen.

         „Du wirst schreiben und trinken!“ lautete danach der Befehl.

Edith schob Max den Block und den Stift hinüber.

Max presste die Lippen aufeinander, seine Augen wurden feucht, sein Kopf verfiel in ein schnelles, ruckhaftes Schütteln.

„Doch,“ sagte Lisa und fing an zu diktieren: „Mein letzter Wille.“

Aus Max‘ Brust löste sich ein Schluchzen. „Das könnt ihr nicht machen,“ bat er, die Geschwindigkeit seines Kopfschüttelns verdoppelnd, „gell, das geht doch nicht?“

„Es geht,“ antwortete Lisa und schob den Regler kurz vor und zurück.

Max‘ Kopf schnellte daraufhin nach hinten. Er stieß einen Laut aus, wie ihn eventuell ein heiserer Hahn von sich gäbe, dem beim Krähen die Stimme versagt.

„Du musst jetzt wirklich schreiben,“ mahnte Lisa. „Bitte: ‚Mein letzter Wille‘.“

Max löste die Hand von der Armlehne, führte sie in Richtung Stift und hielt dann inne. „Ihr habt ja recht,“ bekannte er und nickte den beiden zu. „Ich war ein Schwein … ein fieser Hund … ein verdammter Schweinehund … Aber …“

„Mein! letzter! Wille!“ bat Lisa genervt.

Max fing wieder an seinen Kopf zu schütteln. Er nahm den Stift und schrieb mit zitternder Hand.

Edith beugte sich über den Tisch und warf einen Blick auf das Papier.

„Hat er’s?“ erkundigte sich Lisa.

„Kaum lesbar,“ antwortete Edith und setzte sich wieder zurück.

„Aber von einem Selbstmörder erwartet man wohl nicht unbedingt eine ruhige Hand,“ erklärte Lisa.

„Das macht die Sache umso glaubwürdiger,“ meinte Edith. „Also weiter: ‚Ich habe beschlossen, meinem erbärmlichen Dasein ein Ende zu bereiten. Punkt. Meine Bitte an die für die Beseitigung des Kadavers Zuständigen ist, dass dieser verbrannt und der erbärmliche Rückstand, die Asche …“‘

Max senkte den Kopf und presste das Kinn gegen die Brust. Seine Hand hörte auf zu schreiben.

Lisa reichte Edith das Kästchen. „Jetzt bist Du mal an der Reihe.“

Nachdem Edith Max eine Lektion erteilt und dieser sich wieder erholt hatte, diktierte Lisa weiter: „’…und die Asche jeweils zur Hälfte weggespült wird in den WCs der von mir betrogenen und in ihrer weiblichen Ehre gekränkten …‘.“

„Max!“ mahnte Edith, als dieser die Stiftspitze vom Papier löste.

Max setzte den Stift wieder auf.

Lisa diktierte den Abschiedsbrief zu Ende und nahm den Block. Die beiden Frauen lasen, was dort geschrieben stand …

„Prima!“ lobte Edith.

Lisa nickte zustimmend.

Die beiden Frauen sahen einander zufrieden an.

„So – und nun trinken!“ Lisa öffnete das Fläschchen und schob es in Max’ Reichweite, während Edith spielerisch das Kästchen hin und her bewegte.

„Ich habe Strafe verdient,“ beteuerte Max. „Ich war ein Miststück, ein unvorstellbares Miststück, nein, ein Misthaufen war ich, ja, ein riesengroßer stinkender Misthaufen.“

„Bitte, Max, erniedrige Dich nicht,“ bat Lisa.

„Du erniedrigst damit auch uns,“ meinte Edith verärgert. „Wir haben Dich schließlich einmal geliebt.“

„Ich war ein verlogenes Aas!“ rief Max ihnen zu. „Ein armseliger Bastard …“

„Jajaja!“ rief Lisa. „Aber nun trink endlich!“

„Ich akzeptiere euer Urteil,“ schluchzte Max. „Ich bin ganz und gar damit einverstanden, ehrlich.“

„Na gut, dann trink,“ sagte Edith.

Max streckte die Arme aus. „Ihr beiden … oh Gott… ich bitte euch … macht mit mir, was ihr wollt… erschlagt mich … erdrosselt mich … ersäuft mich … nur …“ Er führte die Hände über dem Tisch zusammen und faltete sie. „… nur lasst mich am Leben!“

„Ich zähle jetzt bis drei,“ sagte Edith.

„Stopp!“ rief Max. „Bitte wartet!“

„Eins,“ sagte Edith.

„Ich will bluten,“ rief Max, „und zwar ordentlich! Alles will ich geben, alles, alles! Bis auf den letzten Cent! Ich bin nicht reich, aber doch gut für eine Summe von ungefähr …!“

„Zwei,“ sagte Edith.

„Und wenn ich noch die Wohnung verkaufe!“ rief Max. „… und … und das Auto … und wenn ich noch einen Kredit …“

„Zwei Komma fünf,“ sagte Edith, „zwei Komma sechs, zwei Komma sieben, zwei Komma acht, zwei Komma neun …“ Sie hob die Hand mit dem Kästchen. „…zwei Komma …“

„Nein,“ schrie Max, „nicht!“ Er schlug die Hände vors Gesicht. „Oh bitte nein,“ flüsterte er, „… ich … ich trinke …“

„Gut,“ sagte Lisa, „Dann mal los, nun mach endlich … los!“

Max ließ die Hände sinken. „Wenn ihr wirklich darauf besteht?“ fragte er mit zerquetschter Stimme.

„Wir bestehen darauf,“ antwortete Lisa.

„Wisst ihr, was ihr seid?“ röchelte Max.  

„Trinken bitte!“ befahl Edith.

„Bestien!!“

„Trin…! …ken!“ Edith streckte den Arm aus, ihr Daumen lag angewinkelt und stoßbereit auf dem Regler.

Max nahm das Fläschchen, setzte es an die Lippen und trank einen Schluck. „Teufel seid ihr! Teufel in Menschengestalt!“

„Weiter,“ sagte Lisa, „leer trinken, bitte.“

Max trank und knallte das Fläschchen auf den Tisch.

Edith atmete auf und ließ die Hand mit dem Kästchen in den Schoß sinken.

„So,“ sagte Lisa, „nun hast Du es geschafft.“

„Es wird schnell gehen,“ tröstete Edith, „darauf kannst Du Gift nehmen.“

„Ihr elenden Weiber …“ brachte Max mit schwerwerdender Zunge hervor. „… ihr miserablen … verfluchten … hundsgemeinen … verdammten …“

„Nun hör bitte auf so böse zu fluchen,“ schimpfte Edith.

„Schließlich stehst Du in wenigen Augenblicken Deinem Schöpfer gegenüber,“ gab Lisa zu bedenken.

Max‘ Kopf sank langsam vornüber. Mit ersterbender Stimme stammelte er vor sich hin: „Ihr Brut des … Wahnsinns … Satansweiber … Furien … Frauen in … Menschengestalt … in der Hölle … sollt ihr … brennen … schmoren … bruzzeln …“ Sein Kopf hatte den Tiefpunkt erreicht, seine Stimme verstummte.

„Das wars,“ stellte Lisa fest. „Der ist weg. Hinüber.“

„Hoffentlich mit Rückfahrkarte,“ meinte Edith besorgt. „Die Dosis war ziemlich stramm.“

Edith winkte ab. „Er wird es verkraften. Bei seiner Konstitution. Er wird sehr lange schlafen, aber gemessen an der Ewigkeit …“

„Ich würde gern sein Gesicht sehen, wenn er aufwacht,“ sagte Lisa.

„Wahrscheinlich hat er sich das Jenseits ein bisschen anders vorgestellt,“ lachte Edith.

„Er wird sich wie zuhause fühlen.“ Lisa erhob sich. „Machen wir, dass wir wegkommen.“ Sie wendet sich zum Gehen. „Los, Teuflin in Frauengestalt“

„Tschüs Max,“ rief Edith dem Schlafenden zu.

„Ruhe sanft!“ verabschiedete sich Lisa.