Die Gigantin

(ein feministischer Krimi)

Nachdem Stöckel den OMIKRON-200X in seine Einzelteile zerlegt und diese auf dem Schreibtisch ausgebreitet hatte, betätigte er die Sprechanlage.

„Frau Windelen, bitte!“

Gleich darauf klopfte es zaghaft.

„Ja, bitte!“

Die Sekretärin betrat das Büro ihres Chefs.

„Ich möchte, dass Sie ein Fax an ’Zwick & Casper’ schicken und den Herrschaften mitteilen, dass ich die ständigen Lieferungsverzögerungen allmählich satt habe! Schreiben Sie …“

Er brach den Satz ab und studierte aufmerksam Frau Windelens Gesicht, auf dem Zeichen sanften Protestes sichtbar wurden, die sie durch ein beflissenes Nicken zu neutralisieren versuchte.

Stöckel warf einen Blick auf die Uhr. „Oh bitte, entschuldigen Sie! Ihre Frühstückspause … Ich vergaß …“

„Aber nein,“ wehrte Frau Windelen ab, „ich werde sofort …“

„Sie werden sofort frühstücken gehn,“ befahl Stöckel betont freundlich. „Der Rüffel für ’Zwick & Casper’ kann auch noch eine Viertelstunde warten.“

„Danke, aber ich hätte doch …“ murmelte Frau Windelen und verließ, als Stöckel den Arm ausstreckte und mit dem Zeigefinger auf die Tür wies, das Büro.

Zehn Uhr bis zehn Uhr fünfzehn. Das war die Zeit, die Stöckel nun zur Verfügung stand. Denn Frau Windelen überzog ihre Frühstückspause, die sie gemeinsam mit zwei Kolleginnen verbrachte, um keine Sekunde.

Er öffnete die Schreibtischschub lade, fegte die Teile des zerlegten Gerätes hinein und entnahm der Schublade einen unversehrten SIGMA-200X-Zwilling. Diesen platzierte er auf der Schreibtischplatte.

Dann stand er einen Augenblick da und überlegte, ob er auch wirklich – wirklich keinen Fehler gemacht hatte. Nein, er hatte das Szenario hundertmal in Gedanken durchgespielt.

Und Frau Windelen, ja, die wusste, dass Stöckel ein Elektronikfreak war, dass er jeden Artikel, der neu auf den Markt kam, mit der Besessenheit eines Chirurgen sezierte, um ihn anschließend wieder zusammenzusetzen.

Stöckel ergriff die bereitliegende Korrespondenzmappe, verließ das Büro, eilte durchs Vorzimmer und rannte über den Flur zum Treppenhaus.

Die Wohnung befand sich im vierten Stock.

Stöckel rannte die Treppe hoch. Jeweils zwei Stufen überspringend, erreichte er den zweiten Stock. Dann verlangsamte er das Tempo und fluchte keuchend vor sich hin. Das Gebäude mit einem Aufzug auszustatten, hielt Karola für Geldverschwendung. Aus ihrer Sicht war das auch richtig, da sie die Wohnung ja nie verließ.

Er nahm den Schlüsselbund aus der Hosentasche, während er, bei jedem Schritt nur noch eine einzige Stufe auslassend, der dritten Etage entgegenstrebte.

Den Rest der Strecke legte er zurück wie ein Treppengänger, der alle Zeit der Welt zur Verfügung hatte. Seine Beine waren trotzdem weich, als er oben ankam. Er war immerhin vierundfünfzig, das ließ sich nicht leugnen.

Aber heute war der Tag! Die Uhr des Ultimatums tickte.

Er zwang sich, langsam und gleichmäßig zu atmen.

Seine Hand zitterte, als er sich mit dem Schlüssel dem Türschloss näherte.

Er hielt inne, schnaufte verärgert durch die Nase. Er war doch kein Straßenarbeiter, der einen Presslufthammer bediente! ‚Du bist ruhig, ganz ruhig und genial‘, beschwor der Elektronikchirurg seine Hand.

Langsam schob er den Schlüssel ins Schlüsselloch. Na bitte! Er öffnete die Tür, betrat den Korridor und drückte die Tür leise wieder zu.

Wieso benahm er sich eigentlich wie ein Einbrecher – in seiner eigenen Wohnung?! Er gab sich einen Ruck, marschierte energisch auf Karolas sogenanntes Arbeitszimmer zu, klopfte an und öffnete die Tür, ohne das „Herein!“ abzuwarten.

Es war das gewohnte Bild, das sich ihm bot. Karola saß vor ihrem Computer wie ein Pilot im Cockpit. Entweder sie hatte sein Eintreten nicht bemerkt, weil sie ganz und gar auf das Spiel konzentriert war, oder sie ignorierte ihn, weil sie keinen Grund sah, ihm ihre Aufmerksamkeit zuzuwenden.

Das Zimmer war vernebelt vom Qualm mindestens einer Packung Zigaretten, dem dritten oder vierten Teil ihres Tageskonsums.

Ihr Arbeitstag begann früh. Sie war Agierende Gigantin auf der elften Aktionsebene. Das entsprechende Zertifikat hing an der Wand. Es gab landesweit weniger als fünfzig Spieler, die diese Auszeichnung besaßen – und Karola war eine von nur drei Frauen.

‚The giants game‘ war seit ungefähr drei Jahren auf dem Markt. Die erste Version war vom Hersteller verschenkt worden, und die im Schwierigkeitsgrad sich steigernden Varianten waren noch vergleichsweise billig gewesen. Wer sich durch diesen Trick ködern ließ, stellte immer zu spät fest, auf was er sich eingelassen hatte. ‚The giants game‘ war weltweit das einzige Computerspiel, das anerkanntermaßen süchtig machte. Juristische Schritte, das Spiel zu verbieten, waren bislang gescheitert, so wie auch die meisten psychotherapeutischen Versuche, die Opfer von ihrer Krankheit zu heilen. Für Spieler, die nicht die finanziellen Mittel besaßen wie sie Karola zur Verfügung standen, bedeutete ihre Leidenschaft in der Regel den Ruin. Denn auf höhere Aktionsebenen vorzustoßen, wurde teurer und teurer, was jedoch niemanden abschreckte, wenn ihn das Fieber erst einmal gepackt hatte. Gerüchten zufolge gab es Agierende Giganten der hundertsten Aktionsebene, deren einziges Lebensziel darin bestand, die tausendste Ebene zu erreichen. Der Softwarekonzern war angeblich auf Giganten dieses Kalibers und auf Aspiranten mit noch gewaltigerem Ehrgeiz vorbereitet …

Stöckel räusperte sich.

Karola setzte ihr Agieren auf der elften Aktionsebene ungerührt fort. Sie legte die Zigarette aus der nichtagierenden Hand, um diese frei zu haben für einen herrischen Wink über die linke Schulter.

„Was stehst Du so dämlich rum!“ rief sie.

Stöckel trat einen Schritt näher. „Ich bringe die Sachen zum Unterschreiben,“ sagte er.

„Dann bring sie doch auch!“ herrschte sie ihn an. Die Chefin hatte gesprochen …

Und der Angestellte gehorchte. Langsam näherte er sich der Frau, die er geheiratet hatte, kurz bevor diese den Entschluss fasste, den Rest ihres Lebens als Agierende Gigantin zu verbringen.

Die erste Zeit ihres Ehelebens war aber kaum anders verlaufen als die heutige, mit dem Unterschied, dass Karolas Leidenschaft damals darin bestand, von früh bis spät Videos zu glotzen.

Der Grund für ihre Heirat war der Tod ihres Mannes Hans Bastian gewesen, dem die Firma gehörte. Stöckel war seinerzeit Leiter des Kundendienstes gewesen, eine Arbeit, die ihn befriedigte, weil er ausschließlich mit praktischen Dingen befasst war, nicht mit Büroarbeiten, die er hasste.

Bastian und Stöckel ergänzten einander, und es war mehr eine Freundschaft, die sie verband, als eine Chef-Angestellten-Beziehung.

Stöckel war auch der erste, dem Bastian anvertraute, dass er an Magenkrebs litt, nachdem er sich schon jahrelang mit einer chronischen Gastritis herumquälte. Manchmal, wenn die Schmerzen ihm besonders zusetzten, klopfte er sich auf den Bauch, streckte den Zeigefinger in die Höhe und sagte: „Schuld ist die Videotin dort oben!“

Nach Bastians Tod erklärte Karola, dass sie beschlossen habe, ihn, Stöckel, zu heiraten. Es blieb ihm praktisch keine Wahl. Er war in einem Alter, in dem er kaum eine Chance auf eine neuen Job gehabt hätte. Und darauf, dass Karola ihn im Fall der Eheverweigerung feuern würde, hatte sie ihm ihr Ehrenwort gegeben.

Während der Hans-Bastian-Ära hatten, was die Geschäftsführung betraf, noch klare Verhältnisse geherrscht, nun aber bestand die Videotin darauf, den Geschäftspartnern gegenüber die neue Firmenleiterin zu mimen. Alle Post, die das Haus verließ, hatte über „ihren Schreibtisch“ zu gehen.

Stöckel litt nach zwei Jahren, wie sein Vorgänger, ebenfalls unter einer chronischen Gastritis, und um nicht wie dieser zu enden, wäre er längst bereit gewesen, einen Schlusstrich zu ziehen, die Arbeitslosigkeit oder einen schlecht bezahlten Job in Kauf zu nehmen …

Aber da war Marion!

Er hatte sie vor genau einem Jahr kennengelernt. Sie war jung, hübsch, liebenswert. Stöckel war vernarrt in sie. Er konnte sich ein Leben ohne sie nicht mehr vorstellen – aber Marion sich ein Leben ohne Stöckel unter Umständen schon. Sie war nicht geldgierig, verfügte aber über eine gesunde Einstellung zu den angenehmen Seiten des Lebens. Und da Stöckel sie im Unklaren darüber gelassen hatte, welche Rolle er in „seinem“ Unternehmen spielte, glaubte Marion, ihn mit ihrem Ultimatum, das heute, am Jahrestag ihrer Liebe, um Mitternacht ablief, endlich auf die Sprünge zu helfen.

Sie bestand darauf, dass er sich von Karola trennte – und er hatte eingewilligt. Nun stand er da und war bereit, das Ritual der Demütigung ein letztes Mal zu ertragen.

Er legte die Mappe auf die gläserne Tischplatte und präsentierte Karola den Füllfederhalter.

Wie lange er hier stehen und den Schreiber für Karola griffbereit halten musste, hing davon ab, wann diese den Zeitpunkt, ihr Agieren zu unterbrechen, für strategisch sinnvoll hielt.

Karola ließ Stöckel eine halbe Minute warten, dann ergriff sie das dargebotene Schreibgerät und drehte ihren Körper seitlich in die Unterschriftsposition …

Vor Beginn des Unterschriftszeremoniells musste Stöckel die Mappe unter ihrer Hand zurechtrücken.

Schließlich gab Karola durch eine ungeduldige Bewegung der Schreibhand zu erkennen, dass sie bereit war.

Bevor Stöckel das erste Papier so weit aus der Mappe zog, dass sie ihre Signatur auf das Blatt setzen konnte, befahl er seiner nevösen Hand, nicht zu zittern. Aber seine Befürchtung war unbegründet. Es wäre das erste mal gewesen, dass Karola sich für das, was sie unterschrieb, interessierte hätte. Sie vollzog den Akt wie eine Monarchin, die Todesurteile unterzeichnet, die hörige Vasallen zuvor in ihrem Sinn gefällt hatten.

Stöckel könnte sich eigentlich geschmeichelt fühlen, dass sie ihm überhaupt zutraute, all die lästigen geschäftlichen Dinge zu erledigten, für die die Agierende Gigantin ihre Zeit nicht zu verschwenden pflegte.

Karola zelebrierte ihr Tagewerk als Chefin in weniger als zwei Minuten, dann wandte sie sich ab, um sich wieder ihrer Lebensaufgabe zu widmen.

Stöckel, das agierende Nichts auf der untersten Ebene, atmete erleichtert auf. „Tausend Dank mein Sonnenschein, mein Miststück,“ raunte er ihr zu. Und dann zupfte er sie sanft am Ohrläppchen.

Karola zuckte zusammen. Langsam drehte sie den Kopf, hob den Blick und sah ihn an …

Seit der Eheschließung beschränkte sich die Kommunikation zwischen Stöckel und seiner Frau auf die täglichen, immer nach dem gleichen Muster ablaufenden „Arbeitstreffen“. Er erinnerte sich nicht, wann sie sich zum letzten Mal angesehen hatten.

Aber so wie jetzt – so hatten sie sich noch nie angesehen.

Stöckel lächelte Karola freundlich zu.

Karolas Blick verriet nicht, was sie mehr war, verwundert oder empört.

Stöckel nahm die Zigarette vom Rand des von Kippen fast überquellenden Aschenbechers und drückte sie aus.

Karola brauchte eine Weile, bis sie ihre Sprache wiederfand.  Dann fuhr sie ihn an: „Sag mal, bis Du noch ganz bei Trost?!“

„Ich werde mal Deinen Aschenbecher ausleeren,“ erklärte er nachdrücklich.

„Was fällt Dir ein, meine Zigarette auszumachen?!“

„Du rauchst zuviel,“ antwortete er, „Du weißt doch selbst, rauchen ist ungesund – und tödlich …“

„Was… was fällt Dir ein, verdammt nochmal!“

„Ich sagte doch, Du rauchst zuviel.“

„Also das … !“ Sie stockte, suchte nach Worten.

Er leerte den Aschenbecher auf die gläserne Tischplatte. „Ich will nur verhindern, dass Du mit Nikotin und Teer Selbstmord auf Raten begehst. Und das werde ich, verlass Dich drauf!“

„Bist Du verrückt?!!“

„Ich werde dafür sorgen, dass Du nicht langsam an Gift und Schadstoffen zugrunde gehst.“

Stöckel zog eine Plastiktüte aus der Jackentasche und schob den schweren Marmoraschenbecher hinein und sagte: „Ich werde Dir das Rauchen mit einem Schlag abgewöhnen!“

Er ließ ihr keine Zeit, den eigentlichen Sinn dieser Worte zu verstehen, denn er hatte das schwere Paket schon mit beiden Händen gepackt und hochgerissen …

Er hatte sich diesen Augenblick oft ausgemalt – und in seinen Vorstellungen sank Karola, wenn der Aschenbecher auf ihrem Schädel niederging, stets wie vom Blitz getroffen zusammen und gab keinen Mucks mehr von sich. Der Aschenbecher war so schwer, dass man, dachte er, einen Elefanten damit ins Reich der Träume schicken könnte. Doch der Schlag schien, obwohl er genau ins Zielgebiet traf, in der Mitte ihres Schädels niederdonnerte, ihre Lebensgeister eher zu aktivieren statt sie auszulöschen.

Sie schnellte von der schräggestellten Rückenlehne ihres Sessels nach vorne, als ob eine dort eingebaute Schleudervorrichtung ausgelöst worden sei, riss die auf einem Hocker ruhenden Füße hoch und warf die Arme in die Luft, dabei stieß sie einen dumpfen Laut aus, der sich anhörte wie der misslungene Versuch, ein spontanes Lachen zu unterdrücken: „Hahrnp … !“ Dann machte sie eine Drehung zur Seite, kippte mit dem Oberkörper über die Armlehne des Sessels und stieß und trat mit den Füßen, als wolle sie den Computer attackieren.

Stöckel verfolgte das reflexhafte Gezappel mit Entsetzen. Und in das Grausen und die Panik, die einen Fluchtimpuls in ihm zu zünden drohten, mischte sich ein irrationales Gefühl von Reue öder Mitleid. Er verspürte das törichte Bedürfnis, sich bei Karola zu entschuldigen, ihr zu sagen, dass ihm leid tat, was er soeben getan hatte. Eine Art Beschützerinstinkt regte sich in ihm, erhob Protest: ‚Laß sie doch! Laß sie doch! Nicht noch einmal zuschlagen! Sie ist doch schließlich Deine … !‘ Doch zu spät. Die Stimme des Guten konnte sich gegen die Forderung der Vernunft nicht durchsetzen.

Ein zweiter Schlag krachte auf Karolas Schädel nieder. Diesmal mit der erwünschten Wirkung.

Karola erschlaffte, hing nun leblos seitlich über dem Sessel.

Stöckel richtete sie auf, weil er befürchtete, Blut könnte auf den Teppich tropfen. Aber sie blutete nicht. Ihre Kopfhaut war heil geblieben, oder die verfilzten Haare ließen das Blut nicht an die Oberfläche treten. Lediglich aus der Nase quoll ein zähflüssiges Rinnsal, das sich in Zeitlupe der Oberlippe näherte.

Karola saß nach hinten gelehnt aber etwas schief in ihrem Sessel.

Stöckel balancierte sie aus, damit sie nicht kippte. Dann nahm er den Aschenbecher aus der Plastiktüte, hielt ihn unter den Tischrand und schob die Kippen mit der Hand wieder hinein. Er wischte mit einem Papiertaschentuch die Glasplatte sauber, reinigte seine Hand von Aschespuren und steckte das Taschentuch in die Tüte.

Er entnahm der Korrespondenzmappe den vorbereiteten und von Karola unterschriebenen Abschiedsbrief und beschwerte ihn mit dem Aschenbecher.

Wie so oft, seit er beschlossen hatte, sich auf diese Weise von Karola zu trennen, ging ihm die Frage durch den Kopf, ob man einen mit dem Computer geschriebenen Abschiedsbrief ernst nehmen würde.

Aber was ging das ihn an? Eine Selbstmörderin hatte das Recht, ihren Abschiedsbrief so zu schreiben, wie es ihr Spaß machte. Hauptsache, die Unterschrift stimmte. Und sollte jemand Zweifel üben, würde er ihm seine Entlastungszeugin Frau Windelen präsentieren. Diese konnte reinen Gewissens beschwören, dass Stöckel während ihrer viertelstündigen Frühstückspause einen zerlegten SIGMA-200X zusammengesetzt hatte.

Als er sich Karola wieder zuwandte, stieg eine Welle von Übelkeit in ihm auf. Es ekelte ihn, dass er sie nun anfassen musste.

Er schob die Hände unter ihre Arme und ließ sie langsam vornüberkippen, drückte sie, damit sie mit der blutenden Nase nicht seine Brust berührte, wieder ein Stück zurück und drehte sie mit umständlichen Griffen herum. Schließlich konnte er sie von hinten unter den Achseln fassen, sie rücklings aus dem Sessel ziehen und nun halbwegs bequem schleppen …

Doch kaum hatte er sie einen Meter weit transportiert, rutschte ihr ein Pantoffel vom Fuß. Er wollte sie hinlegen, ihr den Pantoffel wieder anziehen, dachte aber, dass sie ihn beim weiterschleppen gleich wieder verlieren würde. Er überlegte, ob es Verdacht erregen würde, wenn die Leiche einer Selbstmörderin nur einen Pantoffel anhatte.

Nein, sagte er sich, wieso denn?

Aber als er sie weiterschleppte, verlor sie auch noch den zweiten Pantoffel, so dass er, was diesen Punkt betraf, beruhigt sein konnte. Eine Selbstmörderin in Socken würde sicher keinen Argwohn erregen.

Aber was waren das denn für Probleme, über die er sich den Kopf zerbrach!? Selbst wenn sie einen Pantoffel als Hut anhätte, könnte ihn das nicht belasten!

Das einzig wirkliche Problem zu diesem Zeitpunkt bestand darin, Karola auf den Balkon zu schaffen und sie dort in die richtige Ausgangsposition zu bringen, ohne dass er selbst Gefahr lief, von Straßenpassanten gesehen zu werden.

Er legte Karola vor der Balkontür ab, öffnete diese und ging in die Hocke. Dann beförderte er seine Frau hinaus. Draußen richtete er ihren Oberkörper auf, hielt sie in Sitzstellung und ging hinter ihr, einem Gewichtheber ähnlich, der zum Stoß ansetzt, in eine Position, aus der er hoffte, sie hochhieven zu können …

Doch Karola war kein Fliegengewicht – und ihre schlaffe Passivität machte sie zusätzlich unhandlich. Es gelang ihm zwar, sie ein Stück anzuheben, aber er schaffte es nicht, sie vollständig aufzurichten.

Er setzte sie wieder ab.

Gewichtheber stoßen, um ihre Bestleistung zu schaffen, einen Schrei aus – aber das in seiner Situation wenig ratsam, denn er könnte unten auf dem Bürgersteig gehört werden. 

Er ging erneut in Stoßstellung und stellte sich vor, wie er innerlich einen Gewichtheberschrei ausstieß …

‚Aaaaaaaahhhhhhhhrrrrrrrr… ! ! ! ! !‘

Diesmal schaffte er es, jedoch schien die Tatsache, dass er Rechtshänder war und mit der starken Seite wuchtiger gestoßen hatte als linksseitig, Karola einen Drall zu versetzen. Sie drehte sich während des Aufrichtens, fiel mit dem Rücken auf die Balkonbrüstung und ragte, das Gesicht gen Himmel gerichtet, ins Freie. Als Stöckel sie dann losließ, um sie bei den Beinen zu packen, rutschte sie ein Stück zurück, so dass er es nun nicht mehr schaffte, sie durch Nachheben zum Überkippen zu bringen. Verzweifelt unternahm er diesen Versuch trotzdem, mit dem Ergebnis, dass sie noch weiter abrutschte, jetzt nur noch mit dem Nacken auf der Brüstung hing und zentimeterweise noch tiefer abglitt …

Stöckel verlor die Nerven. Er ließ Karola los, worauf sie auf den Balkonboden plumpste. Dann packte er sie, hob sie erneut hoch und warf sie, jegliches Gebot der Vorsicht außer acht lassend, in die Tiefe …

Es war vollbracht!!!

Er saß seit zwei Minuten hinter seinem Schreibtisch, als Frau Windelen ins Büro gestürzt kam.

Sie war kreidebleich und völlig außer sich. „Ihre Frau … !“ stieß sie hervor. „Ihre Frau ist… !“

Stöckel erhob sich, den SIGMA-200X in der Hand haltend. „Was ist mit meiner Frau?“ fragte er und stellte das Gerät demonstrativ vor sich auf die Schreibtischplatte.

„Sie ist… sie ist…!“ stammelte Frau Windelen. „Runter gefallen!“

„Runter? Wo runter? Von ihrem Computersessel?“

„Vom Balkon!“ rief Frau Windelen, machte kehrt und eilte aus dem Büro.

„Frau Windelen!“ schrie Stöckel ihr hinterher. Er musste sie aufhalten, unter welch fadenscheinigem Vorwand auch immer, denn er war sicher, dass sie den intakten SIGMA-200X in ihrer Aufregung gar nicht wahrgenommen hatte.

Aber sie war schon draußen und nahm auch seine Stimme nicht mehr wahr.

Er rannte ihr hinterher, das Gerät in der Hand. Aber dann stoppte er seine Schritte. Was für einen Eindruck würde es machen, überlegte er, wenn er bei der Leiche seiner Frau mit genau dem Objekt auftauchte, das als Beweisstück zu seiner Entlastung dienen sollte?

Er ließ den SIGMA-200X auf seinem Schreibtisch zurück und begab sich nach draußen. An der Unglücksstelle hatte sich ein Menschenauflauf gebildet.

Irgendjemand zischte: „Da kommt ihr Mann!“

Die Köpfe fuhren herum. Die Menge teilte sich.

Zum Glück sah Stöckel von Karolas Leiche nur die untere Hälfte. Ihren vermutlich nicht besonders appetitlich aussehenden Kopf verdeckte der Rücken eines neben ihr kauernden Mannes in weißem Kittel.

Stöckel erkannte in dem Arzt den jungen HNO-Spezialisten, der im Nachbarhaus praktizierte. Offenbar war er umgehend verständigt worden und gleich zur Stelle gewesen.

Es folgten quälende Sekunden. Hatte irgendjemand Stöckel gesehen, als er Karola vom Balkon geworfen hatte und dabei so unvorsichtig gewesen war, als handele es sich nicht um einen Menschen sondern um ein Stück Abfall, das er illegal entsorgt hatte? Wenn ja, dann wäre für den Zeugen jetzt der Augenblick gekommen, seine Stimme zu erheben.

Doch kein Wort der Anklage brach das beklemmende Schweigen. Die Leute gafften nur, wechselten mit ihren Blicken zwischen der toten Frau und dem frischgebackenen Witwer hin und her …

Trotz der Panne war alles glatt verlaufen!

Stöckel mußte sich beherrschen. Er hätte vor Freude am liebsten laut losgejubelt. Aber nein, das tat er nicht …

Er bemühte sich um eine eher neutrale Miene, da viele der Umherstehenden wussten, dass es mit der Ehe der beiden nicht zum besten stand. Seine Gedanken kreisten um das Problem, Frau Windelen in möglichst unverfänglicher Weise davon zu überzeugen, dass er während der Tatzeit einen völlig zerlegten SIGMA-200X zusammengesetzt hatte.

In diesem Augenblick drehte der Doktor seinen Kopf, sah über die Schulter zu Stöckel hoch und machte einen in dessen Augen äußerst unpassenden Witz.

Er sagte: „Der Zustand ihrer Frau ist sehr ernst.“

Stöckels Atem stockte. Wollte dieser HNO-Komiker ihn auf den Arm nehmen?! Natürlich war ihr Zustand ernst! Tot zu sein, kann man ja nicht unbedingt als Vergnügen bezeichnen!

Der Doktor erhob sich und trat vor Stöckel hin. „Es ist schrecklich,“ murmelte er, wobei seine Augenlider abwärts sanken. „Man kann nur hoffen.“

Die Worte des Arztes mischten sich mit den Tönen des näherkommenden Rettungswagens.

‚… nur hoffen … nur hoffen … nur hoffen … ! ! !‘ klang es nach in Stöckels Ohren.

Der Rettungswagen war zur Stelle und bahnte sich seinen Weg durch die Menge. Das Martinshorn hallte … und dazu hörte er die Stimme von Frau Windelen, sie redete auf ihn ein … und sie wiederholte, was sie gesagt hatte, weil er nicht auf ihre Worte reagierte …

Das Signal des Rettungswagens entfernte sich.

Karola, deren Leben an einem Faden der Hoffnung hing, wurde abtransportiert.

Frau Windelen sagte nochmal etwas, wiederholte ihre Worte, hakte ihn unter und führte ihn ins Haus.

Stöckel bewegte sich neben ihr wie in Trance.

War da nicht noch etwas zwischen ihnen zu besprechen, etwas sehr, sehr Wichtiges …?

Frau Windelen führte ihn die Treppe hoch, im Krankenhaus, sagte sie, könne er jetzt ja doch nichts tun, nur warten …

Etwas … etwas sehr Wichtiges, überlegte er, ach ja, der SIGMA-200X …

Sie ließ sich den Schlüsselbund geben und schloss die Wohnung auf.

„Der SIGMA-200X,“ murmelte StöckeI.

Sie führte ihn ins Schlafzimmer. „Am besten, Sie legen sich jetzt etwas hin.“ Sie setzte ihn auf die Bettkante.

„Er ist ganz …“ sagte er.

„Soll ich den Arzt rufen, damit er Ihnen etwas zur Beruhigung gibt?“

„Ich habe ihn wieder ganz gemacht. Sie haben eine Viertelstunde gefrühstückt und ich – ich habe ihn ganz gemacht, ja, so ganz richtig ganz. Vollständig …“

„Ich gehe jetzt schnell zur Apotheke. Die werden in diesem Fall nicht auf einem Rezept bestehen.“

Als Frau Windelen von der Apotheke zurückkam, lag Stöckel mit dem Körper halb auf dem Bett. Auf dem Nachttisch stand eine Kognakflasche, aus der er getrunken hatte.

„Was sagen Sie dazu?“ wollte er wissen.

„Hier, nehmen Sie das.“ Sie hielt ihm ihre Hand vors Gesicht. „Hier, bitte hier …“

„Den SIGMA-200X in einer Viertelstunde zusammengeflickt!“ verkündete er lauthals.

Sie ging ins Bad und kam mit einem Glas Wasser zurück.

„Nein,“ sagte er, „es waren nur zwölf Minuten.“

„Hier,“ sagte sie. Sie steckte ihm zwei Tabletten in den Mund und hielt ihm das Glas an die Lippen.

Er schluckte die Tabletten und trank. „Das macht mir keiner nac – niemand …“

„Hoffentlich können Sie ein wenig schlafen,“ meinte sie, bevor sie das Zimmer verließ.

Stöckel verfiel in ein dämmriges Dahinbrüten an der Grenze des Schlafes. Im Halbtraum hörte er Karolas Stimme, die von Hoffnung sprach: ‚Ich kann hoffen … ! Du kannst hoffen … ! Wer von uns kann was hoffen …?‘ Irgendwann fiel er in einen flachen unruhigen Schlaf, aus dem er matt und zerschlagen erwachte.

Er duschte, würgte ein wahllos zusammengestelltes Frühstück herunter und rief im Krankenhaus an. Karolas Zustand, hieß es, sei besorgniserregend aber nicht hoffnungslos.

Stöckel hoffte inbrünstig. Er aß kaum, trank viel und versuchte durch harmloses Drumherumfragen herauszufinden, wie wertvoll Frau Windelen als Zeugin für ihn sein würde, falls seine Hoffnung sich erfüllen sollte.

Aber diese blinde Kuh erinnerte sich nicht einmal an den zerlegten SIGMA-200X. „Ich habe ihn während Ihrer Frühstückspause zusammengesetzt,“ redete er ihr zu.

„Ja, ja“ antwortete sie, „ich kenne Sie doch. Ich weiß, wie närrisch Sie in diesen Dingen sind.“

Am Tag darauf lautete die Meldung, Karola gehe es den Umständen entsprechend gut, sie sei zwar noch nicht bei Bewußtsein, er könne sie aber sehen, wenn er wolle.

Nein, entschuldigte er sich bei dem Arzt, der ihm das Angebot machte, das könne er nicht, selbst wenn er noch so sehr wolle, denn er sei nach wie vor außerstande, das Haus zu verlassen und diese Stelle zu passieren, wo Karola auf dem Bürgersteig …

Drei Tage nach dem Balkonsturz war Karola über den Berg, erfuhr Stöckel bei seinem Anruf am Morgen, aber immer noch nicht bei Bewusstsein.

Am Nachmittag desselben Tages verließ Stöckel das Haus und passierte jene Stelle, wo er Karola auf den Bürgersteig geworfen hatte. Man hatte ihn aus dem Krankenhaus angerufen. Seine Frau war bei Bewusstsein.

Er konnte sich nicht leisten zu kneifen.

Er saß zehn Minuten lang an ihrem Bett.

Von nun an besuchte er sie täglich.

„Sie wird nicht wieder laufen können,“ teilte ein Arzt ihm bekümmert mit.

‚Das tat sie ja sowieso fast nie,‘ dachte Stöckel.

„Hat Ihre Frau ein Suchtproblem?“ fragte ihn ein Arzt eines

Tages.

„Ja,“ antwortete Stöckel, „sie ist Kettenraucherin.“

„Aha,“ meinte der Arzt, um sich jedoch beim nächsten Besuch erneut zu erkundigen: „Hat Ihre Frau ein Alkoholproblem? Medikamente? Drogen anderer Art?“

Stöckel zuckte mit den Schultern. „Nicht dass ich wüsste. Wieso?“

„Wir haben ihr Nikotinzäpfchen verabreicht,“ erklärte der Arzt, „aber die zu beobachteten Entzugserscheinungen werden eher stärker als schwächer.“

„Sie war besessen von diesem … diesem Computerspiel,“ sagte StöckeI.

Über der ärztlichen Nasenwurzel bildeten sich zwei senkrechte Falten. „Glücksspiele können bekanntlich süchtig machen. Auch Computerspiele. Aber dass Intensivpatienten bei derartigen Süchten, hm …“ Er schüttelte den Kopf, hielt dann inne und schaute Stöckel nachdenklich an. „Ein medizinisches Novum! Interessant, sehr interessant,“ meinte er dann.

Als der Arzt das sagte, ging ein Beben durch Karolas Körper. Sie versuchte sich aufzubäumen, ja sich aufzusetzen. Die Infusionsflaschen gerieten ins Schaukeln.

Peinlich berührt beugte sich der Arzt über die erregte Patientin. „Aber bitte, entschuldigen Sie, Frau Stöckel. Ich meinte, wenn ich ‚interessant‘ sagte, doch nicht, dass ich Ihren Zustand für wünschenswert halte.“

„Ich glaube, das ist es nicht, was sie verrückt macht,“ erklärte Stöckel dem Arzt. „Ich glaube, die Agierende Gigantin der elften Aktionsebene will an ihren Computer zurück.“

Wieder kam Leben in Karolas Körper. Diesmal war es nur ihr Kopf, der sich heftig bewegte.

Karola nickte …

Es war das erste Mal, dass Karola eine Äußerung Stöckels mit einem Nicken bedachte.

„Ein privater Computer auf der Intensivstation?“ murmelte der Arzt vor sich hin. „Eine sehr ungewöhnliche Maßnahme.“ Und nach einer Pause fuhr er fort: „Aber therapeutisch durchaus sinnvoll. Denn ein entzugsbedingter Kollaps in diesem noch nicht vollkommen stabilen Zustand könnte immer noch lebensbedrohlich sein.“

Durch ein ärztliches Lächeln für den guten Tip belohnt, wünschte Stöckel sich nichts sehnlicher als einen dummheitsbedingten Kollaps mit sofortiger Todesfolge.

„Meinen Sie nicht,“ versuchte er den Arzt umzustimmen, „es wäre ratsam, mit dem kräftezehrenden Spiel erst wieder nach der Genesung zu beginnen.“

Aber kaum hatte Stöckel den Satz ausgesprochen, rebellierte Karola so heftig, dass es schien, ihr Bett stünde im Zentrum eines Erdbebens.

Sie bekam ihren Computer unverzüglich.n

Und von nun an ging es ihr täglich besser.

„Zwar,“ bedauerte ein Arzt eines Tages, „wird Ihre Frau nicht nur gelähmt sondern zeitlebens auch unfähig bleiben zu sprechen. Aber …“ tröstete er Stöckel, „ … Sie werden trotzdem mit ihr kommunizieren können, denn mit einem Computer kann man nicht nur spielen, sondern man kann ihn auch vorzüglich zum Schreiben benutzen.“

Stöckel nickte. „Ich weiß.“

„Ihre Frau,“ fuhr der Arzt fort, „leidet wohl, wie wir anhand ihrer schriftlichen Mitteilungen festzustellen vermochten, unter einer retrograden Amnesie. Das würde bedeuten, sie kann sich an die Zeit vor ihrem Selbstmordversuch, oder sagen wir, an die Zeit vor jenem verhängnisvollen Vorfall, nicht erinnern.“

Stöckels Stimme klang heiser, als er fragte: „Sie glauben, meine Frau wollte sich gar nicht …“

Der Arzt wartete höflich, als Stöckel nicht weiter sprach, dann setzte er seine Erläuterung fort: „Ihre Frau befand sich, wie wir inzwischen wissen, zum Zeitpunkt ihres vermeintlichen Selbstmordversuches in einem psychischen Zustand, in dem die Wahrscheinlichkeit eines Suizidversuches gleich null ist.“

Stöckel sagte nichts. Er befürchtete ein Versagen seiner Stimme.

„Aus der psychiatrischen Stellungnahme geht hervor, dass sie sich bei ihrem Spiel ‚The giants game‘ kurz vor dem Aufstieg von der elften auf die zwölfte Aktionsebene befand.“

„Und?“ fragte Stöckel heiser.

„Für die Akteure dieses Spieles ist dies ein emotionales Ereignis, das vergleichbar ist einem Sieg beim Sport. Können Sie sich vorstellen, dass ein Marathonläufer auf dem Weg zu olympischem Gold einen Meter vor dem Zielband stehnbleibt und sich eine Kugel in den Kopf jagt?“

„Nein …“ sagte Stöckel. „… ich habe noch nie einen Marathonlauf gemacht.“

„Aber dieses verteufelte Spiel, das Menschen in die Abhängigkeit treibt, hat in diesem Fall Gott sei Dank auch etwas Positives. Es aktiviert das Gehirn in einer Weise, dass wir hoffen können, dass Ihre Frau sich eines Tages wieder lückenlos erinnern kann.“

„Das wäre schön,“ sagte StöckeI frohgemut.

Der Arzt hob beschwichtigend die Hände. „Erhoffen Sie sich nicht zu viel. Seien Sie dankbar, dass Ihre Frau überlebt hat und bald wieder zuhause sein wird.“

Bald war Karola wieder zuhause.

Stöckel rief Marion an, die in den vergangenen Wochen jeden Kontakt und jedes Gespräch mit dem Hinweis auf den verfallenen Ultimatumstermin abgelehnt hatte.

„Marion, Liebste, es ist soweit! Endlich können wir zusammenleben!“

„Wieso? Ist sie tot?“

„So gut wie.“

„Was heißt das?“

„Sie kann nicht laufen, nicht sprechen. Sie ist eine lebende Leiche.“

„Sie lebt, also ist sie keine Leiche.“

„Aber wir können so tun, als ob. Wir können endlich zusammenleben – hier. Sie kann sich nicht wehren. Wir können uns alles erlauben. Wir können nackt vor ihr herumtanzen, wir können vollkommen …“

„Wenn Du Lust hast, nackt vor einer lebenden Leiche herumzutanzen, dann tu‘ das, aber ohne mich!“

„Aber Marion, mein Herz, das war doch nicht ernst gemeint. Ich meine doch, dass wir hier wohnen können, wie Mann und Frau. Karola braucht schließlich jemanden, der sie pflegt. Das bedeutet, dass sie abhängig wäre von Dir, wenn Du Dich einfach entschließen könntest … Marion! Marion, hörst Du!“

Nach diesem Telefonat war Marion nicht mehr für ihn zu sprechen. Sie legte den Hörer auf, wenn sie nur seine Stimme hörte. Als er sie vor ihrer Wohnung abfing und ansprechen wollte, schlug sie mit der Handtasche nach ihm. Sie drohte ihm gerichtliche Schritte an, falls er ihr jemals wieder näher als hundert Meter auf den Leib rücken sollte.

Im Nachhinein musste Stöckel sich eingestehen, dass sein Plan, Marion als Pflegerin für Karola zu engagieren, ohnehin keine Aussicht auf Erfolg gehabt hätte, denn seine Frau lehnte jegliche Fremdpflege ab.

Sie war eine sehr strenge lebendige Leiche. Sie erteilte ihre Pflegeanweisungen via Computerbildschirm. Und sie agierte sich höher, von Aktionsebene zu Aktionsebene. Sie aktivierte ihr Gehirn und ihr Erinnerungsvermögen lustvoll und gnadenlos.

Wenn er sie beobachtete und ein euphorisches Lächeln auf ihrem Gesicht entdeckte, wusste er nicht, ob sie wieder eine höhere Aktionsebene erklommen hatte, oder ob sie seine quälende Unwissenheit genoss.

Mit größter Selbstverständlichkeit ließ sie ihn die intimsten Pflegeleistungen verrichten, so als hielte sie ihn gefangen mit dem wiedererlangten Wissen um die damaligen Geschehnisse, die sie nur niederzuschreiben und ins Datennetz einzugeben brauchte, um ihn zu vernichten.

Doch in Stöckel reifte ein Verdacht: Karola vermutete etwas, sie hatte eine vage Vorstellung, aber sie wusste nichts. Sie würde sich nie erinnern, aber immer so tun, als sei die Gedächtnislücke längst geschlossen und er zu lebenslänglichem Gehorsam gezwungen.

Und wer gab ihr die Gewissheit, dass sie dieses Spiel weiterspielen konnte? Er!

Durch seine bedingungslose Pflegebereitschaft bestärkte er sie in der Rolle der Erpresserin, die in Wahrheit nichts in der Hand hatte. Ja – Karola bluffte! Mein Gott, wieso war er ihr erst jetzt auf die Schliche gekommen?! Die Gigantin hatte sich auf ein agierendes Leben von Aktionsebene zu Aktionsebene eingestellt und ihm die Rolle des geschäftlichen Lakaien zugedacht, der außerdem zuständig war für die Wartung ihres zerstörten Körpers.

Ha! Es war ihm tatsächlich nach Lachen zumute. Nichts wusste sie, nichts! Er legte die Beine auf den Schreibtisch und überlegte.

Dann setzte er sich an den PC und verfasste ein Kündigungsschreiben an sich selbst, in das er eine Abfindungssumme einsetzte, die den langen und erfolgreichen Jahren des Dienstes für das Haus Bastian angemessen war.

Er tat das Schreiben in die Korrespondenzmappe zur übrigen Geschäftspost und klemmte die Mappe unter den Arm.

„Stellen Sie sich mal vor,“ rief er Frau Windelen auf dem Weg durchs Vorzimmer zu, „die Alte hat mich entlassen!“

Dann machte er sich auf den Weg nach oben.

Die Luft im Arbeitszimmer der Agierenden Gigantin war zum Schneiden.

„Ich bringe die Sachen zum Unterschreiben,“ sagte er und legte ihr die Mappe zurecht.

Und dann stand er da. Und wartete.

Und Karola saß da. Unbewegt … Und ließ ihn warten …

Und dann deutete sie auf den Bildschirm des Computers, wo in kleinen Buchstaben etwas geschrieben stand.

Er beugte sich vor. „Tausend Dank mein Sonnenschein, mein Miststück,“ las er dort. Und er spürte, wie sie ihn sanft am Ohrläppchen zupfte.