Warum haben es alle plötzlich so eilig? Es scheint, als wollten sie mich zurücklassen. Die, die vor mir sind, rennen davon, vergrößern ihren Vorsprung. Und die, die hinter mir sind, verkürzen ihren Abstand, schließen zu mir auf, überholen mich links und rechts. Keiner scheint das, worum es geht, versäumen zu wollen. Aber was ist das – worum geht es? Sie gestikulieren und verständigen sich durch Zurufe: Da! Dort! Wo?! Schnellschnell! Ich sehe winkende Hände mit ausgestreckten Zeigefingern, die dafür sorgen, dass die Richtung stimmt. Die Luft erhitzt sich, lädt sich mehr und mehr auf mit einer nervösen Spannung, die die Menge beflügelt und vorwärts treibt. Und ich? Was ist mit mir? Warum? überlege ich mir. Ja, warum denn? Aber, denke ich jetzt, warum denn nicht? Ja, also gut! sage ich mir. Na los denn – ja! Jawohl, jetzt bin ich an der Reihe – es ist soweit! Und siehe da, was die andern können, das kann ich auch. Bewegungbewegung …! Ich habe es nun eiliger, als alle, die glauben, ihre Eile sei größer als meine. Es ist, als hätte ich den Start gar nicht verpaßt. Ich stürme, werde immer schneller. Das Ziel rückt näher – aber wo ist es? Ich muss mehr Tempo machen, dann werde ich es wissen, noch vor den andern. Mit jedem Schritt wächst meine Neugier, und die Neugier beschleunigt jeden meiner Schritte. Das Ziel ist wie ein Sog, der mich vorwärts reißt. Ich habe längst die Spitze übernommen, eile weit voraus, vergrößere meinen Vorsprung von Sekunde zu Sekunde. Ich werfe einen Blick über die Schulter und sehe, dass die Horde, die mir folgt, fast entschwunden und nur noch eine schemenhaft zuckende Masse ist. Und als ich eine weiteres Mal zurückschaue, ist von der Masse nichts mehr zu sehen. Ich bin allein, weit und breit der Einzige auf dieser Strecke. Ich richte meinen Blick wieder geradeaus und strebe unbeirrbar und mit unvermindertem Tempo meinem Ziel entgegen. Dann aber stelle ich fest, dass die Fassaden der Häuser, die meinen Weg flankieren, ebenfalls in Bewegung sind, dass sie genau so schnell dahinrasen wie ich. Doch dann bemerke ich, dass die Häuser stehen wo sie stehen, ohne sich von der Stelle zu bewegen, so wie ich, der sich auch nicht von der Stelle bewegt. Ich rase auf der Stelle, meine Beine wirbeln, meine Füße stampfen den Boden, meine Hände zerhacken die Luft. Doch obwohl ich weiß, dass ich mich auf der Stelle bewege, mein Ziel erreicht habe, kann ich mein Tempo nicht drosseln, kann nicht aufhören zu rasen. Ich habe mein Ziel erreicht, ich bin zur Stelle, rase auf der Stelle, immer noch, immer weiter, bis ich keine Kraft mehr spüre … Jetzt stehe ich da, erschöpft, um Atemluft kämpfend – am Ziel. Ja, ich bin zur Stelle, kein Zweifel. Aber wo ist diese Stelle? Und warum bin ich hier? Was hält mich fest an dieser Stelle? Ich stehe neben einer Parkuhr, an der ich mich festhalte, weil ich befürchte, umzufallen. Aber ich falle trotzdem um, die Parkuhr bietet mir keinen Halt, sie entgleitet meinen Händen, ich stürze zu Boden. Ich bin zur Stelle, liege an dieser Stelle, aber ich weiß immer noch nicht, was das für eine Stelle ist, warum ich hier bin. Wissen es die andern, die sich nach und nach einfinden und jetzt auch zur Stelle sind? Sie kommen gerannt, versammeln sich um die Stelle und starren auf mich herunter. Das Murmeln und Flüstern, das die Luft erfüllt, schwillt an, ich höre, dass die Versammlung, deren Mittelpunkt ich bin, größer und größer wird. Was ist denn los hier? höre ich eine Stimme sich erkundigen. Da ist jemand zusammengebrochen, höre ich jemanden antworten. Was hat der denn? höre ich eine Kinderstimme fragen. Pssst! höre ich eine Frauenstimme antworten.
Zur Stelle
Veröffentlicht von Peter Loibl
Peter Loibl ist ein origineller saarländischer Autor von Prosa und szenischen Texten. Lebensdaten: zur Welt gekommen während der Evakuierung in Oberbayern. Ab 1945 in Saarbrücken. Nach der Volksschule 2 Jahre Handelsschule. Lehre als Bankkaufmann. Ausbildung zum Sportlehrer. Sportlehrer im Schuldienst. Vereinstrainer. Abitur auf dem 2. Bildungsweg. Psychologiestudium mit Diplomabschluss. Tätigkeiten als Psychologe (mit Kindern, Jugendlichen, Senioren und psychisch Kranken) Zeige alle Beiträge von Peter Loibl
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