Ein empfehlenswertes Manuskript zur Belehrung der Allgemeinheit
Meine Damen, meine Herren! Erinnern Sie sich noch? An Damals? An früher? An ganz früh? An den Anfang? An den Anfang Ihres Anfangs? Nein. Nein, das können Sie nicht. Sie waren ja gerade erst da, neugeboren, ein Säugling. Es war Ihre erste Zeit, der Beginn Ihres Lebens, Ihres Werdeganges hier auf Erden. Es widerfuhr Ihnen ohne jegliche unappetitliche Absicht! Ohne Ihr Einverständnis, ohne Ihr eigenes Zutun. Sie waren preisgegeben Allen aus der Familie, die Sie, von Zuneigung und Zärtlichkeit erfüllt, umdrängten. Und von vielen liebevollen Freundinnen und Freunden, die Ihnen zuehren antraten. Sie waren zum Küssen freigegeben. Sie wurden zur Verfügung gestellt – allen, die das mochten. Sie wurden liebgehabt, gegen Ihren Willen. Abgeschmatzt von Jedem, der Lust dazu hatte. Das ist lange her, ja, aber es ist so geschehen. Doch zum Glück gab es ja den unaufhaltsamen Lauf des Lebens, die Zeit, die Alles verändert hat. Die auch Sie verändert hat. Die Zeit stand nicht still. Sie wuchsen. Sie reiften. Sie entwickelten sich zu einem jungen Erwachsenen. Zu einem Menschen, dem ein Bewusstsein zueigen wurde. Sie wurden erlebnisfähig, erinnerungsfähig. Und so erlaube ich mir, Sie zu fragen: Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten wahrhaftigen Kuss – an die allererste Lippkosung? Weichmündig! Züngelnd! An die Begehrlichkeit, die dabei in Ihnen aufflammte? An den wundersamen Rausch, der Sie bis tief ins Mark elektrisierte? An die mächtige Wohllust, die Sie empfanden? An das Gefühl der Gefühle?! So, das reicht Ihnen jetzt? Das alles wollen Sie heute gar nicht mehr wissen?! Doch, das wollen Sie! Ich rede zu Ihnen über das menschliche Haupt und dessen Portal, den Mund, ja, Leute, darüber will ich Euch heute belehren. Über die intime Beziehung zwischen Mensch und Mensch. Der Kuss, das ist mein Thema jetzt. Der Kuss, der Beginn des großen Liebesabenteuers, das wir alle so sehr ersehnen. Wir Menschen: Ichichich – und selbstverständlich auch Sie. Und nun denken Sie mal kurz daran, dass es ja nicht nur uns gibt: Michmichmich und … auch Sie. Denn es gibt ja auch noch andersartige Geschöpfe. Die uns auch wichtig sind. Die uns ebenfalls nahe stehen. Nicht nur um den Kuss zwischen uns, den Menschen, geht es mir hier, sondern auch um den Kuss zugunsten oder zulasten von Andersartigen. Bitte seien Sie mal ehrlich – haben Sie noch nie eine Katze geküsst? Jawohl, auch das soll nicht verschwiegen werden. Ein Küsslein für eine Katze? Eventuell so ganz nebenbei – für eine süße knuddelige Mieze? Vorurteilslos und fast unbeabsichtigt? Aber dennoch absolut ehrlich, frei von falscher Scham, hingebungsvoll und – liebevoll? Oder einen Hund? So ein freundliches treuäugiges zutrauliches Wesen? So einen frechen selbstbewussten Kläffer? So eine verschmuste haarige sabbernde Kreatur? Oder …? Ja… jaja …! Das ist doch fast normal. Fast, meine ich. Was denken Sie denn jetzt? Was geht Ihnen gerade durch den Kopf? Das ist doch nicht wider die Natur. Solange es sich in einem vertretbaren natürlichen Rahmen bewegt – klar. Der Kuss gehört doch – wer würde dem denn widersprechen? – zum Leben. So wie die Luft zum Atmen. Und auch diese ist ja nicht so gänzlich sauber, so rein, wie wir es gerne hätten, wenn es nach unseren Wünschen ginge. Doch worauf ich Ihr Nachdenken in diesem Augenblick wirklich lenken möchte, das ist nicht der Kuss zwischen Mensch und Tier, sondern der Kuss zwischen Mensch und Mensch, zwischen Ihnen, meine Damen und Herren, und Ihren Kusspartnern. Erinnern Sie sich noch an Ihren allerersten Kuss? An das gemischte Gefühl, dass Sie empfanden, als Sie sich vergegenwärtigten, dass in jenem Mund, der mit dem ihrigen gerade so innig verbunden war, hunderte von Drüsen permanent Speichel produzieren? Dem Kuss sind, betrachtet man ihn unter einem bestimmten Aspekt, ohne Zweifel gewisse abstoßende Momente zueigen. Es ist ja nicht allein der Speichel, der ihm als unappetitliche Beigabe anhaftet. Hals-Nasen-Ohren-Spezialisten könnten ihnen über die Besiedlung des Mund und Rachenraumes mit den verschiedenartigsten Mikrolebewesen und über die unermüdlich ihr Sekrete absondernden Bewohner der Höhlen und Nebenhöhlen des Kiefers Dinge erzählen, die Ihre Kusslust ganz sicher nicht befeuern würden. Und auch ihr Zahnarzt wäre gewiss in der Lage, Sie mit seinem Wissen über bakteriellen Zahnbelag, über fäulnisbildende Speisereste in schwerzugänglichen Zahnzwischenräumen und Zahnfleischtaschen in ihrer Kusslust negativ zu beeinflussen. Nun? Erinnern Sie sich? Nein, natürlich nicht! Denn ein Hals-Nasen-Ohren-Spezialist hat ihnen dabei ja wohl kaum assistiert. Und auch Ihren Zahnarzt haben Sie vorher wahrscheinlich nicht zurate gezogen. Und Sie waren so erfüllt von Zärtlichkeit, von Liebe, von Leidenschaft, dass die Tatsache, dass der Mund ihres Kusspartners Speichel enthielt, Sie nicht im Geringsten abstieß, im Gegenteil, es hätte Sie abgestoßen, wenn der Mund Ihres Kusspartners trocken und sauber gewesen wäre! Aber das war damals. Zwischen Ihren ersten Küssen und den Küssen, die Sie mit Ihrem heutigen Kusspartner tauschen, ist viel Zeit vergangen, Zeit, in der Sie gereift sind, in der Sie vernünftiger geworden sind. Eine Veränderung hat sich vollzogen, schleichend, einem Gesetz der Natur gehorchend, das da lautet: Nichts bleibt wie es ist. Denn der Wert der Seltenheit verringert sich durch jede Wiederholung. Befindet sich Ihr aktueller Kusspartner jetzt, in diesem Augenblick, an ihrer Seite? Wenn ja, dann wenden Sie sich zu ihm hin und küssen Sie ihn! Küssen Sie ihn so, wie Sie ihn morgens küssen, bei der Begegnung am Frühstückstisch oder beim Abschied an der Haustür. Denn dem Morgenkuss, jener flüchtigen Berührung zwischen Lippen und Lippen oder Lippen und Wange kommt unter den Küssen eine ganz besondere Bedeutung zu. Er ist die Starthilfe, die die Kusspartner sich gegenseitig für den vor ihnen liegenden Tag gewähren. Er enthält ein Versprechen: das Versprechen auf den nächsten Morgenkuss, den übernächsten und überübernächsten. Der Morgenkuss ist der Kuss, der die Zeit überdauert und ist daher mehr als nur ein Kuss. Er ist ein abstrakter Kuss, eine Geste, die alle Küsse symbolisiert, die man bereits seit Jahren tauscht und die man bis an sein Lebensende tauschen wird. Der Kuss am Morgen ist ein Symbol der Harmonie, ein reflexartiges Ereignis, das der willentlichen Kontrolle des küssenden Paares weitgehend entzogen ist. Der Kuss am Morgen ist ein Beweis unbewusster Harmonie. Der Morgenkuss erzeugt ein kleines zartes Geräusch, ein Schmatztönchen, welches das akustische Konzentrat des in allen Sprachen der Erde am häufigsten gesprochenen, gestammelten, gestöhnten, gehauchten und gelogenen Satzes repräsentiert – denn würde man dieses Tönchen durch einen technischen Trick dehnen, in die Länge ziehen, so vernähme man deutlich eben jenen berühmten Satz: »Ich liebe Dich«. Und würde man den Satz »Ich liebe Dich« in einen imaginären Schraubstock klemmen und diesen ruckartig zusammenpressen, so vernähme man dieses kleine zarte Geräusch: eben dieses Schmatztönchen. Der Morgenkuss ist sauber und keimfrei. Aber dennoch ist er, wenn auch nur in ganz seltenen Ausnahmen, Anlass zu ehelichen Unstimmigkeiten. So erzählt man sich beispielsweise, ein zerstreuter Morgenküsser habe zuerst sein Frühstücksei geküsst und dann seiner Frau den Löffel auf den Kopf geschlagen. Und eine Morgenküsserin, erzählt man sich weiterhin, habe ebenfalls zuerst ihr Frühstücksei geküsst und in ihrer Zerstreutheit habe sie dann den Löffel mit einer Axt verwechselt, ein mörderischer Vorfall, der geschmacklosen Spöttern den Kommentar entlockte: »Die Axt im Haus erspart den Scheidungsanwalt«. Aber wie gesagt, meine Damen und Herren, Morgenküsse, verbunden mit Löffelattacken und Axthieben sind seltene Ausnahmen. Und Ausnahmen bestätigen ja, wie wir alle zu wissen glauben, die Regel! Darum lassen Sie sich trotz solcher Geschichten nicht davon abbringen, die Regel des Morgenkusses zu pflegen und in Ehre zu halten. Mag auch hier und da ein Schädel zu Bruch gehen, für Sie kann das nur eine Bestätigung sein. Küssen Sie weiter! Bei der Begegnung am Frühstückstisch, beim Abschied an der Haustür … Morgen für Morgen … Jahr für Jahr … für Jahr … jawohl! – Und nun liebe Leserinnen, liebe Leser, danke ich Ihnen für Ihr Interesse und für die Erduldung meiner Belehrungen. Ich wünsche Ihnen alles Gute – und, Ihren Umständen entsprechend, sehr viel Glück!