Der Geist des Friedens

Das Gedränge auf dem Kirmesgelände war groß. Größer als in all den Jahren zuvor. Überall Menschen und Menschen Körper an Körper dicht und eng gedrängt. Sie schoben einander wurden ihrerseits geschoben und zuweilen auch angerempelt. Hier gab es einen ungewollten Knuff dort einen schroffen Ton und woanders ein unbedachtes Wort. Doch heute am Tag der Kirchweih feierten die Menschen vorrangig ihre Freude am Dasein. Der Himmel war blau die Sonne verschwenderisch. Die Besucher genossen das Licht dieser goldenen Zeit so als wäre es die letzte ihres Lebens und sie spürten die Tonkraft der Musik die ihre Gehörgänge füllte diese Vielfalt der Melodien und Klänge.

Die Besucher Jeder von ihnen und Jede von ihnen spürten das Vergnügen hier zu sein hier auf dem Kirmesgelände. Sie rieben sich an anderen Besuchern ohne übermäßige Empfindlichkeit machten gute Miene zu fast jedem Spiel lachten einander zu ob mit Grund ob ohne Grund so vollkommen bemüht frei zu sein von gezielter Absicht und logischer Ursache lachten ganz und gar kirmesfroh lebendig heiter genusstrunken. Und der Himmel und die Sonne schützten sie.

Viele Familien waren unterwegs. Er Sie Es und auch ihre Hunde. Tragbare Hunde umfangen von tierkundigenkundigen starken Armen. Hunde von erfahrenen Händen an Griffen gehalten koffergleich mit leibunter geschnürten Haltevorrichtungen. Hunde mit am Maul angebrachten Sicherungsgittern. Hunde in Tücher gebettet und Schritt für Schritt körpernah getragen. Hunde mit BeiFußFesseln unter den Waden von Herrchen und Herrinnen festgezurrt.

Willkürlich laufende Kreaturen waren auf dem Gelände unbefugt.

Die Kirmes erschloss sich Allen die frei waren und offen und dankbar für den Strom des Lebendigen für das Geschenk dieses Tages. Man roch die Kirmesdüfte Gebrannte Mandeln Zuckerwatte Würste Gebruzzeltes Parfümvielerlei und viel viel rätselhaft Gemischtes. Milliarden von Drüsen vergaben ihren Saft. Und das Kirmesvolk schwitzte aus allen Poren.

Sie Alle, die Vielen, die Meisten, die Einzelnen, alle Menschen, die unterwegs waren, sie flüsterten, murmelten, erhoben ihre Stimmen, sie vollzogen ihre Schritte oder hielten inne, sie schwiegen sich an oder sprachen zu ihren Begleitpersonen, zu ihren Angehörigen. Sie hielten ihre Kinder in sicherer Nähe, dicht fühlbar neben sich, geborgen in ihrer Obhut.

Die Invasion füllte den Kirmesplatz bis zu den Rändern. Menschen aus aller Welt drängten sich hier.

Und plötzlich war in dieser Menge ein Mann. Er tauchte auf aus der Masse. Er war schon da gewesen. Und nun erhob er sich aus diesem Gewühl und wurde gesehen von allen, die ihn umgaben. Er hielt wie von Zauberhand ihm gegeben eine Traube Luftballons an einem Haken, von wo sie sich an Schnüren befestigt himmelwärts ausbreiteten. Er zwängte sich, den Arm vom Zug der Ballons schräg erhoben, durch die Massen und beschenkte großzügig jedes Kind, das seinen Weg kreuzte.

»Ich bin der Geist des Friedens«, sprach er zu den Kleinen, denen er seine Luftballons überreichte und lächelte ihnen zu. Er löste einen Luftballon nach dem andern von dem Haken und bahnte sich seinen Weg weiter über den Platz.

»Ich bin der Geist des Friedens«, sprach er und lächelte und hielt schon Ausschau nach dem nächsten Kind.

»Ich bin der Geist des Friedens«, sprach er immer wieder und sah sich dabei um nach Kindern und Kindern …

Manchmal stand er auf der Stelle, drehte seinen Kopf und suchte … Er suchte, bis er fand.

Er sprach jetzt ein Kind an, einen Jungen, der von der Mutter getragen wurde.

»Ich bin der Geist des Friedens«, sprach er zu dem Kind und wollte ihm einen Luftballon schenken. Aber der Junge rührte sich nicht, nahm das Geschenk nicht an.

Der Geist schaute verwundert auf das störrische Kind und befestigte den Ballon wieder am Haken. Dann hob seine linke Hand, um dem Jungen über den Kopf zu streicheln.

»Ich bin der Geist des Friedens«, erklärte er ihm erneut.

Aber das Kind hatte kein Gehör für seine Worte. Es schnellte mit dem Kopf nach vorne, stieß einen Schreilaut aus und schnappte zu. Und der Geist zog seine Hand schnell zurück und sagte: »Der ist ja bissig, richtig bissig!«

»Ja, das ist er«, entgegnete die Frau, ein Lächeln sich abzwingend, aber beinahe stolz, »richtig bissig!«

»Das mag ich«, erwiderte der Geist. »Ja, das mag ich.«

Und dann streichelte er die knackige Lederhose, die der Junge trug. Und er tätschelt die Beine, die in der Hose steckten. Und er tätschelte sie noch einmal.

»Ich bin der Geist des Friedens«, sprach er dabei. »Hörst Du? Ich bin der Geist des Friedens. Und dann fuhr er fort: »Und Du? Wer bist Du?«

Aber der Junge hörte erneut nicht auf seine Worte, schaute ihn nur verdrossen an, so als fühle er sich von ihm belästigt.

»Er kann noch nicht so gut reden«, entschuldigte sich die Mutter. »Er ist noch zu klein.«

»Aber seinen Namen«, antwortete der Geist des Friedens, »den weiß man doch fast gleich, wenn man geboren wird.« Dann fuhr er fort: »Ich wusste meinen, kaum dass ich da war, von Anfang an. Und heute … heute bin ich der Geist des Friedens.«

»Primus!« rief dann auf einmal der Junge.

»Primus?« sagte der Geist und machte große Augen.

»Ja, so heißt er«, sagte die Mutter mit leiser Stimme. »Zum ersten Mal spricht er ihn aus. Seinen Namen. Denn so heißt er wirklich. Primus. Ich weiß gar nicht mehr, wie es dazu gekommen war. Auch nicht ob ich es war, die ihn so … Oder ob sein Vater ihn … Ja, sein Vater, glaube ich. Oder … oder vielleicht doch ich …?«

Der Geist des Friedens lächelte Primus an. Dabei hob sich das kleine Schnurrbärtchen über seinem Mund und kitzelte den Rand seiner Nasenlöcher und er musste heftig und krachend niesen. Danach wollte er erneut das Wort an Primus richten, aber erneut musste er heftig und krachend niesen.

Und nun lachte auch Primus und kicherte dabei hell und laut.

Und die Menschen rundum fanden die Beiden lustig, den krachenden Geist mit dem Schnurrbärtchen und Primus, den Jungen. Deshalb fanden sie es lustig, deren Geräusche nachzuahmen. Sie krachten und kicherten so laut sie konnten und die meisten von ihnen mehrmals hintereinander, weil es ihnen Freude machte. Und die Kirmesbesucher hinter ihnen und diejenigen hinter diesen taten es ihnen nach und krachten und kicherten, so dass bald alle Kirmesbesucher krachten und kicherten und gar nicht mehr damit aufhören wollten, bis nach einer Zeit des Krachens und Kicherns nach und nach und immer mehr von ihnen ermüdeten und letztlich Alle es leiser werden und langsam verebben und schließlich verstummen ließen.

Der Geist des Friedens, der sein Lächeln unterbrochen hatte, lächelte wieder, aber nun vorsichtig, um nicht wieder niesen zu müssen. Und jetzt streckte er langsam … sehr langsam seinen Arm aus und bewegte auf dem Weg nach dem Kopf des Kindes seine Hand, ein sanftes Streicheln ankündigend, hin und her.

Primus aber hatte genug von allem, was die Kirmes für ihn bereithielt, von diesem zuerst krachenden kichernden Lärm und danach dieser beklemmenden Ruhe und jetzt diesem unheimlichen Geist mit seinen vielen Luftballons. Er klammerte sich immer fester an die schützende Mutter und wandte sich dann mürrisch blickend ab von dem, was ihn umgab. Und jetzt drückte er sein Gesicht fest zwischen die Brüste der Mutter.

Aber der Geist war noch nicht fertig mit ihm. Er griff an, streckte seine Hand jetzt mit einer überraschenden Bewegung vor und griff ihm in die Haare. Er wollte Primus haben … ihn haben!

Er riss an den Haaren des Kindes und die Mutter hielt ihr Kind fest. Sie drehte sich zur Seite, wollte fliehen, sich durch die Menge wühlen. Aber der Geist hatte ihr Kind, hatte seine Haare – das genügte. Sie hörte Primus wimmern und sie spürte das ängstliche Zittern seines Körpers – und sie hielt ihn. Es wurde ein Zerren, ein Hin und Her zwischen ihr und dem Geist …

Das Kind klammerte sich an seine Mutter. Die Mutter klammerte sich an ihr Kind und legte jetzt den Kopf in den Nacken und öffnete weit den Mund und stieß einen langen Schrei aus, der erst aufhörte als ihre Lunge leer war. Danach senkte sie ihren Kopf und atmete ein bis ihre Lunge wieder gefüllt war und rief um Hilfe. Dabei drehte sie ihren Kopf in alle Richtungen, so dass jeder Mensch, der sich auf dem Kirmesplatz befand, die Angst und die Verzweiflung und den geöffneten Mund in ihrem Gesicht sehen und ihre Hilferufe hören konnte …

Das Kirmespublikum sah es und es hörte es und es bewegte sich. Plötzlich blitzten in der Sonne Stichwaffen und Messerklingen auf. Die Menschen hielten all das in ihren Händen und richteten es nach oben zum Himmel. Und die Hunde fingen an zu knurren und zu bellen und machten sich zu schaffen an ihren Sicherheitsvorrichtungen.

»Ich bin der Geist des Friedens!« rief der Mann mit den Luftballons und wiederholte seinen Ruf und wiederholte ihn immer wieder und schaute sich nach den Seiten und über seine Schultern um.

Und die Menschen bewegten die Hände mit den Waffen über ihren Köpfen im Kreis und stießen mit den Spitzen dieser Waffen in rhythmischen Abständen himmelwärts.

»Ich bin der …!« ertönt erneut die Stimme des Geistes, die aber, bevor er zu Ende rufen konnte, nach einem dumpfen Ton verstummte. Es war Primus, der dem Geist die Stimme genommen hatte. Primus hatte begonnen sich zu wehren. Er hatte die umarmende Umklammerung seiner Mutter um ein Weniges gelockert und es geschafft, seine Hände und Füße zu befreien. Und diese benutzt er nun, um den Geist schlagend und tretend anzugreifen. Er schlug und trat nach seinem Gesicht und grabschte und krallte und kratzte ihn, wo er ihn erwischen konnte. Und plötzlich, so als hätte der Zufall dem Zufall ein Schnippchen geschlagen, erwischte er den Geist dort, wo sich dessen am meisten geschützte Stelle zu befinden schien. Seine Hand ergrabschte das kleine Schnurrbärtchen. Und sofort krümmten sich seine Finger und krallten sich an der empfindsamsten Stelle des Geistes unlösbar fest. Aber der Geist wollte dort nicht festgekrallt sein. Er versuchte sich zu befreien. Er schüttelte und drehte seinen Kopf. Er grimassierte und gab wölfische Laute von sich. Doch die kleine Hand des Primus ließ nicht locker. Es ging hin und her. Der Geist bog seinen Kopf gewaltsam nach hinten, um den kleinen Gegner zum nachgeben zu zwingen. Und der kleine Gegner tat dies, er gab nach, indem er sich nach vorne beugte, so dass er den Armen der Mutter fast entglitt, während er aber am Schnurrbärtchen des Geistes festgekrallt blieb bis dessen Kopf im Nacken blockiert war und dort zum Stillstand kam. Dann wiederum, ganz gegen den Willen des Geistes, setzte Primus eine unerwartete Kraft ein, die es ihm ermöglichte, den Kopf des Geistes zurück zu ziehen, dicht zu sich heran, beinahe Nase an Nase, so dass ihre Gesichter sich hätten berühren können. Doch vor dieser grenzenlosen Nähe schreckte der Geist zurück und bewegte seinen Kopf mit größter Anstrengung nackenwärts bis er sich sicher wähnte. So, wie bei zwei Tauziehern, von denen keiner den Sieg erzwingen konnte, ging es weiter … Doch dann, so als sei das Tau gerissen, fiel eine Entscheidung. Primus und der Geist schnellten auseinander. Der Geist stieß einen dumpfen Schmerzlaut aus. Und die Arme von Primus zuckten in die Höhe. Eingeklemmt zwischen den Fingern seiner Faust hielt er eine Zahl von Schnurrbarthaaren, die er dem Geist aus dem Gesicht gerissen hatte. Und als er nun sah, was ihm gelungen war, ließ er wieder sein Kichern hören. Er war so stolz und kicherte so stolz. Er machte seinen Arm länger, streckte seine Faust höher und drehte diese und bog sie und präsentierte allen Zeugen des Geschehens seine wunderbare Beute. Dann kicherte er dem Geist ins entstellte Gesicht und hielt ihm seine Faust mit den Haaren, die er ihm genommen hatte, vor die Augen.

Doch mit dieser Tat hatte er dem Geist des Friedens eine fatale Kraft gespendet, die dieser aus seiner Wut schöpfte und auf der Stelle nutzte. Der Geist riss Primus, den er noch immer am Haarschopf hielt, aus der Umarmung der Mutter und stemmte ihn dann in die Höhe. Und dann präsentierte er ihn, wie der Junge zuvor seine Schnurrbarthaare gezeigt hatte, der teils schweigenden und teils johlenden Menschenmasse. Er genoss seinen Triumph jetzt mit weit geöffnetem Mund lachend und verbeugte sich mehrfach nach allen Seiten.

Und nun führte er seine rechte Hand nach unten, hin zu Primus. Dort schob er den Haken, an dem die Schnüre der Luftballons zusammengeführt waren, unter den Bund der Lederhose, in der Primus gefangen war, durch das Leder von Innen nach Außen.

Dann… ließ… er… Primus… los…

Und Primus stieg auf und flog davon … erhob sich langsam schwebend über die Kirmeslandschaft. Der Junge erstarrte zuerst und hielt den Atem an und dann schrie er und schlug mit den eben noch siegreichen Armen um sich und zappelte mit den eben noch siegreichen Beinen. Und danach setzte unter ihm eine große Stille ein. Eine sich ausbreitende Leblosigkeit. Das Kirmesleben war plötzlich verändert, es erlahmte, erstickte. Alle Musik hörte auf zu tönen. Die Stimmen der Menschen verstummten. Ein Vakuum bedeckte den Jubel und das Gedröhne.

Der Kirmes war der Atem ausgegangen.

Das Kirmesvolk brauchte Sekunden, bis es seine Sprache wiederfand. Eins-Zwei… Dann entfachten alle Münder einen einzigen langen Aufschrei, so wie er noch nie hervorgebracht wurde und unbeschreiblich ist in seiner Art. Und ein in seiner Art ähnlich unbeschreibliches Gemurmel und Geraune verbreitete sich hinterher auf dem ganzen Gelände und vereinzelte und vermischte sich danach zu einem männlichen weiblichen kindlichen Stimmengewirr.

Primus schwebte nun schon weit oben über den Köpfen derer, die er zurück gelassen hatte. Er schaute nach unten und sah, wie seine Mutter sich streckte und die Arme nach ihm ausbreitete. Er sah ihren geöffneten Mund, hörte aber nicht ihre Stimme, die immer wieder verzweifelt seinen Namen rief.

Und er sah neben ihr den Geist, der tanzend seinen Sieg feierte und mit dem Finger auf den fortfliegenden Jungen zeigte und diesen mit wilden Fratzen und teuflischem Gesang verspottete.

Auch Primus, der zurück zu seiner Mutter wollte, streckte seine Arme nach ihr aus. Und auch er rief nach ihr und fing nun an zu weinen, weil sie in immer weitere Ferne entschwand.

Er breitete seine Arme aus, so als wolle er die beiden Horizonte ergreifen, die sich am Himmel neben ihm erstreckten – so als wolle er die Himmelsgrenzen fassen und sich an ihnen festhalten.

Und mit seinen ausgebreiteten Armen hing er nun über der Kirmes wie ein gekreuzigtes Kind.

Seine Mutter sah er nicht mehr. Sie hatte sich an die Brust gefasst und war, die Hand über ihrem Herzen, zwischen den Menschen, die sie umdrängten, zusammengesunken.

Primus drehte sich. Jede Hoffnung entströmte aus seinem Innern, machte einer großen Leere Platz. Von keiner Kraft mehr gestützt, hing er an der Ballontraube, die ihn unaufhörlich nach oben trug. Es bedurfte nur einer winzigen Veränderung seiner ungefestigten Haltung – seiner Arme und seines Kopfes – um sich wie in einem schwerelosen Vakuum zu bewegen und dem Kirmesgeschehen den Rücken zu kehren. Primus nutzte seine Macht über die Schwerkraft und drehte sich so, dass er bald kopfaufwärts unter dem Himmel hing, den Blick auf die Sonne gerichtet. Deren wärmendes Licht trocknete seine Tränen. Er schloss seine Augen.

Die Kirmesmenschen unten auf dem Platz sahen, wie das gekreuzigte Kind sich von ihnen abwandte. Jetzt wurde es für den Geist gefährlich. Hatte er sich zuvor noch auf diejenigen verlassen können, die glaubten, er habe ihnen einen kleinen Heiland beschert, stand es nun anders um ihn. Der enge Schutzring, den seine Gläubigen um ihn gebildet hatten, verdünnte sich. Seine Feinde, die ihn als Scharlatan sahen – Kindesräuber Kindesquäler Muttermörder – rückten ihm näher auf den Leib. Er hatte seinen feixenden Tanz eingestellt, aber die Gefahr, der er sich augesetzt sah, wuchs. Beschützer und Angreifer hielten sich noch gegenseitig in Schach. Aber beiderseits gab es schon Wunden, aus denen Blut floss. Der Ring um den Geist könnte bald brechen. Dieser plante, dem entgegen zu wirken.

Die Hände im Gedränge vorgeschoben, bahnte er sich einen Fluchtweg. Fäuste droschen auf ihn ein. Doch er schob sich Stück für Stück voran. Die Treffer, die ihn erreichten, brachten seinen Vormarsch jetzt zu einem kurzen Stillstand. Aber er raffte sich wieder auf. Er hob seine Arme, verschränkte sie schützend über dem Kopf und setzte seinen Weg fort. Doch er blieb nicht allein und schutzlos in seiner Not. Es erklangen Rufe, die ihn ermunterten und ihn als Geist des Friedens huldigten. Eltern vieler Kinder, denen er Friedensballons überreicht hatte, wollten ihn nicht im Wutfeuer der Zweifler und Minimalgläubigen brennen sehen. Ihr heiliges gekreuzigtes Kind flog der warmen, alles befruchtenden Sonne entgegen.

Und in diesem Moment leitete Primus wieder eine Drehung ein. Den körperlichen Impuls dazu gab er mit einem Groll in seinem Innern, der den Anschub verstärkte, so dass er danach zunächst kreiste wie ein Propeller – ein Ventilator der Hilflosigkeit. Doch dann verlangsamte sich diese Bewegung und kam allmählich zum Stillstand und das Kreuzkind hing wieder zwischen Himmel und Erde mit Blick auf die Kirmeswelt. Jubel brach aus unter seinen Jüngern.

Primus sah jetzt den Geist nicht mehr. Auch dieser war im Menschengedränge versunken. Die, die nicht an ihn glaubten, hatten gesiegt.

Der Kirmesplatz unter Primus wogte. Der Kampf zwischen den Gefolgsleuten des Geistes und seinen Gegnern breitete sich aus, mit Messern und anderen, zum Gebrauch als Waffen gar nicht vorgesehenen spitzen und scharfkantigen Gegenständen. Das Menschenheer wütete und schlachtete in zwei jetzt nicht mehr unterscheidbaren Gesinnungsgruppen. Und der dann folgende Verlauf des Geschehens eskalierte bald zu einem Gemetzel Alle gegen Alle.

Auch die Hunde wurden nervös. Sie steigerten sich hinein in eine bald alle erfassende Unruhe. Nur noch knurrend und kläffend fanden sie sich mit den Zwangslagen ab, die den Wurzeln ihrer Natur und ihren tiefsten Instinkten zuwider waren. Sie hielten diese Art der Gefangenschaft und Knechtung nicht mehr aus, verfielen in einen Rausch des Willens zur Freiheit, der ihnen ihre erlahmte Urkraft zurückgab und ihnen zu der Macht verhalf, sich ihrer inneren und äußeren Fesseln zu entledigen.

Primus sah nun durch die Lücken, die das Schlachtgeschehen hinterließ, wie die Hunde sich schnuppernd suchend über den Platz bewegten, wie sie den Torso des Geistes ausfindig machten und sich diesem mit euphorischer Gier widmeten. Sie setzten ihm zu in wildem Bissrausch, verteilten seine Gliedmaßen und zerfetzten seine Kleidung. Und Teile von alldem, Geist und Textilien, verstreuten sie zwischen den Füßen der Menschen. Sie zerstückelten und verschlangen sein Fleisch und machten sich dann mit noch ungestillter Gier über die rotgetränkten Fetzen des Stoffes her, den er eben noch am Leib getragen hatte. Sie tobten und rasten, bis nichts mehr von ihm übrig war.

Primus schaute weiter und sah, wie sich in der tobenden Kirmesmasse eine Lücke auftat. Die Lücke wurde größer und formte sich aus zu einer Fläche, in deren Mitte sich ein Punkt befand. Ein dicker Punkt. Ein Ball. Ein Kopf. Der Kopf des Geistes, der an dem von den Hunden vertilgten Torso gefehlt hatte. Der Kopf, der auf eine ungeklärte Weise vom Körper des Geistes getrennt worden und abhanden gekommen war. Und der jetzt wieder da war. Von den Menschen erkannt wurde, die erschrocken zurückwichen und eine Fläche frei legten, die den Kindern als Spielplatz zur Verfügung stand.

Und die Kinder fingen jetzt an. Ein Junge zuerst, der gegen das Runde trat, das kein richtiger Ball und auch nicht richtig rund war. Ein Mädchen, das auf das Feld getreten war, stand bereit und wartete, bis das nicht richtig Runde über den nicht richtig glatten Platz gehüpft war und vor seinen Füßen zum Liegen kam. Das Mädchen sah jetzt, wie andere Kinder sich zum Mitspielen bereit auf dem Feld einfanden – und es schoss einem anderen Mädchen das nicht richtig Runde zu und dieses Mädchen gab die Vorlage weiter … an ein anderes Kind … und dieses an ein noch Anderes … Die Kinder spielten vergnügt lange noch, so als sei das nicht richtig Runde ein runder Ball und der nicht glatte Platz ein glattes Fußballfeld …

Primus drehte sich wieder um, ein Kreuz markierend zwischen den Menschen hinter ihm und der Sonne weit dort oben. Er schloss die Augen und flog dort hin.