Heldenkuchen

Eines Tages war sie da und lebte hier, mitten unter uns. Dieses Mädchen sei ja wie aus einem Comic ausgeschnitten, sagten manche aus unserem Ort. Andere sagten nichts, oder sie wussten nicht, was sie sagen sollten. Andere, die nicht nichts sagten, raunten oder flüsterten. Sie sei ihnen unheimlich. Sie sei so schön, so unheimlich schön, aber…! Schon bald hatte sie viele Freunde, lauter Buben, zu denen auch ich gehörte. Freundinnen hatte sie keine. Wann das mit dem Verteilen der Heldenkuchen begann, daran erinnere ich mich noch, aber ich würde diese Erinnerung gerne vergessen. Sie verteilte ihre Kuchen zuerst in geringen Mengen an nur wenige, damit die Andern neugierig und neidisch wurden und anfingen zu bitten und zu betteln. Diese ließ sie warten. Doch schließlich wurde sie großzügiger, verteilte wachsende Mengen an die wachsende Zahl ihrer Günstlinge. Günstlinge, das waren die, die ihre Kuchen auf der Stelle vor ihren Augen aßen und ihre Backkunst dann lobten und priesen. Die Kuchen waren klein, je nach Mundgröße zwei oder drei Bissen, die wir alle schnell schluckten, weil wir froh waren, wenn wir sie schnell weg hatten, denn sie schmeckten unangenehm und fremdartig. An Lob übertrafen wir uns gegenseitig. Außerdem, auch das behaupteten alle, hatten die Kuchen eine besondere Wirkung, doch verstand es keiner, diese Wirkung zu beschreiben. Auch woraus die Kuchen gemacht waren, wusste keiner. Dazu gab es Gerüchte, aber keine Beweise, was bewirkte, dass es mehr und mehr Gerüchte gab. Bald hatten viele die Mühe, ihren Widerwillen gegen die Kuchen zu unterdrücken und die geheime wundersame Wirkung, die sie besaßen, vorzutäuschen. Aber alle schluckten weiter. Dann, eines Tages, war das Mädchen auf eine so geheimnisvolle Weise wie es gekommen war verschwunden. Doch es war schon bald wieder da. Eine Fee in einem ComicHeft. Ein wunderschönes Mädchen, das kleine Kuchen verschenkte, Heldenkuchen, die eine ganz besonderen Wirkung besaßen und von allen, die die Kuchen aßen, gelobt und gepriesen wurden. Und zudem gab es in dem Heft, in dem die Fee herrschte, ein Rätsel zu lösen. Das Rätsel der Rezeptur der Heldenkuchen. Ein Rätsel in Puzzleformat, dessen Lösung Geduld erforderte. Geduld, die wir hatten, so dass wir das Rätsel schließlich lösten. Ekel und Übelkeit überkamen uns. Viele von uns reagierten heftig, ihre Gesichtsfarbe wechselte, sie übergaben sich. Doch dann handelten wir schnell. Schnell stellten wir untereinander Kontakte her. Und schnell fanden wir zusammen, in geheimer Runde zu einer geheimen Besprechung. Hier schworen wir ernst und feierlich, niemals preiszugeben, Versuchspersonen für diese Comicstory gewesen zu sein.

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