Am Ende der Welt

Diese Fortschritte, die ganz besondere Art des Gleichschrittes zwischen der Mutter und ihrem Kind, erinnerten mich an meine eigene frühe Zeit. Die kleine Hand fest in der großen Hand der Frau, wich das Kind nicht von der mütterlichen Seite, begleitete jeden Erwachsenenschritt mit zwei Kinderschritten. Die Rechnung stimmte, sie war sehr genau: Mutter und Kind machten zusammen drei Schritte. Nur so gelangen die Fortschritte, die zum Ziel führen würden. Das Kind lachte fröhlich. Mutter und Kind schauten geradeaus. So ging es weiter, dem Ziel entgegen. Doch plötzlich drehte und senkte die Mutter ihren Kopf, schaute auf ihr lachendes Kind hinab und flüsterte ihm mit zischender Stimme etwas zu … So wie das lachende Kind, hatte auch die zischende Mutter jetzt immer mehr Mühe, den Fortschritt, der sie auf ihrem Weg weiter führte, zu wahren. Die Rechnung stimmte nicht mehr. Das Kind wippte beim Gehen auf und ab, löste sich bei jedem Schritt ein Stück vom Boden und verfiel schließlich in ein vergnügtes Hüpfen. Bald war das Kind der Mutter um die Länge eines Armes voraus und drehte und wand seine Hand, um sich vom Griff der Mutter zu befreien. Aber die Mutter hielt die Hand ihres Kindes fest und herrschte das Kind an, es solle an ihrer Hand bleiben. Plötzlich aber blieb das Kind stehn, rührte sich nicht mehr von der Stelle, wurde von der Mutter überholt und mit einem Ruck hinterher gezerrt. Das Kind stolperte ein Stück und stemmte die Füße dann gegen den Boden. Aber die Mutter, schwerer und stärker als ihr Kind, ging ihren Weg weiter. Und das Kind stemmte seine Füße fester gegen den Boden, ließ sich ziehen, als wolle es der Mutter eine immer größer werdende Last sein, stemmte weiter und weiter, bis ihm die Beine wehtaten und es bald spürte, dass es sich selbst eine größere Last war als der Mutter. Es hörte auf zu stemmen und zu lachen und bemühte sich dann, mit der Mutter Schritt zu halten. Nun aber ließ die Mutter die Hand ihres Kindes los, sagte ihm, es solle doch machen, was es wolle und eilte dann mit großen, schnellen Schritten davon. Das Kind erschrak, denn das hatte es nicht gewollt. Es lief los, um die Mutter einzuholen. Aber diese lief ihm mit ihren doppelt so langen Beinen doppelt so schnell davon. Das Kind fing an zu weinen, doch die Mutter lief immer weiter, drehte während des Laufens ihren Kopf und rief dem Kind über die Schulter zu, es solle sofort aufhören zu weinen, sonst würde sie bis ans Ende der Welt laufen. Das Kind, das seine Mutter nicht verlieren wollte, hörte auf zu weinen und streckte schluchzend den Arm aus, denn die Mutter sollte wieder seine Hand nehmen. Die Mutter drehte jetzt noch einmal ihren Kopf, um nachzusehen, ob das Kind aufgehört hatte zu weinen und rief ihm nun zu, es solle sofort aufhören zu schluchzen, nur dann würde sie aufhören, bis ans Ende der Welt zu laufen. Das Kind, das wieder eine Mutter haben wollte, hörte auf zu schluchzen und streckte jetzt auch den anderen Arm aus, um mit den Händen nach der Mutter zu greifen. Aber die Mutter war viel zu weit weg und lief immer noch dem Ende der Welt entgegen. Das Kind lief mit ausgestreckten Armen und versuchte nach seiner Mutter zu greifen. Diese überquerte jetzt eine Seitenstraße und drehte dabei nochmal ihren Kopf. Sie wolle ihr Kind, rief sie diesem zu, nun endlich wieder fröhlich lachen sehen, sonst laufe sie weiter bis …! Dann kam ein Auto gefahren und fuhr die Mutter tot. Das Kind stand vor Schrecken still und lachte fröhlich.