Die Formel

(In ihrer ersten Fassung war diese Story Teil des Bühnenstückes „Das aktuelle Mordstudio“, das von Alice Hoffmann und Didi Conrath aufgeführt wurde. Später, umgeschrieben als Prosatext, erschien sie in dem Buch „Die Spargelprinzessin“. Und heute existiert sie als Kurzfilm. Der Regisseur Jörn Michaely hat sie als Projekt für die Saarländische Filmförderung vorgeschlagen und den Zuschlag erhalten. Gedreht wurde der Film von einem Team der HBK-Saarbrücken, Drehort Neunkirchen, mit Johanna Bönninghaus und Hartmut Volle.)

Helene drehte sich im Tanz … rund … rund … in weinseliger Trance einen Singsang intonierend. Sie hielt inne, um aus ihrem Glas zu trinken. Dann drehte sie sich weiter und fuhr fort mit besäuselter Stimme: „… ja ja ja die Jahre die sind da die grauen Schläfen die glatzigen Flecken die kannst Du Dir stecken rate mal wohin jaja genau dorthin mein Schatz mit Glatz oh diese Jahre das Blei Deiner grauen Haare die sterbenden Jahre und der Wein gehört mir und Dir das Bier lalali lalala das Leben geht weiter ich steig rauf die Leiter und Dich lass ich hier sauf weiter Dein Bier ich dreh aus den Schalter raus endlich raus aus diesem Haus in neues Glück ohne zurück prost Schatz mit Glatz mach Platz weg will ich weg weg weg aus Deinem Dreck Du grauglatziges altes …“

„Guten Abend Frau Winkler“, unterbrach eine freundliche Männerstimme Helenes munteres Treiben.

Helene zuckte zusammen, das Glas entfiel ihrer Hand, die zur Brust zuckte. „Mein Gott!“

Der Fremde stand in der Wohnzimmertür und lächelte.

„Wie … wie lange stehen Sie schon da?“

„Och“, antwortete der Mann, „vielleicht eine Minute, vielleicht ein paar Sekunden länger.“

Helene starrte den andern fassungslos an. Sie ließ die Hand, die schützend auf ihrem Herzen lag, langsam sinken.

„Aber Sie brauchen sich nicht zu genieren“, meinte der Mann lächelnd, „viele Menschen führen Selbstgespräche, wenn sie sich unbeobachtet wähnen.“

„Ich geniere mich nicht“, antwortete Helene trotzig.

Der Mann trat, weiterlächelnd, einen Schritt näher.

Helene wich einen Schritt zurück. „Wie sind Sie überhaupt herein gekommen?“

„Auf dem üblichen Weg. Durch die Tür.“

„Aber die Haustür ist …!“

„Ich besitze einen Schlüssel“, unterbrach sie der Mann.

„Sie besitzen … was?!“

„Ich besitze eine ganze Schlüsselsammlung.“ Der Mann griff in die Hosentasche und zog einen Schlüsselbund heraus. „Sehen Sie, hier. Und mit diesem hier, sehen Sie …“ Er suchte mit den Fingern zwischen den Schlüsseln und hielt ihr, nachdem er fündig geworden war, einen davon unter die Nase „… mit dem bin ich ins Haus gekommen. Das ist sozusagen“, erklärte er ihr, „der nächste Verwandte Ihres Haustürschlüssels.“

„Ich warne Sie!“ versuchte Helene aufzutrumpfen. „Machen Sie, dass Sie verschwinden, aber auf der Stelle, sonst …“

„Sonst?“ erkundigte sich der Mann. „Was sonst?“

„Ich … werde …“

„Ja? Sie werden?“

„Mein Mann wird jeden Moment nachhause kommen!“

„Nein.“ Der Mann schüttelte den Kopf. „Nein, das wird er nicht.“

Helene wollte etwas erwidern. Sie suchte nach Worten.

„Ihr Herr Gemahl“, kam der Eindringling ihr zuvor, „kommt freitags nie vor Mitternacht nachhause.“

„Woher …?“

„Momentan amüsiert er sich im Freundeskreis der Mehrfachgeschiedenen. Und nach diesem Stammtischvergnügen ist er betrunken und wäre Ihnen, selbst wenn er wollte, keine nennenswerte Hilfe.“

Helene starrte den Fremden mit großen Augen an.

„Und um Mitternacht“, fuhr dieser fort und erneuerte sein Lächeln, „werde ich längst nicht mehr hier sein. Das verspreche ich Ihnen.“

„Falls Sie es auf Bargeld abgesehen haben“, erklärte Helene mit bebender Stimme, „muss ich Sie enttäuschen. Wir haben nie größere Mengen Geld im Haus.“

„Ich bin nicht interessiert an Geld“, entgegnete der Mann gelassen.

„Auch Wertsachen“, versicherte Helene aufgeregt, „werden Sie hier kaum …!“

„Ihre Wertsachen“, meinte der Mann geduldig, „sind Ihnen gestohlen worden. Vor ungefähr …“ Er machte eine Pause und überlegte. „… ja, so vor etwa zwei Jahren.“

Helene kniff die Lippen zusammen. Sie fingen an zu zittern.

„Sie haben von der Versicherung eine abenteuerlich hohe Summe kassiert“, fuhr der andere fort, „und nur einen Teil davon reinvestiert. War ein hübsches Geschäft für euch, der Einbruch damals.“

Helene schluckte. „Hören Sie“, schlug sie mit mühsam kontrollierter Stimme vor, „ich könnte Ihnen einen Scheck geben … oder …“

Der Mann lachte. „Einen Scheck! Oder was?“

„Ein wenig Geld habe ich ja da“, gestand Helene. „Und ein paar Sachen könnten Sie auch mitnehmen. Hier meinen Ring. Das Armband. Den Fotoapparat. Die Videokamera. Alles, was Ihnen gefällt.“

„Vielen Dank. Sie sind sehr großzügig.“

„Dann wären Sie wenigstens nicht ganz umsonst gekommen.“

„Ich bin nicht umsonst gekommen.“

„Ich bitte Sie!“ rief Helene entnervt.

„Worum?“

„Gehen Sie!“

Der Mann schüttelte den Kopf. „Nein.“

„Gehen Sie bitte …! Bitte …!“

„Sie sind eine sehr attraktive Frau. Zweiunddreißig. In der Blüte der Jahre.“

„Gehen Sie.“

„Wissen Sie, wie lange ich Sie schon bewundere? Wissen Sie das?“

„Ich … Nein … Wie lange denn? Sagen Sie’s mir. Wie lange bewundern Sie mich schon?“

„Wie finden Sie mich denn?“ wollt der Mann wissen. „Nun? Antworten Sie. Aber ehrlich bitte.“

„Auch … auch sehr attraktiv“, erklärte Helene hastig. „Aber …“

„Aber?“

„Ich bin eine verheiratete Frau.“

„Das ändert nichts. Nicht das geringste.“

„Aber doch, natürlich.“

„Was ich mit Ihnen vorhabe, kann allen Frauen widerfahren. Es kann verheirateten Frauen widerfahren und ledigen. Es kann geschiedenen Frauen widerfahren und Witwen. Ja, es kann sogar Männern widerfahren.“

„Ich könnte“, flehte Helene. „Ich wäre bereit …“

„Ja? Wozu wären Sie bereit?“

„Ihnen einen Kuss zu geben.“

„Einen Kuss!“ lachte der Mann. „Ich bin nicht hier, um mich von Ihnen mit einem Kuss abspeisen zu lassen.“

„Was mich interessiert … Wenn ich Ihnen vielleicht eine persönlich Frage stellen dürfte …?“ Helene versuchte verzweifelt, sich einen Plauderton abzuringen.

„Aber bitte, fragen Sie nur.“

„Wie ist denn Ihre … äh … familiäre … Ich meine, sind Sie auch verheiratet?“

„Nein“, antwortete der Mann und schüttelte bedauernd den Kopf. „Es war mir nie vergönnt, eine Frau zu finden, die … Eine Frau wie Sie beispielsweise. Meine Ansprüche lagen immer jenseits meiner Möglichkeiten.“

„Das verstehe ich nicht!“ tat Helene erstaunt.

„Was verstehen Sie nicht?“

„Das Sie keine Frau finden konnten.“

„Ich meine nicht irgendeine Frau. Ich meine eine Frau von Format. Eine Frau wie Sie. Frauen wie Sie hielten mir ihr Herz stets verschlossen. Ihr Herz … und was sie sonst noch so haben.“

„Aber“, meinte Helene und suchte nach Worten, „… das heißt doch nicht … das muss doch nicht bedeuten, dass Sie nicht doch noch … eines Tages … Sie sind ja noch nicht zu alt … Wie alt sind Sie denn? Nein, stopp, warten Sie! Lassen Sie mich schätzen …“

„Ein wenig älter als Ihr alter Mann. Obwohl ich noch keine grauen Schläfen habe, die ich mir – so wie in Ihrem hübschen Liedchen empfohlen – weiß Gott wohin stecken könnte.“

„Ach“, meinte Helene abwinkend, „das war doch nur so ein Scherz.“ Sie kicherte heiser. „Was meinen Sie, wie viel dummes Zeug ich so von mir gebe, wenn ich alleine bin. Mein Mann sieht in Wahrheit viel, viel jünger aus als …“

„Als ich?“

„Nein, das nicht. Nicht jünger als Sie. Wenn man Sie ansieht, dann …“

„Aber man tut es nicht. Man sieht mich nicht an. Von Frauen Ihres Kalibers wurde ich immer übersehen. Einfach übersehen. Ignoriert. Wie Luft. Und manchmal nicht nur von solchen Damen, sondern auch noch von deren Hunden.“

„Mögen Sie eigentlich Hunde?“ griff Helene rasch das sich anbietende Thema auf.

„Ich mag Schäferhunde. Nicht diese armseligen Spielzeugköter, die aussehen wie … wie Maikäfer, denen man die Flügel ausgerissen hat.“

„Wir hatten mal einen“, berichtete Helene. „Einen kleinen … aber … aber er hatte trotzdem so etwas an sich … so etwas, wie soll ich sagen …? Ja, vielleicht so etwas schäferhündisches …“

„Oh nein!“ amüsierte sich der Mann. „Das hatte er keineswegs.“

„Wieso nicht? Woher wollen Sie denn wissen ….?“

„Er sah aus“, unterbrach sie der Mann, „wie ein Maikäfer, dem man die Flügel ausgerissen hat.“

„Gewiss, er war klein, aber …“

Sehr klein war er. Winzig. Ein Rosinenhund.“

„Aber ich bitte Sie …!“ protestierte Helene.

„Wie hieß er noch? Sie haben es mir damals gesagt.“

„Ich habe Ihnen …?!“

„Ja. Jaja. Damals sind Sie jeden Nachmittag an mir vorbei stolziert. Bei Ihrem Einkaufsbummel. Mit Ihrem vierbeinigen Nasenpopel. Wie war doch sein Name?“

„Achilles.“

„Achilles! Genau! Der gute Achilles!“

Helene zog die Augenbrauen zusammen und überlegte. „Aber ich kann mich gar nicht mehr so recht erinnern … Warten Sie mal …“

„Ich glaube, da kann ich lange warten. Bis Mitternacht womöglich! Und so viel Zeit habe ich nicht. Aber selbst wenn … Sie würden sich trotzdem nicht erinnern. Ich sagte doch: für Frauen wie Sie war ich immer Luft. Und an Luft erinnert man sich nicht. Sie ist zwar da, trotzdem erinnert man sich nicht an sie. Es sei denn, sie bleibt einem plötzlich mal weg. Dann erinnert man sich auf einmal an sie. So wie man sich an meine Existenz erinnert, wenn einem der Köter weggelaufen ist. Stimmt doch, oder?“

Helene schaute irritiert. „Achilles“, erinnerte sie sich, „war mir einmal weggelaufen. Das war … Ja, beim Einkaufen … Das war vor ungefähr …“

„Sie haben die halbe Stadt rebellisch gemacht. Sie haben sich aufgeführt, als wäre Ihre gesamte Familie bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen. Sie haben mir mit gerichtlichen Schritten gedroht, für den Fall, dass ich nicht augenblicklich eine Großfahndung. Der arme Achilles könnte ja womöglich gekidnappt worden sein, weil er doch einen so hochwertigen Stammbaum besitzt … Es war nicht einfach, Sie zu beruhigen.“

„Ja!“ rief Helene erleichtert. „Ja, jetzt erinnere ich mich. Sie sind Polizist, nicht wahr?“

„Ihr Freund und Helfer in der kritischsten Situation Ihres Lebens.“

Helene verdrehte die Augen. „Meine Güte, das war damals wirklich eine Aufregung mit diesem Schlingel. Wissen Sie noch, wo wir ihn gefunden haben?“ Sie senkte die Stimme und raunte. „In diesem Erotik-Shop. Er hatte sich im Gedränge von der Leine losgerissen und ist, weiß der Himmel warum, in diesen absonderlichen Laden gelaufen. Aber dass ich Sie nochmal wieder sehen würde!“

„Sie haben mich wieder gesehen. Sehr oft sogar. Fast jeden Tag.“

„Ja?“ wunderte sich Helene,

„Ja. Polizeibeamten des Verkehrsdezernats begegnet man fast täglich, wenn man täglich dieselbe Route für seinen Einkaufsbummel benutzt.“

„Aber ja“, versicherte Helene, „natürlich habe ich Sie gesehen. Sie waren nur immer so sehr auf Ihre polizeilichen Aufgaben konzentriert, dass ich …“

„Sie lügen. Sie haben mich weiterhin übersehen. Sie und ihr blaublütiger Gefährte.“

„Aber nein“, beharrte Helene, „das stimmt nicht. Da irren Sie sich. Ich habe Ihnen sogar mehrmals grüßend zugenickt. Und zu Achilles habe ich einmal im Vorbeigehen gesagt: ‚Schau mal, das ist der nette Beamte, der …’“

„Und was hat Achilles geantwortet? ‚Interessiert mich doch nicht, dieser uniformierte Affe. Wo ist denn hier der nächste Pornoladen?’“

„Bitte“, entgegnete Helene mit gedämpfter Stimme, „reden Sie nicht so über Achilles. Er ist … leider … nicht mehr unter uns.“

„Ich weiß.“

Helene war erstaunt. „Sie wissen, dass Achilles …?“

„Sie haben gesagt, Sie hatten einen Hund.“

„Ach ja, richtig.“

„Aber dieser Hinweis wäre nicht nötig gewesen, weil ich es ohnehin wusste.“

„Sie wussten es!?“

„Ja. Ich wusste es. Weil ich persönlich mit der Angelegenheit zu tun hatte.“

„Das verstehe ich nicht“, wunderte sich Helene. „Was haben Sie als Polizist von der Verkehrspolizei …?“

„Ich bin nicht mehr der Beamte vom Rand des Bürgersteiges, als den Sie mich in Erinnerung haben. Ich arbeite seit geraumer Zeit beim Einbruchsdezernat.“

„Oh, beim Einbruchsdezernat! Wie interessant!“

„Finden Sie?“ meinte der Polizist gelangweilt.

Helenes Miene wurde plötzlich traurig. „Sie kennen also die gruselige Geschichte, die sich damals zugetragen hat?“ fragte sie mit bitterer Stimme.

„Nur zu gut antwortete der Polizist. „Achilles ist den Heldentod gestorben. Er hat sich, seine Pflicht als Wachhund treu erfüllend, einem Einbrecher in den Weg gestellt. Dieser packte ihn beim Schlafittchen und warf ihn gegen die Wand.“

Helenes Stimme drohte zu versagen, als sie, mit den Tränen kämpfend, auf die Wand hinter dem Sofa zeigte und erklärte: „Genau dort drüben hin. An die Stelle, wo jetzt sein Bild hängt.“ Der Klos in ihrem Hals hüpfte beim Weitersprechen hin und her. „Wir haben … die Wand hinter dem … dem Bild so belassen, wie sie war … Mit diesem grauenhaften … diesem entsetzlichen …“

„Mit dem Original-Achilles-Gedächtnis-Fleck.“

„Für einen Polizeibeamten“, antwortete Helene und mischte ihrer Stimme eine Brise Empörung bei, „ist Ihre Art zu reden sehr ungewöhnlich, finde ich.“

„Jaja, mag schon sein“, antwortete der Polizist. „Mag sein, dass ich überhaupt ein etwas ungewöhnlicher Staatsdiener bin. Meine Karriere zumindest ist ungewöhnlich. Wie schafft ein kleiner Beamter aus dem Verkehrsdezernat den Sprung ins Einbruchsdezernat? Eine wirklich ungewöhnliche Geschichte. Wollen Sie sie hören? Wenn nicht, werde ich gleich zur Sache …“

„Nein!“ rief Helene und hob abwehrend die Hände. Ja! Doch! Natürlich will ich sie hören!“ Und schwer atmend, mit gepresster Ruhe, fuhr sie fort: „Für ungewöhnliche Geschichten habe ich mich schon immer interessiert … Erzählen Sie … Ich bin sehr neugierig …“

„Ich hatte mich immer nur um entlaufene Hunde und irgendwelchen Verkehrsquatsch zu kümmern!“ schimpfte der Polizist.

„Das verstehe ich sehr gut“, gab Helene nickend zu. „Wenn man ein höheres Ziel im Auge hat … Wenn man sich unterfordert fühlt … Wenn man …“

„Also dachte ich mir, ich beantrage meine Versetzung ins Einbruchsdezernat.“

„Ich stelle mir die Arbeit dort sehr aufregend vor“, bekannte Helene, „sehr viel aufregender als die Arbeit eines unbedeutenden Verkehrspolizisten.“

„Aber die zuständigen Herrschaften lehnten meinen Antrag ab …“

„Wie bitte!?“ empörte sich Helene. „Das begreife ich nicht! Man kann einen Mann wie Sie doch nicht so einfach …!“

„… mit der Begründung, das Einbruchsdezernat sei ausreichend besetzt, eine personelle Aufstockung sei überflüssig …“

„Überflüssig?!“ rief Helene. „Wieso überflüssig?! Der Fall, der sich hier in diesem Hause zugetragen hat, ist doch bis heute noch nicht aufgeklärt?!“

„Was sollte ich also tun? Ich hatte nicht die geringste Lust, zu warten, bis ein Kollege aus dem Einbruchsdezernat in den Ruhestand trat, damit ich meine Chance bekam.“

Helene stieß einen Lachton aus. „Da hätten Sie wahrscheinlich lange warten können!“

„Doch dann auf einmal machte es in meinem Oberstübchen binnnggg!!!!“ Er lächelte Helene erwartungsvoll an. „Haben Sie sowas schon mal erlebt, wenn’s da oben plötzlich ‚binnnggg!!!’ macht?“

„Vielleicht“, erinnerte sich Helene zaghaft, „als ich zum allerersten Mal …“

„Ist X größer A, muss Y größer B sein“, erklärte der Polist mit glitzernden Augen. „Das war sie, die Lösung! Meine Karriereformel! Mein SesamÖffneDich fürs Einbruchsdezernat. Ist X größer A, muss Y größer B sein! So genial einfach war das. Aber Ihnen sagt das wohl nichts?“

„Doch“, widersprach Helene leise. „Das heißt … Nicht so richtig …“

„Übersetzt ins Nichtmathematisch bedeutet das: Je mehr eingebrochen wird, desto mehr Polizisten braucht man im Einbruchsdezernat.“

„Das leuchtet ein“, gab Helene zu.

„Ich beschloss, unverzüglich zur Tat zu schreiten und X so zu steigern, dass Y zwangsläufig nachziehen musste.“

„Sie steigerten also … äh … X …“

„Ich brauchte nur die Zahl der Einbrüche zu erhöhen“, jauchzte der Polizist, um beim Einbruchsdezernat Personalmangel zu erzeugen! Kapiert?“

„Ja …“ Helene nickte nachdenklich. „Jaja …“

Der Polizist beugte sich ein wenig vor und schaute Helene in die Augen. „Und nun raten Sie mal wo ich mit der Serie meiner Aktivitäten begann?“

„Sie spannen mich auf die …“ Helene hielt inne und schnappte nach Luft. „Sie!! Sie waren es! Sie sind es gewesen! Sie haben Achilles ermordet! Sie … Sie …!“

„Er war selber schuld, der kleine Stinker“, entgegnete der Polizist verächtlich. „Er hat mich angekläfft, frech angekläfft. Und …“ Er prustete. „… die Zähne hat er mir gezeigt. So ungefähr …“ Er zog die Lippen schief und entblößte die Hälfte seines Gebisses. „So hat er den Mundwinkel beziehungsweise den Maulwinkel hochgezogen, nur den einen, den linken glaube ich.“

Helene versuchte mühsam, ihre Beherrschung zurück zu gewinnen. „Ja, richtig!“ rief sie dem Polizisten zu und atmete tief ein und aus. „Das tut … Ich meine, das tat er immer, wenn er jemanden mochte. Dann zog er den linken Winkel seines … seines Mäulchens hoch.“

Der Polizist runzelte die Stirne und schien nachzudenken. „Dann muss es“, sagte er schließlich, „wohl eher sein rechter Mäulchenwinkel gewesen sein. Jedenfalls, ein Lächeln war es sicher nicht, dieses … Grimässchen, mit dem er sich mir entgegengestellt hat. Wahrscheinlich dachte er, bei dem da reicht es schon, wenn ich ihm nur die Hälfte meines gefährlichen Gebisses zeige. Aber das war, wie Sie ja wissen, en folgenschwerer Irrtum. Ich habe es trotzdem gewagt, Hand an ihn zu legen. Hinten im Nacken habe ich ihn gepackt, wo der Speck sich rollt und genau an der richtigen Stelle einen praktischen Griff bildet … Wissen Sie, ich bin Mitglied im Polizeisportverein … Hammerwerfer … Ich habe ihn also …“

Der Polizist machte Anstalten, Helene pantomimisch die Technik des Hammerwerfens zu demonstrieren …

„Bitte“, schrie diese, „hören Sie auf!“

Der Polizist stellte sein Tun ein. „Aber ich kann Sie trösten“, sagte er und machte eine beschwichtigende Geste, „er hat nicht gelitten. Jedenfalls nicht viel. Noch ein bisschen nervöses Gezappel und schon wars vorbei. Das Tor hinüber war offen: Paaradies, Abteilung Ungeziefer.“

„Sind Sie deshalb hergekommen?“ klagte Helene. „Um alte Wunden bei mir aufzureissen?“

„Nein“, antwortete der Polizist mit flackerndem Blick, „deshalb bin ich nicht hergekommen. Ich bin, wenn man so will, aus beruflichen Gründen hier – aus beruflich bedingter Frustration, könnte man sagen. Denn meine berufliches Interesse erstickt langsam aber sicher in der Routine des polizeilichen Alltags. Können Sie das nachempfinden?“

„Ich dachte, Sie sind zufrieden“, meinte Helene ein klein wenig vorwurfsvoll, „jetzt, wo Sie nicht mehr den langweiligen demütigenden Straßendienst …“

„Zufrieden? Ha! Glauben Sie denn, die Arbeit eines Beamten im Einbruchsdezernat ist auf die Dauer anregender als die eines Verkehrspolizisten? Mitnichten, Gnädigste, mitnichten! Und glauben Sie, unsereinem wird mehr Anerkennung zuteil als den werten Kollegen vom Verkehrsdienst? Mitnichten! Oder haben Sie im Fernsehn schon mal einen Krimi über die Arbeit eines Einbruchsermittlers gesehen?“

„Im Augenblick fällt mir keiner ein …“, gab Helene zu.

„Es wird Ihnen auch keiner einfallen. Die große Show findet nämlich ausschließlich bei der Mordkommission statt. Mord, Mord, Mord, das ist alles, was zählt. Aber die gefeierten Stars von der Mordkommission wollen anscheinend unter sich bleiben. Mein Versetzungsantrag liegt seit acht Monaten vor, aber nichts rührt sich!“

„Sie müssen vielleicht noch etwas Geduld haben“, erklärte Helene hastig.

Der Polizist trat auf Helene zu. „Ich habe aber keine Geduld mehr!“

Helene wich zurück. „Es hilft doch nichts, wenn Sie …“

„Doch, es hilft sehr wohl!“ antwortete der Polizist. „Genau so wie damals!“ Er machte einen schnellen Schritt nach vorne und packte Helene bei den Schultern. „Ist X größer A, muss Y größer B sein!“

„Nein!“ schrie Helene und versuchte vergeblich, sich dem Griff zu entwinden. „Das dürfen Sie nicht …! Das ist doch …!“

„Irgendwo muss ich anfangen. Und hier ist mir schon einmal der Start zu einer neuen Karriere geglückt. Gleich …“ Er legte seine Hände um Helenes Hals.

„Nein!“

„Gleich werden Sie Achilles wieder sehen.“

„Lassen Sie mich! Hören Sie auf! Ich will Achilles nicht …!“ Ihre Stimme erstickte in einem Gurgeln.

„Es wird schnell gehen. Das verspreche ich Ihnen. Ich habe starke Hände.“

„Nein, ich …“, röchelte sie. „Ich will … Achilles doch gar nicht …“, hauchte sie.

Ihre Stimme verstummte.

„Grüßen Sie ihn … grüßen Sie Achilles von mir“, sagte er und legte sie auf dem Boden nieder.