Als ich noch kleiner war, ein Schuljunge, kannte ich einen alten Mann, der mir Geschichten vom Krieg erzählte. Es waren wirkliche Geschichten, schwor er mir, die er wirklich erlebt hatte, er hatte persönlich dabei mitgemacht, persönlich gekämpft. Ein echter Haudegen war er gewesen und hatte fast bis zur letzten Minute geglaubt als Sieger heimzukehren. Tja, mein junger Freund, so ist das damals gewesen, sagte er, wenn er eine Pause machen musste, um sich zu erinnern, dabei tätschelte er mein Knie. Ich saß links neben ihm auf der Treppe vor seiner Haustür und sah seitlich schräg zu ihm hoch, ich sah, wie sein Gesicht aussah, wenn es besonders spannend wurde, sah das besonders gut, wenn er den Kopf drehte und mich dabei anguckte. Dabei wackelte er manchmal mit seinem Hemdsärmel, der bis fast obenhin leer war und grinste dabei, weil er mir ansah, dass mir das Angst machte – und trotzdem war die geheime Geschichte von dem Arm, der früher dort drin war, meine Lieblingsgeschichte. Ich wäre der einzige hierzulande, verriet er mir jedes Mal wieder, der wissen dürfte, wie ihm der Arm abhanden gekommen war. Alle Leute dachten nämlich, dass er beim Kampf mit dem Feind eine Verletzung davongetragen hätte, so dass sein Arm amputiert werden musste. Er trank einen Schluck aus seiner Flasche, bevor er an dieser Stelle weiter erzählte. Dann blickte er mich an und machte ein Gesicht wie ein Gast auf einer Beerdigungsfeier, wobei er aber zugleich komisch grinste. Er wartete, bis er merkte, dass ich gespannt genug war und erzählte mir dann, was wirklich passiert war. Der Arm wäre nämlich nicht im Krieg amputiert worden, sondern erst kurz danach, als er und seine Mitsoldaten sich ergeben und in die Gefangenschaft gehen mussten. Das ist vielleicht so etwas wie ein Glück im Unglück gewesen, erzählte er mir und trank einen neuen Schluck und lächelte nachdenklich und nickte dabei kaum merklich mit dem Kopf. Denn das ist, sprach er danach weiter und tat dies in einem geheimnisvollen tiefen und leisen Ton, eine besondere Art der Entnazifizierung gewesen. Ich hatte dieses Wort vorher noch nie gehört aber bis heute wegen der Geschichte des Haudegens nicht vergessen. Dort, erzählte er mir und deutete durch eine Kopfbewegung mit dem Kinn in Richtung seines leeren linken Ärmels, hätten sie den Spezialsoldaten, zu denen er gehörte, eine Tätowierung mit ihrer Blutgruppe hingeschrieben, was, für den Fall einer Verwundung, vielleicht lebenswichtig hätte sein können. Aber später, als der Krieg aus war, wäre es umgekehrt gewesen, nämlich gefährlich. Und ein Glücksfall war es deshalb, dass ein Doktor, der auch ein Spezialsoldat und auch gefangen war, ihm diese Entnazifizierung angeboten hat. Eine leichte Entscheidung wäre das nicht für ihn gewesen. Zuerst wollte er es nicht mit sich machen lassen, aber dann hat er überlegt und nach langem Hin und Her seine Einwilligung gegeben. Den Preis für seine Arbeit hatten der Doktor und er vorher per Handschlag ausgemacht – und dann konnte es losgehen. Damit das, was getan werden musste, leichter auszuhalten war, tranken der Spezialsoldat und auch der Spezialdoktor, aus einer Flasche, die dieser aus einem Säckchen hervorholte, eine gute Portion Schnaps. Dann griff der Doktor nochmal in das Säckchen, brachte eine Säge zum Vorschein und sägte ihm den Arm oberhalb der Tätowierung ab. Das wäre kein Vergnügen gewesen, murmelte der Haudegen und es hätte ziemlich lange gedauert – eine Ewigkeit. Zwei Kameraden, genau wie er Spezialsoldaten und die nächsten Kandidaten für die Entnazifizierung, hielten ihn dabei mit aller Kraft fest. Danach, als die Arbeit gemacht war und die Hautfetzen über der Sägestelle zusammengenäht wurden, hätten sie ihn loslassen können, denn da wäre er ohnmächtig gewesen. Es wäre keine Schönheitsoperation, gestand ihm der betrunkene Doktor nach getaner Arbeit. Das wirst du gleich zugeben, sagte der Haudegen, der jetzt seinen leeren Ärmel nach oben wickelte. Und während er das tat, verriet er mir, was für einen Preis er für seine Entnazifizierung hatte bezahlen müssen. Denn Geld hätte damals keiner gehabt, sogar die Doktors nicht. Also hätten sie nach der Operation ein Feuer gemacht und den Arm in zwei Hälften gesägt. Der Doktor und er wären also gewissermaßen Kannibalen, könnte man sagen. Der Ärmel war jetzt oben, so dass der Stummel herausragte. Ich sperrte den Mund auf und hörte für kurz auf zu atmen, so sehr erschrak ich über den grusligen Narbenwirrwarr, den ich sah. Und dann zeigte der Haudegen mir die lustigen Sachen, die man, wenn man so viel wie er trainiert hatte, damit machen konnte. Er wackelte mit den Narben, die kreuz und quer auf dem Stummel verteilt waren. Sie wackelten in alle Richtungen hin und her und rauf und runter, machten Fratzen und Grimassen und führten regelrechte Tänze und Akrobatenstücke vor. Dann hörte das Theater plötzlich auf, ein paar Sekunden war Ruhe und anschließend bog sich eine quer von einer zur anderen Seite reichende Narbe am linken und rechten Ende nach oben und grinste mich an, so wie gleichzeitig der Haudegen mich nun angrinste. Tja, mein junger Freund, sagte er und grinste mich noch breiter an, so war das damals, auch der Krieg hat so seine wunderlichen Seiten. Und er setzte seine Flasche an und trank und hielt dann mir die Flasche hin. Ich nahm sie und setzte sie an wie er, ich ließ den Schnaps in meinen Mund laufen und schluckte ihn.
Die Tätowierung
Veröffentlicht von Peter Loibl
Peter Loibl ist ein origineller saarländischer Autor von Prosa und szenischen Texten. Lebensdaten: zur Welt gekommen während der Evakuierung in Oberbayern. Ab 1945 in Saarbrücken. Nach der Volksschule 2 Jahre Handelsschule. Lehre als Bankkaufmann. Ausbildung zum Sportlehrer. Sportlehrer im Schuldienst. Vereinstrainer. Abitur auf dem 2. Bildungsweg. Psychologiestudium mit Diplomabschluss. Tätigkeiten als Psychologe (mit Kindern, Jugendlichen, Senioren und psychisch Kranken) Zeige alle Beiträge von Peter Loibl
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