Sie hatten sich nicht gesucht und dennoch gefunden. Und sie sahen einander und berauschten sich augenblicklich und erlebten nun die glücklichsten Tage ihres Lebens. Sie bezogen eilig eine gemeinsame Wohnung und kauften sich ein komfortables Bett, das sie bis zur Heirat kaum verließen. Erst in der Nacht nach der Schließung des Ehebundes nahmen sie sich eine erste Liebesauszeit und in einer späteren Nacht dann eine zweite und bald darauf eine dritte. Und diese Regelung des Verzichts beherzigten sie schließlich mehr und mehr. Sie gestand ihm, dass sie sich ermattet fühle, worauf er sich zunehmend in Zurückhaltung übte und sie schließlich nicht mehr bedrängte. Dann, eines Tages, hörte er, wie ihre Stimme fröhlich durch die Wohnung hallte. »Endlich!« rief sie, »endlich, endlich!« Und als er ihrem Ruf dann folgte, fand er sie, vor ihrem Computer sitzend. Sie drehte, als er die Schwelle des Raumes überschritt, den Kopf und schaute ihm über die Schulter entgegen. Dann drehte sie sich wieder um und deutete aufgeregt auf den Bildschirm, den sie vor sich hatte. »Hier, hier!« rief sie ihm zu … Und als er nun hinter ihr stand, versetzte, was er sah, auch ihn in Aufregung. Es war eine unbekleidete Puppe. »Ich heiße Brischitt!« verriet eine Sprechblase vor ihrem Mund. Brischitt war ein Luxusmodell, sündhaft teuer und abgebildet in einer sündhaften Pose. Seine Frau veränderte per Mausklick mehrfach die akrobatischen erotischen Künste, die Brischitt beherrschte, lachte laut und schrill und drehte nach jeder Darbietung ihren Kopf, um zu sehen, wie er reagierte. Er folgte ihrem Tun eine Weile und beobachtete noch, wie sie die Markierung zur Bestellung der Puppe anklickte … Dann wandte er sich ab, hastete in Richtung Tür und verließ den Raum. Zwölf Stunden danach wurde Brischitt geliefert und von der Ehefrau in Empfang genommen, die das Paket ins Schlafzimmer brachte, wo sie das Gummiwesen mit der Druckluftkapsel in die vorgegebene Bereitschaftsposition brachte. Danach suchte sie ihren Mann, um ihm Bescheid zu sagen, aber dieser war nicht zu finden. Sie sahen sich gegen Abend wieder, sprachen jedoch nicht miteinander. Als er sich um die gewohnte Zeit ins Bett legte, fand er dort Brischitt, nicht seine Frau. Diese war in einen anderen Raum umgezogen, in dem sie fortan schlief und wo auch ihr Computer stand. Frauenzimmer nannte sie diese Behausung. Ihr Mann änderte seine Gewohnheiten nicht. Brischitt, die nun nachts neben ihm lag, interessierte ihn kaum, weckte aber dennoch seine Neugier. Er tastete sie ab und studierte die Gebrauchsanleitung. Nach einigen Nächten wusste er genug über sie und musste die Wünsche, die sich in ihm zu regen begannen, unterdrücken. Dann schließlich überwand er sich und wagte ein Experiment. Er war enttäuscht, jedoch nicht so, wie er sich das gewünscht hatte. Aber er wusste ja, dass nicht er selbst daran schuld war. Denn schuld daran war seine Frau, die ihm dieses sündhafte Geschenk gemacht hatte. Und seine Frau war es auch, die schließlich dafür büßen musste. Denn ja, sie wurde durch das eifersüchtige innere Wühlen, das sie inzwischen befallen hatte, sehr empfindlich gestraft. Und die Neugier quälte sie und ließ sie nicht zur Ruhe kommen. Und eines Nachts schlich sie zum ehelichen Schlafzimmer, öffnete die Tür einen schmalen Spalt und sah den beiden zu. Sie war aufs höchste erstaunt, so dass sie sich in der nächsten Nacht vergewissern musste, dass sie richtig gesehen hatte und bei klarem Verstand war. Und sie sah es erneut. Sie war wach, traumlos wach – und sie war bei klarem Verstand. Es gab keinen Zweifel. Was sie sah – es geschah! Es geschah ganz klar und ganz deutlich. Und immer wieder. Nacht für Nacht. Immer wieder jede und jede Nacht vor ihren Augen, den Augen einer Spannerin, die heimlich durch den Türspalt spähte. Die sich ausgeschlossen fühlte und alleingelassen. Und betrogen um die Gattentreue, die er ihr einst geschworen hatte. Sie spürte ein von Mal zu Mal quälender und mächtiger werdendes Gefühl der Entehrung, wenn sie ihren Mann und dieses unsägliche fremde Wesen beobachtete. Und eines Tages, als SIE – die Rechtmäßige – einen Blick auf ihre Hand warf, bemerkte sie das Fehlen des Ringes, der damals den Bund ihres Lebens besiegeln sollte. Hatte der Mann, dem sie vertraute und von dem sie sich behütet und beschützt wähnte, sie in ihrem Nachtgemach beschlichen und sie während des Schlafes bestohlen? War ihr Mann ein gemeiner Dieb? Und trug dieses seelenlose Etwas, diese fleischlose Unfrau an ihrer Hand das goldgewordene Versprechen, das nur ihr, der Einzigen, der Fleischlichen zustand – definitiv nur ihr, solange eheliches Blut durch ihre Adern strömte! Eine Wallung von Neid und unendlichem Schmerz ergriff von ihr Besitz. Sie begegnete ihrem Mann von nun an mit einem Zwiespalt von Gefühlen, zwischen denen sie sich hin und her bewegte. Hätte es eine Möglichkeit gegeben, ihn zurück zu locken in eine Welt, in der sie in ihren frühen Zeiten gelebt hatten, so wäre sie diesen Weg, wie demütigend auch immer dieser gewesen wäre, gegangen. Aber ihr Mann wich ihr aus, so als täte er es mit kalkulierter Absicht. So als durchschaue er sie! Und vielleicht war es ja auch so, vielleicht durchschaute er sie. Also plante sie einen ersten Schritt der Rache. Sie nutzte eine Zeit seiner Abwesenheit und tätigte einen Anschlag auf das, was diese beiden nun deutlich sichtbar verband. Sie unternahm den Versuch, der Rivalin den Ring vom Finger zu stehlen. Aber ihr Vorhaben misslang. Das Ehegold wurde geschützt durch eine Vertiefung, die sich rundum einschmiegte in Brischitts nachgiebige Haut. Sie sah der Puppe böse ins Gesicht, so als ob diese persönlich ihr einen üblen Streich gespielt hätte. Und dann auf einmal geschah etwas, das sie nicht glauben wollte. Diese öbszöne Kreatur erwiderte ihren Blick … Und dann … dann fing sie an … zu atmen …! Oh ja … oh Gott, nun atmete sie! Sie lebte …! Und sie tat dann noch etwas, das ebenso wenig sein konnte: Sie öffnete ihren obszönen Mund und schob ihre obszöne Zunge weit in den Raum hinaus, streckte ihre begehrliche Mundschlange der rechtlich Angetrauten entgegen und ließ dieses Lustgetüm dort auf Augenhöhe einen jede menschliche Schamgrenze überschreitenden Tanz zeigen … und hob danach ihre Mundwinkel an zu einem lasziven obszönen glibbrigen Grinsen, womit sie ihre lasziven obszönen glibbrigen Lippen fast zum Platzens brachte und sie streckte dabei den Finger mit dem Ring, der ihr nicht gehörte, der einzig wahrhaften Eigentümerin dieses Ringes entgegen und winkte dieser mit diesem beringten Finger zu und summte dabei ein Lied. »Mir …!« so summte ihre vibrierende Stimme aus dem vibrierenden Gummikopf »… nur mir gehört dieses Pfand, dieses Zeichen ewiger leidenschaftlicher Liebe und Treue …« Und sie räkelte sich, um ihren Worten pantomimisch Bedeutung zu verleihen, vor der rechtmäßigen Ehefrau auf dem juristisch gesegneten Ehebett in Posen obszönster abstoßendster Art … bis die betrogene Ehefrau, von einem schummrigen Nebel umgeben, wankte und, von einem Schwindel befallen, sich abwandte und hastig stolpernd den Raum hinter sich ließ – mit den Worten: »Ich hole ihn mir zurück, meinen Ring!« Und schon bald darauf war sie wieder zur Stelle, war zurück in ihrem Eheschlafzimmer. Sie brachte einen Bindfaden mit zum schnürenden luftdichten Abbinden des betrügerischen Fingers hinter der Ringstelle und dazu ein Messer zur anschließenden chirurgischen Entfernung dieses unehelichen Gliedes – das ihre Trophäe werden sollte! Sie wollte sich, nunmehr ganz und gar kalt und planend und frei von den eben noch so heftig durch ihren Kopf spukenden Trugbildern, neben Brischitt niederknien, sich den Finger aneignen und ihrem Mann eine verstümmelte Puppe hinterlassen … Und sie kniete sich dann nieder neben ihr und ergriff ihre Hand, um die Schnittstelle, die der Eingriff hinterlassen würde, zu verschnüren. »Nein!!« vernahm sie dann aber plötzlich eine Stimme, die sie zurückrief aus dem Dschungel ihrer Trugbilder. Und die Stimme sprach dann weiter: »Eine Liebe wie diese zerstörst Du nicht, indem Du die Geliebte entfingerst!« Es war die Stimme ihres Mannes, die sie hörte und auf dessen Worte sie trotzig antwortete: »Ja, das ist wahr, wie recht Du hast! Nur entfingern genügt nicht!« Denn jetzt gab es nur noch dieses eine ultimative Tun, um ihre Ehe zu retten: Brischitt töten, Brischitt entlüften. Und sie hob die Hand mit dem Messer, um der Rivalin den tödlichen Stoß zu versetzen. Aber ein weiteres »Nein!« traf ihr Gehör und ließ sie frösteln und erstarren. Ihr Mann trat vor sie hin. Er war bekleidet mit einem dunklen festlichen Anzug und umwoben von einer Aura des Glückes und seine Gesichtszüge waren erhellt von einem Bräutigamslächeln … Und über dem Arm, den er angewinkelt vor sich hielt, hing ein Kleid – das weiße Kleid für die Braut.