In den Augen des Patienten, dessen Pflege mir die größte Aufmerksamkeit und Sorgfalt abverlangte, erkannte ich die Bitte, ihm den Tod zu schenken. Er lag, von Maschinen umgeben und von diesen am Leben gehalten, auf seiner Komaliege seit ich meinen Beruf in dieser Klinik ausübte. Ich empfand für ihn in gleichem Maße Zuneigung wie Abneigung. Denn ich glaubte zu wissen, dass ich, seit ich zum Beobachter und Hüter seines Lebens beauftragt wurde, der einzige Pfleger sei, den er seinen Wunsch erkennen ließ. Und dass ich der Einzige sei und auch fähig, diesen Akt der Gnade zu vollziehen. Aber, so mein stiller Vorwurf, was erwartest du von Qual und Verzweiflung geschundene Kreatur von mir?! Soll ich mich um dein Leben sorgen, indem ich riskiere, mein eigenes Leben zu zerstören, weil ich mich zu einem Mord verleiten lasse? Die Grenze zwischen Ich und Du war aufgehoben. Ohne zu wissen, ob und wie er litt, litt ich mit ihm. Der Zwiespalt, der sich in mir aufgetan hatte, quälte mich im Wachsein und verfolgte mich in den Schlaf. Einmal träumte ich, er sei aus dem Nahtod erwacht. Er lachte, umarmte mich und bedankte sich, weil ich meinen Erlösungsbestrebungen nicht gefolgt sei, ihn sozusagen begnadigt habe. Ein anderes Mal jedoch widmete er mir Grimassen des Hasses und beschimpfte und beleidigte mich und warf mir vor, mich angesichts seiner Verzweiflung und seines Leides zu ergötzen und ihm ein noch langes Leben am Rand des Todes zu wünschen. Wenn er doch den Anstand besäße, diese schrecklichen Augen zu schließen! Ob ich das für ihn erledigen sollte? Der Gedanke, dass ich ihm die Lider über die Augäpfel drücken und diese danach wieder hochschnellen würden, ließ mich ein Grauen spüren und hielt mich von dem Vorhaben ab. Ich träumte von Zetteln, die er mir in die Taschen des Pflegekittels steckte, bekritzelt mit Flüchen und Verwünschungen, Bezichtigungen der Seelenkälte und Unmenschlichkeit, dann wieder bescheinigte er mir, ein Herz der Liebe zu besitzen, versprach mir ewige Dankbarkeit, weil ich ihm die Chance des Weiterlebens ließ, wofür ich in ferner Zeit bei einem großen Fest, seinem zweiten Geburtstag, als sein liebster und höchster Ehrengast geladen sei. Doch eines Morgens, als ich das Zimmer betrat, fand ich sein Bett leer vor, die Maschinen und Monitoren ausgeschaltet. Ich stand erstarrt an dem Ort unserer früheren Begegnungen, spürte eine Wallung von Enttäuschung, Ärger und Wut. Er hatte mich hintergangen, seine Entscheidung unfair und anmaßend ohne mich getroffen.
Der Pfleger
Veröffentlicht von Peter Loibl
Peter Loibl ist ein origineller saarländischer Autor von Prosa und szenischen Texten. Lebensdaten: zur Welt gekommen während der Evakuierung in Oberbayern. Ab 1945 in Saarbrücken. Nach der Volksschule 2 Jahre Handelsschule. Lehre als Bankkaufmann. Ausbildung zum Sportlehrer. Sportlehrer im Schuldienst. Vereinstrainer. Abitur auf dem 2. Bildungsweg. Psychologiestudium mit Diplomabschluss. Tätigkeiten als Psychologe (mit Kindern, Jugendlichen, Senioren und psychisch Kranken) Zeige alle Beiträge von Peter Loibl
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