Der Königliche Kammerdiener warf routinemäßig einen Blick in die Runde und fand nichts zu beanstanden. Das Bettlaken war zurückgeschlagen, das Kissen wie jeden Morgen leicht zerknautscht. Die Königlichen Zimmermädchen würden bald hier sein und die ersten Handgriffe ihrer Tagesarbeit verrichten. Gut so. Der Kammerdiener wandte sich zum Gehen und hielt plötzlich ruckartig inne. Er stand auf der Stelle und wusste zunächst nicht, was ihn zum Erstaunen und Erstarren gebracht hatte. Er überlegte eine Sekunde, dann wusste er es. Es war ein Ton, ein Laut. Ein ganz kleiner und leiser. Aber einer, den er hier noch nie gehört hatte. Denn wenn, dann hätte er ihn sofort identifiziert. Er kannte alle Palastgeräusche. Sie zu kennen, gehörte zu seinem Job. Fremdartige Geräusche innerhalb der Palasträume mittels seines Aufnahmegeätes festzuhalten war seine dienstgemäße Aufgabe. Er hatte diese in der Sicherheitszentrale abzuliefern, wo sie analysiert und gedeutet wurden. Doch Zeit zum Überlegen blieb ihm jetzt nicht mehr. Die Türklinke der Toilette wurde von innen geöffnet. Panisch eilend verließ der Kammerdiener das Gemach. Er sah während eines letzten Blickes noch wie sich das königliche Schlafhäubchen auf dem gebeugten Haupt vorschob und wie die Fingerspitzen der knöchigen Hand sich vorsichtig nach außen tasteten und haltsuchend den Rand der Tür umfassten. Nachdem er die Schlafzimmertür hinter sich geschlossen hatte, hielt er inne und überlegte. Das Geräusch, dessen Entstehung und Herkunft der Kammerdiener zu ahnen glaubte, zunächst nur zu ahnen – es war … nein … oder doch? Er machte eine Kopfbewegung, die einem Schütteln und Nicken zugleich ähnelte. Konnte es sein, dass er ein königliches Entblähungsgeräusch aufgenommen hatte? Gab es das überhaupt? Noch nie hatte er sich darüber Gedanken gemacht. Und der Gedanke, der ihm jetzt durch den Kopf ging, versetzte ihn in eine Konfliktlage. Die Queen war ein Mensch. Ein Mensch wie andere Menschen auch. Gab es blähungsfreie Menschen? Wohl kaum. Er überlegte, ob er das royale Geräusch einfach löschen sollte. Zweifel befielen ihn. Die Queen war ein Mensch, klar, natürlich war sie das, aber sie war auch die Queen. Schließlich wuchs und siegte in ihm eine Art Pflichtgefühl und die damit einhergehende Einsicht, dass es nicht sein Recht sei, ein solches Geschenk, ein historisches Kleinod, zu löschen, es kurzerhand zunichte zu machen. Aber was sonst sollte er damit tun? Abwarten, dachte er, mehr fiel ihm im Augenblick nicht ein. Er nahm den Laut vorsorglich mit nachhause, er stahl ihn, wenn man so wollte. Die Gewissensnöte, die seinem Handeln entgegen standen, ignorierte er. Denn war das wirklich Diebstahl? War das, was er mitnahm, ein materielles oder wie auch immer geartetes Gut? Er verfolgte diese Überlegung, die sich wohl ohnehin jeder juristischen Einschätzung entzog, nicht mehr weiter. Er übertrug den Ton auf seinen privaten Laptop. Dort ließ er ihn zunächst, noch immer von einer Restspur schlechten Gewissens und Ehrfurcht geplagt, ruhen, bis er schließlich der Versuchung nicht mehr widerstehen konnte. Er hörte sich seine Beute erneut an. Und noch einmal … und noch einmal, stets aufs neue … Bis er genug davon hatte. Und nun? Was nun? Er verspürte den Wunsch, den Laut zu modifizieren. Er dehnte ihn, erschuf ihn neu. Er verlängerte und verkürzte ihn, er ließ ihn erklingen in zahlreichen Höhen und Tiefen. Er reizte das Computerprogramm bis zur Erschöpfung aller Möglichkeiten aus, erschuf eine Großzahl von Tönen, die er in allen erdenklichen Variationen speicherte. Dann hörte er sich sein Werk lange Zeit immer wieder an. Schließlich hatte er es oft genug gehört. Was er nun besaß, war eine Tonleiter ganz besonderer Art. Das war viel, aber es genügte ihm nicht. Er beschloss, mehr daraus zu machen. Er übertrug die Datei auf ein Programm, das die Töne in allen Reihenfolgen kombinierte. Die Varianten der Melodien, die er auf diese Weise erschuf, machten die Anschaffung einer zusätzlichen Festplatte erforderlich. Danach nahm er sich nach Dienstschluss bis tief in die Nacht die Zeit, die so entstandenen melodischen Werke zu begutachten. Die meisten von ihnen hörten sich gruselig an und quälten seine Ohren. Einige wenige waren durchaus gefällig und wären als Musik zu Unterhaltungszwecken erträglich gewesen. Sehr viel Zeit kostete ihn das, Tage, Wochen. Er trieb sein Tun bis zur Erschöpfung und ertappte sich schon bei dem Gedanken, damit aufzuhören. Aber in ihm hatte sich das zwanghafte Gefühl gebildet und gefestigt, der Queen etwas zu schulden. Deshalb machte er weiter. Und er wurde dafür belohnt. Denn eines Tages ereignete sich ein digitales Wunder. Eine der Melodien traf des Kammerdieners Gehörsinn mir einer Wucht, die ihn auf der Stelle zutiefst berührte. Er konnte nicht aufhören, dem Werk immer und immer wieder zu lauschen und schaltete seinen Laptop erst nach Stunden ab, weil eine erdrückende Erschöpfung ihn dazu zwang. An den folgenden Tagen trat er seinen Dienst im Palast nicht an – mit der Entschuldigung, erkrankt zu sein. Er hörte Musik, die einzige Musik, die zu hören er sich momentan imstande fühlte, weil er ihr verfallen war. Er verinnerlichte die Melodie zu einem Ohrwurm, der ihn nicht mehr losließ. Später, offiziell wieder gesund, schritt er während der Arbeitszeit durch den Palast, seine Melodie summend – und infizierte damit das gesamte Personal, so dass die Klänge bald wie ein Choral durch alle Gänge und Räume hallten und von den Mündern, die nicht still sein konnten, nach draußen getragen wurden in die Straßen und Häuser der Stadt und weiter noch ins ganze Land, wo das Tonwunder sich zu einem nationalen Phänomen auswuchs. Bald erkannte ein Musikkonzern die Chance und produzierte eine Disc, die sofort ein Verkaufsschlager wurde und auf den Hitlisten in kürzester Zeit Platz eins erklomm. Was diesen Erfolg nur noch übertreffen könnte, wäre die Ausstattung der Melodie mit einem Text gewesen. Auch dieser Gedanke blieb nicht lange nur eine Idee. Die mächtigsten Medienverbände verbündeten sich zu einer Kooperationsgemeinschaft, die ein großes Wettbewerbsereignis organisierte, das alle professionellen und nichtprofessionellen Textdichter zum Mitmachen inspirierte. Eine Vorauswahl und eine abschließende Veranstaltung zur Ermittlung des Siegesliedes bescherten den erwarteten Erfolg. Was sich anschloss, war überwältigend, ja sensationell. Die erzielten Verkaufszahlen erreichten Rekordhöhen. Ein Lied für die Ewigkeit war geboren. Die Stimmen, die es lobten, übertrafen sich durch immer neue Superlative. Schade, hieß es hier und da, dass es schon eine Nationalhymne gäbe. Dieser Meinung schlossen sich immer größere Teile der Bevölkerung an. Aber was Tatsache ist, so der Einwand nicht Weniger, müsse ja nicht Tatsache bleiben. Und auch dieses Argument fand massenhaft Zustimmung. Konnte eine Nationalhymne, auch wenn man sie noch so sehr schätzte, nicht durch eine neue ersetzt werden? Debatten erhitzten die Gemüter, Verwirrung und Feindseligkeit breiteten sich aus. Ein Problem stand im Raum – ein Problem, das unlösbar zu sein schien. Aber war es das wirklich? Nein, hieß die Antwort auf diese Frage, denn es gäbe sehr wohl eine Lösung. Der Ruf nach einem Referendum wurde laut.