Der Sonntag ist der trübste Tag in meiner Woche. Aus mir unerklärlichen Gründen sinkt meine Stimmung sonntags auf einen Tiefpunkt. Aber das geht nicht nur mir so. Viele meiner Freunde behaupten, sonntags besonders deprimiert zu sein. Einige sagen, dass sie sich sonntags öfter als an anderen Tagen mit Selbstmordgedanken beschäftigen würden. Ihnen habe ich untersagt, mich sonntags zu besuchen. Um meine Unpässlichkeit zu lindern, mache ich sonntags lange Spaziergänge. Und dann bemerke ich, dass es Menschen gibt, für die der Sonntag ein Tag des Wohlergehens ist. Einmal wollte ich alle Leute zählen, die mir sonntags beim Spaziergang begegneten und Anzeichen des Glücklichseins erkennen ließen. Aber das wurde mir bald zu mühevoll und langweilte mich. Offenbar sind wir sonntags Unzufriedenen die Seltenen und die sonntags Glücklichen in der Überzahl. Sie bewegen sich Seite an Seite, gehen Hand in Hand, haben einander untergehakt, ihre Kinder sind dabei, ihre Hunde laufen mit. Der innere Frieden, den sie ausstrahlen, weckt in mir Gefühle der Feindseligkeit. Wenn ich ihnen begegne, spüre ich, wer und was ich bin. Aber dann, wenn ich glaube, mich nicht mehr wehren zu können, geschieht etwas, obwohl Sonntag für Sonntag sich wiederholend, Unerwartetes. Ich spüre, wie sich, zunächst kaum merklich, dann aber mit jedem Schritt deutlicher, ein Stimmungswandel in mir regt. Ich spüre, dass ich Gefallen an meinem Unglück finde. Deshalb gehe ich sonntags sehr gerne spazieren. Ich freue mich, wenn ich Menschen begegne, denen man ansieht, dass ihnen das Leben lebenswert erscheint. Sie brauchen einander und haben, was sie brauchen. Sie rufen über ihre Kinder und über ihre Hunde, und ihre Stimmen zu hören, macht mich heiter. So gesehen, ist der Sonntag der schönste Tag meiner Woche. Ich gehe spazieren, sehe Menschen meines Alters oder älter oder jünger mit behüteten Kindern und zahmen Tieren. Schön ist das. Meine Stimmung ist jetzt auf dem Höhepunkt. Es beglückt mich, dass ich nicht glücklich bin.
Sonntags
Veröffentlicht von Peter Loibl
Peter Loibl ist ein origineller saarländischer Autor von Prosa und szenischen Texten. Lebensdaten: zur Welt gekommen während der Evakuierung in Oberbayern. Ab 1945 in Saarbrücken. Nach der Volksschule 2 Jahre Handelsschule. Lehre als Bankkaufmann. Ausbildung zum Sportlehrer. Sportlehrer im Schuldienst. Vereinstrainer. Abitur auf dem 2. Bildungsweg. Psychologiestudium mit Diplomabschluss. Tätigkeiten als Psychologe (mit Kindern, Jugendlichen, Senioren und psychisch Kranken) Zeige alle Beiträge von Peter Loibl
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