Küsschen rechts, Küsschen links. Das war der Anfang, die minutenlange Einleitung zu gegebenem Anlass. Ein Ritual wenn unsere Familie zugast war oder Gastgeber. Einander anschauen, lächeln, die Hand reichen, einander zuneigen, den Kopf drehen, Küsschen rechts, nochmal den Kopf drehen, Küsschen links. Einige mochten dieses Begrüßungsgebaren. Einige mochten es nicht. Einige mochten es weder noch, es war ihnen gleichgültig. Einige fanden es lächerlich. Einige fanden es verlogen, nämlich Sympathie da zu heucheln, wo keine war oder sogar gegenteilige Gefühle vorherrschten. Einer mit Humor erfand diese Abkürzung dafür: Kü re Kü li, Küreküli. Später weiter gekürzt: Küreli. Nicht nur am Anfang sondern auch am Ende eines jeden Zusammentreffens fand es statt, das Küreli. Betrunkene machten dabei ihre Scherze. Leckten dem Kürelipartner über die Wange. Bissen dem Küreligegenüber ins Ohr. Ließen den Andern, indem sie den Kopf zurückzogen, ins Leere küssen. Saugten sich mit ihren Lippen fest, Hämatome hinterlassend. Dann schließlich gab es die erste Körperverletzung, ein Kürelizuschnappen, eine Küreliwunde. Und eines Tages verfiel ein eben noch Quicklebendiger ins Wanken, ruderte mit den Armen und kippte wenig später tot um. Ein Kürelibiss hatte die Halsschlagader durchtrennt. Der Täter war verschwunden, wurde aber bald identifiziert, denn er hatte Blut am Mund. Der Täter wurde verhaftet, das Opfer begraben. Die Trauergäste trafen ein, begrüßten einander, Küreli, Küreli, Küreli …
Der Kürelimord
Veröffentlicht von Peter Loibl
Peter Loibl ist ein origineller saarländischer Autor von Prosa und szenischen Texten. Lebensdaten: zur Welt gekommen während der Evakuierung in Oberbayern. Ab 1945 in Saarbrücken. Nach der Volksschule 2 Jahre Handelsschule. Lehre als Bankkaufmann. Ausbildung zum Sportlehrer. Sportlehrer im Schuldienst. Vereinstrainer. Abitur auf dem 2. Bildungsweg. Psychologiestudium mit Diplomabschluss. Tätigkeiten als Psychologe (mit Kindern, Jugendlichen, Senioren und psychisch Kranken) Zeige alle Beiträge von Peter Loibl
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