Der Weingenius

Die Gäste standen bereit. Sie hielten ihre Gläser in der Hand. Sie warteten auf das, was nun geschehen würde. So wie es schon so oft geschehen war. Denn wie schon so oft, stand jetzt auch der Gastgeber (von vielen hinter vorgehaltener Hand Weingenius genannt) bereit. Und auch er hielt sein Glas in der Hand. Und er hatte das, was er ihnen über seinen neuen Wein sagen wollte, schon gesagt. Und nun hob er sein Glas. Und führte es vor seine Nase. Und schloss seine Augen. Er inhalierte den Hauch seines Weines, nahm ihn in sich auf und saugte ihn tiefer und tiefer und überall hin, bis in jede Zelle seines Körpers. Dann führte er das Glas zu seinen Lippen. Und eine Weile später, nach Sekunden der Andacht, vertraute er den ersten Tropfen seinem Mund an, den er langsam öffnete, während er auch seine Augen langsam öffnete. Jetzt war der Tropfen drin. Und die weitere Zeremonie folgte dem stets gleichen rituellen Ablauf. Er schloss seinen Mund, zerquetschte den Tropfen und verteilte das flüssige Gold im Innern seines Rachenraumes. Dort genoss er züngelnd und gaumend die Lust der ersten Sekunde und der zweiten und noch einer weiteren Zeitfolge. Danach entnahm er dem Glas erneut eine kleine Menge und bewegte diese hinter geschlossenen Lippen hierhin und dorthin, kreisend und kreisend und kreisend, während – einem lautlosen inneren Befehl folgend – auch seine Augen kreisten und rätselhaften Bahnen folgten, hin und her, so und so, weiter und weiter, wobei seine Nase hüpfte und tanzte und seine Gesichtszüge wogten und bebten. Solange, bis diesem Zelebrieren ein erneutes Zelebrieren sich anschloss und eine erneute Wiederholung und noch eine weitere geschah. Und so weiter und so weiter. Dann auf einmal, ganz plötzlich, noch während er diese Handlung vollzog, unterlief dem Weinkundigen ein folgenschweres Missgeschick, ein Unglück, das noch nie zuvor geschehen war. Seine Augen hatten sich beim Drehen in seinen Augenhöhlen verklemmt. Sie hatten die äußerste Winkelstellung erreicht und steckten nun fest. Sie kehrten nicht in ihre vorherige Position zurück. Sie blieben fixiert in dieser Blockade. Der Anblick des Gastgebers war grauenerregend. Das Weiße seiner Augäpfel war angeschwollen und hatte sich nach außen dick gewölbt. Und die weißen blinden Augäpfel starrten die Gäste an, die verstört und gelähmt vor Schrecken an ihren Plätzen verharrten. Sie hielten – erstarrt in dieser Haltung – ihre Gläser in den Händen. Die Knöchel ihrer verkrampften Fingergelenke traten hellhäutig hervor. Auch der Gastgeber regte sich nun nicht mehr – und hörte jetzt auf zu atmen. Die Gäste standen weiter lautlos, reglos, in ein Vakuum gehüllt. Der leere Blick des Gastgebers durchdrang sie und ließ sie frieren. Sie hielten ihre Gläser in den Händen und … sie warteten auf etwas … auf etwas, das zum Besseren führte – aber bald darauf erschlafften ihre Arme … und danach ihre Hände.