Die Auferstehung  

Ob ich ihr bei der Arbeit im Garten helfen will, hat meine Mutter mich gefragt. Ich habe eifrig mit dem Kopf genickt, so wie ich das immer tue, wenn sie etwas von mir will. Das habe ich früher immer nur bei meinem Vater so gemacht, als der noch da war. Ich arbeite nicht gern in unserem Garten – warum, das weiß ich nicht. Und ich versteckte meine Faulheit so gut wie ich konnte vor meiner Mutter. Dabei schaute sie mir immer ganz freundlich zu, wenn ich so etwas machte. Ich glaube, sie dachte immer, ich tue das gern. Also stocherte ich mit meiner Kinderschippe im Boden herum und schaute dabei nicht hoch. Ich schaute auch nicht zu ihr hin, wenn sie mich lobte. Und das tat sie oft. Weil Kinder zu loben wichtig ist und ungeheuer nützlich, hat sie unserer Nachbarin einmal erklärt, und zwar aus erzieherischen Gründen. Sie hat das gesagt, als sie dachte, dass ich so vertieft bin in mein mühseliges Schaffen, dass ich nicht merke, was abseits von mir geredet wird. Am heutigen Tag aber geschah etwas, womit keiner von uns gerechnet hat – etwas Ungeheuerliches. Ich hatte meinen Blick zum Boden hin gerichtet und war mit meinen Gedanken ganz woanders, während ich lustlos und widerwillig stocherte, als ich meine Mutter auf einmal laut schreien hörte. Der Grund, der sie so heftig zum Erschrecken gebracht hatte, war ein Mann, der plötzlich da stand, so als ob er ganz plötzlich vom Himmel gefallen wäre. Er war viel größer als meine Mutter und sehr breit und hatte einen dicken Kopf, so wie ich noch nie einen gesehen hatte. Und er war sehr alt. Vater! rief meine Mutter mit heiserer gedämpfter Stimme, die sich anhörte, als ob sie flüstern würde, damit ich nicht hörte, wer das war. Es war mein Großvater. Jetzt erkannte ich ihn. Auf den Bildern, an die ich mich erinnere,  hat er jünger ausgesehen. Damals bin ich noch nicht auf der Welt gewesen. Jetzt hatte er nicht nur struppige und nach allen Seiten wegstehende weiße Haare, sondern auch einen langen genau so weißen Bart, der fast seine ganze Brust bedeckte. Als er sah, wie sehr ich durch seinen Anblick erschrak, lachte er so wild, dass die Herbstblätter von den Bäumen regneten. Er stand eine lange Zeit da, ohne sich zu bewegen, so dass ich Angst hatte, dass er für immer so stehn bleiben und nie wieder weggehen würde. Das ist ja eine Überraschung! rief meine Mutter mit zitternder Stimme. Sie ließ den Schubkarren mit dem Fallobst, das sie gesammelt hatte, los und stürmte mit ausgebreiteten Armen auf ihn zu … Doch er stoppte sie mit einer Bewegung seiner Hand, die er in die Höhe hielt und dann wieder sinken ließ. Dann fragte er: Erkennt ihr mich denn überhaupt?  Und fügte seiner Frage sofort die Antwort hinzu: Ich bin der liebe Gott, zu dem ihr jeden Abend betet. Ich wusste, dass das nicht stimmen konnte, weil mein Großvater schon viele Jahre in einem Heim vor sich hin starb, wie die Leute aus meiner Familie erzählten, die ihn schon lange nicht mehr besuchten. Tja, sprach er weiter und grinste bis fast zu den Ohren, die Engel in meinem himmlischen Schloss haben mich mit Hostien gepäppelt … Hostien, Hostien, Hostien, von morgens bis abends immer wieder diese verdammten Hostien, so viele, dass ich manchmal davon kotzen musste, aber …! Es hat gewirkt! Diese geschmacklosen Dinger haben es in sich gehabt, sie haben mich so schlau und mächtig gemacht wie es vor mir nur der liebe Gott persönlich war. Und dann … dann war ich auf einmal der Chef dort oben! Und das ganze heilige Personal um mich herum hat beschlossen, nur noch mich anzubeten. Und ihren Exgott mitsamt seinem Sohnemann und seinem heiligen Scheiß haben wir zum Teufel gejagt. Mein Großvater stemmte seine Fäuste in die Hüften und schaute meine Mutter mit stechenden Augen an und fragte sie: Hättest du mir das damals zugetraut, als du mich in diese Gruft verfrachtet hast, in dieses armselige erbärmliche gnadenlose  SE-NI-OR-EN-DO-MI-ZIL??!! Meine Mutter schluchzte und gurgelte und fiel auf die Knie und drückte ihr Gesicht in den Rasen. Mein Großvater lachte wieder, so dass das Herbstlaub noch stärker fiel und meine Mutter unter sich begrub. Dann richtete mein Großvater seinen Blick auf mich. Du da …! sagte er und zielte mit dem Zeigefinger auf meine Stirn. Du kannst jetzt endlich aufhören mit deinem idiotischen Beten, denn dein lieber Herrgott – und während er das sagte klopfte er sich mit der flachen Hand drei Mal gegen die Brust – der ist taub für dein bescheuertes Gebrabbel. ICH, sprach er weiter, ich ganz allein könnte dich hören, wenn ich wollte, aber jedes Mal, schon wenn du nur piep sagst, halte ich mir sofort die Ohren zu – verstehst du was ich dir erzähle?! Und als er das gesagt hatte, legte er seinen Kopf in den Nacken und riss weit den Mund auf und lachte laut zum Himmel hinauf …