Schon als kleiner Junge war ich etwas Besonderes. Ich bemerkte meine außerordentliche Begabung schon sehr früh – als wir meinen zweiten Geburtstag feierten. An meinem Ehrentag anwesend waren: die Erziehungsberechtigten, ein Teil der Verwandtschaft, viele aus dem Freundeskreis, eine große Zahl von Bekannten, sowie kleine und größere Kinder, die zu den Erwachsenen gehörten. Es war ein gut organisiertes Fest und ICH verkörperte den Mittelpunkt des Ganzen. Und so sollte sich das für mich auch anfühlen. Und wie fühlte ich mich? Das weiß ich nicht mehr – zumindest nicht, was die anfängliche Zeit betrifft, die erste Stunde ungefähr. Stellen Sie sich vor, ein Zweijähriger liegt in einem Korbbehälter, gut weich gepolstert und geschützt. Und …? Rundum die üblichen Ereignisse, das direkte und indirekte Kümmern um das sogenannte Kindeswohl. Und dann plötzlich DAS! Eine Alltäglichkeit, aber ein dennoch erhabener Zufall. Es fing an mit einer Seifenblase. Ich besaß, stellte ich damals fest, die Macht, Seifenblasen zu zwingen, meinen Befehlen zu gehorchen. Ich konnte sie lenken wohin ich wollte – sogar in unmögliche Richtungen, nämlich gegen den Wind. Das Alles ist mir heute noch so gut in Erinnerung, wie es einem Kind dieses Alters sein kann. Ich war mir, als ich mich dabei sozusagen selbst entdeckte, so … so irgendwie unheimlich, das sage ich Ihnen ehrlich! Ich konnte den Seifenblasen befehlen, klein zu werden, klein wie Murmeln, oder groß, so wie Fußbälle. Es hatte angefangen gänzlich ohne mein Zutun – wie hätte das auch anders sein können bei einem so jungen Kind? Nachvollziehbar ist, dass es den erwachsenen Gästen meines Festes langweilig wurde, es war ein, gemessen an deren Erlebnisgewohnheiten, ereignisarmer Kindergeburtstag. Sie wussten allmählich nicht mehr, was sie mit ihrer Zeit machen sollten. Und auf einmal kam Jemand auf die Idee, einen Strohalm ins Spülmittel zu tauchen und auf der einen Seite hinein zu blasen. Auf der anderen Seite kam dabei eine Seifenblase heraus, die manchmal platzte und manchmal wackelte und danach davon flog. Über diese fliegenden Seifenblasen freuten sich Alle. Sie taten so, als seien sie von einer Minute zur andern nochmal Kinder. Sie machten staunende Gesichter, klatschten in die Hände, lachten wie Verrückte. Und sie erzählten einander Geschichten, die mit dem Begebenheiten hier eigentlich gar nichts zu tun hatten, die aber auf einmal, warum auch immer, aus ihnen heraus wollten. Und bei denen sich jeder Mühe gab, das Lustigste von allen Teilnehmenden zutage zu fördern, konkurrierende Geschichtenerzähler zu übertrumpfen. Ich hörte ihnen dabei zu und lachte dabei ebenfalls und weinte auch manchmal und kann mich an das, was ich zu hören bekam, heute kaum noch – oder nein, eigentlich gar nicht mehr – erinnern. Später dann, älter und natürlich auch klüger geworden, trieb ich es mit meinem Talent weiter. Ich konnte mit meinen Gedanken Schachteln über den Tisch schieben und Dinge durch die Luft fliegen lassen. Und ich konnte Gläser zum Zersplittern bringen, ohne dass ich dazu – wie das ja schon passiert sein soll – laut schreien musste, ich musste einfach nur ganz normal daran denken. Als ich dann eines Tages ein Geständnis ablegen wollte bezüglich der inzwischen zahllosen geheimnisvollen Geschehnisse, die sich um mich herum ereigneten, glaubten die Zeugen meiner Macht mir erst, als ich einen Beweis dafür erbrachte. Ich verstärkte die Bodenhaftung der Anwesenden so stark, dass sie sich nicht mehr von der Stelle bewegen konnten. Jetzt wurde ich ihnen verdächtig. Und hinterher, nachdem ich ihnen ihre Schrittfähigkeit zurück gegeben hatte, stellten sie mich bei einem Kinderarzt vor, der ihnen erklären wollte, was mit mir los sei. Er wusste es wahrscheinlich selber nicht so richtig, sagte ihnen aber trotzdem, was er von mir hielt. Und das hörte sich so komisch an, dass es ganz sicher keiner verstehen konnte. Jedenfalls schauten meine Eltern den Doktor so an, als würde er chinesisch reden. Und mir ging es auch so. Was ich hörte, hörte sich fast wortwörtlich wie Chinesisch an. Das ich ein Psychochinese bin, so ähnlich klang das in meinen Ohren. Und damit konnte ich wirklich nicht sonderlich viel anfangen, denn ich hatte keine Schlitzaugen und ich war auch nicht gelb. Und nach dem Besuch beim Doktor gingen wir wieder nachhause und jeder schüttelte den Kopf und war jetzt kaum schlauer als vorher, sondern vielleicht, meine ich, eher noch dümmer. Aber immerhin, das Ganze hatte für mich einen Vorteil. Denn von nun an gingen sie Alle sehr viel sorgfältiger mit mir um. Jetzt hatten sie nämlich Respekt vor mir. Nein, oh nein, sie hatten noch mehr vor mir, sie hatten Angst. Das fand ich schön und gut. Und sehr viel später, in den Wochen und Monaten und Zeiten danach, stellte sich heraus, dass ich zu noch viel aufregenderen Manipulationen in der Lage war. Mit den Kinderstreichen und Jugendsünden war nun Schluss. Ich könnte fast sagen, dass ich beschlossen hatte, erwachsen zu werden. Ich konnte meine Späße nach Belieben weiter veranstalten und eindrucksvolle Ereignisse herbeiführen, wie zum Beispiel Leute zum Stolpern und Stürzen bringen. Und ich schöpfte all diese Möglichkeiten in moralisch vertretbaren Maßen aus. Wenn ich Lust gehabt hätte, den Menschen schwere Schäden zuzufügen, wäre das kein Problem für mich gewesen. Ich hätte Armbrüche, Beinbrüche, schwere Kopfverletzungen und vieles mehr verursachen können, aber so gemein war ich nicht. Es kam zu mehr oder weniger kleinen Unfällen, zu harmlosen Hämatomen, zu Verstauchungen, zu Platzwunden und so weiter – aber alles Dinge, die bei den Opfern lediglich Verwunderung auslösten, weil sie, was meine Person und die tief in mir schlummernden Gelüste betraf, unwissend waren und das auch blieben … So wuchs ich weiter heran, wurde älter und heiratete eines Tages. Meine Frau und ich hatten viele gemeinsame Interessen, von denen eines das zweisame allabendliche Fernsehen war. Diese Gewohnheit verband uns einerseits sehr stark, brachte aber auch etwas zum Vorschein, das uns innerlich trennte. Unser soeben neu erworbener Fernseher war das beste und perfekteste Gerät, das in der heutigen Zeit erhältlich war. Es bediente uns mit über hundert Programmen. Und wir Beide hatten, wenn es um die Wahl der richtigen Sendung ging, schon immer sehr unterschiedliche Geschmäcker gehabt. Wenn nämlich meine Frau DIES wollte, dann wollte ich JENES. Und wenn meine Frau JENES wollte, dann wollte ich DIES. Wir wollten niemals das GLEICHE, geschweige denn das SELBE. Und schon immer hatte es deswegen kleine Streitereien gegeben. Umso mehr mussten wir uns jetzt im Umgang mit unserem tollen Gerät einigen, um die Harmonie unseres Ehebundes auf einem gesunden Level zu belassen und nachhaltig zu festigen und zu stabilisieren. Einfach war das nicht. Ich gebe zu, dass mir Spaß machte, was ich fortan mit meiner Frau trieb. Denn es war weder eine seelische, meine ich, noch eine körperliche Misshandlung. Ich wollte meine Frau, meine ich, nur ein bisschen kitzeln, getreu dem Motto: Was sich liebt, das neckt sich. Ich neckte meine Ehegefährtin damit, dass ich die von uns gemeinsam benutzte Fernbedienung instrumentalisierte – und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Ich übergab ihr das Instrument und erlaubte ihr, es gemäß ihrem persönlichen freien Willen zu bedienen. Darüber freute sie sich. Sie nahm die Fernbedienung und drückte auf die ZWEI. Sie hatte das Programmheft studiert und sich für einen Film entschieden, der heute im Zweiten Programm gezeigt wurde. Nein, dachte ich, ich will diesen Mist nicht sehen – und dann dachte ich DREI. Der Film im Zweiten Programm hatte gerade begonnen und nun lief im Dritten Programm plötzlich ein anderer Mist. Meine Frau war erstaunt. »Was ist das denn?« murmelte sie und drückte erneut auf die Zwei … Ich gönnte ihr die zurück gewonnene Freude für ungefähr drei Sekunden, dann dachte ich VIER … Meine Frau zuckte, als die Bilder überraschend ihre logische Kontinuität änderten, zusammen und rief: »Ach!« Ich schüttelte meinen Kopf und atmete tief ein und aus. »Das gibt es doch nicht,« flüsterte meine Frau und drückte noch einmal auf die ZWEI. Meine Frau hatte am vierzehnten Februar Geburtstag, deshalb dachte ich VIERZEHN. Meine Frau unterdrückte einen Aufschrei, als sie sah, was ich ihr damit beschert hatte. Und ich erklärte ihr mit freundlicher Gelassenheit: »Liebling, das ist DEIN Geburtstag! Und das ist ja kaum zu glauben?! So als ob das Fernsehgerät wüsste, dass Du an einem Vierzehnten Geburtstag hast!« Meine Frau stöhnte. Sie war wütend. Diesmal drückte sie die EINS. Im Ersten Programm lief gerade Sendung zum Thema Kochen. »Na siehst Du,« sagte ich, »Du kochst doch gerne.« Und dann dachte ich SIEBENUNDVIERZIG. Dort zeigten sie etwas über Methoden zur Behandlung kranker Haustiere. Wir hatten keine Haustiere. Trotzdem sagte ich zu meiner Frau: »Wissen kann man nie genug.« Sie schaute mich an, so als ob ICH Schuld wäre an dem, was sich vor ihren Augen abspielte. Das war ich natürlich, aber das konnte sie schließlich nicht wissen. »Ich verstehe nicht, was da los ist!« klagte sie. »Ich auch nicht! klagte ich meinerseits.« Sie schaute mich seltsam an. »Was soll ich denn machen?« fragte sie mit aggressiv gepresster Stimme. Ich zuckte mit den Schultern und antwortete: »Probieren geht über Studieren.« Sie probierte. Diesmal mit der ZEHN, obwohl sie aus dem Stehgreif nicht wissen konnte, was dort gerade lief. Mich interessierte es auch nicht. Und ich dachte EINUNDSIEBZIG. Sie stieß einen Schrei aus und wollte mit der Fernbedienung nach dem Fernsehgerät werfen. Aber ich hinderte sie daran. Ich hielt ihr den Arm fest und raunte ihr zu: »Wenn Du das tust, machst Du dieses Gerät kaputt – und was hast Du dann davon? Nichts!« Ich entnahm die Fernbedienung ihrer zitternde Hand und sagte: »Mal sehen …« Dann drückt ich die zwei. Dort lief immer noch ihr Wunschfilm. »Geht doch!« sagte ich. Dann gab ich ihr die Fernbedienung zurück. Sie lächelte unsicher und atmete nun ganz langsam, um zu ihrem inneren Frieden zurück zu finden. Wir schauten uns gemeinsam ihren Wunschfilm an. Und unsere Ehe schien wieder in Ordnung zu sein. Aber nur für eine knappe Viertelstunde. Dann dachte ich NEUNUNDNEUNZIG. Es lief, als ich diese Zahl dachte, gerade eine wichtige Sequenz in ihrem Wunschfilm, deshalb fiel ihre Reaktion besonders heftig aus. Es gelang mir nur mit großer Mühe, sie wieder halbwegs in einen Normalzustand zu bringen. Danach übernahm ich persönlich wieder die Fernbedienung. Und ich drückte wieder die zwei. Dort lief inzwischen der Abspann ihres Wunschfilmes. Sie fing an zu schluchzen und am ganzen Körper zu beben. Ich tröstete sie so gut ich nur konnte. So lange hatte ich mich noch nie mit ihr beschäftigt. Als wir damit fertig waren, nahm sie die Fernbedienung und schaltete den Fernseher aus. Am nächsten Tag zögerte sie zunächst, versuchte dann aber, nachdem sie zuvor eine Valium genommen und dann eine Stunde in der Badewanne verbracht hatte, ihr Glück aufs neue. Doch das Glück war ihr trotz Pille und heißem Bad nicht hold. Was sie sich auch wünschte, auf Knopfdruck klappte es nicht bei ihr. Und ich motivierte sie erneut mit der populären Erkenntnis, dass Probieren dem Studieren vorzuziehen sei. Sie stemmte sich innerlich vehement gegen den damit verknüpften Rat, konnte jedoch dem Drang, erneut einen Versuch zu wagen, nicht widerstehen. So geschah es auch am nächsten und an noch weiteren neuen Tagen darauf. Ich war, meine ich, kein Sadist. Aber ich hatte eine gewisse Art von Humor. Oft sagen verliebte Männer in Liebesfilmen zu den von ihnen geliebten Frauen, dass sie diese besonders hübsch fänden, wenn sie verärgert seien. So ungefähr verfuhr ich mit meiner Frau auch. Einmal zum Beispiel, als sie einen sehr heftigen Wutanfall hatte, sagte ich zu ihr: »Hör bitte nicht auf so fürchterlich zu toben, denn ich finde Dich gerade so wunderbar attraktiv!« Und ein anderes Mal machte ich ihr nach einer verzweifelten Eruption ein neues Kompliment mit den Worten: »Du wirst zwar jeden Tag ein bisschen älter, aber durch Deine spezielle Art Dich zu benehmen auch jeden Tag ein bisschen schöner.« Manchmal erlaubte ich ihr, eine Fernsehsendung, an der sie soeben Gefallen gefunden hatte, etwas ausgiebiger zu genießen als ich dies für gewöhnlich zu tun pflegte. Denn ich musste genau die richtige Mischung von Sehen und Nichtsehen zum Einsatz bringen, um ihre Fernsehlust dauerhaft aufrecht zu halten. Das war schwierig, denn genau betrachtet war ihre Fernsehlust schon seit langer Zeit erloschen. Aber aus einem mir rätselhaften Grund schaute sie immer wieder und wieder … Und Abend für Abend saß ich neben ihr und befriedigte dieses ganz persönlich von mir so erlebte Fernsehglück aufs Neue. So konnte ich über meine Frau eine nicht unerhebliche Macht erlangen, die ich auszuüben gedachte bis zum Ende unseres Lebens – oder unserer Ehe.