Adde abutt

Die Frau und der Mann verharrten, Einkaufswagen neben Einkaufswagen, vor dem Regal, aus dem eine bunte Blumenpracht ihren Duft verströmte. Während der Mann nervös mit den Fingern auf die Schiebestange seines Wagens trommelte, verweilte die Frau unschlüssig, so als wolle sie zugreifen und noch eine weitere Pflanze zu den anderen packen. Kurz warf sie einen Blick auf die wenigen Pflanzen im Wagen des Mannes und meinte verächtlich: Ein Gartenmarkt, der künstliche Blumen verkauft, das verstehe ich nicht. Damit auch Leute wie ich ihr Geld hier ausgeben, erklärte der Mann. Adde abutt! tönte  eine Kinderstimme durch die Halle. Die Frau griff nach einem Topf und zwängte ihn zwischen die anderen Pflanzen in ihren Wagen, dann zeigte sie auf den Wageninhalt des Mannes und fuhr diesen an: In die Wohnung kommt mir dieses künstliche Zeug nicht. Adde abutt! hörten sie die Kinderstimme, die jetzt nicht mehr verstummen wollte: Adde abutt … adde abutt …! Der Mann und die Frau drehten suchend die Köpfe. Das Kind, ein Junge, stand wenige Meter entfernt und trat gegen einen Stapel von Plastiktüten mit Blumenerde, immer wieder. Gehört mein Arbeitszimmer etwa nicht zur Wohnung? fragte der Mann, das Gespräch fortsetzend. Das kannst du mit diesem Mist so vollstopfen, erwiderte die Frau, dass du selbst nicht mehr hinein passt. Adde abutt, murmelte sie dann kopfschüttelnd, was soll das denn heißen? Adde abutt, antwortete der Mann, heißt adde abutt. Die Frau verdrehte die Augen und schaute wieder zu dem Jungen hinüber. He, was macht der denn jetzt! rief sie aufgeregt. Auch der Mann schaute hinüber. Immer nur treten ist ihm wohl zu langweilig, antwortete er. Der sticht, sagte die Frau. Ja, antwortete der Mann, das tut er. Der sticht mit einem spitzen Gegenstand in die Säcke, dass die Blumenerde herausquillt, schimpfte die Frau, mit einer Gartenschere – wo hat der denn auf einmal eine Gartenschere her? In einem Gartenmarkt findet sich eine große Auswahl von Gartenscheren, erklärte der Mann mit gespielter Geduld. Aber das darf er doch nicht, entrüstete sich die Frau, jetzt macht er es nochmal, guck, er macht es immer wieder. Ja, antwortete der Mann. Warum macht er das? wunderte sich die Frau. Weil es ihm Spaß macht, erklärte der Mann, so sieht es jedenfalls aus. Spaß?! erwiderte die Frau. Ja, antwortete der Mann, Kindern machen solche Dinge Spaß. Aber was sagen die Eltern dazu, ließ die Frau nicht locker, wo sind die überhaupt, die lassen ihr Kind einfach so rumlaufen, der könnte doch weiß Gott was anstellen. Hätte es in der Frühe der Menschheit schon Kunststoffe gegeben, erklärte der Mann, das Thema wechselnd, hätte man auf das Zerstören von Naturschönheit zu Dekozwecken verzichtet, denn Natur braucht Raum und Weite – und Blumentöpfe sind Knastzellen für Pflanzen. Pflanzen, die keine Pflanzen sind, stöhnte die Frau, da bin ich mit meinem Verstand am Ende. Mit deinem – was? fragte der Mann höhnisch. Plastikblumen besitzen kein Herz, sagte die Frau, ich verstehe nicht, wie man ihnen Sympathie entgegen bringen kann. Die Frau schaute zu dem Kind hinüber, das nicht müde wurde, Sack um Sack zu zerfetzen. Adde abutt! rief der Mann dem Kind jetzt zu. Unverantwortlich, klagte die Frau, so einen Balg einfach unbeaufsichtigt zu lassen. Der Mann löste seine Hand vom Wagengriff, öffnete die Faust und streckte den Arm aus. Seine Handflächen zeigten nach oben, seine Finger waren gestreckt. Während er diese jetzt winkend krümmte und wieder streckte und dies mehrmals wiederholte, rief er dem Kind zu: Komm adde abutt …! Komm adde abutt …! Was machst du denn da, rief die Frau, willst du dich mit diesem Giftzwerg anfreunden? Komm adde abutt …! rief der Mann. Was soll denn dieser Unsinn? fragte die Frau. Schau! sagte der Mann und zeigte auf einen Rosenstock im Blumenregal. Er fasste eine der Rosen an und zupfte ein Blütenblatt ab. Er hielt es der Frau vors Gesicht. Fällt dir was auf? fragte er. Sie sah ihn vorwurfsvoll an: Du hast eine Rose kaputt gemacht, antwortete sie. Das Blatt hat die Form eines Herzens, erklärte er ihr. Jetzt kommt er auch noch her! schimpfte die Frau, die das Kind im Winkel ihres Blickes beobachtete, und du bist schuld, du hast ihn gerufen. Das Kind stapfte Schritt für Schritt näher. Der Mann streckte den Arm wieder aus, bewegte winkend die Finger und rief: Adde abutt …! Willst du mich ärgern? fuhr die Frau den Mann an und raunte ihm dann zu: Der kommt tatsächlich her zu uns! Herz zu Herz, sagte der Mann, leckte über das Rosenblatt und klebte es der Frau auf die Bluse. Was soll dieser Unsinn, ereiferte sich die Frau, du hast mit deiner ekligen Spucke meine … Adde abutt! rief der Mann und winkte dem Kind weiter zu. Die Frau sah den Mann an, zunächst sprachlos, dann sagte sie: Spinnst du?! Der Mann winkte, zeigte mit dem Finger auf das Herzblatt der Rose und rief: Adde abutt! Das Kind machte jetzt seine letzten schnellen Schritte, Arm, Hand und Schere bildeten eine Linie. Nein! schrie die Frau, als die Scherenspitze das Herzblatt durchstieß. Sie hob die Arme, riss weit die Augen auf und flüsterte: Oh nein, oh n… Dann verstummte sie, taumelte und streckte die Hände aus nach dem Mann … Dieser trat einen Schritt zur Seite bevor sie fiel.