Die Aktenmappe

Das Büro ist ein Ort täglicher Wiederholungen.

Ich arbeite an einem solchen Ort. Und nach Feierabend nehme ich ihn im Kopf mit nachhause. So wie ich meine Aktenmappe nehme und nachhause trage. Das Leben eines Aktenmappenträgers ist kurz. Denn es besteht aus nur einem einzigen, immer­gleichen Tag.

Diese Feststellung mag Nichtwissende verwundern. Ich aber weiß, wovon ich rede. Dabei spielt die Aktenmappe, die mich seit meinem Eintritt ins Berufsleben begleitet, eine Rolle, deren Bedeutung ich bis heute nur ahnen kann. Die Ahnungen suchen mich heim, unaufhörlich und aus allen Richtungen. Sie flimmern durch meinen Kopf und schaffen Bilder, die sich meinem Verstand verweigern.

Meine Aktenmappe war mein Halt. Ich nahm jeden Morgen ihren Griff, um mich von ihr zur Arbeit führen zu lassen. Und nach Feierabend tat ich das gleiche. Meine Aktenmappe führte mich stets sicher nachhause.

Aber das war nicht die Aktenmappe, die ich heute besitze. Auch nicht die, die ich vorgestern besaß. Und es war auch keine von den beiden Aktenmappen, die ich letzte Woche verbrauchte. Diese neuen Aktenmappen sind alle sehr schön, aus gutem Leder, solide verarbeitet. Trotzdem werden sie bei mir nicht alt. Sie sind nur Aktenmappen.

Und die andere?

Es ist erstaunlich, wie Dinge sich in der Erinnerung verändern! Plötzlich betrachtet man sie mit niegekannter Zärtlichkeit und errichtet ihnen im Kopf feierliche Gedenk­stätten. Ich habe mich oft über Leute amüsiert, die wehmütig in Kriegserinnerungen schwelgen, aber eigentlich ist deren alberne Schützengraben-Nostalgie nicht alberner als meine verworrene Beziehung zu jener alten Aktenmappe.

Das Symptom ist hartnäckig, vergleichbar dem Zwang, zwanzig mal auf der Treppe kehrt zu machen, um nachzusehen, ob die Wohnungstür abgeschlossen ist, oder sich im Minutentakt die Hände zu waschen. Für mich ist Handhygiene von unterge­ordneter Bedeutung, die Hauptsache ist, dass meine Hand jeden zweiten oder dritten Tag eine neue Aktenmappe tragen darf. Doch schon nach kurzer Zeit stelle ich fest, dass auch diese nicht in der Lage ist, mir meine alte Aktenmappe zu ersetzen. Damit ist das Urteil auch schon gefällt – Schluß, ist soweit. Die Stunde der Trennung hat geschlagen. Ich vergesse Aktenmappen an Imbißstuben, auf dem Bahnhof, im Zugabteil. Oder ich werfe sie einfach weg, auf einen vorbeifahrenden Lastwagen, in einen Müllcontainer, von irgendeiner Brücke. Manchmal mache ich mir einen Spaß daraus, Diebe zu animieren, indem ich die Mappe irgenwo hinstelle und beobachte, wie sie gestohlen wird, mit einer Zeitung von gestern oder einer Illustrierten von der letzten Woche drin. Ich weiß nicht, wieviele Aktenmappen im vergangenen Jahr durch meine Hände gegangen sind. Ich habe auch keine Ahnung, wie lange das noch so weitergehen wird. In meinem Kleiderschrank liegt ein Stapel nagelneuer Modelle bereit, die schon auf ihren Einsatz warten.

Die beunruhigende Entwicklung nahm vor ungefähr anderthalb Jahren ihren Lauf, an einem Tag, der zunächst ein Arbeitstag gewesen war, so wie andere Tage auch. Eben hatte der Feierabend begonnen. Vor fünf Minuten hatte ich das Firmengebäude verlassen. Neben mir trug ich meine Aktenmappe. Sie kannte den Nachhauseweg. Ich hielt mich an ihr fest und begleitete sie. Die Art der Verständigung hatte während der Jahre unseres Zusammenseins diese Form angenommen, zur – sozusagen – beiderseiti­gen Zufriedenheit: meine Aktenmappe führte mich, sie hatte von mir Besitz ergriffen, sanft aber unduldsam. Ich ging den Weg, den sie mir vorschrieb, empfand dies jedoch nicht als Nachteil, weil eine vertraute Harmonie zwischen uns herrschte. Ich nehme an, ein Grund war auch der, dass ich seit langem die Sicherheit verspürte, in meiner Firma eine ungefährdete Position zu besitzen und dort sorgenlos alt werden zu können. Dadurch erschien mir der Weg zur Arbeit so selbstverständlich, dass es nichts mehr gab, woran ich mich hätte orientierte sollen – außer der Aktenmappe, die ich in der Hand hielt. Sie war deshalb mehr als ein harmloser Weggefährte.

Wie immer machte ich auch an jenem späten Nachmittag noch einen Bummel durch die Einkaufsstraßen der Innenstadt. Das war eine Gewohnheit, von der ich nie gelassen hatte, obwohl der ursprüngliche Sinn längst nicht mehr vorhanden war. Dieser Bummel war mittlerweile eine Tortur, ein Akt gewaltsamer Selbstbehauptung in dichten Fußgängerströmen. Druck, Stöße, Reibung – das waren Dinge, an die ich mich gewöhnt hatte. Ich fühlte mich dem Streß gewachsen. So wie ein Seefahrer mit den Tücken des Meeres vertraut ist, so war ich durch meine langjährige Erfahrung mit den Beson­derheiten dieses Gedränges vertraut. Ich kannte mich aus mit den Strömungsgesetzen, die nach Feierabend im Stadtinnern ihre Macht entfalteten – und meine Aktenmappe gab mir die innere Sichereit, die alle Gefühle des Verlorenseins und Ängste bannte. Sie war mein Steuerruder. Ich trug sie am langen Arm, den ich schräg nach vorne hielt, so dass sie mir stets ein Stück voraus war. Sie war es, die das Gedränge vor mir auslotete, Lücken ausmachte, den Weg für uns suchte. Ich brauchte ihr nur zu folgen.

Das Unglück geschah, als es im Kaufhaus vor der Rolltreppe zu einem Mißver­ständnis kam. Es war in der Woche vor Ostern, und ich spürte, dass sich heute mehr Menschen auf den Gehwegen drängten als sonst. Auch spürte ich diese turbulente Hektik, so wie ich sie von der Vorweihnachtszeit kannte. Viele Menschen waren unterwegs, weil sie noch Geschenke besorgen mußten, und sie schoben sich nach Feierabend rasch in die Kaufhäuser, um sich inspirieren zu lassen, weil ihre Geschenk­ideen erschöpft waren. An manchen Stellen, wo Fußgängerströme aus verschiedenen Richtungen aufeinandertrafen, war das Gedränge so dicht, dass mich Erstickungs­gefühle quälten, und oft ergriff in Situationen besonderer Bedrängnis eine Art Galgenhumor von mir Besitz. Ich nutzte den Druck, der mich zu Zerquetschen drohte, um mir ein kurzes Vergnügen zu leisten, ein Kunststück zu üben, das ich irgendwann ausprobiert und gelernt hatte. Ich hob meine Füße an, so dass sie nicht mehr den Boden berührten, und ließ mich tragen. Wenn ich fest genug eingeklemmt war, funktionierte dieser Trick vorzüglich. Die Leute um mich herum bemerkten nichts. Auf diese Weise gelang es mir, mich von den Kaufhausbesuchern für eine gewisse Zeit transportieren zu lassen. Aber das war nur ein Spaß. Einen Vorteil verschaffte ich mir dadurch nicht, denn das Hochhalten der Füße kostete mich mehr Anstrengung als selbstständiges Gehen. Ich beherrschte diese wohl einmalige Technik sogar, wenn der Weg um die Ecke führte. Ein kleiner Ruck mit den Schultern in die vorgesehene Richtung, und schon war ich hinter meiner Aktenmappe, die die entsprechende Wendung schon vollzogen hatte.

Ich hätte dieses kindische Spiel lieber bleiben lassen sollen, dann wäre heute noch alles so, wie es die Jahre zuvor gewesen war.

Vor der Rolltreppe waren die Voraussetzungen für das Spiel besonders günstig, es herrschte die ideale Dichte, weil viele Leute in sich zuspitzender Formation auf den Treppeneingang zuhielten.

Ich hatte gerade die Füße angehoben, als meine Aktenmappe sich plötzlich nach rechts wandte, um vor der Rolltreppe abzubiegen. Die Uneinigkeit zwischen meiner Aktenmappe und mir dauerte weniger als eine Sekunde, doch bevor ich die Gefahr erkannte und fester zugreifen konnte, wurde sie meiner Hand entrissen. Sie bewegte sich an der Rolltreppe vorbei, während ich schon auf der untersten Stufe stand und nun nach oben getragen wurde. Umzukehren war bereits unmöglich, aber dennoch versuchte ich es. Ich mußte die Ellbogen einsetzen, um mich zu drehen. Schließlich stand ich mit dem Rücken zur Fahrtrichtung und machte mit den Armen Bewegungen wie ein Kraulschwimmer, der verzweifelt und vergeblich gegen einen übermächtigen Strom schwimmt. Ich fuhr weiter aufwärts und brachte die Menschen, die ich zur Seite schieben wollte, gegen mich auf. Sie schrieen mich an, dass ich aufhören solle mit diesem Unsinn – dabei hoben einige von ihnen drohend ihre Fäuste. Als ich meine Versuche, die Rolltreppe gewaltsam zu verlassen, einstellte, befand ich mich schon auf dem halben Weg nach oben. Danach versuchte ich, mich von der Treppenmitte nach der Seite zu drängen, um über den Rand einen Blick nach unten zu werfen. Das gelang mir schließlich. Ich beugte mich über das fließende Geländer, versuchte abzuschätzen, wie weit meine Aktenmappe inzwischen gekommen sein könnte, tastete mit meinem Blick das in Frage kommende Suchgebiet ab – und sah sie! Sie war in der Masse der Leiber eingeklemmt, so dass sie nicht zu Boden fallen konnte. Sie wurde getragen, so wie ich bei meinem Kunststück des Fußanhebens. Sie bewegte sich im Menschenstrom dahin, so als hätte ich ihren Griff noch in der Hand – so als hätte sie meiner Führung nie bedurft. Nur wenige Sekunden konnte ich ihr mit dem Blick folgen, dann war ich oben angekommen. Ich stand immer noch mit dem Rücken in Fahrtrichtung, das Gesicht den Leuten zugewandt, die nach mir die Rolltreppe verließen. Ich mußte einige Schritte zurück treten, bevor es mir gelang, mich umzudrehen. Dann drängte ich mich zur Seite. Doch jetzt war die Möglichkeit, sofort auf die Nachbartreppe umzusteigen und wieder nach unten zu fahren, bereits vertan. Ich schob meinen Körper zur Seite, um mich an die Nachbarrolltreppe heranzuarbeiten, die abwärts fuhr. Ich wollte auf dem schnellsten Weg zurück ins Erdgeschoß. Doch ein Gegenstrom, der ebenfalls auf die Abwärtstreppe zudrängte, stoppte mich und machte meine Absicht zunichte. Gleichzeitig wurde ich durch die Neuangekommenen von der Aufwärtstreppe mit Schüben und Stößen attackiert und gegen meinen Willen weiter bewegt, so dass ich den Strom der auf die Abwärtstreppe Zusteuernden nur streifte, mich aber nicht ein­zwängen konnte, sondern von hinten an der Gegenmacht vorbeigeschoben wurde, bis ich an den Rolltreppenaufgängen und den Abgängen der ersten Etage so weit vorbei war, dass sich eine Umkehr nicht mehr durchführen ließ. Ich wehrte mich weiterhin, wußte aber nicht, wozu, da mir jetzt alle Wege, die zu gehen ich wünschte, versperrte waren, während ich die übrigen, mir momentan gleichgültigen Wege, nur als Opfer des Zufalls nutzen konnte.

Ich fühlte mich auf eine nie gekannte Weise ohnmächtig. Ich glaubte, der inneren Leere, die ich im Augenblick empfand, nicht gewachsen zu sein. Ich könnte, malte ich mir aus, infolge dieser inneren Leere implodieren, plötzlich verschwunden sein und den Raum, den mein Körper zuvor beansprucht hatte, anderen überlassen, die ihn füllen würden, ohne ihn verdient zu haben. Ich spürte, wie mein Blut schneller kreiste, meine Herzschlag sich beschleunigte, Schweiß aus meinen Poren quoll. Ich stieß einen Laut aus, der von der Geräuschmischung, die mich umgab, absorbiert wurde. Ich wollte weiterleben und erkannte zwei Möglichkeiten, mich gegen das Gefühl der Ausweglosig­keit, die von mir Besitz ergriffen hatte, zu behaupten. Ich konnte mich im großen Strom weiterbewegen zu den Fußgängertreppen hin und dort den Abstieg versuchen. Oder ich konnte mich, vorbei an der Rolltreppenanlage und an deren Ende eine Linksabbiegung erzwingend, auf Rundumkurs begeben, um wieder in die Nähe der Aufgänge und Abgänge der Rolltreppen zu gelangen. Dort könnte ich mich so einfügen, dass eine Abfahrt zu erwingen eventuell zu schaffen wäre. Diese Möglichkeiten abwägend, bemerkte ich jedoch, dass die Überlegungen, die zur Rolltreppenlösung tendierten, meine Erregung aufgrund des gerade Erlebten verstärkten, während der Gedanke an die Benutzung der Fußgängertreppe eher zu einer leichten Beruhigung führte.

So machte ich mich auf den Weg zur Fußgängertreppe. Die Strömungen und Gegenströmungen auf der kurzen Strecke zu meinem Zwischenziel neutralisierten einander, so dass jeder, wo auch immer er hin wollte, eigentlich hätte auf der Stelle treten müssen. Aber dennoch ging es voran, wenn auch nur sehr langsam. Ich schob einen Fuß vor und den anderen hinterher, an dem stehenden Fuß vorbei, um ihm einen kleinen Vorsprung zu verschaffen, damit ich danach ihn stehen und den dahinter wartenden Fuß folgen lassen konnte …

Während ich mich, von unbeabsichtigten Körperkollisionen gelegentlich belästigt, weiter vorwärtsbewegte, vermischten sich die Gedanken an meine Aktenmappe mit Gedanken, von denen ich geglaubt hatte, dass sie längst vergessen oder gar für immer verloren gegangen wären. Offenbar gab es in meinem Kopf Verstecke, die sich jetzt öffneten, um die Leere, die die Abwesenheit meiner Aktenmappe hinterlassen hatte, zu füllen. Es war auf einmal so, dass die Bedeutung meiner Aktenmappe sich verflüchtigte und längst Vergangenes sich zurückmeldete, so als sei es mit Fragen verknüpft, auf die ich eine Antwort noch schuldig sei. Zum Beispiel fragte ich mich, warum ich denn nie an einem Segelflugkurs teilgenommen hatte. Als junger Mann hatte ich davon ge­träumt, einmal ein Urlaubsangebot mit Segelfluglehrgang wahrzunehmen und die Verwirklichung dieses Traumes immer wieder von einem Jahr auf das nächste verschoben. Auch des Segeln auf dem Wasser hätte mich gereizt. Ich stellte mir damals, wenn ich am Strand lag und auf Hautbräunung hinarbeitete, die Gesichter und Kommentare von Freunden und Bekannten vor, wenn ich ihnen nach dem Urlaub ein Zertifikat präsentiert hätte mit der Befugnis, in der Luft oder auf dem Wasser zu segeln. Und was mich als junger Mann ebenfalls faszinierte, war das Wildwasserfah­ren. Angst hatte ich nicht davor, auch wenn diejenigen, die ich in mein Vorhaben einweihte und ihnen verkündete, mein Urlaub im nächsten Jahr werde ein Wildwasser­urlaub sein, spotteten, der Kampf gegen Stromschnellen sei nicht vergleichbar mit dem Geplansche in der Badewanne. Ich war damals noch jung und hatte vor mir noch viel Zeit. Der Gedanke, dass mein Leben einmal aufhören könnte, kam mir fremdartig vor. Beschäftigte mich ein solcher Gedanke dennoch, so entsprach die Zeit, die noch vor mir lag, der Ewigkeit – und diese würde, sollte der Tod einmal nach mir greifen, mit mir sterben. Noch aber war ich jung und unsterblich und konnte mir jede Verzögerung erlauben ohne die geringste Zeit zu verlieren. Und heute, hier eingekeilt und fast zerquetscht von unbequemen Menschen, suchte ich nach Antworten auf Fragen ohne Bedeutung und nach Gründen, die meine Unentschlossenheit und das Ablassen von versäumten abenteuerlichen Vorhaben rechtfertigen sollten. Natürlich spielte bei alldem auch das Geld eine Rolle. Ich war damals ein mittelmäßiger Verdiener und konnte nicht nach Belieben über Summen verfügen, die ein Urlaub verschlang, der über das zu jener Zeit Übliche hinausging. Zu einem anderen Selbstvorwurf, der mir in den Sinn kam, fiel mir allerdings keine Rechtfertigung ein. Warum hatte ich den fehlenden Zahn auf der linken Seite meines Oberkiefers bis heute nicht durch einen Kunstzahn ersetzen lassen, obwohl diese Lücke mich seit Jahren daran hinderte, unbefangen über die volle Breite meines Mundes zu lächeln?

Wäre der Weg noch weiter gewesen, hätte ich noch zahllose andere Themen gefunden, über die zu Grübeln ich sonst nie Zeit fand. Aber dann auf einmal spürte ich, wie der Druck, der von allen Seiten auf mir lastete und mir nur die Freiheit erlaubte, dem Innern meines Kopfes ein sonderbares Eigenleben zu gestatten, sich lockerte, geringfügig nur, doch ausreichend, um freier atmen zu können und wieder zurückzufinden zu dem, was mir wirklich am Herzen lag – meiner Aktenmappe.

Zudem machte ich mir Gedanken über den Grund für die unerwartete Erleichte­rung und brauchte auch nicht lange, um diesen herauszufinden. Die Ankunft in dem der Fußgängertreppe vorgelagerten Bereich stand kurz bevor. Dies war ein Ort, wo sich die geballten Absichten, die auf dem bisherigen Weg Enge und Zwang hervor­gerufen hatten, verzweigten. Wer noch auf dieser Etage verweilen wollte, fügte sich in die Ströme ein, die sich links und rechts an der Treppe vorbeibewegten, während diejenigen, die eine Etage höher wollten, der nach oben führenden Treppe zustrebten. Die anderen wiederum, die, wie ich, beabsichtigten, zurück ins Erdgeschoß zu gelangen, ordneten sich entsprechend ein und machten sich auf den Weg nach unten. Der Vorteil, der sich uns treppabwärts Strebenden zudem bot, war, dass der Strom der uns entgegenkommenden Treppaufsteiger von geringerer Dichte war, als es aufgrund der Dichteverhältnisse im gesamten Kaufhaus zu erwarten gewesen wäre. Denn die Mehrzahl der Kunden zog es vor, die Rolltreppen aufzusuchen, wo sie die Bequemlich­keit genossen, getragen zu werden statt sich mittels eigener Kraft nach oben zu begeben.

Ich nutzte die gewonnene Bewegungsfreiheit aus, um den Abstieg noch schneller zu schaffen als es mir durch die Veränderung des Widerstandes vergönnt gewesen wäre. Ich presste die Handflächen gegeneinander, streckte die Arme vor und erwarb mit meinen gefalteten, an den Fingerenden spitz zulaufenden Händen den Vorteil, mir gemäß dem Schneepflugprinzip einen Weg durch die Masse zu schneiden. Ich nutzte gleichzeitig Leerräume, um mir durch Slalombewegungen, mal linksschwenkend, mal rechtsschwenkend, einen zusätzlichen Zeitgewinn zu verschaffen. So hatte ich die Abstiegszone vor der Fußgängertreppe endlich erreicht, befand mich nun kurz davor, zu meinem Unmut allerdings vor der Treppenmitte. Ich befand mich gleichweit entfernt von beiden Geländern, suchte aber wegen der ungewohnten Leere meiner rechten Hand, wo mir das gewohnte Gewicht vieler Jahre fehlte, etwas Greifbares. Um das rechte Treppengeländer zu fassen, vollzog ich mit den vorgestreckten Armen einen energischen Schwenk in die gewünschte Richtung, handelte mir wegen der Unvorher­sehbarkeit des Rundschlages Stimmen des Protest und auch Schimpfrufe ein – doch ein paar Stemmschritte noch und ich war am Ziel. Ich griff zu, hatte das Treppengeländer in beiden Händen. Dann löste ich die linke Hand, um sie weiter als Wegbereiter zu nutzen, während ich mit Hilfe der ziehenden rechten Hand Stufe um Stufe nach unten stieg.

Ich erreichte das Erdgeschoß, ohne dass ich es zunächst bemerkte. Mein Fuß tastete, schob sich vor, suchte die nächste Tiefe – aber die Treppe war zu Ende. Ich war glücklich, dass ich mich nun wieder auf gleicher Ebene mit meiner Aktenmappe befand.

Aber hier unten fand ich wieder die Dichteverhältnisse vor, denen ich meine Notlage schließlich verdankte. Das Erdgeschoß war ein unvermeidlicher Begegnungsort für die Masse aller Kaufhausbesucher, ganz gleich, welcher Ort auf welcher Etage letzten Endes ihr Ziel war. Ich selbst hatte nur ein einziges Ziel und durfte auf nichts, das mein Fortkommen behinderte, Rücksicht nehmen. Ich kämpfte, murmelte Entschuldigung um Entschuldigung – und kämpfte unverdrossen weiter.

Einmal hielt ich innne, verharrte einen Augenblick, um mich zu konzentrieren, mir alle erdenklichen Bahnen und Verästelungen des Labyrinthes zu vergegenwärtigen.

Ich überlegte, ob ich versuchen sollte, meiner Aktenmappe den Weg abzuschneiden. Das unterließ ich jedoch. Ich befürchtete, sie könnte infolge einer Schwankung des Druckes, der sie presste, den Halt verloren und zu Boden gerutscht sein. Außerdem wußte ich nicht, wie schnell sie war, wenn sie sich fortbewegte, ohne dass ich ihren Griff hielt. Und möglicherweise hatte ich ihr schon unwissentlich den Weg abgeschnit­ten und sie an einer Stelle erwartet, die sie inzwischen längst passiert hatte.

Als ich dort eintraf, wo sie sich von mir losgerissen hatte, stand ich erneut still. Ich überlegte, versuchte sie in Gedanken zu orten. Ich war hier, genau hier … und sie war – wo? Ich war mit den Örtlichkeiten des Kaufhauses so vertraut, dass ich einen Grundriss davon hätte anfertigen können. Ich verfügte auch über hinreichende Kenntnisse des dynamischen Systems, das die Wege der Kaufhausbesucher regelte. Aber eine exakte Vorhersage konnte ich nicht wagen, weil die Zirkulation nicht täglich nach immergleichem Muster verlief. Deshalb hielt ich es für klüger, mich gänzlich unbeteiligt der vor der Rolltreppe rechts abzweigenden Strömung zu überlassen. Ich mußte alles vermeiden, was meinen Weg# durch das Gedränge beeinflussen könnte. Nur so konnte ich hoffen, meine Aktenmappe wiederzufinden, da die unabwägbaren Kräfte, die deren Richtung bestimmten, auch meine Richtung bestimmten.

Unterwegs gingen mir wieder diese bedrückenden, von verpaßten Chancen und ungenutzten Möglichkeiten handelnden Gedanken durch den Kopf. Ich gewährte meinem Innenleben eine Freiheit von Meinungen, die mein heutiges Dasein mit Hohn und Spott bedachten. Die Sache mit dem Segelfliegen fiel mir wieder ein. Ich blätterte in imaginären Reiseprospekten mit entsprechenden preisgünstigen Angeboten. Selbst bei ernsthafter Absicht, Versäumtes zu verwirklichen, wäre mir dies jetzt nicht mehr möglich gewesen. Meine diesjährige Reise war längst gebucht. Es war das erste Mal, dass ich einen Urlaub nicht am Meer verbringen würde. Meine Frau hatte sich gewünscht, die Urlaubszeit dieses Jahres in den Bergen zu verbringen. Ich hatte ihren Vorschlag gut geheißen, weil auch ich noch nie im Gebirge gewesen war. Wir waren beide gespannt auf das Neue, das uns dort erwartete. Aber nun spürte ich, dass ich weder in die Berge wollte, noch ans Meer – noch mit meiner Frau. Meine Gedanken machten jetzt aberwitzige Zickzacksprünge. Mir fiel ein, dass ich mir als junger Mann vorgenommen hatte, nicht vor Vollendung meines vierzigsten Lebensjahres zu heiraten, wenn überhaupt – und dass ich plötzlich, gerade Mitte zwanzig, Ehemann war. Das gedankliche Bindeglied zwischen meiner Ehe und meiner Aktenmappe bestand vermutlich in einer Überlegung, bei der es um die unbedachte Zeit ging, die man mit Dingen oder Menschen verbunden ist. Ich überlegte, ob ich mit einem solchen Eifer auch auf der Suche wäre, wenn in diesem Gedränge statt meiner Aktenmappe meine Ehe abhanden gekommen wäre, oder was ich wohl tun würde, wenn meine Ehe sich in meiner abhanden gekommenen Aktenmappe befinden würde.

Ich hatte mich mittlerweile um neunzig Grad gedreht, meine Schulter nach vorne genommen, um mich nicht in voller Brustbreite durchs Gedränge zu schieben. In dieser Haltung, so meine Idee, war ich meiner flachen Aktenmappe nach den Gesetzen der Stromlinie ähnlicher.

Wenn ich auf die Stimme meines Verstandes hörte, war mir natürlich klar, dass ich mich damit einem trügerischen Wunschdenken hingab. Denn ich mochte mir ein Leben ohne meine Aktenmappe nicht vorstellen und hoffte auf die Hilfe glücklicher Zufalls­bedingungen. Doch die beste Möglichkeit, sie wiederzubekommen, bestand wohl darin, dass jemand sie fand und dort abgab, wo man Fundsachen zu hinterlegen pflegte. Ich stoppte immer wieder jäh, wenn eine Lautsprecherdurchsage einsetzte, weil ich dachte, dass es nun endlich soweit sei, aber jede Durchsagen bescherte mir eine neue Enttäu­schung. Einmal hieß es, dass ein Mädchen namens Heike seine Eltern verloren habe und dass man es am Informationsschalter in Empfang nehmen könne.

Nach einer langen Zeit des Umherirrens gab ich schließlich auf, mit dem Gedanken, meine Suche hätte keinen ernsthaften Sinn mehr. Wahrscheinlich lag meine Aktenmap­pe irgendwo auf dem Boden und die Leute trampelten darauf herum. Und wenn sie noch im Gedränge steckte, hätte sie inzwischen vielleicht die Etage gewechselt und geisterte, während ich hier unten nach ihr suchte, oben in der Boots- und Campingaus­stellung herum. Außerdem war es nun höchste Zeit, dass ich zum Bahnhof kam. Meinen fahrplanmäßigen Zug hatte ich wegen meiner Aktenmappe schon längst verpaßt.

Aber als ich mich auf den Weg nach draußen machte, hatte ich das Gefühl, einen Verrat zu begehen. Der Konflikt wurde umso stärker, je mehr ich mich dem Ausgang näherte, bis ich dann auf einmal stehnblieb und in Erwägung zog, umzukehren und weiterzusuchen. Die Eltern dieses Mädchen ließen ihre Heike doch auch nicht am Informationsschalter zurück, nur weil sie eventuell zum Zug mußten. Doch dann wurde mir klar, wie abwegig dieser Vergleich war. Ein Kind war schließlich keine Aktenmap­pe! Ich ärgerte mich, dass ich wegen einer alten Ledertasche überhaupt in solche Schwierigkeiten kam und entschloß mich nun endgültig, den Weg zum Bahnhof anzutreten. Ich verließ das Kaufhaus ohne Gewissensbisse und ohne mich noch einmal umzuschauen.

Später im Zug stieg dann wieder eine dumpfe Traurigkeit in mir auf. Wie oft war ich, mit meiner Aktenmappe an der Seite, diese Stecke wohl schon gefahren? Ich fing an zurückzurechnen … Und wieder wurde ich von Erinnerungen heimgesucht, die sich mit Querschlägern aus ungeahnten Kammern meines Bewußtseins vermischten. Als ich aus meiner Versunkenheit erwachte, war ich nicht mehr im Zug und hatte auch den Bahnsteig meines Heimatortes schon hinter mir. Ich befand mich auf der letzten Etappe meines Nachhauseweges. Ich spürte das Fehlen meiner Aktenmappe jetzt körperlich, weil ich nicht mehr im Gedränge dahinschritt. Neben meinem inneren, war auch mein äußeres Gleichgewicht dahin. Obwohl meine Aktenmappe nie sehr schwer war, weil ich morgens nur das Frühstücksbrot darin transportierte und abends die Zeitschrift, die ich auf dem Nachhauseweg kaufte, vermißte ich dennoch ihr Gewicht an meiner Seite. Ich war überzeugt, dass jeder Mensch, dem ich begegnete, glaubte, ich litte an einem Haltungsfehler. Ich versuchte, meine schiefe Körperstellung zu korrigieren, indem ich einen vermeintlich aufrechten Gang erzwang. Aber die Spiegelung in einem Schaufen­ster zeigte mir, dass ich mich durch diese Täuschungsmaßnahme jetzt tatsächlich schief voranbewegte, nur in der unbeabsichtigt gegenseitigen Richtung.

Ich atmete auf, als ich die Haustür hinter mir schloß.

Meine Frau lachte, als ich ihr erzählte, auf welche Weise ich meine Aktenmappe verloren hatte. Sie schien froh zu sein, dass das alte und in ihren Augen unansehnliche Ding weg war und ich mir nun endlich eine neue Mappe würde kaufen müssen. Einerseits konnte ich verstehen, dass sie so dachte. Was ich ihr jedoch übel nahm, war, dass sie über meinen Verlust lachte, von dem sie doch wissen könnte, dass er nicht schmerzlos vonstatten ging.

Während der ersten Zeit vermißte ich meine alte Aktenmappe weniger als ich zunächst befürchtet hatte. Warum sollte ich ihr denn auch lange nachtrauern? Eine Aktenmappe war ein Gebrauchsgegenstand, und wenn nach so vielen Jahren der alte Gegenstand durch einen neuen ersetzt wurde, dann war das vollkommen in Ordnung. Ich brauchte mir dieses Argument nicht mühsam einzureden, weil mir tagtäglich bewiesen wurde, dass es stimmte. Ich war mit meiner neuen Aktenmappe sehr zufrieden. Sie war, verglichen mit der alten, eine junge Schönheit. Diesen Eindruck hatte ich jedenfalls während der ersten gemeinsamen Wegstrecken. Und sogar am Arbeitsplatz. Meine Kolleginnen und Kollegen wollten sich gar nicht beruhigen, ich mußte mir regelrechte Lobeshymnen über meine neue Aktenmappe anhören. Es war fast so, als hätte ich mich gerade von einer alten häßlichen Frau getrennt und ein junges hübsches Mädchen vor den Traualtar geführt. Aber vielleicht war das auch eine versteckte Art, sich über mich lustig zu machen, weil sie es lächerlich fanden, dass ich mit dem alten Ding überhaupt so lange herumgelaufen war. Sah ich jedoch genau hin, beobachtete, wenn das Thema anstand, das Mienenspiel derer, die sich so äußerten, und bewertete ich den Klang ihrer Stimmen, so überwog doch der Eindruck, dass bei ihren Bekundungen die Ehrlichkeit überwog. Ich glaubte sogar festzustellen, dass meine Beziehung zu einigen Kollegen sich verbesserte, zumindest vorübergehend, als alles noch so neu war.

Die über die erste Veränderung hinausgehende Beziehng zu meiner neuen Aktenmappe war von einer Art, die ich nur schwer beschreiben kann. Ich fühlte mich fortan weniger gegängelt, weniger an einen bestimmten, durch langjährige Gewohnheit eingeschliffenen Nachhauseweg gebunden. Ich hatte das Gefühl, mich verändern zu können, falls ich das wollte. Ich empfand dies als einen Gewinn, obwohl ich grundsätz­lich keine Vorstellung davon hatte, worin eine begrüßenswerte Veränderung bestehen könnte. Ich war meinem Schicksal dankbar, dass es mich gewaltsam von meiner alten Aktenmappe getrennt hatte.

Doch das Schicksal hatte sein letztes Wort in dieser Angelegenheit noch nicht gespro­chen. Die Krise begann einige Wochen später.

Es war kurz vor Pfingsten. Ich befand mich wieder mitten im Feierabendgedränge der Innenstadt. In der einen Hand trug ich die Aktenmappe, in der anderen eine Tüte Katzenstreu. Plötzlich zuckte ich zusammen. Mir war, als träfe ein elektrischer Schlag meinen Körper. Ich stoppte meine Schritte, so als hätte ich eine Glaswand gerammt. Zuerst wollte ich nicht glauben, was ich sah, aber es bestand kein Zweifel. Es war meine alte Aktenmappe! Hinter mir schimpfte jemand, weil ich ihm den Weg ver­sperrte. Aber das kümmerte mich nicht. Ich rührte mich nicht von der Stelle. ich weiß nicht, für wie lange. Es bestand kein Zweifel, sie war es – meine alte Aktenmappe! Sie erschien mir von der Seite, eingeklemmt zwischen den Leuten, die aus dem Kaufhaus drängten und sich mit dem Fußgängerstrom auf dem Bürgersteig vermischten. Sie war so nah, dass ich, um sie zu berühren, ja nach ihr zu greifen, nur die Hand hätte ausstrecken müssen. Dies zu tun, kam mir jedoch nicht in den Sinn. Ich war entzückt, erschrocken – gelähmt. Ich fühlte mich angezogen von dem Wert, den sie für mich verkörperte, aber auch abgestoßen von ihrem Äußeren, den Folgen des Druckes und der Reibungen, denen sie seit unserer Trennung ausgesetzt war – den Merkmalen des Verschleißes und der Abnutzung. Ich hätte auch nicht gewußt, welche Hand ich benutzen sollte, um ihrer habhaft zu werden. Eine schnelle Entscheidung wäre vonnöten gewesen: Was lasse ich fallen, was halte ich fest? Trenne ich mich vom Katzenstreu oder der Aktenmappe? Beide waren Dinge von geringem Wert, verzichtbar, ersetzbar. Trotzdem war ich außerstande, einem von zwei mir gleichgültigen Dingen den Vorzug zu geben, Unwert und Unwert gegeneinander abzuwägen …

Das Hin und Her in meinem Kopf spielte sich innerhalb kürzester Zeit ab und endete damit, dass ich die Aktenmappe, die ich in der Hand trug, fallen ließ und mit schnellem Zugriff versuchte, die andere zu erhaschen. Doch meine Hand stieß ins Leere. Meine alte Aktenmappe war weg, war mir für den Teil einer Sekunde nahe gewesen und dann wieder im Gedränge verschwunden.

Ich befand mich in einem Zustand der Benommenheit, außerstande zu wissen, ob und wie ich handeln sollte. Sollte ich meiner alten Aktenmappe folgen? Oder sollte ich die neue, die ich hatte zu Boden fallen lassen, aufheben? Auch hier kam mein Entschluß zu spät. Als ich mich bückte, um meine Aktenmappe aufzuheben, konnte ich sie nicht finden. Auch sie war weg. Ich tastete um mich herum den Boden ab, riskierte, dass man mir auf die Hand trat, aber so wie meine alte Aktenmappe, schien sich nun auch deren Ersatz nicht mehr in Reichweite zu befinden. Ich klemmte mir den Beutel mit dem Katzenstreu zwischen die Knie, bückte mich tiefer und tastete mit beiden Händen. Ich wurde, da ich in dieser Position ein Hindernis darstellte, zur Ordnung ermahnt und geschubst. Ich mußte, um nicht auf dem Boden zu landen, meine Hände statt zum Tasten zum Abstützen benutzen. Ich hatte Mühe, wieder auf die Beine zu kommen, war froh, als ich den Kopf endlich oben hatte.

Dieser Abend war der zweite, an dem ich ohne Aktenmappe nachhause kam. Ich trug nur einen Beutel mit Katzenstreu in der Hand.

Wenigstens lachte meine Frau diesmal nicht, als ich ihr erzählte, was sich zugetragen hatte. Aber sie wollte mein Problem auch nicht als solches akzeptieren. Sie behauptete, was ich erlebt hatte, sei eine Sinnestäuschung gewesen, meine überspannte Fantasie hätte mir einen Streich gespielt. Ich konnte dagegen nichts einwenden. Vielleicht hätte ich im umgekehrten Fall auch so gedacht. Jeder vernünftige Mensch würde wahrscheinlich so gedacht haben. Für mich, der ich das Bild dessen, was ich gesehen hatte, noch klar und deutlich erinnerte, gab es jedoch keinen Zweifel. Ich wußte, dass ich es so gesehen hatte wie ich es gesehen hatte, dass eine Illusion, eine Sinnestäuschung, als Erklärung ausschied. Die Gründe, dass dem, was ich sah, die Regeln der Wirklichkeit zugrunde lagen und nichts sonst, bestätigen mir die äußeren Umstände dessen, was ich erlebt hatte. Da war neben der Schärfe, mit der sich mir meine Aktenmappe zeigte, auch die Schärfe, mit der ich die Menschen rundum wahrnahm, die ganz sicher keine Sinnestäuschungen waren. Und da waren zudem die Merkmale des Alters und des Verschleißes, die meine Aktenmappe aufwies. Wäre sie ein Trugbild gewesen, hätte sie anders ausgesehen – nämlich immer noch so, wie sie sich mir am Tag unseres Abschieds eingeprägt hatte.

Meine alte Aktenmappe begegnete mir seitdem mit unerbittlicher Regelmäßigkeit, in unvorhersehbaren Intervallen. Vor großen festlichen Ereignissen, mit denen eine verstärkte Einkaufstätigkeit einherging, sah ich sie fast täglich. Irgendwo im Gedränge der Innenstadt trat sie plötzlich in Erscheinung. Sie kam mir entgegen, sie kreuzte meinen Weg von der Seite, sie schob sich von hinten heran und überholte mich – um dann wieder aus meinem Blickfeld zu verschwinden. Das Rätseln darüber, wie es ihr immer wieder gelang, mich als Einzelnen inmitten einer willkürlich dahintreibenden Menschenmasse zu orten, oder wie ich selbst es schaffte, sie stets dort zu finden, wo ich sie nicht suchte, zermürbte meinen Verstand und die Verläßlichkeit meiner Gefühle. Neue Aktenmappen ertrug ich nur, bis die alte sich wieder zurückmeldete. Ich fürchtete mich vor diesen Begegnungen. Ich fürchtete, die fortwährenden Begegnungen mit meiner alten Aktenmappe seien nur Vorboten für schlimmere Dinge, die mir bald widerfahren würden.

Das Leben eines Aktenmappenträgers, glaubte ich zu wissen, bestünde aus nur einem Tag.

Mir graute jetzt vor dem zweiten.