Schon vor jenem Unwetter galt unsere Kirche als eine Sehenswürdigkeit, die, lückenlos bedeckt mit Efeupflanzen, einem Naturwunder gleichkam. So, als bestünde sie aus nichts als Natur und habe sich selbst mit himmlischer Hilfe entworfen und gekleidet. Dann kam jener Tag, an dem über uns ein schwarzer Himmel sich öffnete und Blitze die Erde trafen und einer davon die Kirche unterhalb ihrer Spitze. Doch der grüne Turm des Gotteshauses trotzte der Gewalt. Er stand noch eine Zeit, so als zögere er. Dann, gehalten von den Ranken des Mantels, neigte er sich sanft zur Seite, sank, an der Bruchstelle eine Rundung bildend, abwärts, um schließlich, mit der Spitze den Boden berührend, sein Kippen lautlos zu beenden. Ratlosigkeit kennzeichnete die Zeit danach. Ihr folgte eine lange Phase des Nachdenkens. Die Kirche war zwar nicht kaputt, aber so wie jetzt – war sie so noch gottgefällig? Natürlich ist sie das, war die Antwort der Gläubigen, denn wer hat denn diesen Blitz gesteuert, der ja auch woanders hätte einschlagen können? Was denn nun geschehen soll? lautete die Frage, die sich alle stellten, denen ihre Kirche doch am Herzen lag. Und Ideen dazu wurden mündlich unter die Leute gebracht, in der Ratsversammlung zur Diskussion gestellt, durch die örtliche Presse kundgetan oder auf anonymem Wege von nächtlichen Schleichern an Haus- und Plakatwände gepappt. Den Turm wieder aufrichten, das war ein Wunsch, dem der größte Teil der Bürgerschaft zuneigte. Nein, die Kirche entlauben, so forderte ein anderer Teil, was doch schon längst fällig gewesen wäre, denn sie sei schließlich ein als Wohnung des Herrn gedachtes Gebäude und keine Nesterkolonie für tausende von Vögeln, die glaubten, dort ein Heimrecht zu besitzen. Ja, aber doch nicht gleich so radikal – vielleicht genüge ja eine Teilentlaubung, die die sanftere Lösung einer Teilentvögelung ermögliche? Aber warum denn so kompliziert – warum das Ding nicht einfach so lassen und als Touristengaudi davon profitieren? Dieser Vorschlag löste allgemeine Empörung aus. Wie bitte?! Eine Kirche sei schließlich kein Ding und eine Touristengaudi schon gar nicht – was würde Gott von einer solchen Lösung halten! Doch dann, nach einer langen Zeit des Streites, der Diskussionen und Auseinandersetzungen geschah etwas – geschah ES! Ein Zufall? Ein Wunder? Oder was? Ein Kind, ein kleiner Junge, betrat eines Morgens, wie immer an jedem Schultag, sein Klassenzimmer und trug, wie sonst nie, eine Kopfbedeckung. Er trug eine Mütze: aus grüner Wolle gefertigt, in die Stirn gezogen und um den Kopf herum sich anschmiegend, in der Mitte geknickt, von dort im Bogen sich krümmend, bis zur Spitze nach unten zeigend und mit dieser die Schulter berührend. Eine Wollskulptur der kaputten Dorfkirche! Gefragt, wer dieses Strickkunstwerk geschaffen habe, erklärte er, das sei seine Oma gewesen. Die alte Frau hatte noch am selben Tag im Rathaus vorstellig zu werden. Die Ereignisse, die dem folgten, sind nicht durchschaubar und erst recht nicht beschreibbar, führten aber dazu, dass die Zahl der kindlichen sowie erwachsenen sowie männlichen und weiblichen Mützenträger stieg. Die flinken Hände, die sie in Heimarbeit fertigten, schafften die nachgefragte Stückzahl schon bald nicht mehr. Hilfe von außen wurde organisiert. Der Ortsverein der Kaufleute machte ein zur Kennzeichnung der Originalmütze und zum Schutz des Urheberrechts dienendes Efeublattlogo zur Pflicht. Denn Die Zipfelmütze Gottes, so ihr zunächst inoffizieller und später offizieller Markenname, erreichte in nunmehr kürzester Zeit einen regionalen und noch vor Jahresfrist überregional wachsenden Bekanntheitsgrad mit steigender Tendenz. Zipfelmützengerüchte verbreiteten sich, welche die Grenzen des Landes überschritten und, sich in rasender Eile verdichtend, unterschiedliche Formen der Wahrheit verkörperten. Zipfelmützenträger berichteten über die Linderung von Leiden, die bei der Zunft der Heilberufe Skepsis auslöste, so dass diese eine Großstudie in Auftrag gab. Doch Studie hin, Studie her, wer krank sei, versprachen die Zipfelmützenunternehmer, solle sich eine Zipfelmütze leisten, dann werde die Heilung nicht lange auf sich warten lassen, gleichsam ein neuer Mensch geboren. Die Zahl der frohen Botschaften nahm kein Ende. Rollstuhlfahrer registrierten hoffnungsvoll ein Kribbeln in allen nur erdenklichen Gliedmaßen. Glatzköpfen sprossen unter den grünen Mützen frische Haare auf den Schädeln. Geisteskrankheiten transformierten: die Trugbilder von Patienten verschwammen zu buntem Geflirre, welches, künstlerisch auf Leinwand gebannt, zu Höchstpreisen veräußert wurde. Ein Zipfelmützensenior erfüllte sich einen Jugendtraum, verschwand aus seinem Heimgefängnis, um, wie er zuvor verkündet hatte, eine Weltumwanderung anzutreten, hinterließ keine Spur, wurde nie wieder gesehen. Von Kleinwüchsigen wusste man zu berichten, die in Übersee zu Basketballgrößen heranwuchsen. Kinder, die Zipfelmützen trugen, wurden von Zipfelmützen tragendem Lehrpersonal unterrichtet, das seinen Schülern signifikante fachübergreifende Leistungssteigerungen zubilligte. In Übersee habe unlängst ein ehemaliger Studienversager grünbemützt von der Professorenkanzel gesprochen und Wahrheiten verkündet, die zu begreifen selbst höchstbegabten Studierenden verwehrt war. Nicht zuletzt soll Die Zipfelmütze Gottes einen wunderlichen Einfluss auf die literarische Kreativität ausüben. Der Autor dieser Geschichte kann dies nur bestätigen. Der Leser selbst hat den Beweis vor Augen.
Die Zipfelmütze Gottes
Veröffentlicht von Peter Loibl
Peter Loibl ist ein origineller saarländischer Autor von Prosa und szenischen Texten. Lebensdaten: zur Welt gekommen während der Evakuierung in Oberbayern. Ab 1945 in Saarbrücken. Nach der Volksschule 2 Jahre Handelsschule. Lehre als Bankkaufmann. Ausbildung zum Sportlehrer. Sportlehrer im Schuldienst. Vereinstrainer. Abitur auf dem 2. Bildungsweg. Psychologiestudium mit Diplomabschluss. Tätigkeiten als Psychologe (mit Kindern, Jugendlichen, Senioren und psychisch Kranken) Zeige alle Beiträge von Peter Loibl
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