Blicke und Bindungen

Linda schaute an seinem Kopf vorbei, hinweg über sein linkes Ohr. Was dahinter kam, war unwichtig. Sie schaute in die Ferne, ins Leere. Das war der Trick. Sie wußte nicht mehr, woher sie den kannte. Aber sie wußte, dass er funktionierte. Wenn man den Blick eines Menschen nicht ertragen konnte, schaute man dicht an seinen Augen vorbei. Der andere merkte das nicht, sondern glaubte, sein Blick werde erwidert. So gewann man ein Blickduell.

Doch bei Alex klappte es nicht. Es war dieses Lächeln, dieses Grinsen, das sie, obwohl sie vorbeischaute, noch deutlich genug sah und nicht ertrug.

Sie löste ihren Blick von seinem Kopf, schaute nach dem Menschen, der links neben ihm saß – irgendjemand, den sie noch nie gesehen hatte. Sie schaute trotzdem dorthin, zwang sich dazu, um ein Abgleiten in die andere Richtung zu vermeiden. Wer die Person war, die rechts neben ihm saß, wußte sie – Bettina, verniedlicht: Betti.

Aber jetzt hielt sie auch den Blick in die andere Richtung nicht mehr aus. Sie senkte den Kopf und schaute auf ihren Teller. Sie hatte ja gerade erst angefangen zu essen. Von dem Steak hatte sie noch nichts abgeschnitten. Sie steckte die Gabel in den Rand des Fleisches und setzte das Messer an.

Alex saß der Braut an der Hochzeitstafel gegenüber und genoß ihr verzweifeltes Bemühen, sich dem Bann seines Flirtspieles zu entziehen. In unregelmäßigen Abständen schickte er ein kurzes und dann noch dreisteres Lächeln auch ihrem Sitznachbarn zu, seinem Freund Mathias, dem Mann, den Linda heute geheiratet hatte. Mathias zwang sich, das Lächeln seines Freundes zu erwidern, und das, was sich zwischen Alex und seiner Frau tat, zu ignorieren.

Die Geschichte zwischen Alex und Linda war ihm bekannt. Alex hatte Linda vor ihm kennengelernt.

Plötzlich, als Alex unter dem Tisch mit seiner Fußspitze die Fußspitze Lindas berührte, zuckte diese erschrocken zurück. Das Geschirr und das Besteck klirrten, als sie mit ihrem Knie gegen die Unterseite der Tischplatte stieß. Sie schaute beschämt in die Runde, aber die Hochzeitsgäste aßen, tranken und plauderten. Niemand hatte die kleine Erschütterung bemerkt.

Linda riß sich zusammen, schaute hinüber zu Alex, sah ihm direkt ins Gesicht. Sie versuchte, seinem Blick und seinem Lächeln ohne ihren Trick standzuhalten. Aber dann drehte sie ihren Kopf heftig zur Seite. Fast schmerzhaft spürte sie den Anschlag der blockierenden Nackenwirbel. Sie schaute in die Augen ihres Mannes, der auch den Kopf gedreht hatte. Der kleine Zwischenfall unterm Tisch war ihm nicht entgangen.

Ihre Blicke trafen sich nur kurz. Mathias wandte sich ab, kümmerte sich wieder um das Hochzeitsmahl, von dem er, als der Tisch zitterte, abgelassen hatte.

Linda und Alex waren sich bei der Feier zur Eröffnung eines Kultur- und Freizeitkomplexes nähergekommen, wo Linda künftig als sogenannte Bürokauffrau tätig sein würde. Alex war ein ungeladener Gast, der in Begleitung eines geladenen Gastes, seines Freundes Mathias, an der Feier teilnahm.

Linda und Alex tanzten miteinander, verloren sich danach aus den Augen, um sich später dann wiederzufinden und bis zum Ende der Veranstaltung unzertrennlich zu sein und sich dabei näher und näher und am Ende so nah zu kommen, dass Linda es für wünschenswert hielt, mehr über Alex zu wissen und, da sie ihm erlaubt hatte, sie nachhause zu fahren und in ihre Wohnung zu begleiten, sich letzten Endes auch nach dem Wichtigsten zu erkundigen.

Aber ja, er sei frei, antwortete er auf ihre vorsichtig und etwas umständlich formulierte Frage. Dann, als sie zögernd aber doch sehr deutlich und unmißverständ­lich nachfragte, erklärte er noch einmal, dass er frei sei.

Und frei, sagte er ihr am darauffolgenden Morgen, wolle er auch bleiben, frei von jeder Bindung, denn Bindungen bedeuteten ja das Gegenteil von dem, was er sei und auch bleiben wolle – frei.

Aber Linda glaubte nicht, dass sein Wille, sich auf keine von einem Fundament der Liebe getragene Bindung einzulassen, unumstößlich sei und beschloß, eine weitere Begegnung herbeizuführen. Der erste Schritt dazu war, herauszufinden, wo er arbeitete. Das war einfach. Und für den zweiten Schritt waren nur die Überwindung eines im Grunde unangebrachten Peinlichkeitsgefühles und ein wenig Ausdauer erforderlich. Sie wartete ungefähr eine Stunde angespannt in einem als Beobachtungs­ort geeigneten Stehcafé, um, als er nach Dienstschluß das Firmengebäude verließ, loszueilen und das Treffen wie einen Zufall aussehen zu lassen. Alex befand sich in Begleitung seines Kollegen und Freundes Mathias, dem dieser, als er Linda erblickte, etwas zuflüsterte, worauf Alex sich eilig in entgegengesetzter Richtung entfernte.

So fand die mit Alex vorgesehene Begegnung ersatzweise mit Mathias statt, von dem sie bei einer der fortan immer häufigeren Begegnungen erfuhr, dass dessen Freund Alex seit vier Jahren in freier Bindung und gemeinsamer Wohnung mit einer Frau namens Bettina lebte – Bettina, genannt Betti, die jetzt rechts neben ihm saß.

Auf der Rückenlehne des Stuhles, auf dem Betti saß, lag locker Alex‘ Arm, während dieser das Ehepaar, das ihm gegenübersaß, beobachtete und belächelte.

Linda schloß die Augen und glaubte weiterhin zu sehen, wie er herüberschaute, grinste. Und sie glaubte auf einmal zu spüren, wie ihre Hand den Hals der Flasche ergriff, die vor ihr auf dem Tisch stand. Sie glaubte zu spüren, wie sie sich aufrichtete und wie der Wein, als sie den Arm hob, aus der Flasche lief und durch den Stoff ihres Kleides sickerte.

Die Flasche war noch halbvoll und als Schlagwaffe schwer genug, als sie auf dem Kopf ihres Mannes niederkrachte.

Mathias, tödlich getroffen, reckte zuckend den Hals, schien sich dann vor seinem gegenübersitzenden Freund und dessen Freundin zu verbeugen und lag nun mit dem Oberkörper auf dem Tisch. Danach ergriff Linda das Steakmesser, umrundete die Hochzeitsgesellschaft zu ihrer Linken und näherte sich Alex, der im Augenblick des Mordes wie alle anderen Gäste aufgesprungen war. Alex schaute der Frau, mit der er eben noch geliebäugelt und geflirtet hatte und die nun zur Mörderin geworden war, geschockt und schreckensbleich entgegen.

Linda ging die letzten Schritte auf ihn zu, blieb dann vor ihm stehn und stieß ihm das spitze scharfe Messer ins Herz. Alex hob, nachdem er den Todesstich emp­fangen hatte, die Hände, so als wolle er sich ihr ergeben und postum noch um Gnade bitten, sank schließlich wie in Zeitlupe vor ihr auf die Knie, hielt sich in dieser Stellung wankend noch einen Augenblick aufrecht und kippte dann nach vorne. Linda wich dem fallenden Körper mit einem Rückwärtshüpfer aus und schaute zu, wie Alex, mit dem Gesicht zuerst, vor ihr auf den Boden prallte.

Sie atmete kurz und heftig und öffnete ihre Augen. Sie schaute sich verwirrt um und begegnete dem Blick Mathias‘, der, wie von den Toten auferstanden und an ihrer Seite sitzend, die Lippen öffnete, vielleicht um ihr zu sagen, dass es ihm leid tue. Sie glaubte, seinen Blick mit ihrem Blick festhalten zu können. Sie glaubte zu spüren, wie ein Feuer übergriff, wie durch den Körper des Mannes, mit dem sie heute die Bindung der Ehe eingegangen war, ein jähzorniger Energieblitz raste, hatte plötzlich ein Bild der Hoffnung vor Augen, das ihr zeigte, wie Mathias mit dem niederträchtigen Freund abrechnete, wie er das demütigende Spiel, das dieser mit ihnen trieb, entschlossen und gnadenlos beendete. Sie wartete, hoffte, bis Mathias sich wieder abwandte und um sein Hochzeitsmahl kümmerte.

Sie schaute jetzt zu Alex hinüber, der, als ihr Blick ihn traf und nicht wieder losließ, nervös blinzelte und seine Augen dann langsam wegdrehte. Sie wollte lächeln, aber es gelang ihr nicht nicht, die Mundwinkel zu bewegen.

Sie schloß die Augen und öffnete sie schnell, bevor sie die Erfüllung wieder auf dem Weg des Träumens suchte. Sie streckte die Hand aus nach der Flasche, die vor ihr auf dem Tisch stand …