Als ich mich in jungen Jahren für die Journalistenlaufbahn entschied, tat ich dies voller Optimismus. Mein Selbstbewusstsein war ungetrübt, ich prophezeite mir eine steile Karriere. Mental jettete ich bereits unaufhaltsam um den Globus, landete nur auf internationalen Flughäfen, berichtete ausschließlich über Geschehnisse von historischen Dimensionen und arbeitete exklusiv für eine Handvoll Blätter von Weltrang.
Natürlich musste ich behutsam beginnen, das war mir klar. Selbst die steilste Karriere wird von unten gestartet, sonst wäre sie ja nicht steil sondern waagerecht. Man muss sich seine Sporen erst verdienen, das ist schließlich überall so. Am Anfang bleibt einem nichts anderes übrig, als sich in Bescheidenheit zu üben, denn erst kommt der Fleiß, dann der Preis. Ein anderes Sprichwort sagt …
Aber was solls, ich habe nicht die Absicht, mich hier über schlaue Sprüche und Lebensweisheiten auszulassen.
Zur Sache also! Ich schrieb zunächst ein Dutzend Bewerbungen und schickte sie an Presseunternehmen der gehobenen Mittelklasse. Und dann wartete ich … Denn man braucht im Leben auch Geduld. Ich brachte diese Geduld auf. Reichlich. Mit dem Erfolg, dass ich fünf Absagen erhielt und von den restlichen Adressaten gar nicht erst einer Antwort für würdig befunden wurde. Ich überlegte, ob ich eventuell einen Fehler gemacht hatte. Dabei kam ich zu dem Schluss, dass sich höchstwahrscheinlich nur die ersten Häuser der Branche um den Nachwuchs kümmerten, also so etwas wie Talentsuche betrieben, während die andern sich offenbar auf den Zufall oder die Hilfe des lieben Gottes verließen. Nun gut, eigentlich konnte mir das nur recht sein – so würde ich mich mit meiner zweiten Bewerbungsaktion also gleich dorthin wenden, wo ich letzten Endes ja sowieso hin wollte. Die Ignoranz, die man mir beim ersten Anlauf hatte angedeihen lassen, hatte mich keineswegs entmutigt, im Gegenteil, sie hatte mich erst richtig stimuliert. Ich fing schon an, mir Gedanken darüber zu machen, wie ich mich aus der Affäre ziehen könnte, wenn sich anlässlich der bevorstehenden Einstellungsgespräche bei den Branchenriesen die Termine überlappen sollten. Denn es wäre ja nicht besonders klug, einem potentiellen Arbeitgeber auf die Nase zu binden, dass gleichzeitig auch Verhandlungen mit der Konkurrenz im Gange waren.
Doch die befürchteten Terminschwierigkeiten blieben aus. Irgendetwas stimmte nicht mit unserem Pressewesen. Die einen waren ignorant, die anderen arrogant. Doch sollte ich deswegen schon aufgeben? Ich hatte vielleicht schon wieder einen Fehler gemacht. Aber wozu sind Fehler denn da, wenn nicht, um gemacht zu werden – oder sagen wir: um aus ihnen zu lernen. Ich grübelte. Woran lag es? Was hatte ich falsch gemacht? Natürlich, ich war bei meinen Bewerbungsschreiben naiverweise davon ausgegangen, das ausgerechnet diejenigen Personen, denen sie per Zufall auf den Schreibtisch flatterten, per Zufall auch die in meinem Sinne richtige Entscheidung treffen würden. Ich hatte praktisch versucht, mein Glück zu finden, indem ich in einen Heuhaufen griff, in der Hoffnung, auf Anhieb die berühmte darin verborgene Stecknadel aufzuspüren. Diesen Fehler begehen viele Menschen. Sie greifen in einen Heuhaufen und vergessen dabei, dass die meisten Stecknadeln sich gar nicht in Heuhaufen befinden sondern ganz woanders. Man muss seine Augen nur richtig aufmachen und sich aufmerksam umsehen. Man darf sich nicht wie hypnotisiert auf Heuhaufen fixieren. Und wenn schon, dann sollte man sich dabei nicht auf Stecknadeln konzentrieren sondern auf das Heu. In einem Presseunternehmen arbeiten ja auch noch andere Leute als nur Chefredakteure.
Der Erfolg, der sich nach zirka einem Jahr entsprechenden Bemühens einstellte, gab mir recht. Zumindest glaubte ich zunächst, das Erreichte als einen vorläufigen Erfolg verbuchen zu können. Dieser führte mich zwar nur in die Sportredaktion einer nicht gänzlich unbedeutenden Tageszeitung, aber das war immerhin ein Anfang. Dass ich von Sport nichts verstand, hielt ich für eine zwar etwas peinliche aber im Grunde genommen belanglose Nebensächlichkeit, weil mein Einsatz in diesem Ressort ohnehin nur eine möglichst kurze Zwischenstation vor meinem Wechsel ins politische Fach sein sollte.
Es dauerte noch keine zwei Monate, da fand auch tatsächlich ein Wechsel statt, allerdings nicht hinauf in höhere journalistische Regionen, sondern in die entgegengesetzte Richtung. Ich landete in der Anzeigenabteilung. Und als ob die damit verbundene Demütigung noch nicht genügen würde, versetzte man mich in die im ganzen Haus als »Trauerredaktion« belächelte Abteilung für Todesanzeigen. Die dort anfallende Arbeit war Aufgabe eines einzigen Mannes.
Wenn man so will, war ich in meiner neuen Funktion Vorgesetzter und Untergebener in Personalunion – was mir das Recht gab, nach Lust und Laune mit mir selbst zu hadern. Von diesem Privileg machte ich fortan ausgiebig Gebrauch.
Mein Selbstbild zeigte die ersten Risse. Meine Resignation wuchs. Meine Verbitterung wurde mit der Zeit unerträglich.
Mein Gott, wie lange ist das jetzt her!
Und heute? Heute ist mein Selbstbild intakt. Von Resignation oder gar Verbitterung kann keine Rede mehr sein. Diese Zeilen schreibt ein Mann, der zurückblickt auf zehn Jahre eines Lebens, das ihm sowohl Genugtuung für die erlittene Schmach als auch die Wiederherstellung seiner Selbstachtung bescherte und dazu ein Vermögen, das sich sehen lassen könnte – wenn ihm gestattet wäre, es zu zeigen.
Ja, die Zeiten haben sich geändert. Nach so vielen Jahren Trauerarbeit stellt mein Beruf noch immer eine Herausforderung für mich dar, die meinem Leben einen prickelnden Sinn verleiht. Ich spreche jetzt natürlich nicht von meinem lächerlichen Job, den ich zum Schein und auch aus praktischen Gründen weiter auszuüben gezwungen bin, sondern von meinem Beruf: meiner geheimen BeRuFung – einer selbstständigen Arbeit, die ausschließlich bestimmt wird durch meinen persönlichen Einsatz und meine professionelle Initiative.
Ich bin freischaffender Todesbote.
Das inspirierende Ereignis, das die schicksalhafte Wende in meinem Leben einleitete, verdanke ich paradoxerweise meinem verhassten Anzeigenjob. Die schicksalhafte Episode ereignete sich vor zehn Jahren. Ich hatte damals einen absoluten Tiefpunkt erreicht und den Entschluss gefasst, mir das alles nicht mehr bieten zu lassen. Ich wollte aussteigen – und zwar richtig! Das heißt: nicht nur aus diesem beschissenen Job, sondern aus dem Leben überhaupt. Ich hatte mich so lange mit Trauerfällen beschäftigt und nun beschlossen, selbst einer zu werden.
Ich wollte mich umbringen.
Zugegeben, ein nicht gerade weltbewegender Einfall, aber ein Fünkchen Mut gehörte ja wohl doch dazu – zumindest was die Ausführung betraf. Aber der Freitod war auch nur ein Teil meines Vorhabens. Was ich mir sozusagen als Strich unter dem i-Tüpfelchen ausgedacht hatte, war demgegenüber vielleicht etwas origineller: Ich hatte mir nämlich vorgenommen, die Reihenfolge von Tod und Nachruf umzukehren, meinen Tod zunächst zu annoncieren und mein Leben erst danach zu beenden.
Ich malte mir schon die Reaktionen von Freunden und Bekannten aus, wenn der vermeintlich in die ewigen Jagdgründe Eingegangene ihnen plötzlich leibhaftig gegenübertreten würde: „Du lebst?! Wirklich, Du lebst! Herr im Himmel, Du lebst tatsächlich! Und wir dachten schon … !“ Und nachdem ich das scheinheilige Getue dieser Leute ausgekostet hätte, würde ich mich zu meinem Arbeitsplatz begeben, mich auch noch an den blöden Visagen meiner Kolleginnen und Kollegen ergötzen und anschließend von der obersten Etage des Redaktionsgebäudes aus dem Fenster springen. Ende Gelände!
Als ich mit der Durchführung meines Planes begann, geschah jedoch etwas, womit ich nicht gerechnet hatte.
Ich hatte meine Todesanzeige bereits entworfen. Sie wäre eines Staatsoberhauptes würdig gewesen. Der Entwurf lag vor mir auf dem Schreibtisch: ein Meisterwerk! Dieser Nachruf würde selbst Trauer bei Personen hervorrufen, die mich verachteten und verabscheuten! Und der Beweis, dass dies zutraf, folgte dann auch prompt – denn in gewisser Weise gehörte ich ja selbst zu jenen Personen, die mich verachteten und verabscheuten.
Noch während ich mein Werk begutachtete, erlebte ich einen heftigen Gefühlsausbruch – eine Art prophylaktische Trauer. Ich spürte einen Klos im Hals, an dem ich zu ersticken drohte, gleichzeitig raste mein Herz wie wild, mein Kreislauf drohte zusammenzubrechen, durch meinen Kopf donnerte eine Achterbahn. Ich glaubte, im nächsten Moment in Ohnmacht zu fallen – oder … zu sterben! Das Ganze dauerte ungefähr eine Viertelstunde, von der ich die meiste Zeit auf der Toilette verbrachte, da mir der Schock außerdem auch auf den Darm geschlagen war.
Das war die Geburtsstunde des Todesboten. Oder besser gesagt: die Stunde seiner Zeugung. Denn um in meinem neuen Beruf aktiv werden zu können, brauchte ich Kundschaft. Und um mir das nötige Klientel zu erschließen, brauchte ich eine Informationsquelle.
Ich hatte als Informanten einen Kollegen ins Auge gefasst, der sich ausschließlich mit Gesellschaftsklatsch beschäftigte und über die von mir angepeilte Zielgruppe bestens unterrichtet war. Den Kontakt zu ihm knüpfte ich in der Betriebskantine. Und da mein Tischgenosse ein eifriger Plauderer war und ich ein nicht minder eifriger Zuhörer, trug unsere Bekanntschaft bald die von mir erwünschten Früchte.
Die erste potentielle Kundin, auf die ich durch ihn aufmerksam wurde, war eine sehr junge, sehr schöne Frau, die mit einem sehr alten, sehr reichen und obendrein sehr herzkranken Mann verheiratet war, dessen Leben nach Ansicht der Ärzte nur noch an einem seidenen Faden hing. Dieser Faden wollte jedoch partout nicht reißen.
Es gelang mir, mit der Dame einen Termin für ein konspiratives Treffen zu vereinbaren.
Ich hatte ihr, was mein Anliegen betraf, nur sehr vage Andeutungen gemacht, und so zeigte sie sich zu Beginn unserer Begegnung noch ein wenig distanziert.
„Bitte fassen Sie sich kurz, mein Herr. Wie Sie ja wohl wissen, gibt es in meiner Ehe ein Krankheitsfall. Und für den Patienten ist jede Sekunde, in der ich nicht an seiner Seite weile, gleichsam ein Tropfen Gift.“
„Ein Gift,“ erwiderte ich lächelnd, „das nicht die geringste Spur hinterlassen würde.“
Sie ging auf den Scherz jedoch nicht ein sondern wies mich empört zurecht. Sie drohte, das Gespräch sofort zu beenden, falls ich es noch einmal wagen sollte, mich auf eine derart unverschämte Weise zu äußern.
Ich ließ mich durch ihre faulen Mätzchen jedoch nicht beeindrucken. „Bitte sehr!“ erwiderte ich leichthin. „Wenn mein Angebot Sie nicht interessiert, steht es Ihnen jederzeit frei zu gehen!“
Daraufhin beruhigte sie sich auffallend schnell. „Zugegeben, Ihr Anruf hat mich neugierig gemacht. Sonst wäre ich schließlich nicht hier.“
Ich hielt es aus taktischen Gründen für günstig, sie noch ein bisschen zappeln zu lassen. „Vielleicht sollten Sie sich doch besser um Ihren kranken Mann kümmern.“
„Das tut im Augenblick eine Seniorensitterin,“ meinte sie trotzig.
„Aber Sie sind seine Frau, Sie sind sein Lebenselixier!“
Sie schnaubte, ein verächtliches Lachen unterdrückend, durch die Nase. Sie hatte offensichtlich eingesehen, dass es unsinnig war, mir gegenüber die treusorgende Ehefrau zu mimen.
„Liest Ihr Mann Zeitung?“ fragte ich.
„Das ist eine der wenigen Sachen, die er noch kann,“ antwortete sie mit einem anzüglichen Unterton.
Ich griff in die Brusttasche, zog den Entwurf der Todesanzeige für ihren Gatten heraus und hielt ihr diesen vor die Nase.
Sie riss Mund und Augen auf.
„Was würde wohl passieren,“ erkundigte ich mich, „wenn Ihr Herr Gemahl dies bei seiner Zeitungslektüre zu Gesicht bekäme?“
Sie brauchte eine Weile, bis sie ihre Fassung wiedergefunden hatte. „Er würde zu Tode erschrecken!“ rief sie aus – und als sie die Tragweite ihrer Worte begriff, erschrak sie zunächst einmal selber. Sie klappte die Hand vor den Mund.
„Ja,“ sagte ich und nickte, „ja, das würde er wohl.“
Danach dauerte es nicht mehr lange, bis wir handelseinig waren. Es gab nur noch zwei Probleme, die bereinigt werden mussten. Das erste war der astronomische Preis, den ich für die Anzeige verlangte.
Aber ich machte ihr unmissverständlich klar, dass ich nicht bereit war, mit mir handeln zu lassen. „Tut mir leid, gnädige Frau, aber prämortale Todesanzeigen kosten soviel. Und bedenken Sie einmal, was Sie bei unserem Geschäft verdienen.“
Das zweite Problem war schon ein wenig kniffliger.
Wenn sich herausstellen sollte, gab sie zu bedenken, dass ihr Ehemann an den Folgen der Lektüre seines eigenen Nachrufes gestorben war – was für ein Verdacht läge denn dann wohl nahe? Und wen würde man wohl an erster Stelle verdächtigen?
Doch es dauerte nicht lange, bis der Brückenschlag zwischen unser beider Habgier vollzogen war. Was sei denn schon, wiegelte ich ab, ein Verdacht ohne Beweis? Heiße Luft, nichts weiter! Gab es denn Zeugen für ihre Beteiligung an dem tödlichen Streich? Jawohl, einen einzigen: mich! Aber ich war ihr Komplize, war Mittäter, Mitmörder. Also, was konnte schon passieren?
Es passierte auch nichts. Die Aktion verlief planmäßig und problemlos. So wie auch alle späteren Aktionen. Es war so verblüffend einfach: Da war ein Toter, und da war eine Todesanzeige, aber es gab selten jemanden, dem auffiel, dass der kausale Zusammenhang nicht stimmte. Vermutlich hielt man die fast zeitgleiche Nachruferledigung für einen Sonderservice, den das Blatt den Entschlafenen aus der begüterten Klasse zuteil werden ließ. Und in den wenigen Fällen, in denen der Schwindel ans Licht kam, ließ sich der Verdacht leicht in die falsche Richtung lenken. Dann wurde der sadistische, im Nachhinein nicht mehr zu identifizierende Anzeigenkunde im Kreis der persönlichen Feinde des Opfers vermutet.
Ich habe mich oft und gerade in den letzten Tagen vor meinem zehnjährigen Jubiläum gefragt, ob es nicht an der Zeit wäre, endlich den Rückzug in den wohlverdienten Ruhestand anzutreten. Finanziell könnte ich mir das durchaus leisten. Aber ich finde meine Arbeit nicht nur aus finanziellen Gründen faszinierend und beglückend, nein, es ist ganz einfach so, dass ich es liebe, den Menschen Todesbotschaften zu übermitteln.
Besonders liebe ich bestimmte kuriose Ereignisse, die sich aus meinem Wirken so ganz nebenbei ergeben, ohne dass ich es beabsichtige – die anekdotischen Abfallprodukte, wie ich sie einmal nennen will.
Da ist zum Beispiel die Geschichte von jenem älteren Herrn, der seine Todesanzeige gar nicht selber gelesen hatte. Er starb an den Folgen des hysterischen Verhaltens seiner Umwelt. Denn nachdem einige seiner Mitmenschen ihn für einen Geist gehalten und entsprechend reagiert hatten, machte schließlich seine ohnehin angegriffene Gesundheit nicht mehr mit – und ab ging die Post über den Jordan.
Oder da ist die Sache mit jener Dame, die so pressegläubig war, dass sie, als sie las, dass sie tot wäre, nicht begreifen wollte, dass dies nicht stimmte. Sie versuchte, sich Gewissheit zu verschaffen, indem sie an einer spiritistischen Sitzung teilnahm, um mit dem Jenseits in Verbindung zu treten. Doch kaum fing nach Schließung der Handkette der Tisch an zu wackeln, erübrigte sich die Seance auch schon, denn plötzlich befand sie sich tatsächlich im Jenseits, wo sie die bittere Feststellung machte, dass sie gerade erst angekommen war und noch im Diesseits weilen könnte, wenn sie dem gedruckten Wort nicht so sehr vertraut hätte.
Und da ist diese höchstkomplizierte Story eines Kandidaten, der starb, als er als Trauergast an seiner eigenen Beerdigung teilnahm, bei der angeblich sein Zwillingsbruder zu Grabe getragen wurde, welcher jedoch in Wahrheit mein Auftraggeber, also sein Mörder war.
Einen Nervenkitzel ganz eigener Art bereiten mir Aufträge, bei denen ich die Todesbotschaft nicht indirekt übermitteln kann, sondern in eigener Person auftreten muss. Das ist dann erforderlich, wenn der Empfänger keine Zeitung liest oder dazu nicht mehr in der Lage ist. Diese Aspiranten suche ich vor Ort auf: zuhause im Krankenzimmer, in der Klinik auf der Intensivstation, in der Altenpflegestätte am Siechlager – wo immer der Auftrag es erfordert. Ich mache vor dem ins Himmelreich zu Befördernden eine Verbeugung, erkläre ihm, ich sei der Todesbote, nehme die Zeitung zur Hand und präsentiere ihm die betreffende Anzeige. Und verfügt die Zielperson nicht mehr über die erforderliche Sehschärfe, lese ich ihr den Anzeigentext auch gerne vor.
Bei solchen persönlichen Einsätzen kommt es manchmal zu hinreißenden Szenen. Einmal beispielsweise fluchte mich ein menschliches Wrack, in dem ich kein Fünkchen Energie mehr vermutet hatte, mit grollendem Sterbebaß an: „Was wollen Sie sein?! Ein Todesbote? Na warten Sie, Sie elender Betrüger!“ Und mit zusammengebissenem Zahnfleisch machte er Anstalten, die Hand zum Klingelknopf zu führen, um die Nachtschwester zu alarmieren.
Da legte ich die Zeitung aus der Hand und erstickte den Widerspenstigen mit dem Kissen.
Dass ich meinem heutigen Auftrag mit Ungeduld und Eifer entgegenfiebere, versteht sich angesichts der Besonderheit dieses Tages von selbst. Ort der Handlung wird die gerontologische Station einer Nervenklinik sein. Und als Jubiläumsgeschenk hat mir das Schicksal eine Persönlichkeit zugewiesen, die dem festlichen Charakter des Ereignisses die nötige Würze verleihen wird, eine Jubiläumspersönlichkeit sozusagen, deren Ableben mir obendrein ein Jubiläumshonorar einbringen wird …
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ES LEBE DER TOD-SCHLÄGER!
So lautet die Schlagzeile, unter der ein führendes deutsches Gesellschaftsmagazin über einen mysteriösen Vorfall berichtet, der sich in einem Privatsanatorium ereignet hat:
Ein in seiner Art einmaliges Beispiel für die Schlagkraft des freien Unternehmertums bot ein dreiundneunzigjähriger Industrieller, Gründer und noch immer Seniorchef einer bedeutenden europäischen Firmengruppe. Der Patient wurde nachts im Zimmer der Klinik, in der er seit zehn Monaten dahindämmerte, von einem geheimnisvollen Wesen heimgesucht. Die Gestalt trat an das Bett des nahezu tauben und über ein kaum mehr nennenswertes Restaugenlicht verfügenden alten Herrn und bezog am Kopfende Stellung. Obwohl der auch seiner Stimme nicht mehr mächtige alte Herr den Unbekannten durch Lippenbewegungen wiederholt bat, seine Identität preiszugeben, kam dieser der Aufforderung nicht nach. In einen dunklen Mantel und einen Mantel des Schweigens gehüllt, verharrte die unheimliche Erscheinung minutenlang in völliger Bewegungslosigkeit und weidete sich an der Ohnmacht und der Hilflosigkeit seines Opfers. Dann beugte die Gestalt sich nach vorne und erhob ihre Stimme zu einer Art Gemurmel oder Singsang, dessen Wortlaut oder Klang für den Mann im Bett jedoch keinen Sinn ergab. Schließlich beugte das Wesen sich noch weiter über ihn und fing an, ihm ins Ohr zu flüstern, wiederum Unverständliches. Doch dann wurde die Stimme deutlicher – und plötzlich glaubte der Patient zu wissen, wer der Besucher an seinem Lager war. Es sei kein Geringerer gewesen als der Tod persönlich, berichtete der Alte später. Zwar habe er die Worte, die der Tod zu ihm sprach, nicht verstehen können, jedoch geahnt, dass dieser gekommen war, um ihn mitzunehmen in sein kaltes schwarzes Reich. Dort wollte der Dreiundneunzigjährige aber noch gar nicht hin. Er habe vergeblich versucht, dem Tod diese Tatsache verständlich zu machen. Und als der Tod, der vielleicht überhaupt keine Lust hatte, ihn zu verstehen, keine Ruhe gab, packte den Alten die Wut, und er griff unter sein Bett und nahm die Bettpfanne zur Hand. Damit gab er dem Tod einen Schlag über den Schädel und bemerkte, dass dieser daraufhin leicht wankte. Der beherzte alte Mann schlug noch einmal zu, worauf der Tod ein Stück in die Knie ging und sich auf den Rand des Bettes stützte. Der so Ermutigte landete noch einen dritten Schlag, der den Tod seitlich abkippen ließ. Nach dem vierten Schlag ging der Tod zu Boden und zappelte und schrie. Danach verrichtete die Bettpfanne ihre Arbeit wie von selbst. Sie drosch solange auf den Tod ein, bis dieser sich nicht mehr rührte.
In dem Interview, das der greise Unternehmer uns wenige Stunden nach seiner Heldentat exklusiv gewährte, präsentierte er sich in einem Zustand, der seiner angeblich katastrophalen gesundheitlichen Verfassung Hohn sprach. Er habe den Tod getötet, verkündete er triumphierend, und damit logischerweise Unsterblichkeit erworben. Der Familien und vielfache Groß- und Urgroßvater ist inzwischen in den Kreis seiner Lieben und an den Platz hinter seinem Schreibtisch zurückgekehrt.