Ohren

Meine Eltern besaßen ein einziges Kind, das seine Liebe je zur Hälfte auf Mutter und Vater verteilt hatte. Wenn die Mutter rief, hörte das Kind genau so gut als hätte der Vater gerufen. Denn schon als es geboren wurde, hatte es eine Ohrenkrankeit und besaß kein Gehör. Wenn Menschen von den Eltern wissen wollten, warum ihr Kind nicht höre, antworteten diese, dass ihr Kind schon nicht gehört habe, als es das Licht der Welt erblickte. Wenn das Kind seinen Eltern diese bösen Worte von den Lippen las, war es gekränkt, weinte und hielt sich die Ohren zu. Wenn es auf der Straße spielte und die Eltern riefen, hörte es ausgezeichnet, weil es stets befürchtete, die Eltern hätten gerufen und es hätte den Ruf nicht gehört, deshalb unterbrach es immer wieder sein Spiel und lief nachhause, um zu beweisen, dass es die Stimme von Vater oder Mutter gehört hatte. Dann waren die Eltern stets ratlos, weil ihr Kind sogar Stimmen hörte, die niemand gerufen hatte, während sie doch immer behaupteten, ihr Kind höre nicht. Sie ließen sich deshalb nie anmerken, dass sie gar nicht gerufen hatten, sondern sie öffneten rasch den Mund und klappten ihn wieder zu, so dass ihr Kind glaubte, dass sie es gerade eben gerufen hätten. Dann stand ihr Kind bereit, sah seine Eltern an und wartete darauf, dass sich ihre Lippen bewegten und sie ihm sagten, warum sie es gerufen hatten. Nun mußten die Eltern sich überlegen, was sie ihm sagen oder welchen Auftrag sie ihm erteilen könnten. In den ersten Jahren fiel ihnen nie etwas anderes ein, als ihrem Kind zu sagen, es solle in seinem Schulranzen nachsehen, ob sich dort nicht noch Krümel seines Pausenbrotes befänden. Aber eines Tages waren sie mit dieser Art, ihr gehörloses Kind anzuweisen, nicht mehr zufrieden. Deshalb erstellten sie eine Liste mit Befehlen, Aufträgen, Fragen und Zurechtweisungen, die es ihnen ermöglichte, ihrem Kind nach Belieben mal dies und mal jenes aufzutragen. Und manchmal brauchten sie gar nicht erst zu sprechen, weil das Kind den Eltern zuvor kam und diese nur anzuschauen brauchte, um zu wissen, was sie von ihm erwarteten. So begriff das Kind von Tag zu Tag mehr, dass es gar keinen Grund hatte, sich seiner Ohren zu schämen. Einmal, als die Eltern wieder zur Rede gestellt wurden und das Kind die Lippen der Erwachsenen beobachtete, sah es, wie Vater und Mutter stolz erklärten, dass es auf der ganzen Welt kein Kind gäbe, das so gut höre wie das ihre.

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