Der Lebenslauf

Der Morgen hatte kaum begonnen und der Athlet war schon da. Er lief schon. Er lief aber nur auf der Stelle, er stampfte nur gegen den Boden unter seinen Füßen, so wie er das schon lange machte, jeden Tag in dieser Frühe, zum Warmwerden. Dabei schaute er immer wieder auf seine Uhr. Er war noch der einzige Athlet hier auf dem Platz und er rannte und hechelte und rackerte sich wärmer und wärmer. Er stieß die Arme vor und zurück, schlug mit seinen Fäusten in die Luft. Und bald darauf spürte er diese Alles durchdringende Hitze, diese verheißungsvolle Innerlichkeit, die er brauchte … Er schaute wieder auf seine Uhr und dann stoppte er seine Bewegung und stand eine Sekunde still. Er schnaufte und spuckte auf den Boden. Ja …! raunte seine innere Stimme. Ja, jetzt! Jetzt war er soweit, jetzt war er wirklich da, jetzt war er bereit. Und jetzt lief er los. Er lief weg von der zertretenen Stelle, lief hinein in den Raum, den er vor sich hatte … Er lief seine Strecke. Ja, jetzt war er unterwegs. Und bald waren auch die Andersartigen da. Seine Dämonen, seine Phantome aus vergangenen Jahren – die bereits Verglühten oder längst Verstorbenen, die fanden sich nun ein. Diese, gegen die er in seiner jungen Zeit mit schnellen und schneller werdenden und letztlich schnellsten Beinen angetreten war und die er sich heute wachträumte auf der Bahn, die er umrundete. Er lachte still in sich hinein und dann laut aus sich heraus – er jubelte sich zu. Und jawohl, sie stellten sich auf ihn ein, die Halluzinierten. Sie nahmen die Herausforderung an. Sie rannten davon, wollten sich von ihm lösen … Aber das ließ er nicht zu, er ließ sie nicht entkommen. Denn er brauchte sie ja noch. Um sie Tag für Tag neu zu besiegen, sie vor sich her zu treiben, sie zu überholen, sie hinter sich zu lassen. Er setzte jetzt an zum Spurt, zeigte seinen Gespenstern den Rücken, verdrängte sie aus seinem Geist, aus seiner Zeit, die er nun für sich alleine brauchte. Er lief … lief weiter die Stunden, die ihm am heutigen Tag noch zur Verfügung standen. Und er lief weiter die verfügbaren Stunden des morgigen Tages und lief auch übermorgen weiter und Tag um Tag und Woche um Woche und Jahr um Jahr und hörte nie auf. Denn wozu hatte er einst damit angefangen? Er hatte nach einem Sinn gesucht und einen Sinn gefunden. Und mit diesem fühlte er sich gut. So spürte er den Zauber. Nur so spürte er sein Leben. Die Euphorie. Er liebte diesen mächtigen Rausch – war ihm verfallen. Er vergaß die andere Zeit, die neben ihm stattfand. Die wahrhaftigen Wesen, die den Rasen des Platzes bevölkerten. Männer und Frauen, sportlich gekleidet und sportlich sich betätigend. Sie kannten den einsamen Sonderling, der sich Tag für Tag hier herumtrieb. Und sie klatschten in die Hände, wenn er sich ihnen näherte und verfolgten ihn mit ihren Rufen, wenn er sich von ihnen entfernte. Sie bestaunten ihn, beobachteten das Unglaubliche, das er leistete. Und sie schüttelten oft ihre Köpfe und gaben sich belustigt, wenn ihm ein Missgeschick widerfuhr. Sie lachten, wenn er torkelte, stolperte, vornüber kippte und sich mit den Händen abstützte. Käfer, Käfer! spornten sie ihn an, weil er unverdrossen weitermachte, seine Runden krabbelnd fortsetzte, so als würde er sich seine Spur erschnuppern. Bis aus seinen Armen schließlich die letzte Kraft wich und seine Armbeugen einknickten. Robben, robben, robben!! riefen sie ihm nun zu und feuerten ihn an mit Pfeiftönen und Jubelstimmen und sie spendeten Beifall und lachten, bis er zuletzt tat, was ihnen gefiel – bis er sich mit Ellbogen und Unterarmen Zentimeter um Zentimeter voran stemmte, dann seine Fingerspitzen in den Boden der Laufbahn bohrte und mit Klimmzugbewegungen Zentimeter um Zentimeter bäuchlings rutschend seinen Weg fortsetzte. Und immer weiter machte … immer weiter der Bahn und dem Lauf seines Lebens folgend. Wo sie ihn eines Tages fanden, die Fingernägel in den Boden verkrallt, angekommen – auf der Strecke geblieben.