Die Mücke

Ein Summen erfüllte die Kapsel. Schon seit zwei Tagen und zwei Nächten. Es war ein leises Summen, für das Ohr des Menschen kaum wahrnehmbar. Aber in den Gehörgängen des Kapselbewohners war dieses Geräusch das einzige. Er schwamm mit den Bewegungen eines Tauchers durch die Schwerelosigkeit. Er schwamm dem Summmen suchend hinterher. Aber es war weder hier noch da. Es war überall. Es hallte von den Wänden der Kapsel wider, aus allen Richtungen. Er schwamm darauf zu und hörte, wie er sich davon entfernte. Er hielt inne, erstarrte in seinen Bewe-gungen. Er lauschte, lauerte. Es summte. Er versuchte, seine Panik zu kontrollieren, so wie er es bei den Vorbereitungen zu seiner Mission trainiert hatte. Aber dann brach der Damm der Beherrschung. Er schlug wild um sich, so als ob er das Summen auf diese Weise erwischen, einen Zufallstreffer erzielen, einen tödlichen Schlag landen könnte. Er zappelte wie ein Taucher, dem die Atemluft wegeblieben war, verfiel in ein Keuchen und Hecheln und erstarrte mehr und mehr in seinen Bewegungen, bis Ermüdung das Rasen in ihm lähmte und dem ohnmächtigen Gezappel ein Ende bereitete. Es folgte ein fiebriges Dahindämmern, ein Ausruhen vor der nächsten rasenden Jagd. So war es seit zwei Tagen und Nächten – ein stetiger Wechselrhythmus zwischen der Qual verzweifelter Raserei und der Qual erschöpften Dämmerns. Beide Qualen teilten sich die Zeit. Und so würde es sich fortsetzen, bis die Jagd zum Ende führte. Er spürte schon, wie die Kraft zur erneuten Attacke sich in ihm ballte. Das Rasen setzte wieder ein, es hatte das Dämmern pünktlich abgelöst. Die Jagd ging weiter. Die Wissenschaftler in der Bodenstation beobachteten mit Angst die zuckenden Linien auf ihren Monitoren. Auch in den Männern am Boden raste es. Ihr Gesandter im All hatte mit seinem panischen Treiben wichtiges Gerät beschädigt und die Kapsel ins Taumeln gebracht. Was im Orbit geschah, hatte sich ihrer Kontrolle entzogen. Die Mücke summte auch für sie. Die Mission drohte zu scheitern. In den Ohren der Forscher summte die Angst um das Geld. Wie die Mücke in die Kapsel gekommen war, fragte keiner mehr. Sie war drin, so war es. Und kein Test hatte ihnen verraten, dass der Mann dort oben diese fatale Phobie hatte. Er war unerreichbar hoch in seiner Kapsel. Und sie waren hier unten. Sie redeten ihm zu. Aber das Summen in seinen Ohren war mächtiger als ihre Stimmen. Was?! schrie er von oben in sein Mikrofon – Was?! Was?! Und dann setzte er die Jagd fort. Die Mücke! schrie er. Ortet sie! Ortet sie! Aber das konnten sie nicht. An sonst alles hatten sie gedacht. Doch keiner konnte eine Mücke orten. Und dann erfand einer von ihnen die rettende Lüge. Da oben ist gar keine Mücke! rief er hinauf. Das sei, erklärte er dem Jäger in der Kapsel, ein sphärisches Rauschen, dessen Ursprung sie soeben ausgemacht hätten – in einer brennenden Galaxis. Da entspannte sich der Kapselbewohner. Er schloss die Augen und atmete erleichtert ein und aus. Er schwebte nun in einem schwerelosen Glück zwischen den Wänden der Kapsel und lauschte dem Summen der brennenden Galaxis, dieser Musik aus der Unendlichkeit. Und dann auf einmal war Stille. So als hätte das Glück ihn wieder verlassen. Jetzt, wo er wusste, dass es das Summen einer Galaxis war, das ihn genarrt hatte, herrschte plötzlich eine beängstigende Stille. Er öffnete die Augen, bewegte seinen Kopf, sah und hörte sich um. Er suchte nach der brennenden Galaxis, wollte ihr Summen wieder hören, den schrillen Todesschrei eines kosmischen Ungeheuers. Aber sein Blick fand nur dieses Winzige. Er sah es und sah es jetzt genau. Die Mücke, die sich auf seinem Handgelenk niedergelassen hatte und ganz still war, so als sei jetzt sie es, die lauschte. Der Astronaut stieß einen Sirenenton des Hasses aus und hob seine Hand zum Schlag und traf sein Gelenk, wo sich die Mücke aber schon längst nicht mehr befand. Jetzt summte sie wieder. In ihrem Versteck. Und sie beobachtete den Mann, wie er im Raum schwebte und sich wand und schwamm. Sie beobachtete ihn mit großer Geduld. Denn was für diesen mit trägen Traumgebärden rumorenden Menschen ein Tag war, war für sie eine andere Zeit. Und davon hatte sie viel – sie war noch jung.

Hinterlasse einen Kommentar